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Text: Christian Reder (15.09.2013)
Fotos: Pressematerial (Virgin, Dindisc, Blue Noise)






An einem Donnerstag im Jahre 1978, es war der 12. Oktober und der Herbst hatte bereits in England Einzug gehalten, standen Andy McCluskey und Paul Humphreys zum ersten Mal unter dem Namen ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK auf einer Bühne und spielten ihre "Taperecorder-Music".003 20130915 1869752424 Tatort war der "Eric's Club" in Liverpool. Der Bandname war zwischen Tür und Angel gewählt, denn für den Druck der Konzertplakate musste ein Bandname her. Die beiden Musiker hatten mal einen Song, der so hieß und dieser wurde ohne langes Nachdenken einfach für die Plakate verwendet. Von all dem ahnte man hier in Deutschland noch nichts. Und ich am allerwenigsten. Als ich die britische Elektronik-Band ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK, kurz OMD, für mich entdeckte, musizierten die Jungs um Paul Humphreys und Andy McCluskey bereits seit fünf Jahren unter diesem Namen und hatten schon ein paar Platten veröffentlicht. Natürlich kannte ich auch "Maid of Orleans" aus dem Radio, fand den Song toll und hatte ihn auf irgendeinem meiner Mixed Tapes, aber mit der Band hatte ich mich bis dahin noch nicht beschäftigt. Dies kam tatsächlich erst zwei Jahre später (1983) mit einem Auftritt im westdeutschen Fernsehen. Mich begeisterte der eigene Sound von OMD, der so ganz anders wie der von anderen Gruppen dieses Genres, wie z.B. VISAGE oder HUMAN LEAGUE, war und der ein Alleinstellungsmerkmal der Band war. "Telegraph" hieß das Lied, das im Fernsehen mit einem Clip gezeigt wurde. Das dazu passende Album "Dazzle Ships" war kurz darauf die erste Veröffentlichung von OMD, die ich mir zulegte. Da sang ein junger Andy McCluskey von einer der größten Errungenschaft in der Technik, nämlich einem Telegrafen. Kein "I love you", "I miss you", "You means to me everything" und ähnliches Gesülze. OMD war eine elektronische Band und sie hatten oft technische Themen in ihren Songs. Auf dem Album befindet sich übrigens auch der Song "Genetic Engineering", zu Deutsch "Gentechnik". Damals schon ein heißes und vieldiskutiertes Thema, und heute nicht weniger. OMD waren ihrer Zeit ein Stück voraus.

002 20130915 1891842445Von den Anfängen der Britischen Band wusste ich damals - wie gesagt - gar nichts. Es gab kein Internet und Literatur über eine Band, die gerade am Anfang ihrer Geschichte stand, gab es ebenso wenig. Keine Infos darüber, wer OMD eigentlich waren. Aber das brauchte ich nicht, um die Musik in mich aufzusaugen und zu lieben. Irgendwann packte ich mein Taschengeld ein und setzte mich in den Zug nach Dortmund. In der Innenstadt von Dortmund gab es einen Elektronikfachmarkt, dessen Schallplattenabteilung einfach nur das Paradies eines jeden Musikfreundes und -sammlers war. Es gab dort scheinbar alles! Was nicht mehr in den Charts oder schon etwas älter war, landete nicht auf dem Grabbeltisch, sondern im Rand des riesengroßen Verkaufsraumes. Dort standen Regale, angeordnet wie in einer Bibliothek und diese Regale waren voll mit Schallplatten aller Richtungen. Da konnte der lokale Plattenladen in meiner Stadt nicht mithalten, der hatte immer nur die neueren Sachen. Unter dem Buchstaben "O" fand ich in dieser Riesenmusikabteilung dann auch die Scheiben von OMD. Das erste Album der Band von 1980, das schlicht nur "Orchestral Manoeuvres In The Dark" heißt, und auch das zweite, das mit "Organisation" betitelt war, standen dort und waren am Ende des Tages mein Eigentum. Ich muss zugeben, dass mich speziell das erste, doch sehr experimentelle Album, anfangs verunsicherte. Zwar kam mir nicht gleich der Gedanke, "Was hab ich denn da für einen Scheiß eingekauft", aber irritiert ob der ziemlich ungewöhnlichen und minimalistischen Musik auf der Platte war ich schon. Darauf sang Andy McCluskey u.a. über eine britische Telefonzelle ("Red Frame / White Lights"). Echt, in den Zeilen des Songs wird einfach nur die Zelle und ihre Funktion beschrieben. Dazu gesellten sich echt abgedrehte Melodien. Auch die ersten Singles "Electricity" und "Messages" waren drauf. Oder das schon fast an Lyrik grenzende "Messerschmitt Twins". Alles in allem war die Platte anfangs ein Mysterium für mich.001 20130915 1924229200 Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen mir und dem Debüt-Album ein Verhältnis, das soweit ging, dass es inzwischen zu einem meiner Lieblingsplatten von OMD zählt. Der Nachfolger "Organisation" war da schon anders. OMD hatte einen ganzen Satz nach vorne getan, obwohl beide Platten aus dem gleichen Jahr stammen (das eine erschien im Februar, das andere im Oktober). Immer noch ziemlich experimentell, aber der typische OMD-Sound war auf dieser Platte schon deutlich zu hören. Auf "Organisation" ist der Song "Enola Gay" enthalten. Ein Lied über den B-52 Bomber, der einst die erste Atomwaffe über Hiroshima abwarf. Der Text des Stücks ist ebenfalls alles andere als einfach. Andy McCluskey malte Bilder und sprach in Metaphern ("Dieser Kuss, den du gabst / Er wird niemals wieder verschwinden"). Wieder ein Song, bei dem man zuhören, ihn interpretieren musste. Dazu diese Melodie, die einem nicht aus dem Kopf gehen wollte. Meine Favoriten auf der Platte sind heute noch "The More I See You" und "Stanlow". Stanlow ist ein Vorort der englischen Stadt Ellesmere Port. Dort haben sich die Raffinerie des Ölkonzerns "Shell", ein Werk des Chemie-Unternehmens ICI und ein Werk des Auto-Herstellers Vauxhall (die englische Version von OPEL), das in Stanlow den Astra herstellt, angesiedelt. Ein Industrie-Viertel also. Nicht unkritisch haben McCluskey und Humphreys diesen Industriestandort in ihrem Lied beschrieben und in eine wunderbare Melodie verpackt. Der einleitende Industriekrach entwickelt sich zu einer Symphony der schönen Töne. Musik, die im krassen Gegensatz zur Hässlichkeit eines Industriestandortes steht. Erstklassig!

Überhaupt machte OMD damals Musik mit besonderer Qualität und bewiesen, dass elektronische Musik keinesfalls eintönig und kalt klingen muss. Für meinen Geschmack war OMD in den Jahren zwischen 1978 und 1983 eine Band mit Vorbildcharakter, ja fast schon ein Trendsetter. Kraftwerk war 70er - die Neuzeit hieß damals OMD. Dies änderte sich ab 1984 mit dem Album "Junk Culture". Zwar waren Songs wie der das Album eröffnende und namensgebende Titeltrack "Junk Culture" und auch die Single "Talking Loud And Clear" großartige Songs, die immer noch die deutliche Handschrift der Band trugen, aber es gab mit "Tesla Girls" und "Locomotion" dem Zeitgeist folgende und dadurch leider wenig attraktive Stücke, die zumindest ich heute nicht mehr so gern höre.004 20130915 1402901861 
So auch auf dem '85er Album "Crush", das mit "88 Seconds To Greenboro", "The Native Daughters Of The Golden West" und "The Lights Are Going Out" wieder Stücke im ursprünglichen OMD-Stil beinhaltet. In den Songs experimentierten die Jungs mit unterschiedlichen Elementen, so z.B. mit echt rockigen und rotzigen Gitarren. Aber leider sind dort auch Popnümmerchen wie "Secret" und "If You Leave" zu hören, die einen als Fan für die Zukunft nichts Gutes erahnen ließen. Mainstream, wie er mainstreamiger nicht sein kann. In das 1986 erschienene Album "Pacific Age" bin ich heute noch verliebt. Das geniale "Forever Live And Die" ist für mich einer der Pop-Songs der 80er, die auf keiner Best of mit Stücken dieser Dekade fehlen darf! Er ist so eng mit dem damaligen Lebensgefühl von mir verknüpft, dass mir unwillkürlich Erlebnisse aus der Jugend in den Sinn kommen, wenn ich dieses Lied nur höre. Na gut, auch die Jugendsünden in Sachen Mode, aber hauptsächlich die Zeit und die Erlebnisse. Auf der Scheibe befinden sich aber noch weitere Songs, die ich heute so gerne höre, wie früher. "The Pacific Age" und "We Love You" gehören u.a. dazu. Der letzte Song auf dem Album, "Watch Us Fall", bekam nur zwei Jahre später eine ganz neue Bedeutung. Es war der letzte Song auf einem regulären OMD-Album, denn 1988 erschien mit "Best of" eine Werkschau, und mit ihr die Nachricht von der Trennung der Band. Ich sah meine Helden also "fallen". Es war wie ein kleiner Tod, und ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit in Sachen Musik.

Knapp drei Jahre später machte das Gerücht die Runde, OMD seien im Studio und würden an einem neuen Album arbeiten. Ich meine mich zu erinnern, dass es in dem kostenlosen Musikmagazin der Karstadt-Warenhauskette stand, ich kann mich aber auch täuschen. Wie auch immer, ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben, das ich damals hatte. Es war eine Mischung aus Freude, Neugier und Angst. Angst davor, meine Lieblingsband könnte nur deshalb zurückkommen, weil die Bankkonten leer sind und man mit weiteren mainstreamigen und wenig attraktiven Songs, die mal schnell schnell geschrieben wurden, den Angriff auf die Charts starten würde.005 20130915 1056018989 
Songs der Marke "If You Leave", "Secret" oder gar "Dreaming", die der Band zwar Hits und internationale Erfolge bescherten, die den OMD-Fan der ersten Stunde und der ersten Jahre (wie mir z.B.) eher die Schuhe auszogen und schlaflose Nächte vor Kummer bereiteten. Als Vorbote kam der Song "Sailing On The Seven Seas" als Single in die Läden. Der Clip dazu war eher nichtssagend. Die Band war nicht zu sehen. "Sailing On The Seven Seas" ist ein Song, der so gar nichts von dem OMD hatte, wie ich es kannte. Man erkannte zwar die markante Stimme von Andy McCluskey wieder, aber das eher durch Drums und Percussion getragene Lied war anders als alles vorher Gehörte. Den Grund dafür lieferte mir der erste Auftritt von OMD im Fernsehen nach dem Comeback. Bis auf McCluskey war keiner aus der Zeit bis 1988 mehr dabei. Kein Malcolm Holms, kein Martin Cooper und erst recht kein Paul Humphreys, der so vielen Liedern der Band erst eine Seele gab und der stimmlich, gerade beim Satzgesang, so wunderbar mit McCluskey harmonierte (man höre sich "Forever Live And Die" an). Was für ein Schlag ins Gesicht. Nichts gegen McCluskey, aber wenn man das dazu gehörige Album "Sugar Tax" (1991) hörte, war er auf dem besten Wege aus OMD eine Discofox-Tanzkapelle zu machen. Das Nachfolge-Album "Liberator" stand dem in nichts nach. Popmusik von der Stange, die nichts, aber rein gar nichts an Zeitlosigkeit oder Qualität hatte. Unwürdig, den Namen OMD zu tragen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich einige Alt-Fans längst abgewendet. Und was das Album "Universal" im Jahre 1996 darstellen sollte, ist mir bis heute ein Rätsel. Hier hörte man zwar - leider nur bei den B-Tracks - wieder, dass Humphreys beim Songwriting mitmischte, aber mit OMD hatte auch diese CD wirklich gar nichts mehr zu tun. Der Tiefpunkt, der sich auch verkaufszahlenmäßig darstellte. Ein guter Moment aufzuhören, und das tat McCluskey dann auch. Hätte er doch 1991 nur unter einem anderen Namen weiter Musik gemacht, man hätte ihm das alles verziehen. Die 90er sind jedenfalls das schwarze Kapitel in meinem Buch über die Gruppe OMD.

006 20130915 1240113207Ein Fernsehauftritt im Jahre 2005, bei dem OMD in der Originalbesetzung auftrat um einen ihrer Hits ("Maid Of Orleans") zu präsentieren, war der Grundstein für ein echtes Comeback nach 17 Jahren. Im Anschluss an die TV-Aufzeichnung setzten sich die Herren zusammen und beschlossen, noch einmal angreifen zu wollen. Sie hatten wieder Bock aufeinander und auf OMD. Als Gratmesser sollte eine Tournee dienen, die den Stellenwert der Band bei den Leuten in der Welt zeigen sollte. Warm gespielt wurde sich 2006 bei der "Nokia Night Of The Proms", die u.a. auch durch 12 deutsche Städte ging und bei der man schon sehen konnte, wie das Publikum auf sie reagieren würde. Im Frühjahr 2007 folgte eine eigene Europa-Tournee mit OMD als Headliner, die sich für die Band als voller Erfolg erweisen sollte. Die Tour war in zwei Programme geteilt. Zum einen wurde das Album "Architecture & Morality" komplett live gespielt, ein paar Hits aus anderen Alben gab es als Zugaben. Bei einem anderen Konzert wurde das Programm "The Best of OMD" gespielt, was - wie der Name schon sagt - die Hits der Briten wieder auf die Bühne brachte. Viele ausverkaufte Häuser sprachen eine deutliche Sprache: Die Leute wollten wieder OMD sehen und hören. Es dauerte aber noch ein paar Jahre, bis 2010 das erste Studioalbum der Band mit dem Titel "History Of Modern" in die Plattenläden kam. Anders als beim "Comeback" 1991 zeigte sich OMD auf dem neuen Album mit einer gesunden Mischung aus vertrauten Tönen und dem Zeitgeist entsprechenden, geschickt in die Lieder eingewobenen, Elementen. So geschickt gemacht, dass es die Band zwar im Jetzt angekommen zeigt, die Lieder aber zeitlos schön hat werden lassen. Ein gutes Beispiel dürfte "Sister Mary Says" sein. Es folgte logischerweise eine Tour, auf der die vier Briten einmal mehr zeigten, dass mit ihnen noch zu rechnen ist und dass dieser wiedergefundene Teamgeist nicht gespielt ist.008 20130915 1478926963 Er ist echt! Dass OMD wieder ganz da ist und erst mal wohl auch bleiben wird, wurde mit dem Album "English Electric" untermauert, das in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde. Es knüpft nahtlos an die 2010er Scheibe an und ist gleichzeitig auch eine Weiterentwicklung. Die Songs leben, die Songs erzählen Geschichten, und die Songs sind OMD. Unverkennbar OMD. Ob sich die Gründungsmitglieder Paul Humphreys und Andy McCluskey vor genau 35 Jahren, also an jenem 12. Oktober im "Eric's Club" in Liverpool, vorstellen konnten, dass der eben beschriebene Weg vor ihnen liegen würde, dass der so ganz nebenbei verwendete Bandname auch heute noch als solcher dient und weltweit einen guten Ruf genießt und dass sie auch 35 Jahre danach noch immer auf der Bühne stehen würden, kann ich nicht sagen. Was sie heute aber ganz bestimmt wissen, und da muss man nicht erst nachfragen: Sie haben Klassiker geschrieben. Songs, die über 30 Jahre nach ihrem Erscheinen wohl auch heute noch Hits werden könnten ("Maid Of Orleans", "Forever Live And Die", "Talking Loud And Clear" und und und). Glückwunsch Jungs ... Glückwunsch zu 35 Jahre OMD und 35 Jahre geile Musik. Auf die nächsten 35 ... wir zählen auf Euch!


Bitte beachtet auch:

- off. Homepage von OMD: www.omd.uk.com
- die deutschen OMD-Fanseite: www.germanmanoeuvres.com





Videoclips:


"Stanlow" (live, 1981)


"Messages" (live, 1985)


"(Forever) Live And Die" (live, 2011)


"Maid Of Orleans" (live, 2011)


"Sister Mary Sais" (live, 2011)


"Dresden" (live, 2013)





   
   
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