Knorkator: "Widerstand ist zwecklos" (Album)

lp19 20190913 1079301489VÖ: 13.09.2019; Label: Tubareckorz; Katalognummer: 4018939375850; Musiker: Stumpen (Gesang), Alf Ator (Tasteninstrumente), Buzz Dee (Gitarre), Rajko Gohlke (Bass), Nicolaj "Nick" Gogow (Schlagzeug); Gäste: Yasmin Engelke, Agnetha Ivers, Tim Tom Thomas, Thomas D., Rodrigo Gonzales, AnNa R.; Bemerkung: Sowohl auf Schallplatte als auch auf CD erschienen. Zusätzlich gibt es das Album auch in einer roten Widerstandssamtbox, die auf 500 Exemplare limitiert und mit diversen Beigaben ausgestattet ist. Die CD befindet sich in einem kleinen Büchlein, in dem es zahlreiche Fotos und Zeichnungn, sowie erklärende Worte und alle Songtexte gibt;

Titel:
Revolution • Ein Wunsch • Ring My Bell • Rette sich wer kann • Am Arsch • Was du gibst • Buchstabensuppe • Untergang • Krieg • Behind the Wheel • Zu Kurz


Rezension:
Was passt besser zu Freitag, dem 13., als ein neues Album von KNORKATOR? Alles geht schief, Du steigst morgens schon mit dem falschen Bein aus dem Bett und im Bad legst Du Dich wegen dem rutschigen Teppich erst mal voll auf die Fresse. Beim Frühstück ist der Kaffee kalt, das Frühstücksei hat trotz 18 Minuten im Kochtopf eine fragwürdig glibberige Konsistenz und weil Du gerade einen Lauf hast, springt auch noch die Karre nicht an. Das wiederum hat zur Folge, dass Du zu spät zur Arbeit kommst und deshalb einen lecker Anschiss vom Vorturner Deiner Firma kassierst. Damit ausgestattet und mit geknickter Sollbruchstelle in Deiner Motivation schleppst Dich unter Begleitung diverser anderer Pannen und Pleiten durch den Tag und erreichst mit Müh und Not den Feierabend. Endlich Wochenende. Zuhause angekommen wartet im Postkasten die CD "Widerstand ist zwecklos" aus dem Fantotal-Shop auf Dich, und alles ist vergessen.

Deutschlands meiste Band der Welt hat mit diesem Werk sein neuntes Studioalbum aufgenommen und bringt es an diesem Unglückstag auf den Markt. Wie man die Herren aus Berlin kennt, haben sie sich bei der Herstellung dieser Platte wieder besonders viel Mühe gegeben und für die Passagen, wo sie selbst nicht weiter kamen, sogar Gäste dazu geholt. AnNa R. und Thomas D. zum Beispiel. Aber auch der Ärzte-Bassist Rod Gonzales und Stumpens Tochter Agnetha trugen ihren Teil zum Gelingen der Aufnahmen bei. Und so kredenzen uns die Herren von KNORKATOR ein 11 Titel umfassendes Album mit neuen Tönen und recyceltem Material (z.B. "Ring My Bell", bei dem alle Macken aus dem Original von Anita Ward beseitigt wurden und das nun erstmals richtig gut klingt). Verpackt in einem dicken Buch mit Fotos (u.a. von ihrem Wacken-Auftritt im letzten Jahr), gemalten Bildern vom kreativen König Alf und allerlei zusätzlichen Infos in schriftlicher Form - darunter auch die Texte zu den Songs. Und mit der Rock'n'Roll-Brechstange hebeln die Jungs dann auch die Tür zum Geschmackszentrum ihrer Hörer auf, und beginnen ihr Programm mit einer "Revolution". Trommelwirbel und los geht die rasante Fahrt. Nachdem man sich von Stumpen in den schönsten Tönen hat vorsingen lassen, wie man gemeinsam und vor allem kreativ gegen das Establishment aufbegehren kann, erfährt der Hörer im folgenden "Ein Wunsch", dass einen Wunsch frei zu haben ja eigentlich viel zu wenig ist. Auch hier lässt Buzz Dee die Saiten seiner Klampfe rauchen und die Rhythmus-Abteilung sorgt für den nötigen Druck für das gesanglich vorgetragene Dilemma mit den vielen Wünschen.
Ein paar Takte weiter wird das Ensemble von der Spree sogar politisch. In "Rette sich wer kann" prangert man das Konsumverhalten, den Umgang mit der Umwelt und andere Holzwege, auf denen sich die Menschheit befindet, an. Natürlich tun die KNORKATORen dies nicht ohne die richtige Portion Humor in Text und Vortrag (siehe Videoclip). Habe ich eingangs noch was über Freitag, den 13., und all seine Extras in Form von Pannen geschrieben, kann man einen solch schrecklichen Tag auch im Song "Am Arsch" mit viel Musik nacherleben. Texter und Komponist Alf Ator hat hier ganze Arbeit geleistet, um einen Tag voller Pech und Missgeschicke so zu beschreiben, dass er nun über ein Lied hautnah nacherlebbar wird. Er schildert in dem Song einen Tag, wie er uns allen, die wir dekadent im Luxus unser Dasein fristen, mal passieren kann.
Hat man seine Tränen gerade getrocknet, kann man beim musikalisch etwas zurückgenommeneren "Was Du gibst" gleich die nächsten vergießen. Stumpen singt uns die Geschichte über den Verlust eines Wegbegleiters, auf den man sich nach der Rückkehr von langen Reisen ebenso dolle gefreut hat wie man seine Fürsorge für einen besonders zu schätzen wusste. Diese tragische Geschichte hat aber auch eine Erkenntnis: Alles ist austauschbar.
Die "Buchstabensuppe" mit seinem tiefgehenden Text und der noch zu erforschenden Botschaft darin rappelt in Sachen Rock'n'Roll dann wieder ordentlich, ebenso wie der sich anschließende "Untergang", in dem die Band seinen Hörern ein weiteres Mal mächtig viel Angst vor dem Hier und Jetzt und ganz besonders vor der Zukunft macht. Wem das diplomatische Trallala der Politiker auch schon immer so auf den Sack ging, kann seine Vorfreude auf kämpferische Auseinandersetzungen mit dem Song "Krieg" ausleben und sich inklusive apokalyptischer Chöre auf selbigen schon mal richtig einstimmen. Anschließend ziehen die KNORKATORen noch die Fehler der Gruppe Depeche Mode in deren Song "Behind The Wheel" gerade und zeigen den Briten mal ganz locker, wie der Song richtig zu klingen hat.
Mit lauten und leisen Tönen, dem Sprechgesangskünstler Thomas D. und der Rosenstolzen AnNa R. als Verstärkung macht sich die Band dann vom Acker. "Zu kurz" liefert schon in seinem Namen genau das, was Dir nach dem viel zu kurz empfundenen Genuss der neuen Scheibe auch schon selbst in den Sinn gekommen ist, nämlich dass dieses Album viel zu kurz ausgefallen ist. Da warteste lange drei Jahre auf eine neue KNORKATOR-Platte und nach 11 Liedern und `ner gefühlten halben Stunde ist schon wieder Feierabend. Das ist doch kacke!

Nach reichlich Tränen vom Lachen und Trauern mit Alf, Buzz Dee, Stumpen, Nico und Rajko ist dann aber wirklich Schluss. Da kannste Dich ruhig auf den Boden schmeißen und rumheulen: Das Programm ist zu Ende und da kommt auch nix mehr. Man kann das Gerät dann auch abstellen. Was soll danach auch noch kommen, was das eben Erlebte noch toppen kann? NIX! Eben … Außer, man hört sie gleich nochmal. Unterm Strich steht die Erkenntnis, dass das Schöne an neuen KNORKATOR-Platten ist, dass man nicht mit unliebsamen "Weiterentwicklungen" oder krampfhafter Anbiederei an den Zeitgeist belästigt wird. Der Zeitgeist wohnt dieser Band ja pauschal inne. KNORKATOR hat seinen Sound vor 25 Jahren gefunden und feilt beim Erschaffen neuer Alben lediglich an den Feinheiten. Man bekommt immer das, was man erwartet, nämlich KNORKATOR. Nur die Inhalte ändern sich, und einem wird dabei nie langweilig. Die Farben leuchten, die Lichter funkeln, und alles dreht sich zur Musik ...
(Christian Reder)





Videoclips:












   
   
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