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Ein Nachruf von Christian Reder. Fotos: Pressematerial, Christine Heise



Hagen Liebing, Musiker und Musikjournalist, ist gestern (25. September 2016) im Alter von nur 55 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit gestorben. Erst im Frühjahr waren bei ihm Hirntumore diagnostiziert worden. Die Krankheit hat ihm nicht mehr viel Zeit gelassen ...

Über jemanden zu schreiben, der gerade diese Welt verlassen hat und den man eigentlich gar nicht richtig kannte, ist nicht nur schwer, sondern sollte vor allen Dingen denen überlassen bleiben, die tiefer in das Leben und Schaffen blicken können. So einer bin ich nicht, aber trotzdem versuche ich es mal ... Ich kannte Hagen Liebing als Musiker sehr gut - als Menschen jedoch nur flüchtig.001 20160926 1939543599 
Wir haben uns mal darüber ausgetauscht, was wir beide so tun und was wir irgendwann mal gemeinsam tun könnten. Das war damals, kurz nachdem Manne Praeker gestorben war, und Hagen für Deutsche Mugge einen Nachruf verfasst hatte. Während dieser kurzen Begegnung hinterließ er einen äußerst positiven Eindruck bei mir. Es ist dieses Gefühl, das man hat, wenn man auf einen Menschen trifft und keine lange Anlaufphase braucht. Da stimmt es einfach, aber es lässt sich schwer beschreiben, was genau es ist. Ihr kennt das sicher auch alle. Seine Kollegen von der Gruppe DIE ÄRZTE, der er zwischen 1986 und 1988 angehörte und bei der er Bass spielte, sagen über ihn: "Er war ein Mensch mit einem unfassbar guten Musikgeschmack und vor allem ein wunderbarer Musikjournalist, der besonders den Berlinern sehr fehlen wird. Und uns sowieso." Bela und Farin müssen es wissen, denn sie waren mit ihm im Studio, auf Tour und sind mit ihm durch DÜNN und DICK gegangen. Hagens Mitwirken fand in einer Phase der Band statt, als Indizierungen, fehlende Ideen und andere Probleme fast für das Aus der Gruppe gesorgt hätten. Aus dieser Situation konnten sie sich mit eigener Kraft selbst befreiten. Sie stiegen steil nach oben, hielten die Höhe und traten schließlich auf dem Höhepunkt ab ...

In den 80ern war ich Fan der Band DIE ÄRZTE. Angesteckt von einem Freund, der die Platte "Uns geht's prima" mit in die Schule brachte. Die wurde in der Pause gehört und für "total geil" befunden. Das war 1984 und die Musik der drei Berliner lief damals bei uns rauf und runter. Es dauerte nicht lange, da trennte sich die Band von ihrem Bassisten Sahnie und im Jahre 1986 präsentierten sie mit Hagen Liebing einen neuen Tieftöner. "Hallo Hagen, willst Du Popstar werden?", soll ihn Bela B. 1986 gefragt und ihm somit das Angebot gemacht haben, bei DIE ÄRZTE einzusteigen. Allerdings nicht als vollwertiges Mitglied, sondern als Angestellter mit festem Gehalt. Dies war sein eigener Wunsch, zumal er zu dem Zeitpunkt noch Medienwissenschaft studierte und ihm das Risiko, für Verluste und Misserfolge als gleichberechtigter Partner mit haften zu müssen, doch zu groß erschien.002 20160926 1679217339 
Man muss dabei beachten, dass Hagen, der vorher in eher unbekannten Bands wie THE RUBBERBEATS und THE NIRVANA DEVILS spielte, wie schon erwähnt zu einem äußerst ungünstigen Moment zur Band stieß. DIE ÄRZTE hatten es zu diesem Zeitpunkt schwer, denn das '86 erschienene Album "Die Ärzte" landete wegen des Songs "Geschwisterliebe" auf dem Index. Kurz darauf traf auch das Album "Debil" wegen der Songs "Claudia hat 'nen Schäferhund" und "Schlaflied" der Bannstrahl der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, und durfte somit ebenfalls nicht mehr verkauft werden. Die Einnahmen aus Plattenverkäufen gingen deshalb logischerweise in den Keller, Chart-Notierungen gab es keine und Radio- und TV-Auftritte konnte man deshalb auch an einer Hand abzählen. Alles, was für die Band hätte Werbung sein können, fiel weg. Für uns Fans waren die "verbotenen" Platten der Band natürlich erst recht ein Anreiz, sie zu bekommen und zu Hause in den Plattenschrank zu stellen. Auch hörten wir die Lieder, die uns vorenthalten bleiben sollten, natürlich über die Original-Platten oder Mixed Tapes, die uns Freunde aufnahmen, die die Platten ihr Eigen nennen durften. Dummer Weise verdiente die Band daran nichts, aber wir zeigten damit unsere Missbilligung dieser Zensur und unsere Unterstützung für DIE ÄRZTE. Wir waren jung und rebellisch ... Mit dem Album "Ab 18", das DIE ÄRZTE 1987 veröffentlichten und auf dem sich neben damals ganz neuen Stücken auch alle Lieder befinden, die für die Verbote sorgten, provozierte die Band eine weitere Indizierung. Diese Provokation war von Erfolg gekrönt - die nächste Scheibe stand auf dem index. All diese Schikanen waren letztlich doch Werbung für die Kapelle um Farin und Bela B., denn sowas hatte es nach meinem Empfinden vorher noch nie gegeben. Man sprach darüber und man kannte die ÄRZTE als die Band mit den Verboten. Auf der Platte "Ab 18" ist übrigens der erste Beitrag von Hagen Liebing zu hören: Beim Song "Helmut K." spielt er nicht nur Bass, sondern hat es auch mitgeschrieben. Mit einer deutschen Version von "Walk Like an Egyptian", im Original von THE BANGLES, veröffentlichten DIE ÄRZTE noch im gleichen Jahr eine neue Single, die den großen Erfolg einläuten sollte.003 20160926 1608532194 Der Song wurde im Radio gespielt und für die Band zum Hit. Aus Mangel an guten Songideen produzierten DIE ÄRZTE das Album "Ist das alles?", eine Art Best-Of-Kopplung mit Neuaufnahmen älterer Songs - vor allem natürlich aus den indizierten Platten - und ganz neuen Titeln. Die Platte landete auf Platz 22 der Album-Charts, und das war das kommerziell beste Ergebnis aller bis dahin veröffentlichten ÄRZTE-Alben.

Dass DIE ÄRZTE auch in der DDR zur Kenntnis genommen wurden und dort Fans finden konnten, ist übrigens dem "DDR-Freund" Hagen Liebing zu verdanken. Liebing hatte schon in den 80ern immer auch ein Ohr für die Musik, die hinter der Mauer gespielt wurde. So war es nur logisch, dass er 1986 die Initiative ergriff und Kassetten mit Musik von DIE ÄRZTE bespielte und damit nach "drüben" reiste. Diese Kassetten führte er in Ost-Berliner Kaufhäusern, Restaurants und Jugendklubs vor. So wurde der damalige Jugendradiosender "DT64" auf DIE ÄRZTE aufmerksam. Es kam zu einem Interview mit den Musikern, das allerdings zuerst nicht ausgestrahlt wurde. Es sollte aber später noch einen großen Einfluss auf den weiteren Verlauf ihre "Ost-Karriere" nehmen. Für das Jahr 1987 wurde zwischen Band bzw. ihrem Management und der Abteilung "Kultur" der DDR eine Album-Veröffentlichung und eine kleine Tour in der DDR geplant. Man entschied sich für das aktuelle Album "Ist das alles?", von dem lediglich einzelne Titel ausgetauscht und gegen andere ersetzt werden sollten. AMIGA bewilligte die Pressung von 2.000 Exemplaren, doch noch bevor die Presswerke ihre Arbeit aufnehmen konnten, strahlte das Jugendradio "DT64" das eben erwähnte Interview aus, dessen Inhalt bei der Kulturbehörde sauer aufstieß. Album und Tour wurden staatlicherseits kurzerhand abgeblasen.004 20160926 1627129417 
Band und Fans waren enttäuscht, aber eine Danksagung für die Unterstützung an ihre "neuen" Anhänger schickten DIE ÄRZTE auf dem Plattencover ihres im Westen erschienenen Albums "Das ist nicht die ganze Wahrheit" mit den Worten, "… alle Fans und Freunde in der DDR …". Erst im Jahre 1989 veröffentlichte das DDR-Plattenlabel AMIGA im Rahmen ihrer Quartett-Reihe eine EP mit vier Songs der Band - dies allerdings ohne Wissen der ÄRZTE oder ihres Managements.

Im Westen des damals noch geteilten Deutschlands ging der Aufstieg der ÄRZTE derweil weiter. Das eben schon erwähnte Album "Das ist nicht die ganze Wahrheit" erschien, belegte Platz 6 der deutschen Album-Charts und brachte die Singles "Westerland" und "Bitte Bitte" hervor. Die anschließende Tournee wurde zum Megaerfolg. Dies wurde auch durch Gerüchte angefeuert, DIE ÄRZTE würden sich danach auflösen und die Tour sei eine Abschiedstournee. Es war kein Gerücht ... Die Massen pilgerten zu den letzten Muggen und verschafften ihren Helden ausverkaufte Häuser und Plätze. Am 9. Juli 1988 fand in Westerland auf der Insel Sylt das vorerst letzte Konzert der Band statt. Ein Mitschnitt des Live-Programms wurde am 27. Oktober 1988 unter dem Titel "Nach uns die Sintflut" auf Doppel-CD und Dreier-LP veröffentlicht. Es wurde zum ersten Nr-1-Album der Band! Damit war auch die Zeit von "The Incredible Hagen" bei DIE ÄRZTE vorbei. Diese doch sehr intensive Zeit von nur zwei Jahren mit all seinen Erlebnissen und Erfahrungen hat Liebing im Jahre 2003 in dem Buch005 20160926 1134862491 "Meine Jahre mit DIE ÄRZTE" (Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag, ISBN 3-89602-426-4) aufgearbeitet. Im Jahre 1989 steuerte Hagen noch den Song "Requiem für Nossek" für die Kopplung "Wir warten auf die Lindenstraße" bei - danach wurde es um den Musiker Hagen Liebing ruhig. Nach dem Leben als Popstar folgte ein Leben als Musikjournalist.

Seine ersten Spuren hinterließ Liebing beim Tagesspiegel, wechselte von dort Mitte der 90er zum Musikressort des "Tip", über den wir auch vor ein paar Jahren in Kontakt kamen. Er schrieb zuletzt Beiträge über TOCOTRONIC, führte Interviews mit Westbam und Flake von Rammstein, und berichtete über Konzerte, z.B. über das von POTHEAD im Januar im Berliner Huxleys. Wenn in Berlin was wirklich Gutes stattfand, brachte er es den Lesern näher. Sein Kollege Andreas Conrad vom Tagesspiegel beschrieb ihn in seinem Nachruf als einen 
"... der ohne jeden Anflug von Eitelkeit porträtierte und rezensierte, selbst in negativen Urteilen noch voller Respekt vor der Arbeit der Musiker. Eben einer, der das Geschäft auch von der anderen Seite des Bühnenrandes kannte." Ein weiterer Mensch, der sicher noch mehr und Näheres zum Menschen Hagen Liebing sagen könnte.
 
Ich kann in meinem Beitrag jedoch nur darüber berichten, dass er ein netter Kollege war, der mir hilfsbereit und freundlich gegenüber getreten ist. Ein Mensch, der unkompliziert und ohne eine künstlich aufgebaute Distanz mit anderen in Kontakt treten konnte. Was für ein besonderer Mensch Hagen Liebing war und was es genau war, das ihn so liebenswert machte dass Leute mit so warmen Worten über ihn sprechen, geben meine Zeilen sicher nur ansatzweise wieder. Mehr darüber können eigentlich nur Menschen aus seinem nahen Umfeld erzählen. Seine Kollegen, Freunde, seine Lebensgefährtin Anja Caspary und seine beiden Kinder sind z.B. solche Menschen, die ihn immer im Herzen tragen und ihn so weiterleben lassen werden. Ihnen - ganz besonders der Familie - wünsche ich an dieser Stelle besonders viel Kraft und Mut, positiv nach vorne zu schauen. Was sich jetzt wie ein unheilbarer Schmerz anfühlt, wird irgendwann ertragbar sein. Möge die Zeit dahin eine kurze werden ...



 
 
 
Videoclips:

"2000 Mädchen live 1987"


"Geh'n wie ein Ägypter" (1987)


 
 

   
   
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