Melodie & Rhythmus stellt vor: Amor & die Kids
(aus Melodie & Rythmus 5/1987, Autor: Michael Meyer)

 

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Rockmusik aus Leipzig steht gut im Kurs. Beispiele aus der DDR-Rockgeschichte belegen das. Jetzt ist Nachschub angesagt: Amor & die Kids.
Gegründet im Mai '85, galten diese Jungen einige Zeit als Insider-Tipp. Aber man war skeptisch: knallharter urwüchsiger Rock 'n Roll im Popzeitalter? Pfiffige Veranstalter jedoch, jene Spürnasen mit dem realistischen Kisten- und Kassen-Denken, hatten längst begriffen, dass der Publikumsschwund in den Konzertsälen etwas mit Mangel an Attraktionen, an Bewegung, an Experimenten, an Frische zu tun hatte. Sie griffen zu. Sie kauften eine Band ein, die zu überraschen und zu überzeugen verstand: Amor & die Kids.

Wie begann das?
Hervorgegangen aus dem ehemaligen Süd-Rock-Team, steht eine Mit-Mach-Mugge in Dresden als Geburtsstunde im Stammbuch der Band. Dort trafen die jungen Leipziger Rocker auf einen alten Leipziger, der im „Tanz- und Schauorchester“, einer ulkigen Studententruppe, gebündelt Rock und Satire unter das Volk schleuderte. Dieses Wie und Was begeisterte die jungen Leipziger. Sie sprachen den „Schleuderer“ an. Frank Schüller („Amor“) heute über diese ersten Minuten:
„Im DDR Durchschnitt suchen sich alte Kapellen junge Frontleute, um die Falten aus dem Gesicht zu kriegen. Hier nun suchte sich eine junge Band eine Alten. Hab mir gedacht, das ist so verquer, das ist es eigentlich! Als Linie stand und steht: Rock 'n Roll der 60er mit Instrumenten der 80er.“

Damit war das Kommando programmiert. Sie igelten sich ein, sie suchten sich keinen Mentor, keinen Förderer, sie liefen nicht plaudernd durch die Gegend; sie arbeiteten. Intensive Quatsch- und Schwatzstunden ließen ein Profil theoretisch entstehen.
Zwei der „Kids“ sind ehemalige Thomaner, beide stehen nicht so darauf, dass man das schreibt. Ist aber wichtig, nicht nur deshalb, weil sie aussehen, wie man sich Thomaner vorstellt: etwas schmal, brav, hübsch, Bestschüler- und Muttersöhnchentypen. Und dann bricht auf der Bühne die Hölle los. Das muss man erleben. Also jedenfalls haben Trommler Tobias Künzel (auch talentierter, einfallsreich-witziger Komponist und Texter), Gitarrist Mario Rostenbeck (Bandchef ), Bassist Dirk Posner und Saxophonist Falk Kindermann in dem studierten Verkehrswesenexperten „Amor“ eine eindrucksvolle Kontrastfigur gefunden. Amor geht die Leute an, steht schwer und massiv wie ein Fels, während um ihn herum das quicklebendige Rock 'n Roll-Feuer lodert.

Erster Auftritt:
...während des Pfingsttreffens der FDJ 1985. Tobias Künzel über diesen Start: „Da lief es noch recht finster ab. Wir begriffen, dass wir noch viel zu basteln hatten.“ Dennoch genügte jener Einstieg, um die Band nachhaltig ins Gespräch zu bringen. Die Szene war hellhörig geworden. Denn, zur Werkstatt Tanzmusik des Bezirkes Leipzig, folgte der Durchbruch. Tobias: „Hier wurden wir geweckt.“ Nicht nur für die Musiker war das eine wache Stunde. Verblüfft: die Juroren, Berater, Musikerkollegen; war da doch etwas gewachsen, ohne sie zu befragen, sogar ohne ihr Wissen, gar im Geheimen, Verborgenen, Wie das?

Amor & die Kids. Professionelle Amateure der Sonderstufe. Genau gearbeitete, deutliche, derb-freundliche Texte, gepaart mit Rock 'n Roll, sind ihr Markkenzeichen. Erste Titel wurden produziert, z.B. „Amor und die Kids“, „Wunderkind“. Nach emsiger Tag- und Nachtarbeit im Studio entstand eine Art Session-Song, in den u.a. Katrin Lindner mit einstieg; ein wuchtiger, kraftvoller, eigentlich improvisierter Rock 'n Roll, bei dessen Spiel zufällig die Bandmaschine mitlief (Titel: „Schwabb-Schubi-dua“): Livehaltige Rockmusik, mit der wir nicht gerade üppig ausgestattet sind.

Weitere Stationen von Amor & die Kids:
Sonderpreis der Sektion Rock beim Komitee für Unterhaltungskunst zur 12. Zentralen Leistungsschau der Amateurtanzmusik `86! Förderpreis des Zentralrates der FDJ zur VIII. Werkstattwoche Jugendtanzmusik, Herbst `86!
Erfreulicherweise sind mit diesen Auszeichnungen immer Titel-Produktionen verbunden. Auch auf Platte ist die Band mittlerweile zu hören, auf der EP „Startschuss 2“ („Wunderkind“). Außerdem hat AMIGA für den Herbst '87 eine Quartett-Scheibe in Vorbereitung. Darauf wird ein Song vertreten sein, dem ich eine Art „Amor“-Hymnen-Wirkung voraussage: „Komm doch mit...“

Die Amor-Musiker sehen ihren Erfolg sachlich–nüchtern. Abheben gilt nicht. An kreativer Kraft haben sie Vorrat. Zahlreiche Ideen sind zu Papier gebracht, werden in den Konzerten getestet, in Probennächten verändert und erneut vorgestellt. Bis die Resonanz sie erst einmal befriedigt. Diese Zufriedenheit hält nicht lange an. Veränderung ist ihnen Programm. Sonst wären aus ihnen keine Rocker geworden.


Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

 


   
   
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