Volkmann: "Volkmanns Gitarren" (Album)

solo2 20190825 1420632581VÖ: 03/2019; Label: Troyke Records; Katalognummer: 4251344700408; Musiker: Peter Butschke (Gitarre, Percussion, Mundharmonika), Jan Haasler (Gitarre), Jens-Peter "El Alemàn" Kruse (Gitarre, Bass), Jens-Peter "El Basso" Kruse (Bass, Gitarre), Frank Godde-Gohlke (Cajon); Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak. Das Album ist ausschließlich auf CD und im Eigenvertrieb erschienen. Zu beziehen ist es per E-Mail direkt über den Künstler ().

Titel:
Entré • Carpe Diem • Alhambra • Bach • Toms Dobro • Wiese und Wolke • Esperanza • Veranda auf dem Mars • Ismaels Worte • Baile de despedida • Bleib dran • Habanera • Helldunkel • Geborgen sein • Nachtgestalten


Rezension:
Wir kamen mit Deutsche Mugge zu spät. Ich besonders. Einen Monat, bevor wir mit diesem Magazin an den Start gegangen sind, verstarb mit Reinhard Sonnenburg-Buchholz ein Teil des Duos PENSION VOLKMANN, und damit auch die Band. Eine Band, die ich damals noch gar nicht kannte und erst über die Arbeit für eben dieses Musikmagazin kennenlernen durfte. Aber warum eigentlich kannte ich dieses Duo nicht? Immerhin war die "Pension" in den 80ern ziemlich erfolgreich und hat allein von seiner ersten Langspielplatte 100.000 Einheiten verkauft. Der Grund dafür ist der, dass PENSION VOLKMANN ihre Erfolge in der DDR feierte und ich ein gebürtiger Westler bin. Die Medien in der damaligen Bundesrepublik interessierten sich nicht für die Kulturszene "Ost". Hätte es Peter Schimmelpfennig von POOL nicht gegeben, wären uns womöglich auch Bands wie CITY oder KARAT nicht zu Gehör gebracht worden. Und was es bis 1989 nicht wert war, über die großen Medien verbreitet zu werden, war es nach 1989 erst recht nicht. DDR weg - deren Kultur gleich mit. Und so gingen an uns Westlern Lieder und Musiker vorbei, die wir damals mit Sicherheit gern gehört und vor der Bühne lautstark bejubelt hätten. So empfinde ich es jedenfalls, wenn ich heute Platten von Bajazzo, Dialog, Report oder eben der PENSION VOLKMANN höre. Das Duo bestand neben dem eben schon erwähnten Reinhard Sonnenburg-Buchholz an der Gitarre noch aus Peter Butschke an der anderen Gitarre und am Mikrofon. Im Hintergrund, aber nicht unwesentlich am Erfolg dieser Formation beteiligt, war Textdichter Werner Karma tätig, der Butschke die richtigen Worte in den Mund legte. Als ich zum ersten Mal "Satt zu essen" hörte, das war 2007, bin ich wegen Text und Musik gleichermaßen vom Hocker gefallen. Dieses vom Stuhl fallen passierte mir später beim Hören der beiden AMIGA-LPs noch mehrfach. Noch heute erzählt man sich, wie genial Konzerte der beiden Künstler waren, und dass man dort noch richtig Qualität für sein Geld bekam. Ich hab's leider verpasst. Aus den genannten Gründen. Doch Peter Butschke macht noch heute Musik. Für mich einmal mehr überraschend.

Schrieb ich vor wenigen Wochen noch in das neu überarbeitete Portrait der PENSION VOLKMANN, dass Peter Butschke wohl sein Instrumentarium inzwischen an den Nagel gehängt hat, weil die Webseite abgeschaltet und er scheinbar abgetaucht sei, wurde ich kurz darauf eines Besseren belehrt. Ein Freund und Radio-Kollege schrieb mir, es gäbe mit "Volkmanns Gitarren" ein neues Album. Daraufhin entstand auch ein Kontakt zum Künstler, der mir dies bestätigte und mir gleich ein Exemplar dieses Werks zukommen ließ. Und was soll ich sagen? Es wäre wohl wieder ein Highlight an mir vorbei gegangen, gäbe es nicht immer diese Zufälle. Ohne viel Tamtam und ohne Vertrieb erschien im Frühjahr auf dem kleinen Label Troyke Records eben dieses Album mit 15 Instrumental-Stücken. Im Netz kannste lange danach suchen … Du wirst es nicht finden. Du kriegst es nur direkt beim Erzeuger, sprich bei Peter Butschke, wenn Du Dich bei ihm per Mail meldest. Ein ziemlich ungewöhnliches Vorgehen, was den Vertrieb der eigenen Musik betrifft. Ich gebe zu, dass mir sowas bisher noch nicht begegnet ist. Schwer für den interessierten Musikfreund, so auf diese Platte zu stoßen, egal ob man gezielt danach sucht oder ob man auf Entdeckungsreise geht. Man ist hier also von Mund-zu-Mund-Propaganda abhängig, die wir mit diesem Beitrag gerne unterstützen. Denn das Album ist unterstützenswert!

Wie schon erwähnt, befinden sich 15 instrumental eingespielte Songs auf der CD. Wer nun glaubt, die Lieder wären auf einer CD-R aufgespielt und ein 08/15-Pappcover dient den Liedern, die wahrscheinlich alle vom Sound her auf kleiner Flamme daher kommen, als Zuhause, irrt von vorn bis hinten. Nichts davon ist der Fall, warum die Sache mit dem ungewöhnlichen Vertrieb noch mehr Fragen aufwirft. Da hat doch jemand Geld in die Hand genommen, um Lieder, die unüberhörbar von Herzen kommen und mit großem Ideenreichtum in Bezug auf die Arrangements ausgestaltet sind, auf einem Tonträger zu verewigen. Neben Peter Butschke haben noch drei weitere Mitglieder der Band Kompositionen beigesteuert, nämlich alle, die dort auch sonst in die Saiten greift. Darum ja auch der Titel der CD, "Volkmanns Gitarren". Zur Band gehören neben Peter Butschke an Gitarre, Percussion und Mundharmonika auch Jan Haasler an der Gitarre, Jens-Peter "El Alemàn" Kruse an Gitarre und Bass, Jens-Peter "El Basso" Kruse an Gitarre und Bass, sowie Frank Godde-Gohlke am Cajon mit dazu. Also keine Wohnzimmer-Hobby-Kapelle auf möglichst niedrigem Level, sondern eine Musikgruppe mit `ner Menge Fleisch am Knochen. Lieder, die Namen wie "Carpe diem", "Alhambra", "Esperanza", "Ismaels Worte" oder "Habanera" tragen, und ausschließlich mit Gitarren, Bass und ein bisschen Percussion eingespielt wurden, eröffnen dem Hörer die wunderbar weite Musik-Welt dieses Quintetts. Weltmusik trifft Klassik trifft Folk trifft Blues trifft Rock trifft Pop, und kommt dabei ohne hörbare und vorgezeichnete Inhalte aus. Die Musik lässt beim Hörer vielmehr ganze Landschaften und Szenerien im Kopfkino entstehen, wenn er beim Zuhören die Augen schließt und sich ihr hingibt. Es ist Musik, die Dich zum phantasievollen Malen mit den eigenen Gedanken einlädt und aus Dir einen echten Künstler werden lässt. Sie entführt Dich aus Deinem Alltag und entschleunigt Dein Leben. Man höre sich "Veranda auf dem Mars an", lasse sich gedanklich fallen und stelle sich vor, was man von dieser Veranda aus (oder darauf) so sehen kann und rate mal mit, was Butschke mit dem Spiel auf der Bassmundharmonika hier darstellen will. Die Komposition von Jan Haasler versprüht eine angenehme Gelöstheit mit punktuell gesetztem Humor, die sich beim Hören sofort überträgt. Hier ist mit "Yeah" auch ein bisschen Text mit dabei ;-)
Bei "Habanera" findest Du Dich dagegen plötzlich in einem Straßencafé mit dem Blick aufs Meer wieder. Auch wenn Du noch nie in Kubas Hauptstadt gewesen bist, versetzt Dich dieses entspannte Stück Musik dahin und Du kannst Deinen eigenen Vorstellungen davon freien Lauf lassen, wie es da wohl aussieht und welch lockere Stimmung dort herrscht. Nur knapp drei Minuten dauert die Reise und Du möchtest aus diesem Film gar nicht wieder aussteigen.
In "Toms Dobro" darf man mal raten, wer denn wohl dieser "Tom" ist, den es in der Besetzung von Butschkes Studioband gar nicht gibt. Den feinen Dobro-Sound hat dort jedenfalls Jan Haasler entstehen lassen, und auch diese Nummer lebt ganz wunderbar ohne Text und als Anregung, sich selbst eine Geschichte dazu zu erträumen. Diesen besonderen Klang auf der Gitarre lässt Haasler u.a. bei der locker-leichten Nummer "Ismaels Worte" später ein weiteres Mal aus seinen Saiten perlen. Herrlich!
Erwähnen möchte ich noch die "Nachtgestalten", die den Hörer nach als viel zu kurz empfundener Zeit aus dem Programm entlassen sollen. Eine wimmernde und teils auch schreiende E-Gitarre sowie ein weiteres Mal der Dobro-Klang von Jan Haasler bilden hier einen feinen Schleicher im 80er-Jahre-Sound, den die Band hier gekonnt ins Heute übertragen hat. Als weiterer Farbtupfer in einem angenehm bunten Bild dient dieser Song sehr gut als Abschluss.

Nicht nur die Musik, auch das Cover ist ein Aufmerksamkeitserreger. In angenehm bunten Farben hat Peter Butschke "Volkmanns Gitarren" gemalt, die nun als Cover für dieses Album dienen. Beim Blättern in CD-Regalen des Fachhandels würde dieses Cover auf jeden Fall herausstechen, denn so phantasievoll gestaltete Plattecover findet man heute eigentlich kaum noch. Mit knapp einer Dreiviertelstunde Laufzeit ist "Volkmanns Gitarren" tatsächlich eine sehr kurze Reise, die man sich am Ende des Hördurchgangs dann doch in etwas längerer Form gewünscht hätte. Die Vielfalt der Stile, die hier mit einem auf den ersten Blick limitierten Instrumentarium verarbeitet wurden, ist ein dickes Plus dieses Albums. Es wird hier nicht nur ein Feld mit einer Art Saatgut bestellt, denn am Ende des Tages möchte man ja schließlich doch ein wenig Abwechslung auf dem Tisch haben. Man beackert also gleich mehrere Böden und erntet reichhaltig. Die Musiker lassen dabei eine unerwartete Tiefe im Sound entstehen, die jedes der Lieder deutlich hörbar von anderen Produktionen dieser Art abheben lässt. Dieser Eindruck entsteht nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Spielarten der Musiker und ihren Vorstellungen, wie ein Song klingen muss. Unerwartet ist dies alles besonders auch deshalb, weil man von einem nur von Gitarre, Cajon und Bass geschaffenen Arrangement keine großen Überraschungen mehr erwartet. Hier bekommt man sie aber - und zwar reichlich! Um es am Ende kurz zu machen: Es wird offenbar immer wichtiger, sehr weit in die Tiefe der deutschen Musiklandschaft zu schauen. Wenn Plattenproduktionen wie diese hier nur äußerst schwierig aufzustöbern sind, langweiliger Einheitsbrei aber aggressiv über alle möglichen Kanäle beworben wird, dann haben wir ein Problem. Mögen sich "Volkmanns Gitarren" trotzdem weit verbreiten. Darum bestellt sie Euch bei Peter Butschke unter und macht ihm auch gleich Mut dafür, beim nächsten Album wieder auf "gängige Vertriebswege" zurück zu greifen. Verstecken müssen sich weder er als Musiker noch seine Ideen als Musik. Und das nächste Album ist angeblich schon in Arbeit. Dann wieder mit Texten und vielleicht auch wieder mit Werner Karma im Hintergrund?
(Christian Reder)





   
   
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