Falkenberg: "Im leisen Verschwinden der Landschaft" (Album)

lp21 20190912 1770123297VÖ: 20.09.2019; Label: Mollwerk/Buschfunk; Katalognummer: mw2019-01; Musiker: Ralf Schmidt alias Falkenberg (Gesang, Gitarre, Bass, Piano, Keyboard), Friedrich Hentze (Schlagzeug, Percussion), Thomas Meyer (Cello), Heike Lehmann (Violine); Bemerkung: Ausschließlich auf CD erschienen. CD im aufklappbaren Digipak inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte;

Titel:
Himmel in Scheiben • Im leisen Verschwinden der Landschaft • Die Kontinente • Dämmerungsaktiv • Fallen oder Fliegen • Masken werden Gesichter • Vollmond Federn und Sand • Messingmond • Tiefenrausch • In den Vororten meiner Gedanken • Welt ohne Vision • Nachtmorgen


Rezension:
Die Zeiten, in denen uns Ralf Schmidt ein fröhlich' Lied pfiff, sind vorbei. Als Kontrast zum kollektiven und ausgelassenen Schunkeln zur Lieder-Plörre in Funk und Fernsehen setzt Schmidt, der als Musiker FALKENBERG heißt, seit einigen Jahren musikalische Mahnmale in Liedform dagegen, macht auf Missstände aufmerksam und hält den Menschen im Land den Spiegel vor. Er legt den Finger in die Wunden, die der Mensch durch all das erlitten hat, was gesellschaftlich und politisch in dieser Zeit nicht stimmt. Dass die Welt nicht mehr so schön wie in den Heimatfilmmotiven der 50er und 60er ist und längst auch nicht mehr zum gedankenlosen Abfeiern Anlässe bietet, müsste inzwischen bei jedem angekommen sein, und dass sich an den Problemen nichts ändert, nur weil man nach vollbrachtem Tagwerk in Büro oder Fabrik in heile Schlagerwelten abtaucht, hat sich sicher auch bis in den letzten Winkel des Landes herum gesprochen. Dennoch ist aus dem Volk der Dichter und Denker eins der Ignoranten und Cognac-Schwenker geworden. Den wenigen Menschen, die immer wach bleiben und im Falle eines kurzen Wegnickens gern wieder geweckt werden möchten, schreibt Falkenberg Songs zum zu Hause anhören oder zum im Konzert genießen. "Im leisen Verschwinden der Landschaft" ist sein neuestes Werk, das für die Öffentlichkeit in den nächsten Tagen das Licht der Welt erblickt, und auf dem er wieder mit gesalzenem Finger in den eben schon erwähnten Wunden wühlt.

Falkenbergs Texte waren eigentlich schon immer gezeichnet von Tiefgang und der Vermittlung von inhaltsreichen Gedanken. Egal, ob er nun gerade IC, IC Falkenberg oder - wie jetzt - nur noch Falkenberg hieß und egal, ob er sie in Elektronische Musik, Pop, Deutschrock oder Chansons verpackte. Das, was an Inhalten auf den jeweiligen CDs zu finden ist, bedient und befriedigt intellektuelle Geister auf hohem Niveau. Im Laufe der Jahre ist er eben zum mahnenden und wachrüttelnden Liedermacher geworden, ohne dabei mit dem sprichwörtlich erhobenen Zeigefinger zu wedeln und Leute belehren zu wollen. An dieser Stelle einzelne Lieder aus seinem neuen Werk heraus zu picken verbietet sich eigentlich von selbst, aber eine umfangreiche Analyse seiner neuen Botschaften zu erstellen würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Dazu kommt, dass die 12 Lieder des neuen Albums mit 100%iger Sicherheit genauso aneinander gereiht wurden, wie man sie nun vorfindet. Dahinter steckt ein Sinn, den sich der Konsument der Scheibe aber selbst erhören muss. Deshalb, und auch aus Gründen des Aufrechterhaltens einer gespannten Vorfreude auf die neuen Lieder bei den Lesern, fällt diese Rezension einfach mal anders aus als die, die ich sonst so schreibe. Viele Lieder kann man sich selbst auch anders interpretieren, wie es Falkenberg sich möglicherweise gedacht hat, aber in manchem Titel ist die Deutlichkeit nicht zu überhören. Dazwischen finden sich Instrumental-Stücke, wie das das Album einleitende "Himmel in Scheiben" oder das später folgende "Dämmerungsaktiv". Hier gibt es nochmal einen Rückgriff auf das Album "Pianosa" aus dem Jahre 2017, mit dessen Instrumental-Stücken der Künstler das Publikum aufforderte, selbst Geschichten zu seinen Melodien zu erdenken. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle meine Favoriten auf der Platte, und das sind zum einen der dem Album seinen Namen gebende Titel "Im leisen Verschwinden der Landschaft", dessen hier vom Musiker getroffenen Beschreibungen der "verschwindenden Landschaften" regelrecht Gänsehaut verursachen, und "Masken werden Gesichter", dessen Botschaft, "Masken werden Gesichter, wenn man sie lange genug trägt", nicht nur eine bedauerlicche und immer häufiger anzutreffende Tatsache beschreibt, sondern einmal mehr das innere Kopfnicken in mir auslöste.

In Sachen musikalischer Umsetzung darf man ebenso überrascht sein wie davon, welch große Worte und fantastische Formulierungen Falkenberg für seine neuen Lieder gefunden hat. Man trifft auf einen kompakten Sound und auf atmosphärische Arrangements, die den Musiker erneut als wandlungsfähigen Interpreten zeigen, der immer wieder neue Ideen hat und diese auch appetitlich umzusetzen weiß. Einmal mehr greift er auf klassische Instrumente wie Cello und Violine zurück, denen man auch schon auf den Platten zuvor begegnet ist, aber der Hallenser stellt den Streichern dieses Mal eine ganze Band mit Gitarre, Bass, Tasteninstrumenten und Schlagzeug zur Seite - oder der Band die Streicher, wie man es gerade sehen will. Dies verursacht natürlich eine erfreuliche Vielschichtigkeit in der Musik, die man wohl noch als Rock bezeichnen kann, auch wenn hier viele andere Elemente mit hinein spielen. Am Rande sei noch erwähnt, dass die Band zumindest im Studio fast ausschließlich aus FALKENBERG selbst bestand. Einzig Friedrich Hentze am Schlagzeug und den Percussions und zwei Streicher ließ er mitmachen. Die eingangs angesprochene Fröhlichkeit bildet sich auch in seiner Musik nicht ab. Überwiegend in Moll-Töne gekleidet passen sich die Kompositionen den Inhalten an. Sie lassen aber trotzdem genügend Spielraum, einzelne Farbtupfer zu setzen, so wie im bereits angesprochenen "Im leisen Verschwinden der Landschaft", in dem die eingesetzten elektronischen Töne dezent an Kraftwerk erinnern, oder die treibenden Beats im Stück "Die Kontinente", die durchaus das Tanzbein ansprechen und für reichlich Unruhe im fürs Sitzen zuständigen Muskelapparat sorgen. "Fallen oder Fliegen" ist gar ein Song, der durchaus im Radio zu Einsatzzeiten kommen könnte, denn seine entspannte Sachlichkeit im Arrangement fängt mit den 08/15-Nümmerchen unserer neuen Popstars zwar keinen Streit an, erhebt sich aber trotzdem über sie und wirkt somit drei Köpfe größer. Was den Inhalt der Nummer betrifft, würde es aber den inneren Frieden der Radiosender erheblich stören, weshalb am Ende dann wohl doch auf Einsätze dort verzichtet werden wird.

"Im leisen Verschwinden der Landschaft" ist ein Album, das in Gänze und nicht in Teilen genossen und entdeckt werden möchte. Den Bequemlingen unter unseren Lesern, die sich trotz aller logischen Erklärungen, warum man es nicht tun sollte, einem Streaming-Dienst angeschlossen haben, sei angeraten, dieses Album NICHT dort anzuhören und schon gar nicht im "Shuffle-Modus" - gemischt mit Anna Loos und Mark Forster. Weder sollten die in Worten gemalten Bilder noch die dafür gefundenen Noten verwässert werden, und auch sollte man sich beim Entdecken der "verschwindenden Landschaften" nich von Belanglosigkeiten ablenken lassen. Dieses Album ist in jeder Hinsicht ein Tritt in den müden Hintern der Feierabend-Couchdrücker und wirkt wie ein lauter Schrei in das Ohr derer, die aufgrund des einen immer mehr in Anspruch nehmenden Arbeitslebens und durch die von Industrie sowie Medien in falsche Richtungen gelenkte Kultur den Blick für das wirklich Schöne und Nahrhafte in der Kunst verloren haben.
(Christian Reder)




   
   
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