Reiner Hübner: "Meine East-Side-Story" (Album)

huebner 20191024 1571815202VÖ: 27.09.2019; Label: Already Super Records; Katalognummer: ohne; Musiker: Reiner Hübner (Gesang) - ansonstsen keine Angaben; Bemerkung: Ausschließlich auf CD erschienen. CD im aufklappbaren Digipak inkl. Booklet mit diveren Hintergrund-Infos;

Titel:
Erlöse mich • Der letzte Walzer für uns zwei • Da wo die Abenteuer sind • Paradiesvögel • Rosalilli • Es ist Sommer • Verdammt • Ich hab' das Gefühl • Ich steig' auf's Dach • Rot so rot • Wenn ich an Dich denk • Wellensittiche und Spatzen • Wenn es wärmer wird • Und ich sehn' mich nach Dir • I'll climb up the roof (Ich steig' auf's Dach - englische Version) • Verdammt (Radio Edit)


Rezension:
Reiner Hübner hat sein Album fertig. Reiner wer??? Ok, man muss ihn nicht kennen. Warum auch, er ist schließlich Hobby-Musiker, wie er über sich selbst sagt. Kein Profi also, dem man schon mal irgendwo begegnet ist. Hübner wohnt in Niedersachsen, ist aber gebürtiger Mecklenburger. Er hat also seine ganz persönliche "East Side Story" zu erzählen. Um diese Geschichte erzählen zu können, hat er 15 Lieder ausgewählt, die ihre Wurzeln wie er auch im Osten, genauer gesagt in der DDR, haben, und mit denen er persönliche Erfahrungen und Erinnerungen verbindet. Er hat sie - wie er selbst sagt - "gecovert und stilistisch dem heutigen musikalischen Zeitgeist angepasst". Der Musikant hat mit den von ihm neu aufgenommenen Liedern auf seiner CD einen Hintergedanken und damit weniger die Idee, aus Fremdmaterial eine Einheits-Revue zu machen, sondern vielmehr die Menschen, die sich bisher nicht mit der Musikgeschichte der DDR auseinandergesetzt haben, anzusprechen und ihnen diese näher zu bringen. "Die East-Side-Story ist aber keine Ostalgie Lobhudelei", sagt der Hobbymusiker im Begleitschreiben zu seiner CD. Dies würde schließlich wieder auf eine Trennung hinaus laufen, und das will er vermeiden. Also hören wir mal in das rein, was der Wahl-Niedersachse da pünktlich zum "Tag der Deutschen Einheit 2019" veröffentlicht hat ...

Die Auswahl der gecoverten Songs reichen von IC FALKENBERG und DIRK ZÖLLNER über die PUHDYS und DATZU bis zu USCHI BRÜNING, INKA und WOLFGANG ZIEGLER. Auch im Original schon ziemlich spezielle Nummern wie "Der letzte Walzer für uns zwei" von der Gruppe SCHESELONG, bei dem ich im Leben nicht gedacht hätte, dass diesen Song nochmal jemand covern und neu auflegen würde, sind dabei. Ebenso "Wellensittiche und Spatzen" von Gerhard Schöne oder "Wenn ich an Dich denk" von der Gruppe AUTOMOBIL (mit Nina Hagen). Die Titelliste liest sich quasi wie ein Ausritt in verschiedenen Gangarten durch unwegsames Gelände. Und was in der Theorie schon wie eine risikobehaftete Unternehmung mit enormer Fallhöhe klingt, hat in der Praxis noch einen viel tieferen Abgrund als vermutet.

Den Anfang macht ein Song von DIRK ZÖLLNER aus dem Jahre 1999, "Erlöse mich". Auf Scholles Album "Ich darf alles" ist dieser Song als Latino-Jazz-Pop-Arrangement zu hören und auch Reiner Hübner versucht hier, mit seinem Boot ins gleiche Fahrwasser zu kommen. Allerdings scheint Wasser doch harte Kanten zu haben, denn hatte Zöllner damals "echte" Musiker im Studio, hört man der Hübner-Bearbeitung deutlich an, dass hier - wohl bis auf die Gitarre - alles künstlich erzeugt wurde. Das gibt dem Stück einen ziemlich billigen Anstrich! Ebenso unüberhörbar künstlich ist "Da wo die Abenteuer sind", das im Original von IC FALKENBERG stammt und auf seinem `91er Album zu finden ist, zusammengeleimt worden. Aus diesem Stück hat Reiner Hübner einen Reggae-Song in ebenso billigem Stil gemacht, wie beim Opener. Eine Bearbeitung, bei dem sich mir - sorry - wirklich alles aufstellt. So klangen Ende der 80er die Schlager für die Kundschaft ab 60. Willkommen beim FLIPPERS-Sound-Revival! Und diesen Klang-Katastrophen mit dem ungeschickten Händchen für Keyboard-Sounds und Insturmenten-Imitationen begegnet man im Verlauf dieser CD immer wieder. So richtig geschüttelt hat es mich aber bei SILLYs "Paradiesvögel", die auf dieser CD in einer Art Alleinunterhalter-Fassung daher kommen und wirklich alles vermissen lassen, was das Original so attraktiv macht. Von Naturaus schon ein schweres Stück Musik, wird sich hier schon bei den ersten Takten ein Bruch gehoben. Mir schoss schon beim ersten Hören die Frage in den Kopf: "Warum? Was hat Dir das Lied denn getan?" Ein paar Tracks weiter ist ein Song zu finden, den einst Uschi Brüning ganz wunderbar in Szene gesetzt hat, nämlich "Ich steig auf's Dach". Das Original von 1974 ist ein angejazzter Schlager mit Rhythmus und Charme, veredelt durch diese einzigartige Stimme der Brüning. Ziehen wir all das, was ich gerade beschrieb ab, haben wir Reiner Hübners Übertragung ins Heute. Farb- und geschmacklos, ohne Reiz und kein Vergleich mit der echten Nummer aus den 70ern. Will man hier vielleicht nach Cicero oder Alsmann klingen, hört sich der eigene Erguss jedoch eher nach Hintergrundbeschallungsmusik für das prickelnde Einkaufserlebnis im Großmarkt an. Warum es am Ende der CD unbedingt noch eine Version dieser Nummer in schaurigstem Oxford-Englisch geben muss, ergibt überhaupt keinen Sinn.

Ich habe mir die CD einmal komplett angehört und mir beim zweiten Mal nur noch einen Schnelldurchlauf "gegönnt". Ich finde es äußerst mutig, wenn jemand ein so großes Ziel aufruft und am Ende so eine CD in Umlauf bringt. Da muss man schon kerngesund sein und gute Nerven für die dadurch ausgelösten Diskussionen haben. Hier passt nämlich überhaupt nichts zusammen! Der Künstler und ich haben definitiv auch unterschiedliche Auffassungen über die Begrifflichkeit "heutiger musikalischer Zeitgeist", in den er die Vorlagen anderer ihm so wichtiger Künstler übertragen wollte. Auf dem Weg, sie zu übertragen, sind sie ihm aber wohl runtergefallen, denn JEDER Song hat jetzt reichlich Beulen im Klangkleid. Ich habe keine Ahnung, von welchem Zeitgeist hier die Rede ist, aber den, den ich kenne, hat er weit verfehlt. Der mir bekannte Zeitgeist klingt definitiv nicht nach billigen Plug-Ins fürs Keyboard, reichlich in Einsatz gebrachtem künstlichen Bass, nervendem Seniorentanz-Beat und Amigos-Flippers-Happy-Clapping-Sound. All das ist hier in Hülle und Fülle zu hören und seit einer Goldenen Hochzeit im Jahre 1996 und einem dort mit Keyboard hantierenden Alleinunterhalter habe ich sowas auch nicht mehr hören müssen.

Die Idee, dem bisher noch nicht mit Ostmusik in Berührung gekommenen Wessi die Musik aus dem Osten näher zu bringen, ist toll. Das versuchen wir bei Deutsche Mugge ja auch schon etwas länger und auf andere Art und Weise. Ich fürchte aber, dass Reiner Hübners Versuche die Menschen eher abschrecken wird. Zumindest die, die beim Musikhören noch über ein ästhetisches Empfinden verfügen. Die Palette der einem hier zugemuteten Grausamkeiten reicht von der eben beschriebenen Alleinunterhalter-Qualität ("Verdammt") über krampfhafte Aufspringversuche auf den für den Künstler viel zu schnell fahrenden Mallorca-Ballermannurlaubs-Zug ("Rot so rot") bis zu Song-Versuchen, bei denen die Originale bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurden ("Rosalili"). Hier ist wirklich jede Nummer mit teils irreparablen Schäden aus der "Übertragungs-Maschine" von Reiner Hübner heraus gekommen. Und was die unterirdischen Arrangements nicht schon zerstört haben, tötet der Künstler schließlich noch mit seinem Gesang, denn auch der ist - vorsichtig ausgedrückt - als gewöhnungsbedürftig zu bezeichnen. "Die East-Side-Story ist aber keine Ostalgie Lobhudelei", wurde uns da versprochen ... Wie recht er doch hat. Das ist eher eine Rufschädigung! Es tut mir leid das schreiben zu müssen, aber diese CD hätte man sich wirklich sparen sollen ... ja, MÜSSEN!

Liebe Hobby-Musiker. Lasst Euch die Freude am Musikmachen nicht von einem notorischen Nörgler wie mir nehmen. Macht weiter, covert, schreibt selbst, probiert aus und lebt Euch aus. Es soll Spaß machen, das muss auf jeden Fall im Vordergrund stehen. Aber bitte: Nicht jede Story muss erzählt werden und nicht alles hat die Qualität, um auf einer CD landen zu müssen. Manchmal verdirbt man so nämlich anderen den Spaß!
(Christian Reder)





Eine Auswahl aus dem Album:










   
   
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