Stefan Waggershausen: "Aus der Zeit gefallen" (Album)

lp15 20181126 2035020577VÖ: 08.02.2019; Label: Miau MV; Katalognummer: 4056813108835; Musiker: Stefan Waggershausen (Gesang, Gitarre), Jörg Weisselberg (Gitarre); Bemerkung: Als Standard CD und als Limited Deluxe Edition mit den zusätzlichen Songs "Du bist da draußen", "Schwestern der Liebe", "Windstärke 10", "Herzlichen Glückwunsch", "Kleines Boot", "So isses nunmal" und "Die Drinks (Reprise)" erschienen. Außerdem gibt es das Album auch auf Doppel-Vinyl (ebenfalls limitiert) mit der Titelfolge der Standard-CD (siehe unten);

Titel:
Die Drinks sind getrunken • Ich kenn mich aus mit dem Blues • Mädchen der besonderen Art • Hank Williams • Du bist zu schön für mich • Etwas Gutes wird kommen • Sonntagskind • Du das wär nur heut Nacht • Backstreet Girl • Der Rock'n'Roll ruft seine Kinder heim • New Orleans war gestern (Mein Weg geht da lang) • Belladonna


Rezension:
Immer wenn Stefan Waggershausen ein Album veröffentlicht hat, hat er seine Hörer nicht enttäuscht. Völlig egal, in welcher Schaffens-Phase eine seiner Platten erschien, die Wahl der Verpackung für seine erzählten bzw. gesungenen Geschichten war stets von hoher Qualität in Sound und Arrangement gekennzeichnet. Seine Plattenfirma warf Anfang der 80er die Bezeichnung "Sanfter Rebell" über ihn in die Runde. Passend zum damals erschienenen gleichnamigen Album verpasste sie ihm den Stempel. Dies traft aber auch exakt auf Waggershausen zu - auch in den Jahren danach. Seine Texte handeln manchmal sogar von Rebellion, aber weniger von der in der Lederjacke, als vielmehr der im Herzen und in der Seele. Geschichten über Fernweh und gebrochene Herzen, im Sande verlaufener Lieben und solcher, die wie "Tropenfieber" wirken. Manchmal erzählt er auch welche über mysteriöse und sogar mystische Dinge auf dieser Welt. Wer begegnet denn schon der Zeit in einem Hotelzimmer und beginnt mit ihr ein Spiel? Oder wer macht schon einen Auftragskiller zum Thema eines seiner Lieder und lässt diesen selbst in einem Hotel in Rom sterben? Da gibt es in Deutschland nur ihn. Ganz egal, welche Themen der Mann bisher zu "Storys" machte, er kleidete sie immer in verschiedene, jedoch deutlich von seiner Handschrift gekennzeichnete Musik, für die eigentlich eine eigene Schublade erfunden werden müsste. Nach acht-jähriger Pause kommt er nun mit einem neuen Album, neuer Musik und neuen Geschichten zurück. Doch bleibt auch bei der 15. Langrille die Enttäuschung aus?

Ja, tut sie. Das sei an dieser Stelle schon verraten. Auch für "Aus der Zeit gefallen", so der Titel des neusten Streichs aus der Waggershausenschen Lieder- und Geschichtenschmiede, gibt es all das, was man von einem Album des Künstlers erwartet - nämlich das volle Waggershausen-Programm! Das fertige Werk mit Cover und endgültiger Reihenfolge der Titel lag unserer Redaktion zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Rezension noch nicht vor, sondern nur die Endmixe der einzelnen Lieder in digitaler Form. Aber auch ohne etwas in der Hand halten zu können, hatte der Autor dieser Zeilen eine Menge Spaß am neuen Liedgut.
Da wäre z.B. das Lied "Die Drinks sind getrunken", das mit seiner nur mit wenigen Instrumenten ausgeformten Endzeitstimmung einen bisher so noch nie erlebten Stefan Waggershausen zeigt. Gitarrenklänge wie aus einer anderen Welt und ein schreiendes Exemplar dieser mit sechs Saiten bespannten Instrumente sorgen für das nötige Fluidum, das zum Transport des Inhalts benötigt wird.
Dies gilt auch für den Song "Ich kenn mich aus mit dem Blues", der allerdings etwas "heller" wie das eben beschriebene Stück daher kommt, auch wenn das Thema keins für "leuchtende Töne" ist. Die Ballade, die ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten zum Thema hat, die im Leben nicht ganz so viel Glück hatte, diesen Umstand aber hinter einer Maske zu verbergen versucht, bekam vom Künstler diesen besonderen Sound verpasst, der knapp fünf Minuten entspannt dahin gleitet. Südstaaten-Feeling in den Noten inklusive.
Ordentlich zur Sache geht es dann in "Hank Williams". Dem bereits 1953 verstorbenen US-Musiker widmet Waggershausen damit einen eigenen Titel, der u.a. die Geschichten, die man sich in dessen Heimat so über ihn und seinen Tod erzählt, zum Thema hat. Es geht um ein "Geisterhaus im Westen", aus dem beim Vollmond Musik ertönt und in dem der Musiker nach wie vor hausen soll. Während die Einwohner der Gegend das für "Voodoo" halten, bittet unser Freund Stefan dort aber um Einlass, denn dort gibt es jede Menge Mädchen und Drinks, und die gute Stimmung, die auch dieses vom Louisiana-Sound inkl. Mundharmonika gekennzeichnete Arrangement ganz locker versprüht, obendrauf.
Der Tod von Amy Winehouse im Sommer 2011 stimmte Stefan Waggershausen dermaßen nachdenklich, dass das Stück "Der Rock'n'Roll ruft seine Kinder heim" entstand. Eine ruhige Nummer mit Gänsehautgarantie, die nicht nur durch das schwere Thema, sondern insbesondere auch von dieser wunderbaren Musik entsteht, die einzig und allein von einer akustischen Gitarre, des Künstlers eigener Gibson ES 150 und einem Damen-Chor im Chorus erzeugt wird. Eine weitere Ballade ist "Belladonna", das durch den Klang der in den Vordergrund gestellten Akustikgitarre, den fein gesetzten Tupfern der E-Gitarre und den Tönen des aus Armenien stammenden Duduks angenehm auffällig wird. Die Geschichte vom Prinz aus dem Morgenland und der dem Song seinen Namen gebenden Belladonna, die am spanischen Strand auf ihn wartet, ist eine für Waggershausen so typische Story über eine unglückliche Liebe, ebenso wunderbar erzählt wie schon viele andere in seinen Liedern. Traurig in diesem Fall, weil sich das Paar - trotzdem es sich ewige Liebe geschworen hat - am Ende nie zueinander finden wird. Und schon wieder Gänsehaut, verursacht vom "Sanften Rebellen" und seiner großartigen Kunst des Erzählens.
Dies wird eigentlich nur noch durch das "Backstreet Girl" getoppt, in dem Waggershausen zu einem langsamen Schleicher die Geschichte eines Mädchens erzählt, das vor Jahren die Geliebte war, die man gelegentlich aufsuchte um eine schöne Nacht mit ihr zu verbringen. Man war nie mehr als der Teilzeit-Liebhaber und hatte sich deshalb auch nie von ihr verabschiedet. Irgendwann ging man an einem Morgen einfach fort und kam nicht wieder. Jahre später holte man dieses Abschiednehmen nach, als man mitten in der Nacht vor der Haustür des Hinterhof-Mädchens stand und leise "Leb wohl" sagte - ohne, dass sie jemals davon erfahren wird, denn vorher wurde nicht an ihrer Tür geklopft. Auch hier weint die Gibson ihr Lied zur sanften Stimme des Sängers als hätte sie gerade bemerkt, dass das Mädel vom Hinterhof doch viel mehr als nur ein Zeitvertreib für wenige Stunden war.

Das Standard-Album hat 12 Lieder, von denen hier jetzt nur eine kleine Auswahl vorgestellt wurde. Auch die anderen Lieder dieses Albums hätten eine ausführliche Beschreibung verdient, aber zum einen soll der Leser ja neugierig auf das werden, was im Plattenladen gerade noch auf ihn wartet, und zum anderen ist das Songmaterial vom Inhalt und von seinem äußeren Erscheinungsbild so vielseitig, dass eine komplette Besprechung den Rahmen einer Rezension sprengen würde. Fakt ist aber, dass jedes der hier zu hörenden Lieder ein Highlight ist. Es befindet sich kein Füllmaterial auf der Scheibe, was wohl auch daran liegen dürfte, dass Waggershausen die Lieder mit seiner Band "von Hand" gemacht hat. Hier ist nichts am Computer entstanden, jedes zu hörende Instrument ist live eingespielt worden - man hört den Herzschlag eines jeden Instruments - und die Kreativität wurde auch über die inzwischen handelsüblichen 3:30 Minuten hinaus ausgelebt. Hier lässt man sich Zeit, liefert Lieder in Überlänge ab und gibt dabei sein Herzblut her. Das ist jedem Song, jeder Zeile und jeder Note deutlich zu entnehmen. Musikalisch darf man sich auf viel Abwechslung und wunderbare Arrangement-Ideen freuen, die ihren Weg auf die Platte gefunden haben. Auf der Doppel-CD sind weitere sieben Lieder zu finden, über die hier noch nichts gesagt werden kann. Die darf der Rezensent - wie alle anderen Hörer auch - erst am Tag des offiziellen Erscheinens hören. Aber ich bin mir sicher, dass man da ebenso wenig enttäuscht wird, wie bei dem bisher gehörten Liedern, denen auf dem Album davor, und denen davor ... und denen davor ... und ...
(Christian Reder)





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