000 20130109 1152599777aus Melodie & Rythmus 7/1968. Autor: Karlheinz Drechsel, Fotos: ohne Angabe

 

Treffpunkt Jazz '68 - So lautete das Motto des Jazzkonzertes, das am 26. Januar 1968 mit professionellen Musikern der DDR zum dritten Male über die Bühne des Dresdner Kongresssaales ging. Als ich im Dezember 1965 den ersten Versuch dieser Art von Jazz-Leistungsschau unternahm (AMIGA veröffentlichte jetzt hiervon Ausschnitte auf der LP 'Jazz Via Dresden'), dachte niemand an alljährliche Fortsetzungskonzerte. Dass sie sich jedoch inzwischen ergeben haben und darüber hinaus eine zielgerichtete Zusammenarbeit zwischen der KGD Dresden und dem Rundfunk erwachsen ist, dürfte - besonders von den Musikern - begrüßt worden sein.

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Es ist das Hauptanliegen der einmal jährlich veranstalteten Konzerte, einen gewissen Überblick zur Situation des professionellen Jazz in der DDR zu geben, unter besonderer Berücksichtigung von Qualität, Novität und dem Bemühen um neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Jedes der drei bisherigen Konzerte enthielt echte Höhepunkte und "Entdeckungen"; so manche Gruppe wurde nach dem Dresdner Auftritt für Konzertveranstalter interessant, wobei ich vor allem an das Friedhelm-Schönfeld-Trio, an die speziell für Dresden formierte Berlin-Leipzig-Combo und an die ebenfalls spezielle Studio-Besetzung um Ernst-Ludwig Petrowsky (woraus inzwischen das Jazz-Ensemble STUDIO IV beim Deutschen Demokratischen Rundfunk hervorgegangen ist) denke. Und in diesem Jahr gab es eine fast sensationelle Überraschung durch das Max-Dolsdorf-Trio.

So gesehen, brachten die drei Groß-Konzerte ebenso erfolgreiche wie auch interessante und nützliche Ergebnisse, die eine Einschätzung des DDR-Jazz durchaus gestatten und vor allem auch zeigen, dass wir keineswegs so Jazz-"arm" sind, wie es manche leichtfertige und überhebliche Ansicht in der Vergangenheit zum Ausdruck brachte. Darüber hinaus geben die Konzerte dem Musiker eine echte Chance - woran es bisher fehlte -, jene Beachtung zu finden, die nun einmal der schöpferische Künstler benötigt wie die Blume das Wasser, um nicht zu verkümmern. Diese Chance bot TREFFPUNKT JAZZ '68 drei von insgesamt fünf mitwirkenden Ensembles. Wie wurde sie genutzt?

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Der bestens bekannte Baritonsaxophonist MANFRED SCHULZE war mit der Gerhard-Stein-Combo, zu der er seit Jahren gehört, aus Leipzig angereist, um eine von ihm 1966 geschriebene viersätzige Komposition als Jazzbearbeitung erstaufzuführen. Das Ergebnis befriedigte leider nicht, es konnte einfach nicht befriedigen, denn es ist kaum möglich, eine ausschließlich auf Tanzmusik festgelegte Besetzung quasi über Nacht zur Jazz-Combo umzukrempeln, trotz aller Bemühungen der Beteiligten. So konnte als einziger Musiker nur Manfred Schulze selbst überzeugen, der für sein gewagtes, musikalisches äußerst kompliziertes Unternehmen eine weit intensivere Probenarbeit hätte ansetzen müssen. Es blieb an Positivem vor allem der Eindruck von der ursprünglich für ein modernes Kammer-Quintett geschriebenen Komposition selbst, die an jenem Abend in Dresden ihren endgültigen Namen "Dresden Suite" erhielt. Kompositionsideen und das Bemühen um neue Ausdrucksformen erweckten den Wunsch, die "Dresden Suite" in der Interpetation einer dafür prädestinierteren Besetzung zu hören, nicht zuletzt im Interesse des Komponisten.

Weit mehr, quasi im Sturm, nutzte das MAX-DOLSDORF-TRIO die Chance des Konzert-Debüts. Es bestachen nicht nur die hervorragenden Leistungen des Gitarristen Dolsdorf, der schon 1959 als bester Solist seines Instruments in der DDR galt, sondern vor allem die grandiose künstlerische Geschlossenheit des Trios (Hans Schätzke - Bass / Wolfgang Schneider - Schlagzeug), das hohe Maß an Integrität, Geschmack und Swing. Drei begabte Solisten demonstrierten die hohe Kunst des Kollektivs, verschmolzen zur echten Einheit und sorgten für melodiebetonte Spannung, ohne "modernistische" Gewaltkonstruktionen, aber mit glänzender Spiellaune und sogar - man höre und staune - mit einem Lächeln. Mit dem Max-Dolsdorf-Trio erhielt der DDR-Jazz äußerst bemerkenswerten Zuwachs, und es ist erfreulich, dass das Trio als spontane Reaktion auf seinen Konzertbeitrag für die im März stattgefundene Tournee mit dem sowjetischen Igor-Brill-Trio als zusätzliche Gruppe verpflichtet wurde.

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Die dritte Chance ergab sich schließlich für das von GÜNTHER FISCHER (Altsax) und Reinhard Lakomy (Piano) gemeinsam geleitete Doppel-Quartett, in dem das bekannte Streichquartett der Berliner Musikhochschule für die besondere Note sorgt. Die Arbeit mit Streichern ist im Jazz längst nicht mehr neu, aber immer wieder reizvoll, wenn richtig genutzt. Insofern sollten Günther Fischer und Reinhard Lakomy, die erfreulicherweise ausschließlich eigene Kompositionen vorstellten, das Streichquartett noch stärker in das Gesamtgeschehen einbeziehen, um ihm damit den jetzt noch z.T. anhaftenden "Rahmencharakter" zu nehmen. Auch machen witzige Kompositonsnamen wie "Der Floh mit der Brille" noch keine Musik voller Witz. Eine gewisse Monotonie in der Wahl der Mittel, vor allem in harmonischer Sicht, ließ sich nicht überhören. Diese Bemerkungen ändern jedoch nichts an der Tatsache, dass der erste Konzertauftritt des noch im Experimentierstadium befindlichen Doppel-Quartetts, in dem Günther Fischer als einer unserer heute glanzvollsten Saxophonisten eine herausragende Solistenposition einnimmt, zweifellos verheißungsvoll verlief und uns hoffen lässt, dass die begonnene Arbeit zielstrebig fortgeführt werden möge.

Nicht um die große Chance ging es der DIXIELANDGRUPPE DER DRESDNER TANZSINFONIKER und dem Jazz-Ensemble STUDIO IV. Es erübrigt sich fast, über die Dresdner Musiker um Günter Hörig noch Worte zu verlieren; mit ihrem betont eigenen Dixieland-Stil, gekonnt und mitreißend musikantisch, gaben sie dem hauptsächlich modern orientierten Konzert eine vom Publikum vielbeklatschte Variante. Hingegen traf der vom STUDIO IV erwartete künstlerische Höhepunkt leider nicht ein, wofür die Ursache keineswegs bei den uns seit langem als erstklassig bekannten Solisten (Ernst-Ludwig Petrowsky, Hubert Katzenbeißer, Hans-Joachim Graswurm, Eberhard Weise, Klaus Koch, Wolfgang Winkler) lag. Der Mangel ergab sich zum einen aus der ziemlich unglücklichen Programmgestaltung, die das Ensemble vorgenommen hatte, aber vor allem aus dem rein musikalischen Ablauf der einzelnen Kompositionen.

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Bei dem hohen und schwierigen Ziel, das sich das Ensemble gesteckt hat, nämlich in einer Art von Verschmelzung zeitgenössischer Strömungen und Tendenzen zu einem eigenen Profil zu finden, ist es einfach nicht mehr möglich, sich mit einem kollektiv gespielten thematischen Auftakt und Ausklang und eventuell kurzen Ensemble-Zwischenpassagen zu begnügen, aber ansonsten einen überlangen Chorus an den anderen zu reihen. Fehlt die durchgehende Gesamtgestaltung, die für jedes Thema neu zu erarbeitende Konzeption, die ein ständiges Miteinander der sechs Solisten beinhalten muss - trotz Chorusspiel - dann steht bei der vom STUDIO IV gewählten Art des Jazzmusizierens selbst der genialste Solist auf relativ verlorenem Posten. Das Ensemble hat die Problematik selbst erkannt, und es sei nicht verschwiegen, dass sich im Repertoire bereits manch überzeugende Arbeit befindet. Allerjüngste Funkproduktionen vertiefen den positiven Eindruck von der künstlerischen Weiterentwicklung, was nach einjährigem Bestehen von STUDIO IV die Gewissheit gibt, dass das Ensemble sein selbstgestecktes Ziel erreichen wird.

Uns bleibt die Erwartung des nächsten Jazz-Treffpunktes in Dresden, womit sich bei allen Beteiligten die Hoffnung verbindet, dass sich dann zu den aus allen Teilen der DDR regelmäßig erscheinenden "Schlachtenbummlern" auch erstmals die Vertreter der Konzert- und Gastspieldirektion gesellen mögen und die Veranstalter ihrerseits bereit sind, dem repräsentativen Jazzkonzert der DDR auch eine adäquate Bühnengstaltung zu geben.


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Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

 


   
   
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