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(aus Melodie & Rythmus 10/1986, Autor: Jürgen Balitzki, Fotograf: Bernd Lammel)



Dierkow, südwestlich am Rande Rostocks gelegen, hatte Grund zum Feiern am 9. August '86, und so vergnügten sich Einheimische und Hunderte Urlauber bei einem Volksfest, das Schwebende Jungfrauen, Country-Klänge, Motorradkünste, eine Handvoll Rock, Cola und Bratwurst bot. All das, was vor "Maschine" kam, quittierte das Publikum sitzenderweise mit freundich-knappem Beifall, als Birr dann angekündigt wurde, stürmten etwa 1.000 Fans gleich zur Bühne und zögerten auch nicht, sofort den bekannten Takt der unbekannten Titel mitzuklatschen.001 20130630 1066575332 Dieter "Maschine" Birr hatte mit solch großem Zuspruch nicht gerechnet, zumindest ausgehend vom Resonanzpegel der zuvor stattgefundenen Darbietungen. Also: "Maschine" ist ein Pfund in unserem Rockwesen, mit dem Veranstalter weiterhin wuchern könnten, wenn der vorderste PUHDYS-Frontmann nur wollte. Der jedoch spürt allein Neugier, wie es auf der Bühne ohne seine Kollegen klappt.

Solo-Muggen, die Dierkower war seine zweite, werden mithin an zehn Fingern abzählbar sein. In Dierkow genoss er noch die Unterstützung der Smokings-Rockshow, die dem Playback einige theatralische Glanzlichter setzte (besonders hervorhebenswert die exakte Saxophonchoreographie!).

Nun, was hatte sich "Maschine" eigentlich bei seinem Solo-Ausflug auf dem AMIGA-Label gedacht? "Es macht einfach Spaß. Zumal ich in unserem eigenen Studio eine Menge austüfteln konnte. Ich wollte mal Musik ohne Erfolgsdruck machen, nach 17 Jahren mal was Neues ausprobieren. Ich glaube, das ist auch für die PUHDYS interssant." Nach erstem Hören der elf Titel fallen in der Tat Unterschiede zum PUHDYS-Standard auf. Erstes Merkmal: die konsequente Benutzung eines Rhythmus-Computers. Er bringt zweifellos Modernität ins Spiel, aber auf Dauer auch eine nervende Aufdringlichkeit, die zuweilen sehr stark mit "Maschines" Gesangstechnik kollidiert. Andererseits nennt "Maschine" zwei Titel, die durchaus auf einer PUHDYS-LP vorstellbar wären: "Eine frei erfundene Geschichte" ("Ich hab' im Knast 'ne Menge verpasst") und "Unser Kind". Die anderen neun Stücke unterscheiden sich im Rhythmus, Klang und im Arrangement vom gewohnten PUHDYS Sound. Wenngleich Dieter Birr in diesem Zusammenhang erwähnt, dass Peter Meyer immer als Berater bei der Produktion zugegen war und deshalb auch zurecht als Mit-Autor auf der LP genannt wird. Vor etlichen Monaten hörte ich noch von Sängerinnen und Sängern, die "Maschine" für sein Projekt verpflichten wollte. Übrig blieb von dieser Liste lediglich PERL (Michael Barakowski). "Ursprünglich dachte ich noch an Werther Lohse oder Tamara Danz. Mein Produzent Karl Heinz Ocasek riet mir, die Besetzungsliste zu reduzieren, weil es ja eine Solo- und keine Sammel-LP werden sollte." Obgleich "Maschine" selbst die Postion Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards und Drumcomputer beanspruchte, wollte er auf instrumentale Unterstützung nicht verzichten.002 20130630 1153094819 Es sind dies: Ed Swillms, Reiner Oleak und Lothar Kramer (Keyboards), Peter "Bimbo" Rasym (Bass), Bernd Römer und Fritz Puppel (Gitarre) sowie René Decker (Saxophon). Als völlig unambitionierten Gag bezeichnet "Maschine" den Gesang seiner Frau Sylvia im Titel "So ist das Leben". Dieses hitverdächtige Stück hat Dieter Birr vor zwei Jahren für eine andere Band geschrieben, die ihre Existenz zwischendurch einstellte. Alle anderen Nummern sind jüngeren Datums, stammen also nicht, wie ich vermutete, aus der Schublade. Den LP-Titel "Intim" soll der Hörer ernstnehmen. Bis auf, wie der Name schon sagt, "Eine frei erfundene Geschichte" haben alle Texte mit Birr zu tun. "Alle Themen berühren meinen persönlichen Lebensbereich, sprechen von Kindern, Frauen, Freiheit..." Warum der Knast-Song? "Ich habe ein Herz für die Schwachen."

"Maschine intim" wird sicherlich nicht nur bei den Leuten in Dierkow ankommen. Die LP zeigt zweifellos etwas mehr vom Rockmusiker Dieter Birr, wenngleich ich gern viel mehr erfahren hätte. Wenn einer schon nicht unter Erfolgsdruck steht, wie er selbst sagt, erwarte ich größere Experimentierfreude, zuweilen mal ein Stück, das man eben nicht von ihm erwartet. Ihm ist klar, dass seine Solo-Aktion frischen Wind in das PUHDYS-Gefüge geblasen hat. Dieter "Quaster" Hertrampf wird ebenfalls eine LP bei AMIGA herausbringen, und die nächste PUHDYS-LP soll keine Birr/Meyer-Kollektion werden, sondern ein gemeinsam im Studio entstehendes Kollektiv-Werk. Das lässt aufhorchen!





Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"


 


   
   
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