Tagebuch: "Anders immer anders" (Album)

tagebuch2020 20200728 1840965066VÖ: 14.08.2020; Label: Lametta Music; Katalognummer: 0614809249090; Musiker: Carmen Eder (Gesang, Piano), Gerhard Schmitt (Gitarren, Bass, Banjo, Ukulele; Gäste: Florian Holoubek (Schlagzeug, Percussion), Dave Anania (Schlagzeug, Percussion), Chris Heiny (Schlagzeug), Tobias Vethake (Cello), Stefan Franaszek (Geige), Christopher Noodt (Piano); Musik & Texte: Carmen Eder, Gerhard Schmitt; Bemerkung: CD im aufklappbaren Pappcover inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte;

Titel:
Unterwasserbäume • Wie geht das mit dem Leben • Stadt der Niemande • Hauptgewinn • Halbes Herz • Du hattest deinen Frühling • Wien bei Nacht • Wenn sie wiederkommt • Ohne Maske • Herbst • Ein Jahr mehr Leben • Komet • Zauberer • Wer ich bin • Der unvollständige Satz


Rezension:
TAGEBUCH - so nennen sich Carmen Eder (Gesang) und Gerhard Schmitt (Gitarre, Stick, Bass, Zither), die von Berlin aus am 18. August d.J. ihr erstes Album "Anders immer anders" ins Rennen schicken werden. Sie stammt aus Österreich, ist 1992 geboren, zog 2015 von Wien nach Berlin, studierte an der ASH Berlin und gründete 2017 zusammen mit Gerhard das TAGEBUCH. Gerhard ist Baujahr 1971, Multi-Instrumentalist, studierter Jazz-Gitarrist, der seit 2005 für die BLUE MEN GROUP und außerdem u.a. auch schon für Konstantin Wecker, Flo Mega oder Clärchens Ballhaus Band spielte, und der schon seit 1997 in Berlin lebt. Hier machen also Menschen aus zwei verschiedenen Generationen und mit verschiedenen Wurzeln in der Bundeshauptstadt zusammen Musik. Machen sie das auch gut?

Ich gebe zu, dass mir die CD schon etwas länger vorliegt und ich bereits drei Versuche unternommen habe, dazu etwas für unsere Leser zu Papier zu bringen. Das fiel mir zuerst nicht leicht, dabei ist "Anders immer anders" ein ausgesprochen gut produziertes Album. Handwerklich einwandfrei, abwechslungsreich und thematisch sehr vielfältig. Aber irgendwas hat mich immer wieder davon abgebracht, mir eine finale Meinung dazu zu bilden. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, hab ich gefunden, woran ich wieder was zu kritteln habe. Es ist die Stimme der Sängerin Carmen Eder. Im Opener "Unterwasserbäume", einem knapp 1-minütigen Intro, schafft sie es - auch unter Einsatz ihrer Stimmdopplung als Chor - in ENYA-gleiche Sphären vorzudringen. Dies weckte höhere Ansprüche in mir und die Erwartung, dass solche "Aha-Momente" auf der CD noch öfter vorkommen werden. Das tun sie aber leider doch nicht so, wie ich es mir nach dem Erstkontakt gewünscht hatte. Carmen kann sehr gut singen, aber das können Hundertausend Mädels und Frauen in diesem Land auch. Die TAGEBUCH-Sängerin aber hat - und das ist ihr großer Vorteil gegenüber vielen ihrer Kolleginnen, die eine bessere Stimme als sie haben - eine hohe Authentizität, die sie beim Vortrag der Lieder gut rüber bringt. Sie verkauft Dir als Hörer das, was sie da erzählt, so gut, dass es irgendwann egal ist, dass die Musik für Erwachsene ist, die Stimme aber eher auf eine Kinderlieder-CD oder in ein Musical gehört.

Absolut passend ist sie z.B. bei einem Song wie "Wie geht das mit dem Leben", in dem die Situation vieler junger Leute skizziert wird, die im Leben noch nicht angekommen sind, gerade ihre eigenen Erfahrungen machen und sich dabei noch Ansagen von Mutter und Vater anhören müssen. Zu einer feinen Pop-Nummer mit straffem Beat und kräftig angeschlagener Akustikgitarre würde das Lied prima ins tägliche Radioprogramm passen. Es ist heiter und zeitlos, trifft aber sehr gut den Zeitgeist.
Ebenso macht Carmen bei "Hauptgewinn" eine sehr gute Figur. Hier passt einfach alles. Nur vom Klavier begleitet singt sie über die eigene Wahrnehmung, immer zu versagen und für den Partner so "kein Hauptgewinn" zu sein. Die innere Niedergeschlagenheit ob dieses fehlenden Selbstvertrauens gipfelt in der Frage, warum der Mann/Freund überhaupt noch mit ihr zusammen ist. Sie singt diese Geschichte mit einer zerbrechlichen Stimme, die nach hinten raus lauter und heller wird und es somit auch schafft, dem Hörer einen Schauer über den Rücken zu jagen. Ein Volltreffer!
In diese positive Ecke reiht sich auch "Halbes Herz" ein, in dem von der Zerrissenheit einer Person berichtet wird, die ihre alte Heimat verlassen und in der Ferne eine neue gesucht hat. Ist sie in der neuen Heimat, fehlt was aus der Alten. Ist sie in der Alten, fehlt was von der Neuen. Quasi singt Carmen hier ihre eigene Geschichte als ehemalige Wienerin, die nun in Berlin ihre Zelte aufgeschlagen hat. Der wieder zerbrechlich klingenden Stimme wird ein ähnlich zerbrechliches Arrangement zur Seite gestellt, das nur im Refrain kurz laut wird.
Das funktioniert alles ganz wunderbar, bis ein Song wie "Wenn sie wiederkommt" ansteht. Die Schlagzahl wird erhöht, die Instrumente klingen lauter und dagegen kämpft Carmen dann an. Hier reicht es nicht und was gerade noch sicher wirkte, versucht fast chancenlos gegen die Hektik anzukämpfen und geht irgendwie darin unter.
Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei "Stadt der Liebenden", wobei sie hier von einer männlichen Gesangsstimme unterstützt und ihr somit hilfreich zur Seite gesprungen wird. Das passiert auf dem Album jetzt nicht allzu oft, dass der Sängerin und ihrem auf halber Treppe gut funktionierendem Instrument eine große Wand aus Klängen entgegen gestellt wird, aber auch bei anderen, eher leiseren oder mittelleisen Liedern kann mich die Stimme nicht voll erreichen. Mal driftet das Ganze in Richtung Musical ab, mal erinnert sie einen an das Mädel aus dem Ferienlager, das ihre Gitarre für die Abende am Lagerfeuer dabei hatte. Dazu kommt, dass sie oftmals genauso wie im Lied davor oder in dem zwei Positionen weiter klingt. Das ist nicht verwunderlich, denn immerhin ist es die gleiche Sängerin, aber ich rede hier von der Farbe und ihrer Art des Einsatzes. Es sollte schon einen Unterschied machen, ob man zu sommerlichen Tönen über einen Partner singt, der "innerlich" schon etwas weiter voraus ist als man selbst ("Du hattest Deinen Frühling"), oder eher baladesk über das Verliebtsein im Anfangsstadium zu Zeiten des Jahreszeitenwechsels ("Herbst"). Da gehört schon auf den ersten Blick eine deutliche Abgrenzung auch vom Gesang her rein, der mir aber eben fehlt.

Das alles ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn wie ich schon schrieb, passt es dann am Ende doch irgendwie zusammen. Eigentlich wollte ich mir dazu gar keine Meinung bilden, ohne das TAGEBUCH mal live gesehen zu haben, denn das ist ja auch noch mal eine andere Baustelle, als die Arbeit im Studio. Möglich, dass gerade da der Vortrag von Carmen zu 100% passt. Wie auch immer ... Carmen Eder erzählt einem ihre Geschichten sehr überzeugend. Ihr Tagebuch weiß sie gut an den Mann und die Frau zu bringen, auch wenn das Laufen auf den hochhackigen Schuhen noch etwas Training braucht. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Kollegen Gerhard, der hier allerlei Instrumentarium aufgefahren und diverse Gastmusiker mit ins Boot geholt hat, um seine Kollegin und ihre Texte instrumental sachgerecht abzubilden. "Anders immer anders" ist ein sehr gutes Album und eine willkommene Abwechslung zu all den Namikas, Sarah Connors und Lena Meyer-Landruts mit ihren kurzlebigen Wegwerfartikeln, die schneller ranzig werden, wie die billige Butter vom Discounter. Liegt vielleicht auch daran, dass hier die vortragenden Künstler noch selbst spielen und schreiben und sich ihr Kleid aus Text und Sound in Eigenregie auf den Leib schneidern. Allein dafür könnte man über den kleinen Makel mit der nicht immer gut funktionierende Stimme auch hinweg sehen, wenn man nicht so ein Haar-in-der-Suppe-Finder wäre wie der Autor dieser Zeilen.
(Christian Reder)





Seh- und Hörbar:










   
   
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