Balbina: "pUnKt." (Album)

lp04 20200122 1138803129VÖ: 10.01.2020; Label: Polkadot Records; Katalognummer: B07YMHZL6W; Musiker: Balbina (Gesang), Benjamin Bistram (Keyboard, Synthesizer, Bass, Schlagzeug, Percussion), Johannes Steidle (Keyboard, Synthesizer, Piano), Lauden Bonk (Keyboard, Bass), Alex Höffken (Schlagzeug), Stefan Heinrich (Gitarre), Kim Wennerström (Gitarre), Solveig Wagner (Geigen), Catharina Schorling (Streicher-Arrangements) + Deutsches Filmorchester Babelsberg; Gäste: Ebow, Herbert Grönemeyer; Produzent: Benjamin Bistram, Balbina; Bemerkung: Für die Rezension lag die Vinyl-Ausgabe des Albums als Grundlage vor. Diese kommt als Doppel-LP im Gatefold-Cover. Ein Abdruck der Songtexte fehlt hier. Das Album ist außerdem auch auf CD erschienen;

Titel:
Seite 1: Hinter der Welt. • Weit weg. (feat. Ebow) • Wanderlust
Seite 2: Blue Note. • Augenblick. • Langeweile. • Zwischenspiel Eins.
Seite 3: Sonne. • Punkt. • Zwischenspiel Zwei. • Zwischenspiel Drei. • Kein Ende.
Seite 4: Zwischenspiel Vier. • Machen. (feat. Herbert Grönemeyer)


Rezension:
Wer einen pUnKt. setzt, schließt was ab. Er öffnet mit einem pUnKt. aber auch eine Tür für etwas Neues. Nicht alles, was wie ein Ende aussieht, ist auch eins. Im Fall von Balbina ist das auch gut so, denn einmal von dem angezündet, was man auf den Platten "Über das Grübeln" (2015) und "Fragen über Fragen" (2017) gehört hat ("Bina" von 2011 kenne ich leider nicht), wünscht man sich schnell einen Brandbeschleuniger, der einem die Hitze erhält und sie möglichst sogar noch weiter steigen lässt. Mit dem von Balbina gesetzten "pUnKt." gibt es diesen Brandbeschleuniger nun, und der wartet nicht nur mit vielen Überraschungen auf, sondern entschädigt das sensible Ohr für manche in jüngerer Vergangenheit erlittene musikalische Nahtoterfahrung im Bereich der Popmusik-Szene!

Mit "Hinter der Welt" startet die in Berlin lebende Musikerin und Textdichterin in ihr neues Programm und gibt uns einen Einblick in ihre Welt hinter der Welt. Fast zerbrechlich klingt da ihre sonst so kunstvoll geformte Stimme am Anfang und erstmals singt sie auch in einer weiteren als der deutschen Sprache. Als ihr Hauptinstrument erstmals in die Höhe geht, beschert sie dem Zuhörer eine Gänsehaut, derer noch weitere folgen sollen - in diesem Stück, aber auch im Verlauf der Platte. Dazu gräbt sich der basslastige Synthie-Sound seinen Weg in die Magengrube und wird kurz darauf von Streichern abgelöst, auf deren Zusammenspiel sich die Künstlerin dann stimmlich weiter wie eine Tänzerin bewegt. Was für ein erster Eindruck, was für ein angenehmes Spiel mit den Zutaten. Das ist eine PUNKTlandung gleich zu Beginn. Dieses Hinzufügen einer weiteren Sprache findet man übrigens auch in den später folgenden "Wanderlust" und "Blue Note" wieder, bei denen Balbina ihrem Englisch noch einen besonderen Akzent beimischt, der wiederum einen eigenen und schönen musikalischen Klang mitbringt.
Mit "Weit weg" geht es nach dem Opener aber zunächst weiter und hier ist es der hämmernde Beat, der einem als erstes ins Ohr und in die Glieder fährt. Das nächste, das einen anspringt, ist Balbinas überspitzt gezeichnete Stimme beim Vortrag des Inhalts, der dem Hörer einen Einblick in die Gefühlswelt eines Kindes mit Migrationshintergrund liefert ("Hier steh ich an der Tafel | Keine Antwort auf jede Frage | Eingesperrt in mir selbst | Weggesperrt vom Rest | In der Welt der vergessenen Dinge"). Als zusätzlichen Farbton hat sich Balbina die Rapperin Ebow mit ins Boot geholt, die mit ihrem Part einen zusätzlichen "Unterton" mit einbringt und dem Stück noch zusätzliche Tiefe verleiht.
Der Song "Blue Note" kommt zuerst etwas ruhiger und zurückhaltender daher, macht im Verlauf aber doch noch mit Nachdruck auf sich aufmerksam. Er überzeugt mit seiner Mischung aus Soul und Jazz, von dem sich ein paar Spritzer im Arrangement entdecken lassen, und überrascht mit gospelartigem Background-Gesang. Das alles bringt eine gewisse Leichtigkeit mit, die man auch der Art, wie die Künstlerin das Stück singt, ablesen kann. Ein wunderbarer Pop-Song, dem die eine oder andere Sendeminute im Radio durchaus gut zu Gesicht stehen würde.
"Langeweile" versprüht alles andere als diese und lässt einen die Beobachtung machen, dass selbst ein Gähnen bei Balbina wie Musik klingt und als Zutat für einen guten Song nützlich sein kann. Eine dezent gezupfte Bassfigur begleitet den Hörer durch das Lied und Chor-Gesang sowie der gewählte Synthie-Sound machen aus "Langeweile" den zu Musik gewordenen und dadurch nacherlebbaren Spaß am Leben. La-la-la-la-la-la … La-la-la-la-la-la
Erwähnen möchte ich zum Einen noch "Sonne", das im Original von RAMMSTEIN stammt und von Balbina für eine eigene Version ausgeliehen wurde. Und hier liegt die Betonung auf "eigene", denn nun ist "Sonne" ein Balbina-Song und nur noch an wenigen markanten Punkten als das zu erkennen, was er ursprünglich mal war. Auf einem Arrangement, auf dem sich auch ein Rapper austoben könnte, und das ziemlich finster daher kommt, zelebriert die Sängerin den Text mit ihrer Stimme und gleitet damit in Sphären, in die sich andere Sängerinnen nicht mal in Begleitung des Technischen Hilfswerks trauen würden. Schrieb ich vorhin was über Gänsehaut? Hier war sie auch wieder im Spiel!
Zum Anderen sei noch "Machen" erwähnt, für das sich Balbina mit ihrem "Förderer" Herbert Grönemeyer einen namhaften Kollegen als Gesangspartner dazu geholt hat. Einmal mehr wird deutlich, dass Musik und Text in einem Balbina-Lied ein eigenes Instrument sind. Das ist nur noch als großartig zu bezeichnen und man ertappt sich noch während die Nummer läuft dabei, wie man nach Superlativen für dessen Beschreibung sucht. "Machen ist die beste Medizin", um Veränderungen herbeizuführen, wenn es einem "immer schlechter geht" und man auch nur noch an Schlechtes denkt, ist die Botschaft, die auch Herr Grönemeyer gesanglich unterstreicht. Aber gerade Grönemeyer wirkt in diesem Song neben Balbina ziemlich farblos und dürfte allenfalls ob des großen Namens noch als schmückendes Beiwerk und Anreiz für den Radio DJ dienen, damit dieser den Song mal über den Äther schickt.

Auf "pUnKt." gibt es aber noch so viel Anderes zu entdecken und herauszuhören. Die "Zwischenspiele", derer es gleich vier an der Zahl gibt, habe ich z.B. noch gar nicht erwähnt. Aber dies ist jetzt das Vergnügen des interessierten Lesers, der sich nach dem Studium meiner Zeilen - falls nicht längst schon geschehen - die Platte kaufen wird und dann selbst auf Erkundungsreise gehen kann. "pUnKt." ist ein Album, das längere Zeit für Freude sorgen wird, das kann ich garantieren, und das Anhören der Lieder wird so schnell nicht langweilig werden. Bei den ersten Hördurchgängen kratzt man allenfalls an der Oberfläche dessen, was hier noch alles drin steckt, und unter all den derzeit im Umlauf befindlichen Pop-Alben, die "Made in Germany" sind, ist "pUnKt." eins der ganz wenigen Klassik-Werke. Balbina hat sich hörbar weiterentwickelt, hat an ihrer Kunst, Musik zu schaffen, gearbeitet und begeistert auch mit ihrer vierten Scheibe die vielen Hörer, die sie schon für sich begeistern konnte. Hier hat die Musikerin zwar einen bemerkenswerten "pUnKt." gesetzt, aber dieser steht definitiv nicht für ein Ende.
(Christian Reder)





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