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Ein Nachruf von Christian Reder (Fotos: Plattenfirma)


Andrea Jürgens gehört wohl eher nicht zu den Künstlern, die unter unseren Lesern eine große Fangemeinde hat. Und auch ich gebe zu, mit ihrer Musik nicht viel anfangen zu können. Ihre Zielgruppe war eher die Generation meiner Eltern und Großeltern.001 20170720 1371663517 
Aber die Hernerin war ein Kind aus dem Ruhrgebiet, oder wie wir hier sagen, "Sie kam von umme Ecke". Heute gegen Mittag ist die Sängerin im Alter von 50 Jahren gestorben und ich möchte einer "Nachbarin" dann doch noch ein paar Worte widmen.

Andrea Jürgens war in den 70ern das, was es heute nicht mehr gibt: Ein Kinderstar. Man könnte fast sagen, dass sie die direkte Nachfolgerin von Heintje war. Als dieser in den Stimmbruch kam, sank sein Stern. Der Niedlichkeitsfaktor war über Nacht weg und Millionen von Muttis und Omis hatten ihren Liebling verloren. Nach kurzer Pause, genauer gesagt ab dem Jahre 1977, brachte die Kulturszene West für diese Menschen jemand neuen hervor, den man ins Herz schließen und sich als Enkelin oder Tochter erträumen konnte. Ein junges, damals 10 Jahre altes Mädchen aus Herne in Westfalen namens Andrea Jürgens war plötzlich da. Das war zu einer Zeit, als es noch die großen Samstagabend-Shows gab, zu denen man sich im Familienkreis vor dem heimischen TV-Gerät versammelte. In Rudi Carrells Sendung "Am Laufenden Band" hatte die von Schlager-Produzent Jack White entdeckte Andrea damals ihr Debüt und präsentierte das Lied "Und dabei liebe ich Euch beide". Ein kleines Mädchen singt in der Rolle eines Kindes ein Lied für seine Eltern, die sich gerade trennen wollen oder schon getrennt haben, und in einem Scheidungsprozess stecken. Dazwischen das Kind, das sich nicht für eine Seite entscheiden kann und will. Und sie trug dieses Lied so überzeugend vor, dass sie damit nicht nur in die Hitparade stürmte, sondern dass viele Deutsche anschließend wohl ihren Scheidungsanwalt zurückpfiffen, um es mit dem Partner nochmal zu versuchen. Natürlich drückte man da kräftig auf die Tränendrüse, natürlich flossen Millionen Menschen dahin wie einst bei Heintjes "Mama", und natürlich hätte das niemand sonst so ans Volk bringen können, wie ein kleines Kind. Das, was man sich da hinter verschlossenen Türen für Andrea Jürgens ausgedacht hatte, funktionierte. Und es war etwas ganz Neues, denn ihre erste Single ist ein Schlagertitel, der mal nix mit Friede, Freude, Liebelei zu tun hat, sondern ein ernsthaftes und zur damaligen Zeit nicht selten auftretendes Problem thematisierte.002 20170720 1250852758 
Das Thema Scheidung und die Folgen für den Nachwuchs kam mit diesem Lied erstmals auf den Tisch der Unterhaltungsindustrie. Wenn man so möchte, war die Nummer damals äußerst progressiv. Auf Platz 4 der deutschen Single-Charts und bei den Deutschen in aller Munde war das junge Mädel mit ihrem Lied und quasi über Nacht wurde sie ein Star. Auch ihre dritte Single "Tina ist weg" war weit weg vom üblichen Schlagerthema und ließ ein junges Mädchen schon ziemlich erwachsen wirken. Zwei Jahre später wurde dieser Erfolg noch getoppt, als sie ein Weihnachtsalbum aufnahm und damit den ersten Platz der deutschen Album Charts einnahm. Und auch hier muss ich wieder zugeben, dass das alles nicht meins war. Im Gegenteil, es nervte mich ungemein. Meine Eltern fanden Andrea Jürgens toll, besaßen diese und andere Platten und der aufmerksame Leser kann sich sicher denken, womit der Verfasser dieser Zeilen in den Jahren ab 1979 immer zur Weihnachtszeit beglückt wurde.

Man muss nicht alles mögen, aber man darf durchaus anerkennen, dass Andrea Jürgens damals zur richtigen Zeit mit der richtigen Musik am richtigen Ort war. Mehr noch: Dass sie mit einer großen Stimme gesegnet war, die die Kindheit und Pubertät überlebte, weiter reifte und die man schon nach wenigen Takten eines Liedes erkannt hat. Insgesamt zwei Goldene Schallplatten und zwei Platin-Awards hat sie für die Verkäufe ihrer Alben bekommen. In den Jahren 1982 und 1983 wurde sie mit der Goldenen Stimmgabel ausgezeichnet, weitere Preise folgten. Sie hatte in ihrer Karriere sieben Alben in den Charts und feierte zuletzt 2014 mit einem Best-Of-Album (Platz 18) und vor knapp einem Jahr ihrem letzten Studioalbum "Millionen von Sternen" (Platz 10) die letzten Erfolge.003 20170720 1500234254 Die Rolle des Kinderstars wurde sie in den Jahren nach '82/'83 nicht wieder los. Auch als sie erwachsen und zum Teenager wurde, Lieder wie die deutsche Version von Anekas "Japanese Boy" oder Audrey Landers' "Manuel goodbye" sang, kam den Leuten als erstes immer wieder das Bild in den Kopf, wie sie als kleines Mädchen einen brennenden Appell an ihre Eltern sang. 
Trotzdem entwickelte sie sich weiter, nahm auch manch einen Trend mit ("Wir tanzen Lambada"), blieb sich selbst und ihrer Linie aber stets treu. Kollegen erzählten über sie, dass sie eine besonders sympathische Frau und ehrliche Haut gewesen sei. Dies spürte wohl auch ihr Publikum, denn eine treue Fan-Basis sorgte dafür, dass Andrea Jürgens nicht in Vergessenheit geriet und über Jahre erfolgreich arbeiten konnte.

Glück im Beruf auf der einen, dafür reichlich Pech im Privatleben auf der anderen Seite. Gerade in den letzten Jahren kam sie nicht zur Ruhe. Dabei darf ruhig mal die Frage in den Raum gestellt werden, wie viele Schicksalsschläge ein Mensch ertragen kann? Zuerst verlor sie ihren Vater, der lange Zeit auch ihr Manager war. Kaum drei Jahre später starb ihr Bruder und im letzten Jahr ihre geliebte Mutter. Hatte das gar Einfluss auf ihre eigene Gesundheit? Am Montag (17.7.) brach sie zu Hause zusammen und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie nach einem akuten Nierenversagen zuletzt im Koma lag und drei Tage lang um ihr Leben kämpfte. Heute - so teilte es ihre Plattenfirma mit - ist die Sängerin nach kurzer schwerer Krankheit im Kreise ihrer Lieben verstorben. Mit gleicher Mitteilung erfährt man auch, dass Andrea Jürgens noch im vergangenen Herbst eine Tournee durch ganz Deutschland startete, die sie leider aufgrund einer Krankheit abbrechen musste. Auch wenn man - wie ich - kein Fan von ihrer Musik war, so ist man doch erschüttert über das Schicksal, das es nicht gut mit ihr meinte und das sie letztlich mit nur 50 Jahren aus dem Leben riss. Das Mädel "von umme Ecke" wird man auf den Veranstaltungen im Umkreis nicht mehr antreffen und das macht auch den traurig, der ihr Wirken nur aus der Entfernung beobachtet hat. Sie war eben das Mädchen von nebenan, der Kinderstar, mit dem man aufwuchs und die Sängerin, der man gerade aufgrund der örtlichen Nähe immer wieder mal über den Weg lief. Respekt für geleistete Arbeit und damit eingefahrene Erfolge sowie Hochachtung dafür, mit wie viel Würde und Kraft sie die letzten Jahre mit den privaten Schlägen ertragen hat. Die Schlagerszene, die in diesem Jahr schon fast so viele große Künstler verloren hat, wie die Rockszene im vergangenen Jahr, hat eine weitere schillernde Persönlichkeit verloren. Ihrer Familie und den Fans mein tief empfundenes Beileid für Euren Verlust.
 



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