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Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Pressematerial





Wie soll man etwas schreiben, wenn man von der Unfassbarkeit der Nachricht, die einen am Morgen gleich als erste ereilt, irgendwie wie betäubt ist? Wenn dieses Taubheitsgefühl auch im Laufe des Tages nicht weniger, sondern scheinbar noch mehr zu werden scheint? Ich sitze eine geschlagene Stunde vor einer neuen und jungfräulichen Seite meines Schreibprogramms und mir will einfach kein Anfang einfallen. DAVID BOWIE, einer der Künstler, die mich vor mehr als 30 Jahren zur Musik geführt und mich viele Jahre begleitet haben, ist völlig unerwartet gestorben ...001 20160111 1738003675 Ok, es ist später Nachmittag und der Anfang dieses Nachrufes ist geschafft. Seit Stunden laufen hier Songs von BOWIE, insbesondere die, mit denen ich als Musikhörer und Fan seiner Musik "angefangen" habe. "Heroes", "Golden Years", "Ashes To Ashes", "Fashion", "Let's Dance", "China Girl" - und während man sie anhört und versucht, ein paar Worte zu finden, blättert man in seinem eigenen Geschichtsbuch zurück.


Es war das Jahr 1983, als in meiner Lieblings-Radiosendung "Mal Sondocks Hitparade" auf WDR 2 der Song "Let's Dance" vorgestellt wurde. Der Song war die erste Single aus dem gleichnamigen Album, dem ersten BOWIE-Werk seit drei Jahren und nach "Scary Monsters" (1980). Sowohl "Let's Dance" als auch das ganze Album wurden von Nile Rodgers produziert. Der funkige Sound und die von Stevie Ray Vaughan gespielte Leadgitarre machten für mich den Reiz der Nummer aus, aber natürlich auch der Gesang von BOWIE nahm mich sofort gefangen. Schon einen Tag später war ich Eigentümer einer kleinen 7" Single mit diesem Song. Bei BOWIEs Auftritten in TV-Shows saß ich immer rechtzeitig vor der Kiste, und die Poster mit seinem Konterfai aus diversen Jugendzeitschriften zierten meine Wände. Herausstechendes Merkmal auf all den Bildern waren natürlich seine Augen. Bei einer Schlägerei im Jahr 1962 wurde die Pupillenmuskulatur seines linken Auges verletzt, was zu einer geweiteten und starren Regenbogenhaut (Iris) führte. So erschien es auch, dass er zwei unterschiedlich farbige Pupillen hat.

Die Erfolge der Single "Let's Dance" (Platz 2 in Deutschland, jeweils Platz 1 in England und USA), des Albums (Platz 2 in Deutschland und Platz 1 in England) und der zweiten Single "China Girl" (Platz 6 in Deutschland, Platz 2 in England) sorgten dafür, dass die Plattenfirma den Hype mitnahm und mit "Golden Years" einen Sampler auf den Markt brachte, auf dem einige ältere Stücke Bowies enthalten waren. Diese Langrille bekam ich von einem Freund meiner Eltern geschenkt, der von meiner Sympathie für den britischen Musiker gehört hatte. Mr. Bowie hatte zuvor mit nur einem Lied ein kleines Feuer gelegt, und jetzt, mit dieser Platte, die sich unaufhörlich auf meinem Plattenspieler drehte,004 20160111 1369992567 stand ein Teenager komplett in Flammen. Im Herbst '83 war BOWIE dann auf "Serious Moonlight Tour" und machte auch Station in direkter Nachbarschaft. Für ein Konzert in der Bochumer Ruhrlandhalle hatte sich der Musiker mit seiner Band angesagt, und ich wollte unbedingt dabei sein. Daraus wurde aber leider nichts, da ich damals dummerweise erst 12 Jahre alt war und meine Eltern kurz zuvor den Film "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gesehen hatten, für den BOWIE die Musik beisteuerte. Eine Reportage über den Musiker und seine Vergangenheit, u.a. seiner Drogensucht, die im Zusammenhang mit dem Film ausgestrahlt wurde, ließen bei meinen Eltern den Schutz-Mechanismus anspringen, der den Spross vor schlechten Einflüssen und der latenten Gefahr, vor Ort mit Drogen in Berührung zu kommen, beschützen sollte. Mein Antrag bei den Eltern, diesem Großereignis beiwohnen zu dürfen, wurde also negativ beschieden. So war das damals eben ... in einer Welt ohne Internet und "zweiten Meinungen", die man sich als Eltern hätte einholen können.

Aber auch ohne dieses Konzert blieb mein Interesse an DAVID BOWIE und seiner Musik über die Jahre bestehen. Zu der Zeit, als ich ihn für mich entdeckte, war DAVID BOWIE aber schon längst ein Superstar. "Space Oddity" wurde im Jahre 1969 sein erster großer Hit, der Kritiker und Publikum gleichermaßen in Verzückung versetzte. Damals gab es mich noch gar nicht. BOWIE entzog sich mit seiner experimentierfreudigen Art, Musik zu machen, und seiner Mischung aus klassischem Rock, Rhythm'n'Blues, Soul und anderen Einflüssen jeder Kategorisierung. Er war zudem das Paradebeispiel für einen Paradiesvogel, denn kein anderer Musiker hatte dermaßen viele Wandlungen und Häutungen hinter sich, wie er.003 20160111 1599480602 Immer wieder riss er sich seine bunten Federn aus um sich ein neues und andersfarbiges Kleid wachsen zu lassen. Ständige Stilbrüche und äußerliche Veränderungen wurden zu seinem Markenzeichen und brachten ihm den Namen "Chamäleon des Pop" ein. BOWIE erschuf Figuren und Rollen, in die er schlüpfte, brachte sie auf die Bühne und füllte damit Hallen und Plätze. Er war ein Wanderer zwischen den Stilen, der sich nie lange an einem Ort aufhielt und immer wieder zu neuen musikalischen Abenteuern aufbrach. Geschickt und nahezu in Perfektion wandelte er dabei zwischen massentauglichen Kompositionen und sperrigen Werken, die eigentlich nur ein Fan oder Musikexperte richtig lieben konnte.

Zu einer großen Karriere gehört neben großem Erfolg aber auch ein Knick, und den hatte auch BOWIE. Nach fast 20 Jahren auf der Überholspur ereilte ihn Mitte der 80er eine Schaffenskrise. Trotzdem brachte es BOWIE mit Songs wie "This Is Not America" und "Absolute Beginners" fertig, herausragende Kompositionen abzuliefern, auch wenn die dazugehörigen Alben nicht die Klasse der Scheiben aus den Jahren davor hatten. Ab 1987 ("Day-In Day-Out", Platz 25 in Deutschland) verirrte sich nur noch selten eine Single BOWIEs in die Charts, aber mit seinen Alben landete er weiterhin weit oben in den Bestseller-Listen. Auch das ist wohl ganz typisch für einen wie ihn, dass er sich vom Single-Million-Seller zu einem Albumkünstler wandelte. Das 1993 erschienene Werk "Black Tie White Noise" platzierte sich in Deutschland auf Nr. 15, in seiner Heimat England gar auf Nr. 1. Mit seinen letzten vier Alben kam er in Deutschland und England immer in die Top 10, auch wenn keiner der Lieder darauf auch nur ansatzweise ein Hit wurde. Sein am vergangenen Freitag (8. Januar 2016) erschienenes Album "Black Star" dürfte wohl wieder auf die 1 gehen - schon allein wegen der tragischen Umstände.

Die Meldung über BOWIEs Tod am heutigen Morgen dürfte die Musikwelt wohl ähnlich aus den Angeln gehoben haben, wie die über den Tod von Freddie Mercury im November 1991. Was die Öffentlichkeit bis heute nicht wusste war, dass er seit 18 Monaten gegen den Krebs kämpfte. Bereits im Jahre 2014 war bei ihm Leberkrebs diagnostiziert worden. Dies hatten der Künstler und seine Familie vor den Medien sehr gut verheimlichen können. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte DAVID BOWIE am 7. Dezember 2015 bei der Premiere seines ersten Musicals ("Lazarus") in New York (siehe Foto).005 20160111 1227580808 Nur einen Monat später, am heutigen Montag, veröffentlichte die Familie auf BOWIEs Facebook-Profil die Worte, "David Bowie starb heute friedlich im Kreise seiner Familie nach einem 18 Monate langen, heldenhaften Kampf gegen Krebs. Viele von Euch werden an diesem Verlust Anteil nehmen. Wir bitten trotzdem darum, die Privatsphäre der Familie während dieser Zeit der Trauer zu respektieren." Oft ist nach dem Tod eines Musikers zu lesen, dass die Musikwelt einen großen Künstler verliert. Natürlich ist jeder Musiker auf seine Weise eine Größe. Bei DAVID BOWIE treffen diese Worte aber besonders zu, denn er hat wie kaum ein anderer Musiker die Szene so bereichert, geformt und mitgestaltet. Er war und ist Vorbild für viele Künstler, seine Einflüsse durchziehen die Musiklandschaft seit Jahrzehnten wie ein roter Faden und er stand (und steht) für Qualität wie kaum ein anderer Komponist. Seine Spuren sind überall zu finden. Die Welt hat gestern den Tschaikowski der Gegenwart verloren, einen Forscher der Musik, dem keine Stilistik fremd und kein Experiment zu gefährlich war. Und auch sein Gang in die andere Welt könnte typischer nicht sein. BOWIE feierte seinen 69. Geburtstag, veröffentlichte am gleichen Tag sein neues Album und verließ uns nur zwei Tage später für immer.

Die Gruppe Musiker, bzw. die Generation, aus der auch BOWIE stammt, wird zunehmend kleiner. Auch wenn es uns Fans und Sympathisanten nicht gefällt, dass immer wieder einer geht, so ist es doch der Lauf der Zeit. BOWIEs Tod wirkt auf uns doppelt schwer, denn damit war nicht zu rechnen. Wer hätte gedacht, dass auch Götter sterblich sind? Ich bin dankbar für das, was er uns gegeben und hinterlassen hat. Für seine Platten, seine Auftritte, seinen Einfluss und seine ganze Erscheinung. Einer wie DAVID BOWIE stirbt nicht einfach so ... Er wird immer bleiben, auch wenn man ihn auf keiner Bühne und in keinem Tonstudio der Welt mehr antreffen wird. Eben weil er ein Großer, und für viele als Künstler und Mensch wichtig war. Danke, David! "Die Sterne sehen heute ganz anders aus ..."



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von David Bowie: www.davidbowie.com




Videoclips:

"Space Oddity"


"Ashes To Ashes"


"Ziggy Stardust" (Live)


"Scary Monsters" (Live)


"China Girl" (Live)


"Never Get Old" (Live)


"Black Star"
 
 

   
   
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