Stern Meißen: "Freiheit ist" (Album)

lp25 20200813 1555262936VÖ: 03.09.2020; Label: A&O Records; Katalognummer: 4021934971927; Musiker: Manuel Schmid (Gesang, Keyboards), Martin Schreier (Percussion, Gesang), Thomas Kurzhals † (Keyboard bei Titel 7), Sebastian Düwelt (Keyboards), Axel Schäfer (Bass), Frank Schirmer (Schlagzeug); Gäste: Marek Arnold (Keyboards bei Titel 3, 5, 6, 11, 12, 13, 14), René Niederwieser (Gitarre bei Titel 5, 7, 8, 12, 14), Ekkehard Dreßler (Percussion bei Titel 6 und 7), Martin Schnella (Gitarre bei Titel 2); Bemerkung: CD im Digipak inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte;

Titel:
Freiheit ist • Nimm die Welt in die Hand • Blinde Gier • Bleib stark • An jenem Abend • Kein einziges Wort • Lebensblues • Ausnahmezustand • In den Kosmos 2020 • Von fremden Ländern und Menschen • Einer unter Gleichen • Schattenwand • Hoffnung (Zwischenspiel) • Samt in neuen Farben


Rezension 1:
Schon einmal haben sie das Wort "Combo" aus ihrem Bandnamen gestrichen. Das war im Jahr 1980. Die Rede ist von der STERN-COMBO MEISSEN, die sich im 56. Jahr nach ihrer Gründung nun wieder STERN MEISSEN nennt. In den 80er-Jahren war die Namensänderung mit einem musikalischen Richtungswechsel verbunden. Mit RALF SCHMIDT (alias IC FALKENBERG) als neuem Sänger änderte die Band ihren Stil zunehmend weg vom anspruchsvollen Artrock hin zu radiotauglicher Rockmusik. Das verschreckte seinerzeit so manchen gestandenen Artrock-Fan, sorgte jedoch auch für einen Zuwachs an jüngeren Fans. Musikalisch bleibt sich die Band im Jahr 2020 treu und hält an ihren Wurzeln fest, was sie mit ihrem neuen Album "Freiheit ist" beweist.

Bis auf eine Ausnahme wartet das Album mit neuen Songs auf, auch wenn die Band einige davon schon länger in ihren Konzerten präsentiert. Das Album klingt von den ersten Takten an vertraut, eben nach STERN MEISSEN. Verhallte Fender Rhodes Pianoklänge, flirrende Synthi-Sounds und Hammond-Staccati prägen den Sound der Band ebenso wie die glasklare Stimme ihres Frontmanns MANUEL SCHMID, der das Gesicht der Band mittlerweile schon acht Jahre maßgeblich prägt.

Die 14 Stücke des Albums weisen eine musikalische Vielfalt auf, die vom hohen Können der Musiker zeugt. Gerade in kompositorischer Hinsicht bestechen die Songs des Albums. Diese Musik kann nicht beim gemeinsamen Jammen der Musiker entstanden sein. Hier waren Künstler am Werk, die ihr Handwerk verstehen und musikalische Ideen kreativ umsetzen können. In erster Linie müssen da MANUEL SCHMID und ex-STERN MEISSEN-Musiker MAREK ARNOLD genannt werden, die für einen Großteil der Kompositionen und Arrangements verantwortlich zeichnen.

Bereits der Titelsong "Freiheit ist" überrascht mit Harmoniestrukturen, die auch im Jazz zu finden sind. Das rhythmische Bass- und Schlagzeugspiel verstärken diesen Eindruck noch. Der Song überzeugt aber auch mit einem eingängigen Refrain und mit seinem wunderschönen Text, der von dem leider viel zu früh verstorbenen Berliner Textdichter ANDREAS HÄHLE verfasst wurde. Der folgende Song "Nimm die Welt in die Hand", eine Komposition von ANDREAS BICKING - in den 80er-Jahren ebenfalls Mitglied der Band - zeigt STERN MEISSEN von einer völlig anderen Seite. Eine simple und eingängige Melodie mit Ohrwurmcharakter transportiert eine Botschaft, die von MANUEL SCHMID in wunderbare Worte gekleidet wurde. Als kleines Gimmick veredelt MARTIN SCHNELLA (verantwortlich für den Mix und das Mastering des Albums) den Song mit einem flotten Gitarrensolo. STERN MEISSEN und Gitarre? Das gab es auch schon lange nicht mehr. Auf "Freiheit ist" kommt sie wieder häufiger zum Einsatz, meist gespielt vom Tontechniker RENÉ NIEDERWIESER.

Mit "Blinde Gier" folgt eine Ballade, komponiert von MAREK ARNOLD, die mich vor allem durch ihren schönen Text gefangen nimmt, der aus der Feder von MANUEL SCHMID stammt. Das Stück klingt mit einer STERN MEISSEN typischen Mini-Moog Improvisation aus. Nach dieser Ballade wird es mit "Bleib stark" etwas rhythmischer, ja fast funkig. An der Entstehung dieses Songs waren neben MANUEL auch Schlagzeuger FRANK SCHIRMER, Keyboarder SEBASTIAN DÜWELT und Bassist AXEL SCHÄFER beteiligt. Obwohl "Bleib stark" mit seinem Satzgesang und seinem Keyboard-Zwischenspiel ein typischer STERN MEISSEN-Song ist, trifft er nicht so ganz meinen Geschmack. Der massive Einsatz von Streichersounds spült mir den Song zu weich, zu sehr in Richtung Pop.

Beim fünften Song "An jenem Abend" erklingt in den Strophen die Stimme von MARTIN SCHREIER, dem einzigen noch verbliebenen Gründungsmitglied der Band. Seine Textzeile "Leben möcht' ich ..." und die letzten Worte des Stücks: "Nun denn ..." sind eine Anspielung auf den Song "Leben möcht' ich" aus dem Jahre 1982, der seinerzeit von MARTIN gesungen wurde. Ansonsten ist das Stück ein optimistischer und lebensbejahender Song mit einer eingängigen Melodie, deren Reiz gerade im Wechsel zwischen MARTINS und MANUELS Gesang liegt.

Um nicht jeden der 14 Songs beschreiben zu wollen, beschränke ich mich nun auf die Stücke, die mich besonders beeindrucken. Dazu zählt vor allem die Ballade "Kein einziges Wort". Konzertgängern ist sie schon längst bekannt, und auch auf dem SUPERillu-Sampler "STERN MEISSEN - Die größten Hits" wurde das Stück schon veröffentlicht. Der Song besticht mit seiner wunderschönen Melodie und außerdem durch seine Synthesizer-Passage im Mittelteil. Für mich ist er ein kleines Meisterwerk, das mich immer wieder neu berührt. Mit "Lebensblues" landet ein weiterer Song auf dem Album, der ebenfalls auf gerade benanntem Sampler enthalten ist, und den Fans der Band schon länger aus Konzerten kennen. Dieser Song entstand bereits 2012/2013 unter Mitwirkung des leider auch schon verstorbenen Keyboarders THOMAS KURZHALS. Noch älter ist das Stück "In den Kosmos". Es stammt aus dem Jahre 1978 und wurde von THOMAS KURZHALS und NORBERT JÄGER komponiert. Dieser spacige Song macht auch in der 2020er-Version noch Spaß. Auch auf eine Klassik-Adaption muss der geneigte STERN MEISSEN-Fan nicht verzichten. MANUEL SCHMID nahm sich die ROBERT SCHUMANN-Komposition "Von fremden Ländern und Menschen" aus dem Klavierzyklus "Kinderszenen, op. 15" vor und spielte eine für STERN MEISSEN typische Bearbeitung der schönen Melodie ein.

Der sehr komplexe Song "Einer unter Gleichen" gehört für mich zu den besten Stücken des Albums. Er weist alle Trademarks auf, die STERN MEISSEN ausmachen, wie satte Keyboardsounds, schwelgende Gesangsmelodien mit ausgefeilten Satzgesängen, interessante rhythmische Wendungen sowie niveauvolle Texte, die sich an aktuellen Themen orientieren.

Das Album endet mit dem Song "Samt in neuen Farben", einem kurzen und versöhnlichen Abschluss eines Albums, auf dem es bei jedem Hördurchlauf immer wieder Neues zu entdecken gibt. Bemerkenswert finde ich, wie die Band es schafft, ihren typischen Sound, der sie schon seit den 70er-Jahren ausmacht, ins Jetzt und Heute zu transportieren und dabei trotzdem modern zu klingen. Für Fans der Band ist dieses Album ein absolutes Muss, für alle anderen eine lohnende Anschaffung, wenn man deutschsprachigen Artrock mag.
(Bodo Kubatzki)
 


Rezension 2:
Freiheit ist … zur Zeit meine Lieblings-CD. Damit könnte ich es eigentlich bewenden lassen, ein paar Worte zur aktuellen Veröffentlichung von Stern Meissen möchte ich dennoch sagen – allerdings ist „ein paar Worte“ gar nicht so einfach. Zwar verursachten der etwas sperrige Titel des Silberlings „Freiheit ist“ und der erneute Verzicht auf „Combo“ im Namen der Formation anfangs bei mir etwas Stirnrunzeln und die Befürchtung, in das Fahrwasser der Spät-Achtziger abgebogen zu sein, aber das Gegenteil ist der Fall. Inzwischen habe ich Druckstellen in den wenigen Haaren vom Kopfhörer-Tragen, denn das rate ich dringendst an: nehmt euch Zeit, lasst andere ablenkende Tätigkeiten sei - genaues Zuhören lohnt sich, es gibt unheimlich viel zu entdecken!
 
Frontmann, Sänger und Keyboarder Manuel Schmid hat sich längst zum Mastermind der Band entwickelt, und so entstand in enger Zusammenarbeit mit Marek Arnold, der in der Zeit der „Lebensuhr“-CD ja ebenfalls schon einmal Stern-Mitglied war, und anderen Mitstreitern eine bemerkenswerte Produktion! Spannende Kompositionen, extrem vielschichtige, komplexe und doch transparente Arrangements, die sorgfältig aufbereitete Solostimme von Manuel sowie aufwändig arrangierte Chöre machen das Album für mich zu einem Hochgenuss. Allein das Flirren des Fender-Pianos im Stereo-Panorama erzeugt Gänsehaut. Der unverkennbare Mini-Moog-Synthesizer und die virtuos gespielte Hammond-Orgel lassen Erinnerungen an die Zeit mit Thomas Kurzhals wach werden – das hatte ich so nicht erwartet. Und vollends glücklich bin ich, mal wieder den nobel-kühlen Klang des Mellotrons 4000 zu hören (das Instrumental bei „Kein einziges Wort“ ab 2:30 Min ist eine Klasse für sich!) - King Crimson und Porcupine Tree lassen grüßen.
 
Zu meinen Favoriten gehört weiterhin der Song „Blinde Gier“, der mit mutigen Taktwechseln, einem wundervollen E-Piano und einem sich intensiv entwickelnden instrumentalen Nachspiel punktet. Bei „Einer unter Gleichen“ werden nahezu alle Stern-Trümpfe ausgespielt: von tollem Intro über fast gegenläufige musikalische Themen, einstimmigem und oktaviertem Sologesang - clean oder mit unaufdringlichen Effekten versehen - bis hin zur jazzig-schmatzenden Hammond-Orgel. Der letzte Titel des Albums „Samt in neuen Farben“ verzaubert unter anderem mit einer enormen Dichte bei den Vocals, es gibt neun Gesangsspuren! Das tut so gut! Auch die erneute Einbeziehung der Gitarre in die Stern-Musik tut dem Album gut – ich bin auf die Live-Umsetzung gespannt.
 
Ich empfehle allen Interessenten, sich nicht den Download zu kaufen, sondern die CD – ich habe das Booklet mit den Texten wirklich gebraucht, denn nur durch das Mitlesen war ich gezwungen, mich etwas von der Musik zu lösen. Bemerkenswerte Texte, auch wenn nicht jedes sprachliche Bild meinen Nerv trifft. Aber das schmälert den Gesamteindruck in keiner Weise. Allen an der Produktion Beteiligten klopfe ich auf die Schulter: das habt ihr echt gut gemacht, das ist Stern-Musik vom Feinsten! Also Leute, CD kaufen und ergänzend die Homepage der Band, von Manuel Schmid und Marek Arnold besuchen – das lohnt sich!
 
Und nun müsste sich noch ein mutiger Radio-Musikredakteur finden, der „Nimm die Welt in die Hand“ ins Tagesprogramm aufnimmt … aber ich träume wohl schon wieder …
(Jens Kurze)



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