bong: Gelegentliche Nachfrage in Sachen Schlager
(aus Melodie & Rythmus 2/1984. Bericht: Caroline Gerlach, Fotos: Herbert Schulze)

 

 

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Es gibt kein Jubiläum zu feiern, keine Rekorde anzupreisen, rein gar nichts Besonderes. Nur Alltag - Alltag einer Schlagersendung. Aber was heißt hier "nur"? Zu seltenen festlichen Gelegenheiten ein paar Bonbons präsentieren, ist wahrhaftig kein Kunststück. Auf die Dauer und als das Normale Qualität beweisen, ist dagegen, wie im sonstigen Alltag auch, ein großes und mühseliges dazu.

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Bei "bong" bekam man das im Laufe von nunmehr elf Folgen in zweifacher Hinsicht zu spüren. Sieht man, mit was für hübschen Ideen, technischen Raffinessen, aufwendigen Dreharbeiten diese Sendung inszeniert wird, darf man viel Mühe dahinter vermuten und dem Sendeteam um Regisseur Harald Becker bescheinigen, dass das Kunststück im Großen und Ganzen schon erfreulich oft gelingt. Und wofür die Mühe? Sind die Lieder, um die es hier ja in erster Linie geht, mit genauso viel Sorgfalt gemacht, haben die Interpreten mit gleicher Intensität daran gearbeitet? Es muss schließlich auch genug Substanz da sein, um diesen Aufwand zu rechtfertigen. Die Frage geht zwar nicht an die Macher der Sendung, aber sie geht sie an, weil nur vorgestellt werden kann, was Autoren und Sänger zu bieten haben. Und da sieht der Alltag nun doch ziemlich grau aus.
Aber zuerst zum Angenehmen. Jürgen Karney hat gehalten, was sein Start versprach - an Humor und Unbefangenheit nichts verloren, an Sicherheit hinzugewonnen, und so wird man in der Hoffnung auf einen guten Gag nie enttäuscht. Mir gefällt, dass er auf jede Vorbewertung verzichtet (in der Art "Und nun freue ich mich ganz besonders auf...") und es den Interpreten überläßt, sich beliebt zu machen. Immer findet er das rechte Maß zwischen Eigeninitiative und Zurückhaltung, weiß zum Beispiel genau, wann er Beppo Küsters Nachthemd wieder ausziehen muss, ohne den Witz übermäßig zu strapazieren. Und wer bei seinen Mini-Dialogen so eine schlechte Figur macht wie Tina, ist selber schuld - so knifflig sind ja seine Fragen nicht, dass man die Antworten krampfhaft auswendig lernen müsste.

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Auch den Kameraleuten und dem Regisseur gehen die Einfälle (sogar bei der vierten Wiederholung) nicht aus. So durfte sich Thomas Lück jedes Mal mit neuen Kurschatten vergnügen, Tina sich auf immer exotischeren Meeresgründen räkeln und Juckreiz sogar in Pelzvermummung zum FKK reisen, denn da war es schon ganz schön kalt. Und da ich sicher bin, dass andere Beppo Küsters verzweifeltes Bedürfnis nach absoluter Stille genauso komisch fanden wie ich, bin ich jetzt schon gespannt auf die nächste Video-Variante, die sich alle zusammen für die kommende Sendung austüfteln werden. Aber so einen dankbaren Fall gibt's natürlich nicht alle Tage.
Ursprünglich sollten den Wiedersehenswünschen zwar keine Grenzen gesetzt sein, aber dann entschloss man sich doch, den "Silbernen 'bong'-Stempel" zu erfinden, mit dem die Publikumsfavoriten nach dreimaliger Wiederwahl nunmehr verabschiedet werden.
Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle hoffnungsfroh (wenngleich wohl etwas vorschnell) festgestellt, mit dieser Sendereihe eröffneten sich neue Chancen für den Schlager, weil eine attraktive Darbietungsform ja eigentlich eine Herausforderung für alle Beteiligten sein müsste. Viele sind es jedenfalls nicht, die bisher etwas damit anzufangen wussten.

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Fünf neue Titel gibt es pro Sendung zu hören, drei weitere werden auf präzise ausgezählte Zuschauerwünsche hin aus der vorigen übernommen, macht zusammen bis jetzt 58. Da ein Vielfaches an Schlagern produziert wird, sollte es möglich sein, mit der monatlichen Auslese gewissermaßen in Mosaikform ein repräsentatives Bild unserer Schlagerlandschaft zusammenzusetzen. Dazu gehört auch, dass profilierte Interpreten und solche, die Aussicht haben, es zu werden, ihren regelmäßigen Fernsehfensterplatz bekommen. Neben dem Spaß, den Musik machen soll, müsste das unter dem Strich dabei herauskommen, oder? Nun hatten sich die "bong"-Schöpfer gleich zu Anfang selbst ein Bein gestellt, als sie die Absicht kundtaten, "nur solche Lieder anzubieten, die sich einer großen Popularität erfreuen". Eine geringe Möglichkeit zur eigenen Auswahl wollte man sich gerade noch offenlassen: "Wenn wir einen Titel entdecken, der Chancen hat, ein Renner zu werden, werden wir nicht zögern, ihn sofort den Zuschauern vorzustellen." (FF Dabei 7/83). Damit überläßt man also die Entscheidung darüber, was in "bong" überhaupt vorgestellt werden kann, im wesentlichen den Hörern (bzw. Schreibern) der Rundfunk-Wertungssendungen. Ein kleines Beispiel, in der Dezembersendung vorgeführt, erwies aber, dass Radiohörer anders werten als Fernseher. In Herbert Küttners "Schlagermagazin" (Berliner Rundfunk) behaupteten in der Jahresbilanz 1983 Maja-Catrin Fritsche mit dem Lied "Freundliches Wort" und Ina-Maria Federowski mit "Haus ohne Kinder" wochenlang Spitzenplätze. Bei "bong" fiel die eine sofort, die andere nach einer Wiederholung "durch die Roste". Ohnehin, das sei mir als ganz persönliche Bemerkung erlaubt, sind die Tücken ausschließlicher Publikumswertung nicht zu übersehen, denen eben auch so ein wunderschönes Lied wie "Einerlei" mit Gaby Rückert zum Opfer fiel. Schade.

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Zugunsten der "bong"-Redakteure muss aber gesagt werden, dass sie sich nicht durchweg an diese Selbstbeschränkung gehalten haben, sondern auch Mut zur Eigenwilligkeit bewiesen. Sonst hätten wir vielleicht Silvia Kottas, Ines Paulke oder Zsuzsa Koncz gar nicht zu sehen bekommen, und das wäre ein ausgesprochener Verlust gewesen. Ein bisschen zu tief in die nachbarliche "STOP! Rock"-Kiste hatten sie freilich mit der Gruppe Modern Soul gegriffen, aber die Grenzen und gegenseitigen Durchlässigkeiten müssen wohl erst noch ausprobiert werden. Die Puhdys, Karat, Ute Freudenberg, Petra Zieger, Neumis Rock Circus, Juckreiz und andere werden sicher auch in Zukunft mit Erfolg doppelgleisig fahren, das ist schon selbstverständlich.
Aber von denen, die die Schlagerszene im engeren Sinne bestimmen, fehlten mir und gewiss vielen Zuschaern bisher noch eine ganze Reihe. Frank Schöbel war entschuldigt, doch wo blieben Muck, Bernd Dewet, Sascha Thom, Ingrid Pollow, Dina Straat, Regina Thoss, Uwe Jensen, Roland Neudert, Gerd Christian oder die auf der Leistungsschau '83 Ausgezeichneten, zum Beispiel Michael Hansen, Achim Menzel? Haben sie keine Lieder, die gut genug wären, hier vorgeführt zu werden? Wenn nein (und das ist bei den meisten zu befürchten), warum nicht? Die "bong"-Leute können ihnen keine backen, sie können nur das Beste daraus machen. Wenn ich die vielen neuen Namen sehe, die statt dessen aufgetaucht sind (Duo Rommé, Eva Kyselka, SIS, Manfred Gorr, Kati Steinhöfel, Jutta Freitag, Ilona Becker, u.a.) finde ich ein Missverständnis zwischen der Aufmerksamkeit, die dem Nachwuchs gewidmet wird, und der kontinuierlichen Arbeit mit bewährten Interpreten; allzu schnell geraten sie in Vergessenheit, und manch einer zu Unrecht.
Da etwas geradezurücken, bietet "bong" Chancen - die es angeht, sollten sie nutzen.

 

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Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"


   
   
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