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Ein Beitrag von Hartmut Helms. Fotos: Pressematerial/Archiv






Man schrieb das Jahr 1969. Ich schruppte als 18-jähriger meinen Grundwehrdienst in Uniform inmitten der Rieselfelder von Mahlow, südlich von Berlin. Im gleichen Jahr legte in Dresden ein junger Student sein Staatsexamen als Musiker im Fach Saxophon ab. Gemeinsam mit befreundeten Kommilitonen gründete er seine erste Band, die ELECTRA COMBO.001 20150130 1455561756 Was Peter "Mampe" Ludewig, Wolfgang "Kuddel" Riedel, Ekkehard Berger, Karl-Heinz "Piff" Ringel und BERND AUST damals noch nicht wussten, sie würden als ELECTRA in der DDR Rockgeschichte schreiben, mit dem Sachsendreier in die Rock-Analen eingehen und einige als Freunde ein halbes Menschenleben lang miteinander erfolgreich musizieren.

Im Frühjahr des Jahres 1970 tauschte ich die Uniform gegen Schlaghosen, ließ mir lange Haare und einen Bart wachsen, um so ausgestattet die Kulturszenerie der Provinz aufzumischen. Abends saß ich, gleich anderen, vor dem Dampfradio und hörte die ersten Rundfunkproduktionen heimischer Bands in der "Beatkiste". Ein "langer Riemen" von damals ist in meiner Erinnerung kleben geblieben, weil er so völlig anders war, als die meisten der neuen Lieder. Da sang eine glockenhelle Männerstimme über gleißenden Orgelklängen einen Text aus Heines "Buch der Lieder" wie in Slow Motion. Wenn Heine als Textautor mit Rock-Klängen des wilden Ostens eine Symbiose eingeht, hatten die Kulturoberen keine Argumente mehr. Schade nur, dass diese Version von "Sie liebten sich beide" niemals in Vinyl gepresst wurde. Für mich sind diese siebeneinhalb Minuten die erste Bekanntschaft mit ELECTRA. Viele weitere sollten noch folgen.

Mit der Zeit entwickelte sich die Band zu einer festen Größe in der Rocklandschaft. Als dann im Jahre 1971 die Band mit sakralen Orgelklängen überraschte, gab es ein Paukenschlag. BERND AUST hatte in dem jungen Stephan Trepte genau die richtige Stimme für seine Komposition "Tritt ein in den Dom" gefunden. Mit ihm am Gesangsmikrofon und auch als Komponist schärfte sich das Profil von ELECTRA deutlich. Progressive Tupfer und Liedhaftes auf der einen Seite, die Bearbeitung klassischer Vorlagen auf der anderen.
In den Folgejahren verzichtete BERND AUST fast vollständig auf den Einsatz des Saxophons. Einigen internationalen Vorbildern folgend (Jethro Tull, Focus) dominierte nunmehr die Querflöte den Sound der Band. Eines jener Lieder, dem BERND AUST mit der Querflöte besonderen Glanz verleiht,002 20150130 1719585856 
ist das Kleinod "Augen, von der Liebe verlassen" von der ersten LP "Electra" (1974). Dem Vorbild Jethro Tull zwar abgelauscht, ist dieser Song ganz und gar, geprägt von Orgel und Flöte sowie der Stimme von Trepte, ein Werk von ELECTRA geworden. Ähnliche Eindrücke vermittelt die LP "Adaptionen" mit interessanten Bearbeitungen klassischer Vorlagen, bei denen neben den Tasten ebenfalls die Querflöte von BERND AUST dominiert.
Im Jahre 1977 gelingt es mir endlich, ELECTRA für ein Konzert in meine Heimatstadt Elsterwerda zu holen und, gemeinsam mit ein paar Freunden, ein bleibendes Konzerterlebnis auf den Brettern des alten Gesellschaftshauses zu organisieren. Die Band spielte damals "ganz in weiß" gekleidet sowie mit Gisbert Koreng als Sänger und Rainer Uebel an den Tasten große Teile aus der LP "Adaptionen" von 1976, die ich mir zur Erinnerung von allen Bandmitgliedern signieren ließ. BERND AUST ist mir damals durch seine Freundlichkeit und musikalisch vielfältiges Agieren in guter Erinnerung geblieben.

Als sich Mitte der 1970er Jahre international ein Trend zum Pop und weg von verschachtelten langen Werken abzeichnet, gelingt es AUST nach dem Ausstieg von Trepte die Band mit dem Sänger Manuel van Senden den neuen Trends anzupassen. Der Bandleader schafft den schwierigen Spagat zwischen eigenem Anspruch und moderner massenkompatibler Pop-Musik. Davon zeugen das Konzeptalbum "Die Sixtinische Madonna" einerseits und Lieder wie das eingängige "Nie zuvor". Als sich die Zeiten zu ändern beginnen, spielt die Band das zeitkritische Album "Der aufrechte Gang", diesmal wieder mit Stephan Trepte, ein. Dessen Veröffentlichung aber wird von den Geschehnissen quasi überrannt und findet deshalb nicht mehr statt. Damit ist 1989 das Ende der DDR-Fahnenstange für ELECTRA und für BERND AUST erreicht.

Nach der Wende orientiert sich BERND AUST neu. Mit den Erfahrungen eines Bandleaders beginnt er, in Dresden seine Agentur Kultur-Management GmbH zu etablieren, das Geschäft von der Gegenseite her aufzurollen und dabei ein möglichst breites Spektrum erstklassiger Angebote umzusetzen. Meine persönlichen Erfahrungen sagen mir, dass BERND AUST einer geblieben ist,003 20150130 1826073716 
der für andere auch heute ein offenes Ohr bereit hält. Als ich ihn im Vorfeld eines Jethro Tull-Konzerts auf dem Hutberg in Kamenz um Hilfe bat, ein Autogramm des Meisters zu erhalten, ließ er sich nicht lange bitten. Heute weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist. Ein hinreißendes Konzert und zwei tolle Unterschriften wären ohne seit Zutun nicht möglich gewesen.

Doch auch ELECTRA steht in den 90er Jahren als Band und im Verbund als SACHSENDREIER wieder auf den Bühnen des Landes. BERND AUST hatte seine Band neu formiert, sich auf die großen Erfolge besonnen und die Fangemeinde hatte bemerkt, wie sehr diese Melodien und deren Texte mit ihrem eigene Leben verzahnt sind. ELECTRA ist wieder da und begeht schließlich im Jahre 2009 ein furioses Konzert zum 40. Bandjubiläum im noch unangetasteten Dresdner Kulturpalast. Wer die Band aber auch auf kleineren Bühnen erlebt, dem werden natürlich die Flötentöne des "deutschen Anderson" in guter Erinnerung bleiben, denn BERND AUST ist ein Meister seines Instruments und beim Spiel auch gern vom Schalk inspiriert. Nur wer "Bouree" oder den "Türkischen Marsch" einmal live von ELECTRA erlebt hat, wer die obskuren Flötentöne vernommen und die Posen gesehen hat, der weiß auch um den Spaß, der sich mit instrumentaler Finesse live ein atemberaubendes Duell liefert. Was Meister Ian Anderson dazu sagt, ist offiziell nicht überliefert, aber es soll wohl sehr deutliche Reaktionen gegeben haben, die letztlich Hochachtung vor dem "Konkurrenten" ausdrücken.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts hatte sich BERND AUST längst als feinfühliger Konzertveranstalter und Organisator mit Spürnase für das Besondere etabliert. Die Dresdner und ihre Gäste profitieren von den exzellenten Konzertangeboten und der feinfühligen Auswahl. Ich selbst erinnere mich gern an ein Konzert mit Peter Gabriel in der Jungen Garde, an schöne Stunden mit einigen Weltstars im Alten Schlachthof und an Open-Air-Events während der sommerlichen Stadtfeste. Überall ist die lenkende Hand des erfahrenen Mannes zu spüren und eigentlich kann man sich gar nicht vorstellen, dass sich jemals etwas daran ändern könnte.

004 20150130 1390480535Doch inzwischen ist aus dem Dreiergestirn Aust, Ludewig & Riedel ein Duo geworden. Der erkrankte "Mampe" hat sich 2012 still und leise von den Bühnen zurückgezogen, deren Bretter er mit ELECTRA einst erobert hatte. Auch das lange Haar von "Kuddel" ist ergraut und BERND AUST hat offen den Wunsch geäußert, "in Würde und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte" von der Bühne abtreten zu wollen. Nach 45 Jahren eines turbulenten Bandlebens wird ELECTRA im Jahre 2015 mit den letzten Konzerten, Arm in Arm mit der "Sixtinischen Madonna", die Bühne verlassen. So ist zwar der normale Gang der Dinge, sicher auch eine vernünftige Entscheidung, aber deshalb muss sie mir trotzdem nicht gefallen. Mir und vielen anderen wird etwas fehlen, das zu unserem Leben gehört.

BERND AUST als Rentner kann ich mir dennoch nicht so recht vorstellen. Es sind die Erinnerungen an damals, die an das Konzert im Herbst 1977, an die vielen Begegnungen vor der Bühne und auch an jene, wie die in Munzig, an einem kaputten Klavier, die in mir den Eindruck von einem freundlichen und vitalen Musikanten und Menschen hinterlassen werden. Als Musiker 70 zu werden ist ein stolzes Ereignis, das vielen verwehrt geblieben ist. Ich werde mir noch ein oder zwei Konzerte gönnen, noch einmal die "Sixtinische Madonna" live erleben, um mich dann von einer tollen Band zu verabschieden und, wenn es sich ergeben sollte, dem Bandleader die Hand zu reichen und ihm persönlich DANKE zu sagen. Alles Gute, lieber BERND AUST, zum runden 70. Geburtstag und auch für die Jahre danach, in denen man Dich vielleicht doch noch hier und da als Überraschungsgast erleben kann. Ich hoffe sehr darauf.



 
 
Videoclips:


"Säbeltanz"


"Türkischer Marsch" (electra klassik)



   
   
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