Rolf Brendel: "Vergessene Helden" (Album)

brendel2020 20200725 1199444336VÖ: 02.10.2020; Label: BrendelBeatMusic; Katalognummer: 0798190164625; Musiker: Rolf Brendel (Gesang, Schlagzeug), Lutz Fahrenkog-Petersen (Gitarre, Keyboard), Peter Aalderks (Gitarre, 12-String), Alex Conti (Gitarre), Highko Strom (Gitarre), Jürgen Dehmel (Bass), Carli Quiroz (Piano, Keyboard, Akkordeon), Malcolm Arison (Mundharmonika), Sabine Manke (Gesang), Helene und Henri Brendel (KlimaChor); Produzent: Lutz Fahrenkrog-Petersen, Rolf Brendel; Bemerkung: CD im aufklappbaren Pappcover inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte. Dieses Album ist auch als limitierte Schallplatte erschienen;

Titel:
Vergessene Helden • Im Himmel ist noch ein Zimmer frei • Im nächsten Leben • Ich will Eure Hände sehen • Immer unter Strom • Das Meer berührt den Horizont • Blaues Eis • Sowas wie Dich • Einmal nur Du sein • Die Farbe meiner Seele


Rezension:
Dem Musikfreund, der sich Anfang der 80er an den von den Künstlern der Neuen Deutsche Welle in so mannigfaltigsten Spielarten präsentierten Musik erfreut hat, wird es heute alles andere als leicht gemacht, seine gute Laune zu behalten. Was einst ziemlich cool war, ist in seiner Weiterentwicklung nicht selten leider nur noch als "Stuhl" zu bezeichnen. Das kreischende und bunte "Anders sein" dieser Phase und das Verliebtsein ins Experimentieren hat einer erschreckenden Gleichförmigkeit und Angepasstheit Platz gemacht, die selten bis gar nicht zu ertragen sind. Statt Ausprobieren und Erfinden neuer Klänge, tutet man lieber in das seichte Töne produzierende Horn, dessen Mundstück schon von allen möglichen Gesangsdarstellern vollgesabbert wurde, die sich allsonntäglich bei den kuscheligen TV-Shows zur Mittagszeit die Klinke in die Hand geben. Manch ein Geselle ist sogar richtig übel über die Schnürsenkel seiner Turnschuhe gestolpert und voll in den schlammigen Bereich des Schlagertümpels gefallen. Zu klebrigem Disco Fox-Sound werden im dazu gereichten Text nunmehr hauptsächlich Poesiealbum-Phrasen gedroschen, die man dann doch besser auf ein Sofakissen hätte sticken, als sie singen sollen und fleißig im Fan-Weiher der AMIGOS geangelt. Für einen Auftritt in einem dieser Formate, die oft nur noch von der Generation Feierabendheim kurz vor dem Mittagschläfchen konsumiert werden, ist sich der eine oder andere Star dann auch für nichts zu schade. Wenn es nicht der Schlager ist, gibt es noch weitere Möglichkeiten, seinen guten Ruf zu ruinieren. Manch anderer hat sein auffallend schrilles Bühnen-Outfit von einst gegen einen Pullunder getauscht und dabei offenbar auch sein großes Talent als Songschreiber beim Klamottenwechsel in einer der Taschen zurückgelassen. Stattdessen wird wie Caruso singend versucht, aus Klamauk-Nummern des Jahres 1982 hohe Kunst entstehen zu lassen, die aber nur ganz leicht nach Klassik oder Brel'schen Chansons riechen, ansonsten aber eher peinlich müffeln. Nur wenigen Acts der Welle-Zeit ist es gelungen, das Level zu halten, sich immer wieder neu zu erfinden, sich immer wieder zu häuten und die Leute noch zu überraschen. Hier sei mal Joachim Witt lobend und namentlich genannt. Oder Purple Schulz, wenn er dieser Bewegung denn zugerechnet werden kann. Und nun tritt ein Protagonist der gleichen Ära als Sänger mit neuem Album in Erscheinung, den nun wirklich niemand als Solchen auf dem Zettel hatte. Rolf Brendel, zwischen 1982 und 1987 Schlagzeuger in der NENA Band, hat mit "Vergessene Helden" eine Langrille geschnitzt, die hier jetzt vorliegt und vorgestellt werden möchte.

Rolf Brendel - so viel sei vorweg schon angemerkt - ist nicht im Schlager-Tümpel gelandet und will auch gar nicht auf Biegen und Brechen die Charts von hinten aufrollen, in dem er sich im Plastik-Sound-Regal seines Computers bedient. Hier wird noch echte Musik gemacht und er macht auch vieles selbst. Der Musiker hat 1987 eine Mission abgebrochen, als diese ins Stocken geriet. Noch längst war in Sachen NENA nicht alles gesagt und erst recht nicht alles gesungen. Brendel hat sich hingesetzt und den Faden wieder aufgenommen, den man 1987 plötzlich fallen ließ, um sich anderen "Strickwaren" zuzuwenden. Frau Kerner machte solo mit seichteren und nicht ganz so erfolgreichen Liedern weiter, die Jungs ihrer Band suchten sich andere Beschäftigungen. Rolf Brendel ging z.B. in die Staaten, um sich an seinem Instrument weiterzubilden. Nach seiner Rückkehr nach Germany trommelte er bei Herwig Mittereggers Live-Konzerten und im Studio für andere Kollegen, arbeitete als Manager und gründete schließlich eine Familie. Die Kinder sind nun aus dem Gröbsten raus, haben ihm sogar schon Enkel geschenkt (die man hier sogar antreffen kann) und daher fand sich auch die Zeit, den eben erwähnten Faden wieder aufzunehmen.

Ein Vorbote für das neue Album ist der Song "Vergessene Helden", der diesem ersten Solo-Werk nicht nur seinen Namen gibt, sondern auch als Appetitanreger in Form eines Videos ins Rennen geschickt wurde. Zu Tönen, die verdächtig auffällig nach "Nur geträumt" aus dem Jahre 1982 klingen, singt er darin von einem "Goldenen Otto", einem Publikumspreis der Jugendzeitschrift BRAVO, der einsam im Regal steht und von erfolgreichen Zeiten erzählt. Zeiten, in denen man als Musiker ein Held war und den "Rausch der Sinne und Eruptionen" hautnah erlebt hat. Für viele Menschen, die einst seinem Vortrag zugejubelt haben, inzwischen vergessen, für den Künstler aber bleibende Erinnerungen. Im typischen Stil von damals arrangiert - es ist sicher kein Zufall, dass diese bekannten Töne gleich nach vorn an den Anfang gestellt wurden - eröffnet dieser Gute-Laune-Spender dann auch das Album und schickt große Erwartungen an den Rest voraus. Schon mutig, eine solche Rock/Pop-Hymne als Opener auszuwählen ...
In der gleichen Machart kommt aber auch der zweite Song "Im Himmel ist noch ein Zimmer frei" um die Ecke, der im Keyboard-Sound ein paar Anleihen von Vladimir Cosmas Klang-Ideen aufweist. Er zeigt dem Hörer ein weiteres Mal, wie die Neue Deutsche Welle im Jahr 2020 klingt und erzählt davon, wie sich das Verliebtsein anfühlt.
Beim folgenden Stück "Im nächsten Leben" lassen beim Arrangement die Herren von Status Quo grüßen, die mit einer leckeren Blues-Harp und ans Knie fassendem Bar-Piano-Solo verstärkt werden, und es werden Pläne für eine weitere Runde Leben gesponnen.
"Immer unter Strom" ist noch eine weitere Nummer in flotterer Gangart, bei der die Musik zum Inhalt passt. Es geht um das ganze "höher, schneller, weiter", das unser aller Leben in der heutigen Zeit bestimmt. Drum rappelt und scheppert es hier auch mächtig und der Beat fährt einem in die Glieder (muss man laut hören).
Nach einer Reihe stürmischer Rock-Songs nimmt der Wind ab und das Wasser wird eine spiegelglatte Fläche, damit man den Horizont sehen kann. Und so heißt das erste ruhige Stück dann auch "Das Meer berührt den Horizont". Dabei handelt es sich um eine entspannt dahin gleitende und gleichzeitig auch berührende Ballade, die Brendel seinem bereits verstorbenen Freund und Band-Kollegen aus NENA-Zeiten, Carlo Karges, gewidmet hat. Und weil Karges ein Gitarrist war, darf dieses Instrument in "angemessener" Stärke im Arrangement auch nicht fehlen. Sachgerecht!
Einen Song über die gerade live von uns allen erlebbare Klimakatastrophe hat Rolf Brendel mit "Blaues Eis" geschrieben. Ebenfalls in einer Ballade stecken die Beobachtungen dazu, was hier alles schief läuft und der Ausblick in die nicht allzu ferne Zukunft, und was uns da noch alles erwartet ("Palmenstrand auf Helgoland", "Blaues Eis in der Sahara"). Der "KlimaChor", der hier zu hören ist, besteht übrigens aus Rolfs Enkeln.
Außerdem kann man auf der Platte noch ein Liebeslied der besonderen Art finden. "Sowas wie Dich" ist eher eine Lobpreisung der Lebensgefährtin/Frau/Freundin, als ein simpler Kuschelsong. Entlassen wird man aus der Platte mit der Nummer "Die Farbe meiner Seele", einer weiteren ruhigen Ballade, der zum Unterstreichen der Stimmung im Arrangement ein Akkordeon hinzugefügt wurde. "Das ist nicht einfach nur ein Liebeslied", sondern ein Song, der seine Liebe zeigt und die Farbe seiner Seele offenbart. Unheimlich schön!

Von all seinen Kollegen aus der alten Zeit in den 80ern gehört Rolf Brendel zweifelsfrei zu denen, die ihre Wurzeln nicht gekappt und das Lebensgefühl von damals gegen eine Staubsaugervertreter-Mentalität eingetauscht haben. Er wollte das Rad nicht neu erfinden, sondern zeigen, wie es 1987 hätte weitergehen können und wie der Zeitenklang von vor über 30 Jahren im Heute wirkt. Wie soll er schon wirken, wenn das Ausgangsmaterial, das er mit der NENA Band und mit Reinhold Heil und Manne Praeker von SPLIFF damals erschaffen hat, so zeitlos ist? Genau: Zeitlos! Rolf möge es mir verzeihen wenn ich sage, er ist nicht der größte Sänger unseres Landes. Das weiß er sicher auch selbst und wenn dem so wäre, hätte er damals schon eine Karriere als Frontmann und Nachtigall eingeschlagen. Aber das macht hier rein gar nichts. Seine Stimme wird zum Bestandteil der Musik und stellt gar nicht erst den Anspruch, eine perfekte Figur abzugeben. Diese Platte ist vom Sound, Inhalt und von der Gesangsleistung seines Schöpfers echt und glaubwürdig. Die Instrumente wurden von Hand eingespielt und er als Stimmgeber hat nun mal diese Farbe, die er da beigesteuert hat. Alles in Allem passt es hier und manch einer, der heute mit 60 noch von "blutjungen Herzen" trällert und den Berufsjugendlichen im Schlagerzirkus gibt, darf sich hier eine dicke Scheibe in Sachen Authentizität abschneiden. Macht definitiv Lust auf mehr ...
(Christian Reder)





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