aus Melodie & Rhythmus 2/1990. Autoren: Roswitha Baumert, Holger Biege
 
Wenn dieser Beitrag erscheint, ist Holger Bieges 1990a 20121108 1047353450Auftritt bei 'Jugend im Palast' schon vorüber, seine Tour durchs Land vielleicht schon beendet...
Trotz intensiver Bemühungen, den langen Druckvorlauf unserer Zeitschrift zu verkürzen, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht mit befriedigenden Ergebnissen aufwarten. So waren wir auch im Falle Biege zwar die ersten, die Kontakte knüpften, Aktivitäten anschoben und beförderten, aber die (Vor-)Letzten in Sachen Veröffentlichung. Sei's drum. Wichtig ist schließlich: Holger Biege singt wieder!


Was für ein Tag - dieser 4. November! 500.000, vielleicht mehr, auf dem Alexanderplatz. Die aufrüttelnden, anrührenden, mahnenden und ermutigenden Worte von Christa Wolf, Stefan Heym, Pfarrer Schorlemmer, Gregor Gysi...
 
Und dann, nach Mitternacht, jener Anruf von Holger. Der erste wieder nach zwei Jahren! Ein Übersprudeln von Worten und Emotionen auf beiden Seiten. Holger hatte unseren Tag auf dem Alex am Fernseher verfolgt, jede Minute, hatte sich Worte, Sätze eingeprägt - mit staundender Begeisterung, viel Hoffnung und ein wenig Traurigkeit, nicht dabeigewesen zu sein. Wir sprachen über Mögliches und Unmögliches - Phantasie und Realität schlugen Purzelbäume. Und wir sprachen über die Arbeit. Holger wollte singen. Wieder. Endlich. Wie lange hatte ich darauf gewartet! Jedes unserer wenigen Telefongespräche in den sieben Jahren begann oder endete mit diesem Wunsch - und den hatte ich nicht allein.
 
Im März dieses Jahres erst wählte ich Holgers Nummer. einfach so, aus einem Gefühl heraus. Wann passiert (mir) das schon? Nach längerer Abstinenz hatte ich mir wieder einmal seine Lieder aufgelegt... Was für eine Stimme! Welche Kraft, Intensität und Sanftheit, welch wunderbar typisch undeutsche Interpretation. Lieder, Texte, die heute noch gültig sind, nicht weggespült von Modewellen, nicht eingeholt von gestylten Popgesichtern, mit denen Holger nie konkurrieren konte... Aber die klingenden Konserven können den Live-Klang nicht ersetzen. Der Sänger Holger Biege hatte keine Nachfolger - nicht hier, nicht anderswo im Deutschsprachigen. Das behaupte ich einfach! Und da ist noch nicht einmal von seinem außergewöhnlichen Talent als Komponist und Arrangeur die Rede gewesen.
 
1990b 20121108 1472075803Holger wollte herkommen, so schnell wie möglich. Das heißt, er wollte so schnell wie damals noch nicht möglich. Meine Bemühungen zur Klärung der Formalitäten dauerten ihm zu lange. Eines Nachts stand er bei seiner Mutter in Weißensee vor der Tür, Besuch von Westberlin aus, für ein paar Stunden... Dann, im Dezember mein Wiedersehen - in Westberlin. So rum war's damals noch einfacher, erinnert sich jemand? Michael Höft (Palast der Republik) und Schubi (Manager, seinerzeit auch von Holger Biege) hatten mir Einladungen für Konzerte mitgegeben. Holger war aufgeregt. Freude über die in Aussicht stehenden Auftritte. Aber immer wieder kamen wir auf die Ereignisse hier im Land. Er wollte alles wissen, wir redeten über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, tauschten Vermutungen, Befürchtungen, Ängste, aber vor allem Hoffnungen. Dazwischen immer wieder das so wichtige Alltägliche. Cordi, seine Frau, die ich vor diesen sieben Jahren als zartes, ruhiges Wesen mit ihrer Energie und ausdauernden Kraft so bewundert hatte. Björn, der damals noch ein Baby war. Und Swantje, die schon als Hamburgerin geboren wurde...
 
Wir werden älter. Und Holger ist der Alte. Wir loben uns gegenseitig. Und ermahnen uns gegenseitig zum Ende, denn die Nacht geht auf den Morgen zu, und morgen ist Fototermin, in der Frühe, Holger muss zurück nach Hamburg. Da fällt mir der Artikel von Stefan Heym ein, den ich ihm mitgebracht habe. Das hätte ich nicht tun sollen: Holger liest ihn natürlich noch in dieser Nacht - und denkt in den Morgen... Schwere Arbeit erwartete nur wenige Stunden später unseren Fotografen Uli Pschewoschny.
Roswitha Baumert
Berlin, den 22.12.1989
 
P.S.: Drei Texte von der ersten (1978) und zweiten LP (1979) haben wir abgedruckt, weil sie auch nach zehn bzw. elf Jahren noch wahr sind. Auch in dem Bewusstsein, dass sie ohne Holger Bieges Interpretation nur die halbe Wahrheit sagen.

 
Sagte mal ein Dichter1990e 20121108 1025268512
Komposition: Holger Biege
Text: Fred Gertz
Sagte mal ein großer Dichter,
dass ein Mann im Leben
die drei Dinge schaffen sollte,
dass es lohnt.
Er soll einen Baum anpflanzen
und ein Buch im Leben schreiben,
und dann soll er zeugen einen Sohn.
Ja, so einfach sprach er aus das Wort,
und nun lebt es in den Menschen fort,
aber wie nur, wie nur, wie nur
macht man es wahr?
Denn ich kannte diese Träume,
die vor ihrer Zeit schon starben,
irgendetwas standen sie im Weg.
Darum scheint es mir viel klüger,
einen Baum mir auszusuchen,
den ich in der großen Stadt dann pfleg'.
Ja, so einfach sprach er aus das Wort,
und nun lebt es in den Menschen fort,
aber so nur, so nur, so nur,
hat es noch Sinn.
Wieviel Bücher hat die Menschheit,
und wie kurz ist so ein Leben?
Nur ein Bruchteil davon liest man dann.
Warum denn ein Buch noch schreiben?
Viele ungelesen bleiben,
nicht zu reden davon, ob man's kann.
Ja, so einfach sprach er aus das Wort,
und nun lebt es in den Menschen fort,
aber wie nur, wie nur, wie nur
ist noch der Sinn?
Wieviel Kinder hat die Erde?
Wieviel Eltern haben Sorgen?
Nicht alltäglich ist das täglich Brot,
Kinder bleiben ungeboren,
Frauen haben sich geschworen,
selber zu entscheiden ohne Not.
Ja, so einfach sprach er aus das Wort,
und nun lebt es in den Menschen fort,
Aber wo nur, wo nur, wo nur
ist noch der Sinn?

Will alles wagen1990d 20121108 1251353087
Komposition: Holger Biege
Text: Ingeborg Branoner
Niemand hat mich zuvor gefragt,
und ich wurde geboren,
wie der Rest dieser Menschheit auch...
Aber heut weiß ich genau, was ich will.
Will alles wagen, will mich erkennen,
will mein Leben leben bis zum Grund,
will in die Höhen, will in die Tiefen
will, dass mir da kein Geheimnis bleibt.
Wenn der Tag in die Nacht versinkt
und die Arbeit getan
und ich oft nicht zufrieden bin,
such die Schuld ich bei mir, auch bei mir.
Will alles wagen, will mich erkennen,
will mein Leben leben bis zum Grund,
will in die Höhen, will in die Tiefen,
will, dass mir da kein Geheimnis bleibt.
Wenn ich an meine Liebe denk,
hat sie viele Gesichter.
Und ich drehe mich wie im Kreis,
such im Finden Verlieren
immer auf's neu.
Will alles wagen, will mich erkennen,
will mein Leben leben bis zum Grund,
will in die Höhen, will in die Tiefen,
will, dass mir da kein Geheimnis bleibt.

Reichtum der Welt1990f 20121108 1108682346
Komposition: Holger Biege
Text: Fred Gertz
Groß ist der Reichtum der Welt, heute noch.
Und unsere Erde bleibt unser Stern.
Wenn auch die Menschheit heut schon
nach andern Sternen greift,
bleibt die Erde der eine Stern,
wo alles wächst und reift.
Gibt es den Reichtum der Welt morgen noch?
Oder ist vieles davon schon hin?
Die Luft, die uns jetzt leben läßt,
hüllt den Erdball ein.
Soll für alle, die nach uns kommen,
sie schon vergiftet sein?
Gibt es den Reichtum der Welt morgen noch?
Oder ist vieles davon schon hin?
Das Land und auch die Ozeane
können sich nicht wehr'n.
Ihre Schätze soll'n Späteren
auch so wie uns gehör'n.
Gehört der Reichtum der Welt allen schon?
Oder bleibt vielen nicht vieles versagt?


Ein besonderes Jahr ist es schon, dieses siebte, dass ich hier im Westen verbringe. Wann zuvor gab es je solch ein Wechselbad der Ereignisse, der Emotionen und der persönlichen Planungen? Wann lagen Wut, Trauer und Freude, aber auch Ratlosigkeit so eng beieinander wie in diesem Jahr?
 
Das Wirken Gorbatschows und seiner Freunde hatte ja schon vorher Hoffnung und Zuversicht keimen lassen, aber in der Begeisterung lag gleichauf die Angst vor der Unberechenbarkeit des geschichtlichen Flusses. Nun, nachdem die brechende Flut ein neues Flussbett gefunden hat, ist es - auch wenn man nur Zuschauer sein durfte - an der Zeit, Erinnerungen und Gedanken zu ordnen und schließlich wieder an die Arbeit zu gehen. Die Felder wollen bestellt sein.
 
1990c 20121108 11560952731978, dem Erscheinungsjahr meiner 1. LP "Wenn der Abend kommt", lebte ich, wie schon zuvor und wie fast alle meine Mitmenschen, in der DDR, in einem merkwürdigen Zwiespalt von Hoffnung und Angst. Angst vor einem erstarrten und seelenlosen Staatsgebilde, dessen Konstrukteure wohl glaubten, Menschen wie Räder in diese Maschine einplanen zu können. Hoffnung, weil ich wusste, dass ich mit dieser Angst nicht alleine war und zudem mit meiner Musik Brücken schlagen konnte zu den anderen. In diesem Zwiespalt von Hoffnung und Angst musste man, konnte man leben, und er war vielleicht ein gar nicht so schlechter Nährboden für künstlerische Kreativität. Aber führt die Permanenz dieses Widerspruchs nicht zwangsläufig zur Resignation, zu Mut- und Haltlosigkeit, zu Traurigkeit? Um den Endpunkt eines solchen Weges nicht erreichen zu müssen, habe ich 1983 den Staat DDR verlassen - ohne diesen vorher auch noch um Erlaubnis zu fragen, aber nicht ohne das Wollen und die Unterstützung meiner Frau Cordi, die tapfer den Repressalien der Staatsmacht standhielt, für uns und unser Kind.
 
Unser Leben hier nun im Westeen war freier, und der aufrechte Gang fällt nicht schwer, wenn man ihn will. Aber kaum hatte man sich befreit von den Umarmungs- und Vereinnahmungsversuchen eines autoritären Staates, seinen Intrigen, Gemeinheiten und Drohungen, begann der Druck des Kommerzes hier. Willst du ein Publikum finden für deine Musik, unterstehst du dem Diktat des Marktes, oder besser gesagt, der Leute, die den Markt bestimmen. Also habe ich hier nur eine LP und mehrere Singles produziert, gelegentlich Konzerte gegeben, aber weitgehendst Abstinenz geübt gegenüber dem Musikmarktrummel. Hinzu kamen Barrieren, die nicht den hiesigen Marktgesetzen, sondern dem Wirken des alten DDR-Machtapparates entstammten. Der Arm reichte eben weit, und man wollte wohl auch glauben machen, dass Künstler, die dem Staat DDR Ade sagen oder sagen mussten, unweigerlich versinken würden "im Sumpf des Imperialismus". Nun, versunken sind wir nicht. Aber man sollte wissen, dass auch hierzulande Können und aufrechtes Gehen nicht zwangsläufig Popularität zur Folge haben!
 
Mein Fortgehen aus der DDR habe ich immer als Vertreibung empfunden. Das verbindet mich mit vielen, die vor und die nach mir gingen. Wie bei jenen gab es Erlebnisse, die zu Verbitterung und Verzweiflung führten, einen anderen Weg offenbar nicht zuließen. Aber sind diese Dinge gravierend genug, um wie als eine Abrechnung aufgelistet zu werden? Man denke an die, die für ihre Überzeugung und ihr Eintreten ins Gefängis mussten, oft für Jahre, oder an jene, die durch Berufsverbote mundtot und weichgemacht werden sollten. Führt man sich also dies vor Augen, so relativiert sich manches, und es besteht die Gefahr, dass die eigenen Erinnerungen zu dem gerinnen, was man Selbstmitleid nennt...
 
Als Anfang November meine Mutter aus Ost-Berlin anrief und mir aufgeregt mitteilte: "Sie spielen dich wieder im Radio", war die Freude groß. Die Zeit der verordneten Stille war also vorbei. Aber welche Bedeutung hatte dies schon angesichts der großen, friedlichen Bewegungen in Leipzig, Berlin und anderswo, den Umwälzungen in diesem Land, von denen ich und viele andere immer geträumt haben?!
Am 25. Januar, dem Beginn meiner Konzerttournee in der DDR, werde ich am Flügel meinem Publikum wieder gegenübersitzen. Ob es die alten Brücken noch gibt und ob sich neue schlagen lassen, weiß ich nicht. Aber meine Freude auf die Weiderbegegnung ist groß.
Holger Biege
Hamburg-Norderstedt, am 27.12.1989
 
Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

 

   
   
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