Oli P.: "Alles Gute" (Album)

olip 20190808 1660298236VÖ: 09.08.2019; Label: Telamo; Katalognummer: 4053804313315; Musiker: Oliver Petszokat (Gesang), Christoph Aßmann und Christian Geller (alle Instrumente); Produzent: Christian Geller; Bemerkung: CD im Jewel-Case (Plastikhülle) inkl. Booklet ohne Abdruck der Songtexte;

Titel:
Dein ist mein ganzes Herz • Lass die Sonne in dein Herz • Solang' man Träume noch leben kann • Über sieben Brücken musst du gehn • Ich liebe dich • We Love to Love (im Duett mit Thomas Anders) • Engel 07 • Nachts, wenn alles schläft • Kleine Taschenlampe brenn' (im Duett mit Pauline) • Für Dich • Sehnsucht • Hallo Schatz • Lieb mich ein letztes Mal • Flugzeuge im Bauch (2K19)


Rezension:
Man kennt diese Musiker ja, die 20 Jahre im Geschäft sind, Hits hatten, auch heute noch Neue nachlegen, und die inzwischen an einem Punkt ihrer Karriere angekommen sind, wo vom Publikum schon die pure Anwesenheit beklatscht wird. Nach großartigen Liedern, denen man keine Superlative voranstellen muss, damit sie bei den Menschen Wirkung zeigen, und allein von ihrem sympathischen Auftreten her, nehmen diese Künstler gleich den ganzen Raum ein, in dem sie sich bewegen. Manche sogar komplette Postleitzahlengebiete ... Diesen Künstlern erlaubt man dann irgendwann auch Experimente und Ausflüge zu machen, wie z.B. ein Auftritt mit Orchester, das Ausstöpseln der Stromgitarre, um akustisch den eigenen Backkatalog live abzuarbeiten oder abseits ihres eigenen Wirkens Lieder großer Namen aus dem Kollegenkreis in eigenen Versionen neu auf den Markt zu bringen. Das hat dann Charme, genießt nicht selten Kultcharakter und erfreut sich größter Beliebtheit. Also alles, was auf Oliver Petszokat alias Oli P. so überhaupt nicht zutrifft.

Nun wird sich der eine oder andere unserer Leser, der den Weg bis an diese Stelle der Rezension gefunden hat, sicher fragen, warum dieser Oli P. mit seiner neuen CD plötzlich hier auftaucht. Diese Frage stellt er sich völlig zurecht, denn Oli P. ist in der Vergangenheit ja nun wirklich nicht mit Musik positiv in Erscheinung getreten. Dies tat er - wenn auch da nicht unbedingt positiv - doch eher als Ensemble-Mitglied einer Laien-Darstellergruppe mit Einsatzgebiet Seifenoper oder als Lücken-Promi in RTL-Produktionen wie der Chart-Show und anderen Retro-Rückblick-Sendungen. Zwischen 1998 und 2004 veröffentlichte er zudem ein paar Hörspiele, denen er bekannte Melodien von Herbert Grönemeyer, Peter Maffay oder Stefan Waggershausen untermischte und die er dann als Rap-Musik feil bot. Das hatte nun wirklich nicht viel mit Musik (und schon gar nicht mit Gesang) zu tun, und im Gegensatz zum Gangster-Rap, wo man ob der gefährlichen Texte kurzzeitig dann doch mal zusammenzucken kann, doch eher eine unfreiwillig komische Wirkung. Beim Zielpublikum, junge BRAVO- und Wendy-lesende Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren, kam das hingegen supergut an und sie investierten ihr Taschengeld in seine Tonträger. Dies hatte zwei Nummer 1-Hits und noch mehr Posterbeilagen in Teenager-Fachmagazinen zur Folge. Aber schon kurz nach Eintritt der Pubertät (also bei den Mädchen, nicht bei Petszokat) landeten diese zusammen mit den Kisten voller Spielsachen aus dem Hause Mattel im Keller oder auf dem nächsten Flohmarkt, und der gerade noch so voluminöse Erfolg als Texteaufsager war ebenso flüchtig wie das sich immer weiter zurückziehende Haupthaar des ... ähm ... "Sängers". Es ist hier nicht bekannt, wer dem gebürtigen Berliner den Berliner Bären aufgebunden hat, man würde ihn und seine Gesangsleistungen vermissen, aber diesem Scherz ist er wohl tatsächlich aufgesessen. Das Ergebnis ist ein neues Album mit Coverversionen bekannter deutscher Hits aus diversen Dekaden, überschrieben mit dem Titel "Alles Gute!".

Bei den Vorlagen hat Oli P. absolut recht, wenn er von "Alles Gute" spricht. Die Auswahl der Lieder, an denen sich der einstige "Rap-Star" (oder so) versucht hat, klingt spannend. Dies ist der erste Grund, warum es die CD hierher geschafft hat. Die Vorfreude auf ein Wiederhören mit Songs, die einem vor 30 Jahren (und mehr) so ans Herz gewachsen sind, dass sie untrennbar mit der eigenen Biographie verbunden sind, bekommt jedoch schon beim ersten Song einen herben Dämpfer. Nun ist "Dein ist mein ganzes Herz" von Heinz Rudolf Kunze von Hause aus kein Rock'n'Roll-Brett, aber eines der Paradebeispiele in der Musikgeschichte dafür, wie sicher man auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Poesie wandeln und dabei auch musikalisch eine gute Figur machen kann. Dies konterkariert Herr Petszokat mit seiner Version auf subversive Art und Weise. Im Sound einer viertklassigen Wohnzimmer-Produktion wabert die einst so schöne Melodie in klebriger und schmieriger Art und Weise durch den Raum, beschmutzt dabei nicht nur die Luft, sondern auch das ästhetische Empfinden des Hörers und Oli P. fügt dieser bereits dadurch schon tot geborenen Nummer stimmlich noch seine Essenz hinzu. Schwups ... fertig ist eine ballermann- oder fernsehgarten-taugliche Version einer großen Vorlage, bei der der anspruchsvolle Musikfreund nur noch kopfschüttelnd abwinkt. Wären wir bei der Küchenschlacht, würde ich sagen, man ist beeindruckt, wie schnell aus einem 5-Sterne- ein Mac-Menü wird.
Gleiches gilt übrigens für den Song "Solang' man Träume noch leben kann" von der Münchener Freiheit. Den Rockmusik-Fans der 80er stellten sich damals schon die Fußnägel auf, wenn die Nummer im Radio lief. Sie ist verdächtig nah am Schmalz und es konnte nie schaden, den Bereich um die Boxen im Wohnzimmer großzügig mit Zewa-Wisch-und-Weg auszulegen. Aber trotzdem ist das - wie die Kunze-Nummer auch - hohe Kunst im Umgang mit Gefühlen. Auch hier dachte sich Oli P. könne er Hand anlegen und war wohl dem Irrglauben verfallen, er könne da was toppen oder in die Jetzt-Zeit rüber retten. Ich weiß gar nicht, wie ich das Gehörte beschreiben soll, ohne den Straftatbestand der Beleidigung zu erfüllen?! Ich versuche es trotzdem ... Künstliche Streicher, mit Computer verfremdete "Gesangsstimme" und ein Rückfall in alte Zeiten, denn Herr P. "sprechgesangt" wieder. Man, das konntest Du vor 20 Jahren nicht, warum sollte es jetzt besser klingen?
Für mich persönlich aber ist "Über sieben Brücken" von KARAT das Highlight auf dieser CD. Natürlich im negativen Sinne. Eine sonnig klingende No-Mercy-Gitarre, unüberhörbar und unverschämt aus dem Hause Frank Farian gemopst, Kindergeburtstags-ähnlicher "La La"-Backgroundgesang, nicht anders als erbärmlich zu beschreibende Kunststoff-Beats aus dem Computer und mit der Stimme eines Fünftklässlers vor dem Stimmbruch vorgetragen löst die neue Fassung beim eingefleischten KARAT-Fan dann doch den eher suizidären Wunsch aus, schnellstens aus dieser Welt gehen zu dürfen. Ed Swillms als Komponist und Ästhet, Herbert Dreilich - würde er noch leben - als Sänger und auch Helmut Richter als Texter dürften wohl innerhalb von Sekunden in einen nicht enden wollenden Anfall von Koprolalie verfallen, würde man sie mit diesem Mist hier konfrontieren und anschließend nach ihrer Meinung fragen. Da dürften auch die zu erwartenden Tantiemen von der GEMA nicht als Entschädigung dienen. Gegen diesen Schüttelfrosterreger wirkt die neue Version von KARAT mit Dreilich junior am Mikro wie John Lennons "Imagine".
Weitere Überraschungen begegnen einem in der Folge noch zu Hauf, aber von keiner wird man positiv erwischt. Hubert Kah und sein "Engel 07" werden ebenfalls zu Opfern Oli Ps Schlageranfall wie Clowns & Helden ("Ich liebe Dich"), Markus ("Kleine Taschenlampe brenn") und P.M. Sampson ("We Love To Love"), zu dessen Schändung unser Rapper auch Thomas Anders überreden konnte, der sich hier als Duett-Partner einen Gastbesuch im Studio gönnte (oder seinen Part daheim aufs Diktiergerät hustete und anschließend als MP3 per Wetransfer verschickte). Und weil es einfach irgendwie dazu gehört, gibt es noch eine neue Version von "Flugzeuge im Bauch" - natürlich in Rap-Form. Warum auch nicht, denn seine erste Version war ja noch nicht beschissen genug.

Unsereiner würde sich schon als Amateur in Grund und Boden schämen, gerieten derlei schlechte Aufnahmen in Umlauf und andere, als die eigenen Ohren, kämen damit in Berührung. Nicht so der immer fröhliche Profi Oli P. Mit einem mir nicht nachvollziehbaren Selbstbewusstsein kriecht er über zahlreiche Evergreens und Klassiker, besudelt und schändet sie auf übelste Art und Weise und veröffentlicht sie letztlich auf einer CD. Da stellen sich doch gleich mehrere Fragen, z.B. ob bei seiner Plattenfirma TELAMO niemand in das Zeug rein hört, bevor es das Haus in Richtung Presswerk verlässt und was Produzent Christian Geller eigentlich beruflich macht. Vor allem aber: Was sagen die Original-Interpreten dazu, was hier aus ihren tollen Songs gemacht wurde? Ich hatte in den vergangenen 12 Jahren bei Deutsche Mugge schon viele wirklich schlechte Produktionen auf dem Tisch (und im CD-Player), aber diese hier ist die unangefochtene Nummer 1. Es gibt hier wirklich nichts (!!!) schön zu reden, nichts zu finden, was auch nur ansatzweise gefällt und nichts, womit sich so ein Ergebnis auch nur halbwegs plausibel erklären ließe. Und das ist auch der zweite Grund dafür, warum ich mich letztlich auch näher damit beschäftigt, mir die Zeit genommen und eine Rezension verfasst habe. Die CD MUSS als mahnendes Beispiel dafür dienen, dass wirklich nicht jeder gänzlich vom Talent befreite Poster-Boy ein Album aufnehmen und man als Plattenfirma nicht jeden Mist veröffentlichen sollte. Auch dann nicht, wenn die Wahrscheinlichkeiten sehr groß sind, damit beim RTL II-Publikum, die das Zeug dann über einen Clip in der Werbepause beim "Frauentausch" für sich entdecken werden, voll punkten zu können. Die laden eh nur runter und kaufen nix. Und bei Leuten mit Musikgeschmack eitert sowas nur sehr schmerzhaft wieder aus dem Ohr. Also: Plastikmüll vermeiden - diese CD nicht kaufen!
(Christian Reder)





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