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Ein Beitrag von Christian Reder (Fotos: DEFA Archiv)


Was passiert, wenn man das erbt, was zu Lebzeiten des Erblassers bereits für Ärger gesorgt hat? Davon erzählt u.a. die Geschichte der "Alleinseglerin". In der ersten Szene des Films sieht man dabei zu, wie der Vater versucht, der Tochter das Segeln beizubringen. Vater und Tochter sind mit dem Segelboot auf dem See.001 20170116 1496063350 
Ganz sacht führt der Vater die Hand der Tochter beim Steuern, doch zum Segeln gehört mehr. Schnell fühlt sich zuerst die Tochter, kurz darauf auch der Vater mit der Situation überfordert, und es kommt zum Streit. Die junge Frau springt vom Boot in den See und schwimmt zurück an Land.

So fängt der Film "Die Alleinseglerin" aus dem Jahre 1987 an. In der Hauptrolle Tina Powileit, die damals rein gar nichts mit der Schauspielerei zu tun hatte. Danach übrigens auch nicht mehr. Ein Foto in der Zeitschrift "ff dabei", das sie mit der Rockband MONA LISE zeigte, weckte die Aufmerksamkeit der Drehbuchautorin Regine Sylvester. "Eigentlich wollten sie mit Lieselotte (Reznicek, Frontfrau der Band, Anm. d. Red.) drehen, aber dann haben sie mich da hinzugezogen. Sie suchten wohl einen bestimmten Typ", erzählte Tina in unserem Interview aus dem Jahre 2009. Nach mehreren Kameraproben hatte sie "irgendwann den Zuschlag" für die Rolle bekommen. Zwischen Spätsommer 1986 und Frühjahr 1987 entstand der Film. Für die Profimusikerin Tina Powileit eine Premiere im Schauspielfach und zudem eine echte Umstellung. Mit der Band trat sie als Schlagzeugerin üblicherweise immer in den Abendstunden und bis in die Nacht auf, während die Dreharbeiten für den Film schon früh am Morgen losgingen. "Um 7.00 Uhr musste ich immer in Babelsberg in der Maske sitzen", erzählte sie und fügte an, dass die Konzerte mit MONA LISE aber parallel zu den Dreharbeiten weiterliefen. Das erforderte Disziplin, und die scheint die blonde Schlagzeugerin zu haben.

Die ersten Wochen wurde am Scharmützelsee gedreht, einem See in Brandenburg, der zwischen Frankfurt/Oder und Berlin liegt. Dort entstanden sämtliche Aufnahmen für die Segelszenen im Film. Da diese in der warmen Jahreszeit spielen, musste man sich mit den Dreharbeiten ob dem sich dem Ende zuneigenden Sommer beeilen.002 20170116 1878136958 
Immerhin war schon September. Vergessen wird Tina speziell diese Phase der Dreharbeiten wohl nie, denn das Wasser hatte damals 11 Grad, während die Luft nur 9 Grad hatte. "Das Wasser war wärmer als die Luft, und ich musste dreimal rein an einem Tag", berichtete sie über die Arbeiten am Film. Diese Strapazen hat Tina bekanntlich nicht nur überlebt, sondern auch mit Bravour gemeistert. Wer den Film schon gesehen hat weiß, dass Christina die Rolle der Christine sehr überzeugend gespielt hat. Man kauft es ihr ab, auch wenn sie sich in manchen Situationen während des Drehens "schon sehr verstellen" musste. Im richtigen Leben war Christina bereits eine selbstbewusste und selbstständige Frau, während Christine eher unsicher wirkt und stellenweise einfache Dinge des Lebens nicht meistern kann.

In dem Drama, das mit reichlich Ironie gewürzt ist, geht es um eingangs erwähntes Boot und die Erbschaft, die das Leben der alleinerziehenden Christine aus den Angeln hebt. "Warum hat er mir das Boot vermacht und nicht Dir?", fragt sie in einer Szene die zweite Frau ihres Vaters. Schließlich gab es ja diese eine Szene auf dem Boot, in der die Flucht in die Fluten der letzte Ausweg für die junge Frau war, ihrer eigenen Überforderung zu entfliehen. Der Zuschauer erfährt letztlich nicht, welche Gedanken der Vater beim Schreiben seines Testaments hatte und warum er ausgerechnet ihr das Boot vererbte. Möglicherweise wolle er ihr auf diesem Wege die nötige Selbstständigkeit verschaffen. Der Zuschauer erfährt aber, wie sich aus einem anfänglichen Desinteresse und dem Vorhaben, das Boot schnellstens zu verkaufen, ein innerer Wandel vollzieht.003 20170116 1402009232 
Zwischen ihr und dem Gefährt entsteht eine Art Hass-Liebe. Ausgelöst durch den schlechten Zustand des Bootes, an dem reichlich gemacht werden müsste, um es für gutes Geld zu verkaufen, wird die Abenteuerlust, Tatkraft und ein unumstößlicher Wille in ihr geweckt, das Boot zu reparieren. Dazu bleibt aber nur Zeit bis zum kommenden April. Im Frühjahr muss der Kahn seetauglich sein. Dieses kleine Boot sorgt in der kurzen Zeit für große Probleme und Veränderungen im Leben der jungen Frau. Aber auch für positive Wandlungen. Die Renovierung hat Christine nicht nur viel Geld, sondern auch ihre Beziehung zu Werner, dem Vater ihres Kindes, und ihre Beziehung zu Georg, einem angehenden Berufsmusiker, der für ihre Arbeit und das Boot, kaum Verständnis hat und sich zurückgesetzt fühlt, gekostet. Auch beruflich erleidet die junge Frau Schiffbruch. Ihre Arbeit, eine Zuarbeit zu einem größeren Projekt, leidet unter der Dreifachbelastung aus Beruf, Flottmachen des Bootes und eben dieser Extra-Aufgabe im Job. Sie wird von ihrem Professor als nicht durchdacht abgelehnt, und Christine selbst für ein geringeres Gehalt ins Archiv versetzt. Als sich ihr Kind beim Spielen eine Gehirnerschütterung zuzieht und Christina es von ihrer Freundin zurück nach Hause nehmen möchte, bekommt sie von ihm die Ansage, "Ich will hier bleiben, Du gehst ja doch nur wieder weg". Jeder Rückschlag im Leben, jede schlechte Nachricht und auch die Tatsache, dass sie sich beim Einmotten des Bootes für den Winter den falschen "Beratern" anvertraut hat, scheint für sie nur zusätzlich Ansporn zu sein. Zwischen all den Katastrophen und Dramen im Leben gibt es aber durchaus auch Positives. Die ganze Situation bringt sie z.B. mit der zweiten Frau ihres Vaters enger zusammen, mit der sie es zu Lebzeiten des Vaters nicht so hatte, und die ihr nicht nur das Segeln richtig beibringt sondern auch zu einer echten Freundin wird.

004 20170116 1620577386Mit Hilfe ihres guten Kumpels Kutte wird das Boot am Ende fertig. Rechtzeitig zum Start der Saison im April. Als einzige Frau zwischen teils knarzigen Brummköpfen (Krättke, gespielt von Fred Delmare) und sie ständig treibende und fordernde Seebären (Erwin, gespielt von Lutz Riemann) setzt sie sich erfolgreich durch und beweist ihre Selbstständigkeit und Willen. Als das Boot fertig ist und wieder zu Wasser gelassen wird, lehnt sie trotzig ein Kaufangebot eines großkotzigen Prolls ab, der sie versucht, über 's Ohr zu hauen. Danach steht für sie fest, dass sie das Boot behalten wird. Aber auch diese Entscheidung bringt ihr kein Glück, denn nachdem die Beziehung zum Kindsvater Werner endgültig zerbricht und sie einen Wutausbruch hat, den sie am Boot auslässt, segelt sie zum ersten Mal allein auf dem großen See. Als das Boot dabei auf einer Sandbank aufläuft und kentert, klettert Christine auf das schräg im Wasser liegende Boot und beginnt zu lachen. Dies ist dann auch die letzte Einstellung und der Film endet hier.

Die Uraufführung von "Die Alleinseglerin" fand am 2. Juli 1987 im Berliner Kino International statt. Im gleichen Jahr lief der Streifen auch im Vorprogramm zur Berlinale, wo er durchweg gute Kritiken bekam. Für das Lexikon des internationalen Films entstand eine Kritik mit den Worten, er sei ein "einfühlsam inszeniertes und gespieltes Frauenporträt, das die Alltagsprobleme des real existierenden Sozialismus nur als kabarettistisches Beiwerk benutzt, um auf unterhaltsam-nachdenkliche Weise eine Lanze für starke Frauen zu brechen", womit der Nagel auf den Kopf getroffen wird. Andere Kritiker waren der Meinung, dass dem Film "etwas mehr Drama und Witz" gut getan hätte. Vielleicht liegt das auch daran, dass nur eine unvollständige Version von "Die Alleinseglerin" im Umlauf ist. Tina Powileit verriet uns dazu: "Leider ist viel rausgeschnitten worden. Da gab es viele tolle Gags, gerade bezogen auf die damalige politische Situation.005 20170116 1021585347 
Ich kann mich zwar nicht mehr an die einzelnen Szenen erinnern, aber ich weiß, dass darunter ganz tolle Szenen waren, die den Film vielleicht noch etwas frischer gemacht hätten." Geschmäcker sind verschieden, ich mag den Film allerdings sehr. Ich bekam ihn zum Geburtstag von einem Freund geschenkt, der der Meinung war, er würde damit meinen Geschmack treffen. Er hat! Auch wollte er mir zeigen, dass Tina Powileit nicht nur am Schlagzeug eine gute Figur macht. Dem kann ich nur zustimmen. Daran, dass er einem heute eine gehörige Portion Nostalgie mitliefert, hatte damals sicher kaum einer gedacht, aber es ist so. Es gibt ein Wiedersehen mit dem Ostberlin der 80er und schöne Landschaftsaufnahmen vom Brandenburger Land. "Die Alleinseglerin" ist ein schönes Zeitdokument, das ohne die Hektik der heutigen Zeit und all den Firlefanz auskommt, der beim Filmemachen heute so hip und trendy ist. Regisseur Herrmann Zschoche hat die Geschichte der jungen Christine ansprechend und kurzweilig in einen Film verwandelt. Musikalisch in Szene gesetzt wurde der Streifen übrigens von Günther Fischer. Besonders bemerkenswert ist und bleibt aber die Tatsache, dass Tina Powileit mit keinerlei Erfahrungen in Sachen Schauspiel in die Hauptrolle schlüpfte, und diese eindrucksvoll zum Leben erweckte.

Den Film gibt es inzwischen auch auf DVD. Wer ihn kennt, wird ihn mögen. Wer ihn noch nicht kennt, könnte möglicherweise eine positive Überraschung erleben, wenn er sich den Streifen auch 30 Jahre nach seiner Uraufführung erstmals anschaut.


Erscheinungsjahr: 1987; Produktionsfirma: DEFA; Land: DDR; Laufzeit: ca. 87 Min.; Regie: Herrmann Zschoche; Drehbuch: Regine Sylvester; Musik: Günther Fischer; Darsteller: Christina Powileit (Christine) • Johanna Schall (Veronika) • Manfred Gorr (Werner) • Götz Schubert (Georg) • Monika Lennartz (2. Frau des Vaters) • Gunter Schoß (Professor) • Achim Wolff (Klaus Lohmann) • Mathis Schrader (Kutte) • Fred Delmare (Krättke) • Lutz Riemann (Erwin) • Christa Löser (Frau Göpfert) • Barbara Dittus (Gratulantin) • Bruno Carstens (Christines Vater)


Trailer:




   
   
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