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Text: Christian Reder (29.08.2013)
Fotos: DCMR Archiv






Das Konsumieren von Musik hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter entwickelt und verändert. Vom einfachen Radiohören oder der Hausmusik ging die lange Reise bis hin zur CD und zur MP3. Dazwischen ist viel passiert. Der Musikliebhaber wollte die Musik nicht einfach nur hören, sondern sie auch für sich konservieren, damit er sie hören konnte, wann immer er wollte. Das ging mit dem Radio nicht.001 20130829 1875906835 Es musste also eine Möglichkeit geschaffen werden, Musik festzuhalten. Aber wie? Im Jahre 1899 erfand der dänische Telegrafen-Ingenieur Valdemar Poulsen das erste Gerät, mit dem man Töne, in diesem Fall Telefonate, aufnehmen konnte. Er nannte seine Erfindung damals "Telegraphon". Als Aufnahmemedium diente eine auf eine Walze gewickelte Klaviersaite. Dieses Telegraphon sorgte auf der Weltausstellung 1900 in Paris für großes Aufsehen. Es war die Erfindung der Magnetaufzeichnung, nur wusste damals noch niemand, wo das mal hinführen sollte. Das weltweit erste Tonbandgerät stellte die AEG im Jahre 1935 unter dem Namen "Magnetophon K 1" auf der 12. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in Berlin vor. Es wurde in den folgenden Jahren immer weiterentwickelt und etablierte sich nicht nur in Aufnahmestudios, sondern ab den 50ern auch zunehmend bei Privatanwendern in heimischen Wohnzimmern als ideale Möglichkeit, Musik aus dem Radio mitzuschneiden, zum Überspielen von Schellack-Platten und Vinyl-Schallplatten oder für andere Tonaufzeichnungen. Doch die eigentliche Revolution, die die selbst aufgenommenen Aufzeichnungen auch außerhalb der eigenen vier Wände erlebbar machten, sollte erst Jahre später stattfinden ...

Anfang der 60er gehörte der Niederländer Lou Ottens zur Produktentwicklungsabteilung im Philips-Werk im Belgischen Hasselt. Hier arbeitete und tüftelte er an der "Miniaturisierung" des Tonbandes. Das neue Produkt sollte klein, handlich und tragbar sein, denn die großen Tonbandspulen waren ja nun wirklich alles andere als handlich. Der Umgang damit stellte sich des Öfteren als schwierig dar, musste man am Ende des Bandes die Spulen wechseln und das nächste Band erst mühsam wieder "einfädeln". Hier bestand also Handlungsbedarf und Ottens arbeitete an einer Alternative zum gängigen Tonband-Format. Dies gelang ihm auch, er entwickelte ein kleines Magnetband, das auf einer Spule aufgewickelt war und in ein kleines Plastikgehäuse passte. Vorn war auf jeder Seite des Plastikgehäuses ein Fenster eingebaut, damit man sehen konnte, wie viel Band noch zur Verfügung stand.002 20130829 1711828560 
War eine Seite abgehört, konnte man die Kassette umdrehen und hatte nochmals die gleiche Länge zur Verfügung. Ende August 1963 wurde auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin die von Lou Ottens entwickelte Kompakt Kassette und das dazu passende Abspielgerät, ein Kassettenrecorder, vorgestellt. Es war die Geburtsstunde der Musikkassette und diese sollte uns viele Jahre ein treuer Begleiter sein.

Mit 7 Jahren bekam ich meinen ersten Kassettenrekorder. Er war von der Firma ITT und hatte die Bezeichnung "Studio Recorder 65". Das war ein feines Teil, mit dem ich meine ersten Mitschnitte machte - damals noch direkt vom Fernsehgerät, wenn "Rockpalast" oder "Ohne Filter" liefen. Ich ließ diese Sendungen von meinem Vater auf Video aufnehmen, damit ich am folgenden Nachmittag, wenn niemand daheim war, in Ruhe vom Fernsehen mitschneiden konnte, denn es musste im Raum mucksmäuschenstill sein, damit keine Fremdgeräusche mit aufs Band kamen. Die Aufnahmen klangen zwar trotzdem alle total beschissen, aber unsereins war damals stolz wie Oskar, den Auftritt von Level 42 im Rockpalast oder den von Joe Cocker bei "Ohne Filter" auf Band zu haben. Mit 10 Jahren hatte ich genug Geld gespart, um mir meine erste Kompaktanlage zuzulegen. Die Kohle von der Kommunion ging dafür komplett drauf, aber endlich hatte ich dann auch einen Plattenspieler. Mit der Anlage wurde alles auf Band mitgeschnitten was sich mitschneiden ließ. Platten oder Radio ... völlig egal! Als Kind der 80er, der sich nicht nur für New Wave und NDW, sondern auch für gepflegten Rock und Heavy Metal interessierte, verschlang die Anschaffung neuer Leer-Kassetten bei mir stets den Großteil des Taschengeldes. Mittwochs abends und am Samstagnachmittag saß man vor dem Radio und schnitt die neusten Songs, die uns die Moderatoren Mal Sondock (Mal Sondock's Hitparade) und Wolfgang Roth (Schlagerrallye [obwohl da gar keine Schlager gespielt wurden]) ohne rein zu quatschen spielten, fleißig mit.003 20130829 1722224229 
Da war eine Kassette ruck zuck voll. Seit 1979 gab es von der Firma SONY kleine Kassettengeräte, die man mitnehmen konnte. "Walkman" hießen die Dinger und sind heute mit einem portablen MP3-Player zu vergleichen, nur dass der Walkman trotz seiner Bezeichnung "Mini-Kassettenplayer" ziemlich groß und der Kopfhörer sehr klein war, und der MP3-Player ziemlich klein, und dafür der Kopfhörer umso größer ist. Anfangs waren die Dinger schweineteuer - das kennt man ja, wenn neue Technik auf den Markt kommt. Ab 1983 gehörte eins dieser Dinger dann aber mir und ich konnte meine Musik auch außerhalb meines Zimmers hören. Auf dem Fahrrad, im Bus, in der Schulpause ... Mein Walkman war immer dabei. Das Ding riss aber weitere große Löcher in mein Budget, denn die Batterien dafür waren schnell leer und aufladbare Akkus gab es damals noch nicht. Egal! Ohne Musik ging nichts mehr. Und ich war damit nicht allein. Immer wieder traf man auf für die Umwelt um einen herum taub gewordene Musikjunkies, die man an ihren Kopfhörern erkennen konnte.

Eine Erfindung dieser Zeit waren auch die sogenannten "Mixed-Tapes". Das waren Kopplungen mit ausgewählten Lieblingssongs, bei dem das Cover ebenfalls selbst entworfen wurde. Mal für sich selbst, manchmal aber auch um die Dame des Herzens mit der eigenen Musik zu beglücken. Ich habe meine Umwelt damals - und das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen - mit der Musik von OMD zugepflastert. Man musste sich schon ducken, um nicht von einer meiner selbsterstellten Tapes getroffen zu werden. Und was das Konservieren auf Kassette betrifft, waren die Kids hüben wie drüben gleichermaßen unterwegs. Halt ... es gab doch einen Unterschied: Die gute alte ORWO-Kassette hat in der DDR das zig-fache von dem gekostet, was man in der BRD für eine BASF oder Maxwell Kassette verlangt hatte. Da war es schon etwas ungerechter, was die Beschaffung von Kassetten betrifft, aber das Prinzip blieb das gleiche.004 20130829 1008455081 
Aber auch anderenorts kam die Kassette zum Einsatz. Anfang der 80er zog der Homecomputer in die Jugendzimmer ein. Bevorzugtes Modell war der Commodore 64. Spiele und Anwenderprogramme ließen sich hier über die Diskette oder über eine Kassette starten. Das Diskettenlaufwerk (Floppy) war schweineteuer und für einen Schüler unerschwinglich. Gut, dass sich einige weniger umfangreiche Programme auch auf Kassette speichern und immer wieder abrufen ließen. Nämlich mit einer "Datasette". Lange Rede - kurzer Sinn: Die Kassette war in den 80ern nicht wegzudenken. Allerdings war die Musik in den 70ern, 80ern und teilweise auch in den 90ern keine Wegwerfware. Auch wenn man sich Songs auf Band gezogen hat, so dienten diese Bänder hinterher u.a. als Appetitanreger. Die heißesten Nummern von dem vom Radio mitgeschnittenen Band wollte man letztlich dann doch als Original, entweder auf Schallplatte oder später auch auf CD, in seinem Schrank haben. Die Kassette war also auch wie ein Notizblock zu verwenden. Dort wurde alles aufgenommen, was später im Plattenladen im Original besorgt werden musste. Eine weitere Funktion, die sie hatte, war die als Schallplattenschoner. Eine neue Platte wurde gekauft, auf Kassette aufgenommen und immer und immer wieder gehört. Das schonte das Vinyl und man konnte die Musik trotzdem immer und überall hören. Zu Hause oder im Walkman. Man nahm sie zur nächsten Party mit und schob sie ins Autoradio von Mutters fahrbaren Untersatz, wenn sie einen mal wieder zur Schule brachte. Praktischer ging's damals nicht.

Bei mir waren "Tapes", wie man die kleinen Dinger auch nannte, bis Ende der 90er im Einsatz. Damals kämpften drei neue Speicher-Formate um die Gunst des Kunden. Die DAT (Digital Audio Tape), die MiniDisc und der CD-Recorder waren erfunden, aber den ungleichen Kampf hatte die CD schon vor Markteinführung aller Formate gewonnen. Im Jahre 1997 kaufte ich damals für viel Geld auch einen CD-Rekorder statt eines Minidisc-Players oder DAT-Recorders. Die Kassette hatte an diesem Punkt ausgedient, das Tapedeck (Kassetten-Baustein der Stereoanlage) wurde abgeklemmt und gegen das hochwertige neue Gerät ausgetauscht. Selbst aufgenommene CDs statt Mixed Tapes, und irgendwie vermisste man den langjährigen Begleiter gar nicht. Vorbei war der Stress mit Bandsalat oder das mühevolle Zurückspulen einer Kassette mittels Bleistift, um die Batterien des Walkman zu schonen.005 20130829 1997700410 
Ebenfalls vorbei war es mit dem unüberhörbaren Grundrauschen einer Kassetten-Aufnahme - völlig egal ob mit oder ohne Rauschunterdrückungssysteme am Abspielgerät, die Dinger haben immer gerauscht.

Bei mir ist es jetzt 16 Jahre her, dass ich zum letzten Mal eine Kassette bespielt habe. Wann ich zuletzt eine benutzt habe, weiß ich gar nicht ... Mein letztes Auto mit Kassettenteil im Autoradio hatte ich bis 2002, und da kamen noch Tapes zum Einsatz, bis sie auch hier von der CD abgelöst wurden. Andere Musikfreunde sind dem kleinen Ding aber bis heute treu geblieben. Da wären z.B. die Fans der Hörspielreihe "Die drei ???", für die das Label EUROPA nach wie vor Kassetten herstellen lässt. Die Nachfrage ist da noch sehr groß, ansonsten stellt EUROPA keine Kassetten mehr her. Oder schauen wir mal auf das Kölner Label "Camp Magnetics", das die Musik ausschließlich auf Kassetten vertreibt. Die Idee dazu hat ihre Wurzeln in den USA, denn dort ist der Trend hin zur Kassette schon etwas länger wieder spürbar. Es fing in der Punk-Szene an, bedient inzwischen aber schon wieder viele andere Bereiche der Musik. In manchen Plattenläden gibt es sogar schon wieder eigene Regale, in denen Kassetten angeboten werden. In anderen Regionen der Welt ist die Kassette nach wie vor das meistverkaufte Format, so z.B. in den meisten Ländern Afrikas und auch in Asien.006 20130829 1115297263 
Dort werden neue Produktionen nach wie vor auf Kassette angeboten. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass Kassettenrekorder robuster und unter härteren Bedingungen (Sand, Staub, Hitze) langlebiger sind als CD-Spieler oder andere digitale Speichermedien. Dazu kommt, dass diese Technik nicht so teuer ist und sich ein Kassettenrecorder im Gegensatz zu CD-Playern oder anderen digitalen Geräten wesentlich leichter und günstiger reparieren lässt. In Deutschland wurde die Produktion von Musikkassetten übrigens im Jahre 2010 eingestellt.

Es wäre interessant zu erfahren, ob Lou Ottens von Philips damals im Jahre 1963 geahnt hat, was er mit seiner Erfindung auslösen würde. Ebenso interessant wäre zu erfahren, ob er wusste, dass seine Erfindung für mehrere Generationen von Jugendlichen ein treuer Begleiter sein würde, dass mittels der Kassette der Soundtrack des Lebens auch außerhalb der eigenen vier Wände zum Einsatz kommen oder dass sich dieses Medium auch 50 Jahre nach seiner Erfindung noch immer im Einsatz befinden würde. Ottens Erfindung ist sicher nicht gleichzusetzen mit den großen Errungenschaften wie z.B. der Glühbirne (die ja inzwischen auch schon out ist) oder dem Telefon, aber für die Musikkonsumenten auf der ganzen Welt war sie ebenso wichtig wie für Musikschaffende, die mittels Kassetten lange Zeit ihre Musik an Plattenfirmen schicken konnten. Wer weiß, wie sich die Musikgeschichte entwickelt hätte, hätte es die Kassette nicht gegeben. Sie hat den Weg für neue Techniken geebnet. Die Kids, die jetzt geboren werden und auch die, die in diesem Sommer eingeschult werden, wachsen bereits ohne die Kassette auf. Sie kennen die Großmutter der MP3 nicht und werden sie sehr wahrscheinlich auch nicht kennenlernen. Für sie wird wohl dieses seelenlose MP3-Format das gängige Format für Musik werden, ihnen wird so ein großes Stück Qualität vorenthalten. Hier besteht zudem die Gefahr, dass sie von Anfang an Musik nur als Wegwerfartikel kennenlernen. Eine MP3 ist schnell gelöscht - von einer Kassette oder CD trennt man sich nicht so leicht. Aber wer weiß ... vielleicht gibt es da draußen noch Eltern, die ihren Kindern erklären, dass Musik mehr ist, als eine körperlose MP3, und dass man sie - wenn nicht live - nur über eine CD oder Schallplatte richtig genießen kann. Man könnte aber auch die alten Hörspielkassetten wieder hervorkramen und dem Nachwuchs zeigen, wie man früher selbst die Musik und die Technik kennengelernt hat. Glückwunsch, Musikkassette und Danke für eine geile Zeit!


   
   
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