Quaster: "Unterwegs" (Album)

lp04 20200625 1145871686VÖ: 03.07.2020; Label: BuschFunk; Katalognummer: BF 40452; Musiker: Dieter "Quaster" Hertrampf (Gesang, Gitarre), Stefan Schirrmacher (Gitarre), Peter Rasym (Bass), Rainer Oleak (Keyboards), Heinz Angel Haberstroh (Schlagzeug); Bemerkung: CD im Digipak;

Titel:
Alt wie ein Baum • Unterwegs • Frei wie die Geier • All diese Jahre • The relucant Hero • Geheime Zeichen • Liebe Pur • 136 Rosen • Langstreckenlauf • Erinnerung • Lied für Generationen • Ich bereue nichts • Ratschlag eines älteren Herrn • Kleiner Planet


Rezension:
Wer mal mit Dieter Hertrampf alias Quaster zusammengesessen und ihm genau zugehört hat, weiß, wie sehr der Mann noch immer für den Rock'n'Roll brennt. Vor ein paar Jahren, als die PUHDYS ihren Dienst eingestellt haben, hätte er ohne Weiteres die Füße hochlegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen können. Aber das Blut, das durch seine Adern fließt, ist noch viel zu rot und viel zu flüssig, als dass er sich auf die Couch setzen und täglich die "Küchenschlacht" oder "Notruf Hafenkante" gucken würde. So ging er schon kurz vor dem Ende der PUHDYS mit einem eigenen Programm auf die Bühne, ließ kurz darauf ein weiteres folgen, und schloss sich auch mal so manchem Projekt an, wie z.B. dem der Heavy Metal-Gruppe BONFIRE, die ein paar international bekannte Rock-Größen zusammen trommelte - auch ihn - und mit diesen auf Tour ging. Dafür spielte Quaster mit der Band drei PUHDYS-Titel neu ein ("Alt wie ein Baum", "Erinnerung" und "Frei wie die Geier"). Lange Rede - kurzer Sinn: Der Mann sitzt nicht rum, er ackert und hat Spaß dabei. Das Schaffen der letzten vier Jahre verewigt er nun auf einer CD, die den Titel "Unterwegs" trägt, und auf der allerlei Buntes und Unerwartetes steckt.

Unerwartet war auf jeden Fall, dass auf einem neuen Album so viele alte Songs enthalten sind. Da dürfte der eine oder andere Fan mit mehr neuen Liedern gerechnet haben. Hat Quaster keine Ideen mehr? Doch, hat er! Aber er hat auch das Bedürfnis, aus Altem etwas Neues, Besseres zu machen und den Sachen seinen Stempel aufzudrücken. Darauf angesprochen spricht der Musiker von einer "klaren Vorstellung", die er in Bezug auf die Neuaufnahmen alter PUHDYS- und Solo-Titel hatte. Er wollte die 20, 30 und 40 Jahre alten Songs besser als die Originalen machen und er war sich sicher, dass ihm das auch gelingen würde. Natürlich kann man die eben schon erwähnten drei Songs, die er gemeinsam mit BONFIRE 2018 einer Sandstrahlung mit anschließender Neulackierung unterzogen hat, auf dieser CD wiederfinden. Da wurde fleißig an der Rock'n'Roll-Stellschraube gedreht, massiver Stromgitarren-Sound und Schärfe beigemengt, und dem Affen auch sonst Zucker gegeben. Das Ergebnis konnte man bisher nur auf der zur Tour erschienenen BONFIRE-CD finden, jetzt krachen und scheppern diese Versionen auch ordentlich auf Quasters zweitem Solo-Album.

Völlig frei von irgendwelchen Vorgaben, die ihm ein großes Label machen könnte und weg von dem Sound seiner alten Band, der so markant und wiedererkennbar ist, ist er die Sache angegangen. Es ist sein Sound, es sind seine Ideen und es ist seine Musik, die hier zu hören sind. Auch bei den anderen Neuproduktionen wie z.B. dem "Langstreckenlauf", im Original von den PUHDYS auf ihrem zweiten Studioalbum im Jahre 1975 veröffentlicht, rockt der Musiker genauso, wie bei den gerade näher beschriebenen BONFIRE-Tracks. Nicht weniger knackig und näher an die heutigen Sound-Standards herangeführt wurden auch zwei Lieder von seiner ersten Langspielplatte aus dem Jahre 1987. Von "Liebe pur" und "Geheime Zeichen" hat der Musiker den Staub geblasen, die Patina abgeknibbelt und sie nach dem Jahr 2020 klingen lassen. Frisch, knackig und laut. Es ist der pure Rock, der Spaß an der E-Gitarre und vor allem der Spaß am Beruf, den man aus den Neubearbeitungen heraushören kann. Man kann bereits für gut befundene Originale anscheinend doch noch besser machen. Hier gibt es gleich mehrere Beispiele, dass das klappt.

Es geht aber auch mal leiser zu und nicht jeder Titel haut seinem Hörer hier voll eins zwischen die Hörner. Im Gegenteil! Das Lied "The Reluctant Heros", eigentlich der Titelsong aus einem Computerspiel, kommt als Ballade mit eingebauter Gänsehautgarantie daher. Gesungen wird das Lied in der Hauptstimme von Tochter Kimberly und im Background von Vater Quaster. Eine Nummer, die - als einzige englisch gesungen - vom Arrangement her auf internationalem Niveau unterwegs ist und bei der sich die kleinen Härchen im Nacken immer wieder aufstellen. Große Klasse! Insbesondere der Gesang der jungen Dame. Ein weiteres Mal kommt die Tochter auch in der neuen Version von "All diese Jahre" zu Wort. Dieses Lied wurde ebenfalls umarrangiert und klingt - für meine Ohren - angenehmer als die ursprüngliche Fassung.

Zu erwähnen sind aber auf alle Fälle noch die neuen Songs, vier an der Zahl, die sich Quaster für "Unterwegs" ausgedacht hat. Und "Unterwegs" heißt auch eins der Stücke, zu dem es inzwischen auch ein Video gibt. Es gehört zu den lauteren Nummern auf dem Album und ist zu einer Hymne im Status Quo-Stil geworden. Gitarren- und Orgelsound, angetrieben vom Schlagzeug und dem wummernden Bass, bilden den Boden, den Quaster hier mit einem autobiographischen Text belegt. Die zweite neue Nummer ist "136 Rosen", die Quaster vor knapp vier Jahren auf einer Single-CD veröffentlichte. Auf dem neuen Album ist eine andere Version enthalten, die eigens für dieses produziert wurde. Hier dominieren jetzt Streicher die Szenerie und verleihen dem Lied für die Mauertoten eine ganz andere Stimmung. Auf der gleichen Single, auf der "136 Rosen" zu finden ist, ist auch "Ich bereue nichts" drauf, das auch den Weg auf "Unterwegs" gefunden hat. Es ist inhaltlich mit "Unterwegs" verwandt, musikalisch aber um ein paar Nuancen leiser. Der vierte neue Titel ist "Ratschlag eines älteren Herrn", in dem Quaster beim "Reflektieren und Verbreiten von Altersweisheiten" nochmals kräftig in die Saiten greift. Seine Mitmusikanten lassen sich hier auch mitreißen und schließen sich der harten Gangart mit Freude an. Tolle Nummer! Sollte als weitere Single in Umlauf gebracht und mit einem Videoclip bedacht werden.

Ich erwähnte es an anderer Stelle bereits: Manch ein Kollege seines Jahrgangs entfernt sich im Alter vom Rock'n'Roll und schiebt sich selbst mit neu erdachten Liedern in die finanziell lukrative, volkstümelige Ecke, die alles andere als cool ist, wo man aber noch auf Auftritte im TV und auf gute Plattenverkäufe beim teils bereits im Senioren-Stift wohnhaften Publikum rechnen kann. Das von Quaster gepflügt und eingesäte Feld ist aber ein anderes. Es ist ein wesentlich trockeneres und unwirtlicheres, da von den Medien wenig bis gar nicht beachtet. Es gibt aber viele Menschen da draußen, die genau das in Funk und Fernsehen vermissen und sehr gern hören ... es lieben. Sie hören es, weil es echt und rockig ist und aus einem ehrlichen Herzen kommt. So wäre es eigentlich wesentlich sinnvoller, Quaster bei der nächsten Rock-Legenden-Tour mitspielen zu lassen, denn er erfüllt alle Kriterien, die man für eine Teilnahme dort mitbringen sollte. Mehr jedenfalls, als der als Gast für 2021 vorgesehene Anästhesist, der mich vor ein paar Jahren in Düsseldorf als Einwechselspieler schon fast betäubt hat. Aber dies ist nur meine Meinung. Das Album "Unterwegs" ist auf jeden Fall eine Überraschung, denn mit so viel Frische und Spaß ist bei der Vielzahl bekannter Namen auf der Titelliste nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Doch trotz der vielen alten Songs klingt die Scheibe wie ein komplett neues Album, weil hier eben ein eigener Sound gefunden wurde, der einem einen großen Hörgenuss liefert und den Wunsch auslöst, der "ältere Herr" möge in Zukunft nicht nur Ratschläge verteilen, sondern noch ein paar CDs mehr machen ...
(Christian Reder)





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