000 20130109 1609446659aus Melodie & Rhythmus 11/1985. Autor: Walter Kutzner, Fotos: Roland Radics

Wie einige andere Formationen unserer Rockszene feiert auch die BABYLON–Band in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Dass sie bedauerlicherweise nicht gleichfalls – wie beispielsweise REFORM – trotz vieler Medienproduktionen auch auf mehrere Langspielplatten zurückblicken kann, hat viele Ursachen, von denen wohl eine der beiden wichtigsten ist, dass BABYLON ja erst 1979 aus dem Amateurstatus hinüber ins Profilager wechselte, somit erst halb so alt wie z.B. REFORM ist.

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Die andere liegt am Rockgenre selbst, das auch weltweit und zumindest die Medienpublizistik betreffend, trotz der relativ großen Anhängerschar, zu den Minderheitengenres gezählt wird und das durch seine Wildheit und Unbändigkeit nicht immer mit der gebührlichen Aufmerksamkeit und Achtung bedacht wird. Kurz: BABYLON macht Hard– bis Schwermetallrock und zählt damit zu der leider nur geringen Zahl von Profibands unseres Landes, die solcherart tun.

Zweifellos wird natürlich auch jeder wie immer geneigte oder gealterte, ästhetisierte oder geschmackssichere Redakteur wie Produzent stets sowohl auf die allgemeinen Unwägbarkeiten dieses Genres hinweisen wie auch auf womöglich noch vorhandene Mängel oder Unsicherheiten in der handwerklichen, technischen oder Soundspezifik einer solchen Band. Aber ohne HM–Neigung, ohne exaltierte Liebhaberei und ohne die unbedingte Bereitschaft, tatsächlich HM zu profilieren, geht es nun einmal nicht.

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So hatte auch BABYLON wohl eine nicht nur kurze zeitliche Distanz lang mit eigenen und nichteigenen Identifikations- und Gestaltungsproblemen zu kämpfen, Problemen, die den gerade in diesem Genre so schädlichen Kompromiss etwa mit einem allzu separaten, sauberen Gesangssound, einer allzu klinischen Mischung, einem allzu hygienischen Bass oder einem viel zu netten Text zur Folge haben und die zwangsläufig in alle Popper-Abgründe führen müssen. Glücklicherweise hat BABYLON solche Unsicherheiten ihrerseits völlig überwunden, wie mir Bandleader und Bandgründer Dieter Wiesjahn unlängst versicherte und wie ich es vor allem selbst an "Geisterstunde" und "Komm gib mir mehr", den beiden neuesten BABYLON–Stücken, erhören konnte.

Vorangegangene, z.T. sehr erfolgreiche Stücke wie der Prüfungssong "Alles Gute" oder die Fetennummer "He, kommt alle 'rüber", aber auch "In der S-Bahn" und "Gib Gas und komm" haben diese Tendenz schon klar angedeutet, so dass es eigentlich kein Wunder ist, wenn sich die Band heute klar und vielversprechend fixiert zeigt. In jedem Fall offerieren diese Songs eine professionell strukturierte, klare HM-Phraseologie, die den aktuellen Anforderungen des Genres voll gerecht zu werden scheint.

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Die Wendung "Superschwerer Hardrock" ist daher sowohl eine treffende, von Dieter Wiesjahn formulierte, Bestimmung der eigentlich alten BABYLON–Neuorientierung wie auch ihr frappanter Slogan, den man neuerlich auf ihrem Werbematerial vorfindet. Dennoch aber hat der mit einer außerordentlich soliden, langjährigen musikalischen Ausbildung versehene BABYLON–Komponist Dieter Wiesjahn mit und vor allem auch ohne seinen rührigen Org.-Leiter Lothar Heinrich für heute und für die Zukunft hinreichend zu tun. Gilt es doch, nicht nur den gefüllten Terminkalender der Band zufriedenstellend abzuarbeiten, sondern auch eine Menge Proben- und Neueinstudierungszeit zu absolvieren, d.h. den Slogan immer mehr mit Leben zu erfüllen. Das dürfte trotz aller Professionalität noch ein ganzes Stück Arbeit beinhalten, sicherlich noch an einem immer homogeneren, immer kompakteren Gruppensound zu arbeiten.

In Detlef Volquardsen (voc, keyb) hat der BABYLON–Bandleiter zweifellos einen ersten Partner, der (insbesondere nicht nur durch den Gros passabler Texte) eine wesentliche Stütze ist. Aber auch die anderen BABYLONier mit Andrej Horvath (g), Carsten Heinrich (dr) und Hubert Ranft an der Bassgitarre machen einen so guten Eindruck, dass es mir fast müßig erscheint, die Erfolgsliste der Band mit dem wirklich prächtigen Namen BABYLON herunterzurattern.

Dennoch dürfte die frühzeitige Auszeichnung mit dem Titel "Hervorragendes Amateurtanzorchester der DDR", die Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen der DDR, die Auftritte in den Fernsehsendungen "rund" und "STOP! Rock!", die Tournee durch die UdSSR, durch Ungarn und Bulgarien, die Teilnahmen an "Rock für den Frieden", die Titelproduktionen auch bei AMIGA der Erwähnung wert sein.

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Unter anderen mit den Stücken "Erde halt die Balance" (Text: Kurt Demmler), "Schwarzer Schnee" (Text: Katharina Koch) und "Monopoli – nie mehr Krieg" (Text: Kurt Demmler) dürfte BABYLON nicht nur ihrer Teilnahme an "Rock für den Frieden" einige Ehre gemacht haben, wobei solche noch unerwähnten Songs wie beispielsweise die "Dschigiten-Legende", "Der Typ mit dem Radio", "Dampfmaschine", "Heiße Nächte", "Wilde Träume" oder "Sommerzeit – ich hab' Ferien" nicht weniger beachtet werden sollten. Tatsächlich ist so das gesamte BABYLON-Repertoire nicht erst seit gestern nahezu ausschließlich Eigenrepertoire, wenn auch aus Publikumsrücksichten und Neigung drei SCORPIONS–Songs sowie ein AC/CD–Leitsong ("Hole Lotta Rosie") im ständigen Programm enthalten bleiben. Wer die HM-Liveszene kennt, weiß wie hoch eine solche Eigenständigkeit eingeschätzt werden muss.

Zehn Jahre ist BABYLON nun jung, sechs Jahre erst ist sie eine Profiband in einem keineswegs einfachen Rockgenre. Ich denke, dass die Band das Meiste und das Beste noch vor sich hat, dass hoffentlich auch in nicht allzu ferner Zeit eine BABYLON–LP zu haben sein. Und: Die besten Wünsche zum Jubiläum!

 

Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"
 

   
   
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