Die "Weiße Ziege" und der Blues - ENGERLING live 1980

 

Autor Hartmut Helms

 

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BLUES ist eine musikalische Ausdrucksform vor allem der Schwarzen in den USA, sagt man. Der "Weiße Mann" hat den Blues nicht, sagt man auch!? Doch, er hat und er muß nicht mal Mayall, Clapton oder Cocker heißen. Es geht auch als Wolfram Bodag! Dieser macht das zwar nicht in der Ur-Sprache des Blues, aber so ein satter und schnodderiger Berliner Unterton hat eben auch das Flair, dem Mann auf der Straße, gleich ob in der Stadt oder auf dem Land, auf's Maul geschaut zu haben und von ihm verstanden zu werden. Genau dies, so denke ich, will diese Art von Musik, genau das muß wohl Blues sein.
ENGERLING ist das Synonym, das diese Art von Blues aus der Metropole Berlin auf den Punkt bringt und "Boddi" Bodag gelingt das mit eben dieser seiner Band seit 1975. Nichts für Puristen, dafür aber für Liebhaber deutscher Ton- und Wortkunst der besonderen Art. Der ENGERLING-Blues ist natürlich der Tradition und dem 12-Takte-Muster verbunden, saugt Boogie-Woogie sowie Rhythm'n'Blues und immer mal wieder moderne Spielarten auf oder "vergreift" sich an Klassikern, die danach den Blues erkennen lassen. "Cadillac" von den Britischen RENEGADES ist so eine Nummer. Eigentlich als Beat-Song in den 60ern gestartet, wird durch die ENGERLING'sche Spielweise erst richtig das Boogie-Gerüst hörbar. So wie bei diesem Song, ist die ihr eigene Stilistik von ENGERLING auch bei allen anderen sofort wieder erkennbar. Daran hat sich über die Jahrzehnte bis heute nichts geändert.
Mir drang dieser Blues so ungefähr 1976/77 über das Radio zu Ohren. Das Stück hieß "Mama Wilson" und hatte sich bei mir im Ohr eingenistet, weil dieser Wolfram Bodag genau das formulierte, was damals hierzulande als Blues-Boom grassierte. Damit traf der Song auch mich mit voller Breitseite, denn die Geschichte von Alan Wilson war der Traum und die Sehnsucht vieler hier und die Amerikanische Band CANNED HEAT, deren Symbolfigur Al Wilson war, hatte mit "On The Road Again" ungewollt so etwas die Tramper-Hymne der "Kunden" im kleinen Land geschrieben. Diese pilgerten damals zu Kerth, Monokel, Freygang, Diestelmann und eben auch zu ENGERLING, um sich dieses Feeling zu holen, während sie dem Blues lauschten. Da störte es auch nicht, daß Musiker wie Kerth, Diestelmann und ENGERLING's "Boddi" die Blues-Geschichten in deutsche Worte packten. Im Gegenteil, dadurch erst wurden sie authentisch und nachvollziehbar.
Im Jahre 1979 brachte Amiga die erste LP von ENGERLING in die Plattenläden und kein geringerer als der erst kürzlich verstorbene Werner "Josh" Sellhorn schrieb den Begleittext für das Vinyl. Das war der Punkt auf's "i" gesetzt. In mir reifte der Wunsch, die Band für unsere Konzerte zu verpflichten. Noch im gleichen Jahr, am 21. November 1979, standen die ENGERLINGE bei ROCK-MIX Nummer 6 auf der Bühne des Kulturhauses in Plessa. Das waren neben "Boddi" Bodag an den Tasten und natürlich als Sänger, vor allem Bernd Kühnert und Heiner Witte, die beiden Gitarristen. Jens Saleh zupfte die Bass-Saiten und Rainer "Lello" Lojewski hinter dem Schlagzeug gab dem Blues den richtigen Drive. Live spielte die Band schon damals nahezu nur eigene Songs, die auch auf zwei Amiga-Singles bzw. auf der Debut-LP der Band veröffentlicht wurden. Letztere war quasi das Live-Programm auf dem Studioumweg in Vinyl gepreßt. Allen voran "Mama Wilson (gute alte Ma)", bei dem sich "Boddi" selbst in die Geschichte singen und denken konnte, als hätte er Al selbst und persönlich getroffen.
Wie gut Blues und deutsche Sprache passen, wird erst live richtig spür- und hörbar, wenn "Boddi" sich in seine Texte "knien" kann und so einem Song wie "Da hilft kein Jammern" das quirlende Leben einhaucht und beide Gitarren dazu ruppig "schreien" können, so als würde mit Willie Dixon einer der Vorbilder mit auf der Bühne jammen. Ich glaube, die Twin-Guitars waren damals schon etwas ganz besonderes.
Einer meiner absoluten Lieblingssongs, "Der Zug oder die weiße Ziege", lebte an jenem Abend genau von diesen beiden Gitarren, die sich schon beim Intro in den Song fressen und schreien, während Boddi's Piano-Stakkato den Zug-Rhythmus vorgab. So stampfend war das Spiel der Gitarren und des Pianos einer meiner Konzerthöhepunkte. Das mag sicher auch daran liegen, daß hier "Boddi" als Texter ein genialer Wurf geglückt ist, die Entscheidung zwischen seiner "weißen Ziege", gemeint ist sein weißer Drahtesel, und einer Dampflok als Gleichnis für eine Mädchenentscheidung zwischen zwei Männern, dem Lockführer und einem Radfahrer, zu finden. Da sage mal einer, deutscher Blues könne nicht tiefgründig sein und so sang sich der Mann am Piano eben seinen Schmerz über das verlorene Weib auch live aus der Seele. Auch beim "Moll Blues" merkte man ihm und der Band an, wie sie sich in die Geschichte versetzen, die eigenen Emotionen fließen und den Fans Raum zum Nachdenken lassen.
Ähnlich gleichnishaft ist der Text zum "Blues vom Roten Hahn" gemeint, in dem "Boddi" die Unterstützung für einen in Berlin abgebrannten Blues-Club besingt. Dessen Wiederaufbau wird im Song durch reale Konzerte der Berliner Szene, aber auch durch fiktive von Hooker und Dixon unterstützt: "Hier habt ihr die Moneten, legt sie gut."
Live war die Band schon immer ein besonderes Erlebnis, gleich ob mit zwei Blues-Gitarren, wie bei uns im Konzert in Plessa, oder später beispielsweise auch mal mit Saxophon. ENGERLING war stets unverwechselbar und strotzend vor Spielfreude. Bodag am Piano sitzend und singend, meist mit geschlossenen Augen und in der Musik versunken, flankiert von zwei rockenden Gitarren und einem treibenden Rhythmus von Bass und Drums - das hatte schon damals den besonderen Kick und die Jungs in den Kutten und Jesuslatschen nahmen den Rhythmus vor der Bühne auf.
Neben den eigenen Sachen gab's an diesem Abend natürlich auch die internationalen Klassiker, jene Musik von den Allman Brothers, die sicher so manche Blues-Inspiration für die Zwillings-Gitarren lieferten. Ebenso den einen und anderen Song vom Altmeister Van Morrison, der schon in den 70ern Kultstatus hatte und natürlich auch Klänge der "Rollenden Steine", mit deren Musik ENGERLING Jahre später eine ganze CD bespielen sollten. ENGERLING live lebte und lebt ausschließlich von der Musik. So etwas wie "Show" habe ich nie erlebt. Damals nicht und nicht heute. Dies ist ein Eindruck, der sich bei mir über die Jahrzehnte gehalten und gefestigt hat und immer, wenn ich Boddi irgendwo traf, gleich ob in Finsterwalde oder Weinböhla, war's noch immer der gleiche Kumpel und Blues-Mann. Nur die Haare sind jetzt grau, den meinen vergleichbar - so what - doch der Herzrhythmus klopft und pumpt noch immer den Blues in's Blut.
 
 
Erinnerungen:

 

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