Fachrichtung Tanzmusik:
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Bericht von der Fachrichtung Tanzmusik der Hoch-
schule für Musik "Carl Maria von Weber" in Dresden

aus Melodie & Rythmus 14/1968. Autor: Wolfgang Lange, Fotos: ohne Angabe

 
 
In der Hochschul-Aula probte das Orchester die "Fledermaus"-Ouvertüre und den "Kaiserwalzer". Von solchen Klängen empfangen zu werden, erschien wie eine verbindliche Exposition zu Gesprächen und Unterrichtshospitationen bei der Fachrichtung Tanzmusik, die mittlerweile sechs Jahre besteht. Die in Berlin ist bald drei Jahre alt; Weimar und Leipzig sind im Entstehen.
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Dresden hatte die größten Startschwierigkeiten. Es gab keine schriftlich fixierten Erfahrungswerte in- und ausländischer Klassen für Tanz- oder Jazzmusik an Hochschulen.
Nach zwei Jahren hatte man erstmals einen Lehrplan fixiert, der, inzwischen häufig revidiert, nun in endgültiger Form vorliegt. Die lehrmethodische Festigung der Fachrichtung ließ unter anderem auch ein dickes Buch mit Studienmaterial entstehen, das von Lehrern und Studenten erarbeitet wurde. Inzwischen hat sich einer unserer Musikverlage dieses Studienmaterials angenommen und druckt diese von Lehrkräften der Dresdner Fachrichtung besorgten Übungen. Bemerkenswerterweise zeigt sich auch ein österreichischer Verlag an diesen Ausgaben interessiert.

"Mit dem fachlichen Vorankommen wuchs die moralische Anerkennung im Hochschulgefüge. Das zeigt sich auch darin, dass die in erster Zeit zutage tretende Arroganz verschiedener Studenten des klassischen Zweiges - sie machte mitunter auch nicht Halt vor uns Lehrkräften - immer mehr vor dem Respekt erheischenden Können unserer Studenten kapitulierte. Andererseits erfuhren wir von Beginn an seitens der Hochschulleitung und aller Lehrkräfte des klassischen Zweiges nicht nur wohlwollendes Aufmuntern und Entgegenkommen, sondern tatkräftige Unterstützung. Sie äußerte sich beispielsweise darin, dass in einem Jahr mal kein Klavier für die klassische Abteilung gekauft wurde, sondern eine Orgel für die Tanzmusiker. Mit Genugtuung stellen wir fest, dass es keinen Studenten meiner Fachrichtung gibt, der in den Grundlagenfächern Musiktheorie oder Gehörbildung nicht mindestens die Note 'gut' hat", sagte uns Günter Hörig. Nicht minder gut sind die Leistungen in den Instrumentalfächern und im Arrangieren. Lassen wir die Namen der Lehrkräfte Revue passieren, dann wird es erklärlich:
Günter Karpa (Trompete), Walter Hardtmann (Saxophon), Willi Baumgärtel (Posaune), Lothar Spiller (Bass), Siegfried Ludwig (Schlagzeug), Manfred Pieper (Klavier), Walter Wirsig (Gitarre), Siegfried Pfeiffer (Arrangieren) und unser Gesprächspartner, Fachrichtungsleiter und Lehrkraft für Klavier, Günter Hörig.

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Die Zahl der Bewerber für einen Studienplatz wird von Jahr zu Jahr größer. Mit ihr steigen die fachlichen Anforderungen in der Aufnahmeprüfung. Ohnehin läßt sich aus einer größeren Anzahl von Bewerbern, in diesem Jahr waren es allein 80, eine bessere Auswahl treffen als aus ganz wenigen Anwärtern auf einen Studienplatz, wie es in den ersten Jahren der Fachrichtung der Fall war. Zwölf Studienplätze (davon vier für Abendstudenten) konnten in diesem Jahr vergeben werden. Großer Mangel herrscht immer noch an Posaunisten, auch an Schlagzeugern und Bassisten. Gerade das Fehlen von Posaunisten erschwert ein wenig die Satzarbeit, die ab dem zweitem Studienjahr beginnt.

"Wir sind sehr daran interessiert, dass junge Menschen zu uns kommen", klärte Günter Hörig auf. "Je jünger, um so besser, denn dann sind sie noch wenig 'verdorben': Viele Studenten kamen zu uns mit einer unkultivierten Tongebung, falscher Ansatztechnik und so fort. Schuld daran sind Unarten, deren Ursache anstrengendes tägliches Spielen, dadurch hervorgerufene Ermüdungserscheinungen sind, die zu spieltechnischen Nachlässigkeiten führen. Keiner sagt den jungen Leuten, was sie schlecht machen, wie man verbessern muss. Wir haben dann unendliche Mühe, all diese Fehler in stilistischer und tecnischer Hinsicht auszumerzen.
Die Aufnahme junger Leute bereitet uns ein anderes zusätzliches Problem. Diese 16-, 17-jährigen sind hier in einer großen Stadt weit weg von 'Muttern'. Sie wohnen im Internat und müssen sich erst diesen neuen Verhältnissen anpassen. Dieses Eingewöhnen dauert so seine Zeit, mitunter sind dann Studienleistungen sehr labil."

Deshalb ist es zu begrüßen, dass die Studenen erst ab zweitem Studienjahr zweimal wöchentlich mit einer Combo spielen dürfen. Dieses Routinesammeln hat sich insgesamt als dienlich erwiesen, anfangs gab es Disziplinschwierigkeiten, Beschwerden hinsichtlich der Einhaltung des 60- zu 40%-Verhältnisses. Jetzt übt die Hochschule größere Kontrolle aus. Eine gute Idee behält man in Dresden trotz einiger Schwierigkeiten im Auge. Man ist auf der Suche nach neuen Formen, die Fachrichtung 'draußen' wirksamer werden zu lassen.

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Verhandlungen über einen Vertragsabschluss zwischen der Hochschule und der neuen HO-Gaststätte "Am Zwinger" sind schon seit langem im Gange. Jeden Tag soll in dieser Gaststätte eine andere Formation der Studenten in möglichst unterschiedlicher Instrumentalbesetzung spielen. Die Studenten stehen so mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit als wenn sie mit Laien-Combos spielen. Dort sind sie auf Grund ihres Könnens konkurrenzlos, hier aber würden sie sich gegenseitig zu besseren Leistungen treiben, es bestünde ein sehr förderlicher und gesunder Wettbewerb zwischen den einzelnen Formationen.

Die Archillesferse in der Ausbildung unserer Tanzmusikstudenten ist die Unterhaltungsmusik. Nicht alle Absolventen werden einmal in Combos oder Orchestern arbeiten, die nur Tanzmusik spielen. Und dann stehen sie vor der Tatsache, auch mal einen Kálman, Léhar, Strauß, Masanetz, Wehding spielen zu müssen. Sie tun es größtenteils mit Nachlässigkeit, vom Blatt und ohnehin meist auf ihrem Hauptinstrument. Die Geige dominiert aber auch heute noch in der Gaststätten-Unterhaltungsmusik - und auch in den Funkproduktionen. Meist wird dieses Genre in unseren Cafés nur von älteren erfahrenen Musikern mit Sorgfalt, aber ohne sonderlich modernes Profil interpretiert. Den Jüngeren liegt die Tanzmusik mehr am Herzen. Unterhaltungsmusik spielen sie am Nachmittag - vertraglich verpflichtet - auf Geheiß der Gaststättenleitung. In Dresden weiß man um dieses Problem. Nebeninstrumente sind Klavier (klassische Ausbildung) und Schlagzeug. Der Unterhaltungsmusik konnte noch nicht gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden, die Hochschule hat mit der Ausbildung für Tanzmusik vorerst genug zu tun, und die Konzentration auf ein neuerliches Gebiet, Unterhaltungsmusik, würde zur Zeit die Kräfte übersteigen. Obwohl, es besteht Aussicht, dass der Konzertmeister des Estradenorchesters des Deutschlandsenders, Kurt Eichler, Kurse über geigerische Stilistik der U-Musik für die Orchestermusiker der klassischen Richtung abhält, die ja später in Theaterorchestern auch Operetten und Musicals mit modernen musikalischen Zuschnitt spielen müssen. Einem Tanzmusikstudenten, der Geige spielen lernen möchte, stünde nichts im Wege. Bis jetzt traute sich aber noch keiner an dieses Instrument heran. Aber vielleicht sollte man mit Nachdruck auf die Wichtigkeit dieses Instruments auch für TM-Studenten verweisen.

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"Ich halte es aber für nahezu ausgeschlossen, dass man mit etwa 18 Jahren noch geigerische Fähigkeiten erlangt, die später nach Absolvierung des Studiums auch wirklich effektiv in der Praxis sind", entgegnet Günter Hörig. "Mich bewegt vielmehr die Frage, ob unsere Unterhaltungsmusik instrumentell grundsätzlich eine Umfunktionierung erfahren müsste. Vertragen kann sie es in vielen Fällen. Ich glaube, dass Unterhaltungsmusik, wenn sie geschickt für Saxophon, Vibraphon, Orgel beispielweise arrangiert wird, größeres ästhetisches Vergnügen bereiten kann, als es vielfach mit den konventionellen Salonbesetzungen möglich ist."
Das sollte man am besten in der Tanzmusikklasse ausprobieren. Gewiss sind nicht alle Kompostionen, die unter den Terminus Unterhaltungsmusik fallen, für moderne Instrumentalbesetzung geeignet, und sicherlich muss man auch Wünschen älterer Menschen entsprechen, die lieber Unterhaltungsmusik im konventionellen Gewande hören. Zumnindest ist der Hinweis Günter Hörigs nicht nur des Überlegens wert.

Ein wesentliches Problem der Fachrichtung in Dresden harrt noch der Lösung: Die Raumfrage ist groß, der Hauptfachunterricht (außer Schlagzeug) muss bei den Lehrkräften zu Hause durchgeführt werden. Das ist leider zur Zeit nicht anders möglich und bedarf in absehbarer Zeit einer Veränderung.
Ungeachtet dieser Mängel: Die Fachrichtung Tanzmusik in Dresden hat von Jahr zu Jahr eine bessere Bilanz aufzuweisen. Hoffen wir, dass sich ihre erfolgreiche Arbeit bald in einer größeren Effektivität unserer gesamten Tanzmusik bemerkbar macht.

Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

 


   
   
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