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(aus Melodie & Rythmus 1/1987, Autor: Wolfgang Seppelt, Fotograf: Wolfram Schmidt)




30. November 1986, 0:05 Uhr im Friedrichstadtpalast-Foyer: "Bitte sehr, Taxi 654 in sechs Minuten nach Köpenick." Der freundliche, vorübergehend in Jugend-Revue-Nachtdienst gestellte Dispatcher der BVB macht's per Sofort-Service möglich. Denn nach jedem der fast siebenstündigen Totalspektakel sind für die insgesamt rund 11.000 jungen Zuschauer auch noch ein paar bequeme Heimweg-Arten vorgeordert worden.
001 20130426 1355624035 Die erste Jugend-Revue-Nacht "Immer am Ball" ist Vergangenheit. Was da alles zwischen Großer Revue, Foyers, Casino und Kleiner Revue ablief, lässt sich nur ohne Anspruch auf Vollständigkeit und repräsentative Draufsicht nachvollziehen. Wie auch der Versuch irrwitzig wäre, alle nennen zu wollen, die direkt oder indirekt zum Erfolg der Supershow beitrugen und kollektiven Anteil daran haben, dass die künstlerisch-konzeptionelle Gesamtabsicht (zentrales Autoren- und Redaktionskollektiv unter Leitung von Chefdramaturg Detlef Plog), möglichst vielen unterhaltungskünstlerischen Genres genügend Raum für eine jugendgemäße Präsentation zu geben, frohgesellige Veranstaltungsrealität werden konnte. Fünf Minuten nach zwölf (bzw. 24:00 Uhr), während sich ein paar Unentwegte vor der Kleinen Revue sammeln, um mit den Petty Cats, mit Ollys Diskothek und ein bisschen Nachtcabaret die Revue-Nacht ausklingen zu lassen, während sich draußen vor der Tür die Sonder-Straßenbahnen und Linienbusse mit revuemüden Jungfahrgästen füllen, noch mal der Blick zurück auf den späten Nachmittag des Vortages...

17:30 Uhr
In allen drei Foyeretagen sind die Spektakel-Präparationen abgeschlossen. Die Diskotheken Grammophon und Oxygene laufen lautstark an, das SCHAUORCHESTER UNGELENK macht letzte Lockerungsübungen, Illusionsmeister MARCO SKODAWESSELY prüft noch einmal die Schärfe des Sägeblattes, mit dem er später Partnerin Barbara vor aller Augen zerteilen wird, die Marionetten der Puppenbühne Firlefanz zerren schon mächtig an den Fäden, daneben üben Studenten der Fachschule für Artistik Flic-Flac... es kann losgehen.
002 20130426 1299440733 Jürgen Karney und Lippi (Wolfgang Lippert) empfangen unter einem, den gesamten Foyerbereich überspannenden, aufgeblasenen Riesenkranken die Gäste mit Handschlag. Sekt und Nonsensgaben wie Reizdessous mit aufgedrucktem Veranstaltungsmotto. Die urkomischen Typen des Pantomimentheaters Prenzlauer Berg "treiben" die Besucher weiter ins Foyergeschehen und das scheinbare Chaos auf die Spitze. Scheinbar, weil: Was hier im Laufe des Abends so locker und improvisiert abrollt, will genauestens durchdacht, auskalkuliert und organisiert sein. Und es ist zudem "durchgestylt" (Regie: Knut Merkel / Klaus Ohnesorge) über "Action"-Aktivitäten der Maske des Friedrichstadtpalastes, Pop-Mode oder Souvenir-Poster bis hin zu gastronomischen Extras und einer pop-funktionellen Ausstattung (Astrid und Erhard Zeisiger), die aus Zaungittern, Farbe und Neonleuchten eine ebenso zeitnah-modische wie stimmungsvolle Umgebung schafft. Im Casino geht die Musikwerkstatt ihrem Ende entgegen, in der Regisseur Uwe Lohse mit dem Berliner Gitarrentrio, dem Swing-Orchester, dem Gitarrenduo Feldmann und der Jazz-Formation Kupke über Musikpraktiken diskutiert und die jeweilige Auffassung mit musikalischen Beispielen unterlegt wird. Gleichzeitig füllt sich langsam der große Theatersaal zur Hauptrevue...

19:00 Uhr
Über Lautsprecher die unbestechliche telefonische Zeitansage. Und der Show-Express fährt auf die Sekunde genau ab. Das auf jugendlichem Revueterrain bereits bewährte Gestalterteam (Regie: Emil Neupauer) setzt bei der Auswahl der Mitwirkenden konsequent auf ein nationales, zumeist junges Unterhaltungsprogramm, und es kommt mit dem nötigen Ensemble- und Zeitgeist kraft- und wirkungsvoll über die Rampe. Und die Firmierung "Revue" ist nicht nur ein postmoderner Titelgag, sondern bewusstes Gestaltungsprinzip, das traditionelle Formen dieses Genres mit gegenwärtigen Inhalten verbindet oder kontrastieren lässt: Tanz, Gesang, Musik überhaupt, Artistik, Humor unterschiedlichster Art - visuell, musikstilistisch und in den Soundauffassungen von aktueller Machart.003 20130426 2066050746 Sicher ist die Symbiose beider Ebenen noch nicht in jedem Moment vollkommen, aber die Chance, ein für das gastgebende Haus wie das jugendfreundliche Anliegen gleichermaßen prägnantes Profil zu etablieren, wurde exemplarisch genutzt. Z.B. mit Kordula Günthers Grafitti-orientiertem Bühnenbild von der feinsten Popsorte (in schöner Korrespondenz mit den Kostümen von Ariane Appelmann und Annelise Pulst). Das auftaktige "Newcomer"-Bild mit Inka, IC, Rosalili, Artistenschülern und der sound-attraktiven Electronic-Pop Band wäre in diese aktuelle Trendlinie einzuordnen, insbesondere das Exklusiv-Duett Inka-IC "Segel in der Nacht", aber auch ICs Solo "Wunderland" und Rosalilis spaßig bewegter Revuerummel-Abstecher mit dem Tanztrio Mikado (Choreographie: F. Salmeyer). Bei Inkas Titel-Neustart "Kopf hoch" allerdings ist es schon dringend nötig, dass ein überdimensionaler Gummi-Clown publikumsfreundliche Streicheleinheiten verteilt. Im Showteil der "Vollprofis" bündeln Eva-Maria Pieckert, G.E.S., Cantus, das Orchester Lothar Stuckart und Lippi ihre musikantische wie bühnenpraktische Professionalität zum "Laserstrahl"-Chorsong (begleitet von faszinierenden Lasereffekten der Haustechnik), der sich spektral wieder in Einzelauftritte auffächert (z.B. Eva-Maria Pieckerts schöne neue "Sprüche"), um schließlich in ein mitreißendes Rock'n'Roll-Medley des Ensembles gemeinsam mit dem Ballett des Friedrichstadtpalastes zu münden (Choreographie: Benjamin Feliksdal). Possenspiels intelligent-klamaukige Rockparodien steigern daraufhin nicht nur die "Live-Is-Life"-Finalstimmung enorm, sondern schärfen nochmals den selbstironischen Blick auf all das, was in dieser Schau sehr ernsthaft gemacht, nicht aber so gemeint ist. Im gleichen, erfrischenden unkonventionellen Geiste sketchen, frozzeln, quizzen und witzeln auch die Ball-Gastgeber Jürgen Karney und Lippi durch den Gesamtabend, deren neues Sprech-Lied-Sing-Spiel "Immer am Ball" zu den gelungensten Pop-Neutönen zählt, die für die Jugendrevue geschaffen wurden.
 
004 20130426 101060803921:00 Uhr
Nun muss man sich entscheiden zwischen Foyer-Spektakel (Pop-Modenschau, Auktion, Gruppe anGENEHM, Rock'n'Roll-Band Fuffziger, Gauckler aller Art u.v.m.), einer stimmigen Casino-Talkshow mit Gästen aus Wissenschaft, Sport, Politik und Kultur, die im allgemeinen Trubel aufmerksame Zuhörer findet, oder für die Video-Diskothek in der Großen Revue, wo Karney und Lippi - noch immer unermüdlich am Ball - internationale und nationale, zum größten Teil für diese Veranstaltung produzierte Video-Clips im Großformat präsentieren und im Verein mit perfekt abgestimmten Laser- und Lichteinsatz auf der Vorbühne für eine Stunde Berlins größte und exklusivste Jugenddiskothek entsteht (Regie: Joachim Jäckel). Gut besucht übrigens auch von Protagonisten der neuen, jungen Pop-Garde wie Kerstin Rodger, Bärbel Naumann, Arnulf Wenning, "Bummi" (Ralf Bursy) oder William Koberstädt, die live zu ihren Videos auftreten und sich damit auf der Monsterbühne des Friedrichstadtpalastes erstmals auch ausprobieren können. Nach dem Disko-Abtanz des Studioballetts Berlin (Choreographie: Volker Tietböhl) hat die im Voll-Einsatz stehende Technik des Hauses aber noch lange keinen Feierabend, denn es gilt umzurüsten...
 
22:45 Uhr
Im Konzert (und dank der musikantischen Dynamik teilweise auch zum nicht vorgeplanten Tanz): Supercharge aus Großbritannien, deren musikalische Qualität mit vorwiegend aufbereitetem Soul, Rhythm & Blues und Rock'n'Roll der 60er Jahre nun livehaftig in Berlin zu erleben ist. Z.B. mit einem blitzsauberen Bläsersatz und einer dynamischen Musik, die keinen Alterungsprozess zu fürchten braucht. Solchermaßen aufgemöbelt wird der Abend im Foyer beendet, um wenig später im Leihwagen 654 den Versuch eines ersten Fazits zu unternehmen. Umsonst. Zu viele Eindrücke, zu wenig Abstand noch, zu spät. Gleich morgen aber wird resümiert und analysiert. Man will ja schließlich auch am Ball bleiben. Bis zum nächsten Jahr und der nächsten Jugend-Revue-Nacht im Friedrichstadtpalast.
 
 
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Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"



   
   
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