001 20130109 1130360737Premierenstimmung im Klubhaus der Neptunwerft - die Konzert- und Gastspieldirektion Rostock hebt ein neues Programm aus der Taufe: "Schlager heute", eine bunte Schau mit Tanz, Parodie, Humor und natürlich viel Gesang und Musik. Die knappen Conferenzen, im Wechsel von mehreren Mitwirkenden gesprochen, stellen die 14 Ensemblemitglieder vor und leiten die verschiedenen, ohne Rahmenhandlung aneinandergereihten Komplexe ein: Raketenstart; Vom Menuett zum Beat; DDR-Schlagerparade; Kriminal-Groteske; Fernsehstar-Parodie; Schlager nonstop. Wolfgang Brandenstein, Regisseur und Buchautor, sagt dazu: "'Schlager heute' sollen auch morgen noch aktuell sein. Fast alle Titel sind auswechselbar, weil nicht handlungsgebunden. Die Revue ist für Tourneen gedacht und auch im Ausland ohne Kommentare und Übersetzungen verständlich. Die wenigen Ansagen können unsere Leute in der jeweiligen Landessprache phonetisch einstudieren. Der 'rote Faden' des Programms besteht, wenn man so sagen kann, in der Popularisierung von Melodien aus unserer Republik. 80 Prozent der Titel stammen aus der Feder von DDR-Komponisten."

Bis zum letzten Tag war geschrieben, komponiert, arrangiert (überwiegend von Horst Krüger) und choreographiert worden. Das "Brandneue" einiger Nummern machte sich zwar am Premierenabend in Form von etwas Lampenfieber und einigen überhöhten Phonstärken bemerkbar, aber den Eindruck von jugendlichem Schwung und Musikalität konnte das nicht schmälern:
Das Niveau bestimmen die Mitglieder, die bereits im ersten Wolfgang-Brandenstein-Tourneeprogramm mitwirkten: Horst Krüger (b, git, org) arbeitete früher mit Klaus Lenz zusammen und machte in den letzten Jahren als Komponist und Arrangeur wie auch als Sänger von sich reden. Die Leitung des Horst-Krüger-Sextetts ist eine neue Etappe für den begabten jungen Musiker. Benno Penßler, Gitarrist und Gesangssolist mit bachtlichem Stimmvolumen, gehörte vor der Zusammenarbeit mit dem Brandenstein-Ensemble zum Hemmann-Quintett. Auch der Name Emanuel Manolow (sax, cl, fl) verbindet sich klangvoll mit der alten Truppe. Neu hinzu kamen Hermann Anders (p), vorher bei Klaus Lenz; Werner Düwelt (Melodiegitarre), der auch als Gesangssolist und Komponist viel zum Programm beisteuert, und Werner Gasch, ein Schlagzeuger von Format mit langjähriger Berufserfahrung u.a. beim Orchester Fips Fleischer. Die Sängerin Gerti Möller - ebenfalls zu dem "alten Hasen" des unter rühriger Patenschaft der KGD Rostock stehenden Ensembles gehörend - hatte wohl noch nie zuvor so glückliche Voraussetzungen, ihr ganzes Talent zu zeigen. Umzugspausen abgerechnet, ist sie volle zwei Stunden auf der Bühne, singend, sprechend, agierend, sogar tanzend, und ihr Repertoire im Chor-, Duett- und Sologesang reicht vom Tagesschlager über das chansonhafte Lied bis zur "Carmen"-Koloraturparodie.

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Zu der Gruppe von Musikern, die gleichzeitig Solo- und Backgroundsänger sind, kam nach einem Gastspiel im Steintor-Variete Halle der junge Choreograph und Tänzer Klaus Chmura mit dem Hansaballett (fünf Damen, zwei Herren), der hier neue Möglichkeiten und Wege des Revuetanzes erproben will. Das kleine Ballett steht noch am Anfang, auch was die technische Brillanz der ersten beiden Gruppentänze im Programm anbelangt. Interessante Lösungen wurden für die Verschmelzung von Gesangs- und Musiktiteln mit dem Tanz gefunden, besonders beeindruckte "Abenddämmerung", ein von den begabten jungen Tänzern Iva Pokorna (CSSR) und Waldemar Maciakiewicz (Polen) innig und ausdrucksvoll gestalteter Titel von Gerd Michaelis. Beide junge Künstler gehören seit vier Jahren dem Hansaballett an.

Knapp sechs Stunden nach der Premiere standen die Busse vor dem Rostocker Warnow-Hotel bereit für eine vierzehntägige Tournee nach Polen. Ausverkaufte Vorstellungen in der Poznaner Philharmonie, großer Beifall in Zielona Góra und Umgebung, enthusiastische Aufnahme in Szczecin (ich konnte sie mittels Tonbandmitschnitt nacherleben) und in anderen Orten. Täglich mehrstündige Hin- und Rückfahrt im nagelneuen Robur (mit leider nicht funktionierender Heizung, und das bei Minusgraden unter 10° C)! Die letzten fünf von fast 20 Vorstellungen erlebte ich mit.

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Vom Hotel "Centralny" in Inowroclaw fuhren wir nach Wabrzezno, einer Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern. Dem Motor des kleineren Gepäckbusses war die Kälte schlecht bekommen, dadurch verzögerte sich die Ankunft, dass die Zeit zum Auspacken und Aufbauen der Instrumente, Beleuchtungs- und Mikrofonanlagen stark zusammenschmolz. Jedes Ensemblemitglied ist gleichfalls Bühnenarbeiter, die beiden Kraftfahrer sind im Zweitberuf Beleuchter, die Garderobieren, Karin Gasch und Hanne Timm, legen im Eilzugtempo Garderoben und Requisiten griffbereit. Schon lange vor Beginn der Vorstellung wimmelt der Platz vor dem Kulturhaus trotz knirschender Kälte von Menschen. Das Programm zeigt Veränderungen gegenüber der DDR-Premiere. Nur vom Text her verständliche Titel sind gegen polnische Schlager, im original vorgetragen, ausgewechselt. Das Ensemble sollte einige solcher für Auslandstourneen speziell übernommener Titel aus sozialistischen Ländern in einer guten deutschen Fassung auch unserem Publikum vorstellen. Das wäre eine gute Möglichkeit, die Nonstop-Schlagerparade, die gegenwärtig aus DDR-Titeln sowie Spitzenschlagern aus westlichen Ländern besteht, vielseitiger zu gestalten.

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Herzlichen Beifall zollt das anfangs abwartend, aber interessiert folgende Publikum auch der DDR-Schlagerparade, die Bostella "Blau ist die Nacht" wird von einem Klatschkonzert begleitet. Nach diesem Höhepunkt und Abschluss kommt ein älterer Mann, früher selbst jahrelang als Ensembleleiter und Amateurmusiker tätig, hinter die Bühne, um "für den wunderbaren Abend" im Namen aller zu danken. Nächtliche Rückfahrt nach Inowroclaw, einige Stunden Schlaf, dann Aufbuch nach Bydgoszcz, Bezirksstadt mit 300.000 Einwohnern. Zwei Vorstellungen gehen über die geräumige Bühne des Kinos "Teatr". "Schade, dass sie nur heute hier sind, sie hätten mindestens drei Tage ein ausverkauftes Haus", meinte Regina Adamczak, Kulturredakteurin beim Sender Bydgoszcz nach ihrem in perfektem Deutsch geführten Interview zu den Künstlern. In Bydgoszcz führt der Rostocker KGD-Direktor Kaltofen die Verhandlungen mit den extra angereisten Vertretern der bulgarischen Künstleragentur zum guten Ende. Von Juni bis September wird das Tournee-Ensemble am Schwarzen Meer vor internationalem Urlauberpublikum auftreten.

Am folgenden Nachmittag gibt es in der Bergarbeiterstadt Konin angesichts des Auftrittsraums zunächst enttäuschte Gesichter: Eine Turnhalle mit Podium, kein Vorhang, über der "Bühne" hängen Basketballkörbe. "Ausgerechnet die letzten beiden Vorstellungen...". Und gerade die werden im Gedächtnis haften bleiben. Der ganze "Rang" sitzt voller Jugend, die vom ersten Takt an "voll" da ist, viele besuchen die Abendveranstaltung noch einmal. Musiker und Sänger vergessen Halsscherzen und Heiserkeit und holen noch einmal alles aus sich heraus.
Es gelingt ihnen, gegenüber so bekannten polnischen Gruppen wie "Trubadurzy" und "No to co", die knapp vier Wochen vorher hier gastierten, zu bestehen. Der Kommentar einiger junger Autogrammjäger zu der Musikrevue aus der DDR lautete: "Großartig, nur - zu kurz. Sie hätte nicht zweimal zwei, sondern zweimal vier Stunden dauern müssen..."


Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

 


   
   
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