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Sie waren wieder unterwegs, die Hardrocker und Soft-Musiker, die Zauberkünstler, die Folk-Musikgruppen und Polit-Song-Verfechter. Sie alle, zumeinst Amateure, sind auch neugierig auf Freundesländer und -leute, reisen gern. Der Zentralrat der FDJ macht's möglich.003 20140721 1965257339 "Internationaler Kultursommer der FDJ" nennt er sein Reisepaket, mit dem auch in diesem Jahr wieder über 500 junge Künstler in die Sowjetunion (erstmals auch zu den "Weißen Nächten" nach Leningrad), nach Polen, Bulgarien und Ungarn fuhren. Allein 18 Bands, z.B. FALCON (Neubrandenburg), ODYSSEE (Gera) oder MAKE UP (Berlin), kamen so auf internationale Tour. Wir waren dabei, beobachteten die Musiker der Gruppen LOGO (Leipzig) und GIPSY (Karl-Marx-Stadt) bei Auftritten am "ungarischen Meer" und Sessions im Weinkeller.

Der Balaton, etwa 70 Kilometer lang, zwölf mal 1000 Meter breit und elf Meter tief, bietet ringsum reichlich Auftrittsmöglichkeiten. Etwa vier Konzerte sind im Auslandsreiseplan enthalten, denn nicht nur zum Arbeiten entsendet der FDJ-Zentralrat seine Künstler, sondern auch zum Ferien feiern und Erholen. Ein "Danke" an sie ist ebenfalls beabsichtigt, immerhin ist das 86er Jahr für die Amateurtanzmusiker ein sehr intensives, die Zentrale Leistungsschau der Amateurtanzmusiker bildete den Auftakt, und jüngst stand die FDJ-Werkstattwoche Jugendtanzmusik im Plan. Also gilt die Sommerzeit zum Atem- und Schwungholen. Auch am Balaton. Vor allem die internationalen Jugendzentren, z.B. in Kiliantelep und Balatonföldvar, sollten "bespielt" werden. Das ist von beiderseitigem Interesse, sind diese Lager doch bestens geeignet als Gradmesser für Publikumswirksamkeit.002 20140721 1258301046 Peter Kittel, Vertreter von "Jugendtourist" am Balaton, sprach von der großen Aufmerksamkeit, die diese Aktion bei seinen Partner-Organisationen hervorruft, gilt sie doch der kulturellen Betreuung aller Gäste in den internationalen Jugendzentren.

Dabei haben es die Bands derzeit in Ungarn nicht einfach. Aus beinahe jedem Fenster, aus jeder Gaststättentür tönt von früh bis spät Disko-Musik, die Diskothek gilt als Magnet für Restaurants und Mini-Bars (die bis vier Uhr morgens geöffnet haben). Video ist das zweite magische Wort, gegen das Live-Musiker "anzukämpfen" haben. Da hilft nur Qualität, ein Spitzensound, kraftvolle Musik. Doch beide Bands, LOGO und GIPSY, haben das gepackt. Schon in der Technik-Aufbauphase sammelten sich die Schau- und Hörlustigen und blieben auch in Boxennähe bis der letzte Ton verklang. Dann allerdings war Disko angesagt, Disko - in diesem Ungarn-Sommer gleichbedeutend mit Modern Talking. Nun gibt es erst einmal nichts gegen das beliebte Duo zu sagen, nur hinterlässt diese Musik in geballter Ladung nach einigen Tagen eine Aversion gegen die große Fußtrommel. János Kiraly, einer der für unser leibliches Wohl Verantwortlichen, sagt: "Wir sind ein gastfreundliches Land. Dazu gehört auch die Musik. Wenn wir nicht spielen, was die Leute hören wollen, dann bleiben sie eben weg." Also das totale Eingehen auf Publikumswünsche? GIPSY-Chef Fredy Lieberwirth: "Wir als Band würden so weit nicht gehen. Man muss das eigene Gesicht, das eigene Profil wahren. Kommt das gut, wird man vom Publikum immer akzeptiert." Dieses Thema blieb auch einige Zeit Gesprächsgegenstand Nr. 1. Vor allem vermissten wir ungarische Popmusik in den Diskotheken ...

001 20140721 1593682330Musikanten-Tage beginnen spät, Musiker sind nachtaktive Menschen. Eine Ausnahme bekam ich häufig zu Gesicht: LOGO-Chef Paul Franke saß zu beinahe unverschämt früher Stunde einsam am Frühstückstisch. Paul Franke über seine Balaton-Eindrücke: "Wir befinden uns inmitten der Vorbereitungen auf Suhl, arbeiten intensiv an neuen Titeln. Das ist nicht einfach, weil wir Probleme an den Trommeln haben. Außerdem wollen wir den Anteil der visuellen, also nichtmusikalischen Mittel in unseren Konzerten erhöhen, die Leute wollen nicht nur hören, sondern auch sehen, auch wird LOGO rockiger werden, kraftvoller. Das ist unsere Situation. Wir finden es dufte, dass man mit einer solchen Reise die Möglichkeit hat, sich vor internationalem Publikum auszuprobieren. Wir waren erstaunt, dass trotz Sprachbarriere der Funke übersprang. Da kommt Freude auf. Na ja, dann verblüfft uns hier der Service. Du kannst eben nach 23:00 Uhr noch losrennen und bekommst etwas zu Essen, in gleichbleibender Quailtät und mit gleichbleibender Freundlichkeit ..."

Die Diskothek Herby-Man aus Leipzig ging auf Anti-Modern-Talking-Kurs und bewies, dass man sehr wohl Publikum begeistern kann, wenn man sich im internationalen Musikreservoir auskennt. Ein wenig, so glaube ich, atmeten unsere Musiker auf. War doch nun endgültig der Beweis erbracht, dass interessant arrangierte, rhythmisch animierend strukturierte Musik immer ankommt.

Zehn Tage Balaton vergehen schnell; der im Budapester Jugendzentrum im Stadtwäldchen geplante Auftritt entfiel, aus "organisatorischen Gründen". Als Ausgleich wurde ein Termin etwa 40 Kilometer von Budapest entfernt,004 20140721 1896725113 am Donauknie, angeboten, den aber die Bands nicht halten konnten. Schuld daran war ein massiver Ast einer Linde, der im dichten, engen Straßengewirr nicht auszumachen war und den Koffer des GIPSY-LKWs seitlich aufriss. Ende einer Reise erst einmal.

GIPSY-Chef Fredy über seine Eindrücke: "Du gehst ja so ran: In Ungarn kennt Dich niemand. Der ungarische Rock stand bei mir hoch im Kurs, das waren die Eindrücke der 60er Jahre. Leider schwemmt die Diskowelle vieles Landeseigene weg. Dann kommen wir, singen in deutscher Sprache ... Doch wir schafften Aufmerksamkeit mit unseren eigenen Titeln, aber auch mit Deep Purple, das konnten wir nicht fassen. Bei Grönemeyer sind sogar die schärfsten Heavy-Leute eingestiegen! Jens, unser Sänger, hat alle gepackt. Das freut uns besonders, denn wir arbeiten ja seit Jahresbeginn in veränderter Besetzung. Dieser Auslandsstart war unsere Feuertaufe. Ich glaube, wir haben bestanden. Zu Hause sagten Kollegen zu mir: 'Nach Ungarn? He, Alter, Du verzettelst Dich, da musst Du in Lederklamotten die Leute aufreißen!' - Das stimmt nicht. Normal, es war alles ganz normal!"

Kultursommer der FDJ - Kennenlernen der eigenen Möglichkeiten, aber auch der eigenen Grenzen. Die Rückbesinnung auf das Wesentliche in der Musik nannte Fredy Lieberwirth die grundlegende Erkenntnis jeder Reise. Schwächen und Stärken der Titel werden deutlich, wenn die Bands vor einem anderssprachigen Publikum spielen, wenn die Elektrikkabel den Anschluss von Lichterketten und Scheinwerfern nicht zulassen. Kein Verstecken ist möglich. Musik wirkt emotional, aus ihrer inhaltlichen Tiefe. Die Stunde der Wahrheit?

 

Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

   
   
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