Holger Saarmann: "Gestern ist
auch noch ein Tag" (CD Album)


saarmann2018 20180201 1106139244VÖ: 05.01.2018; Label: silberblick musik; Katalognummer: sbm 036; Musiker: Holger Saarmann (Gesang und Gitarre), Andreas Albrecht (Schlagwerk), Bernard P. Bielmann (Akkordeon), Danny Dziuk (Keyboards), Florian Erlbeck (Saxophon), Gary Barone (Trompete), Jan Gaensslen (Klavier), Maike Hilbig (Kontrabass), Merle Weißbach (Cello), Michael Sterk (Posaune), Nicola Saarmann (Trompete); Bemerkung: CD im DigiSleeve mit 16-seitigem Booklet inkl. aller Texte zum Nachlesen;

Titel:
Flusswanderung • Poet und Zimmermann • Vergessen • Kartelle • Stadtplan • Geisterstunde • Kleine Straßen • Auch noch ein Tag • Mein • Nur für Dich • Stadt Land Fluss • Schon mal


Rezension:
Auf dem Cover mit dem relaxt auf einer Wiese am Bachlauf sich aalenden Protagonisten erwartete ich eigentlich einen Untertitel wie etwa "Songs" oder "Lieder". Denn "Chanson" verbindet man primär mit Liedern französischer Interpreten. Aber in Deutschland von einem deutschen Musiker? Diese Verbindung ist selten und das macht natürlich auf den in Berlin wohnhaften Sänger, Komponisten und Gitarristen besonders neugierig, der noch eine Reihe anderer Instrumente spielt.

Im Rahmen der renommierten Open-Air-Reihe des Bayerischen Fernsehens "Songs an einem Sommerabend" auf Schloss Banz am Obermain (ab 2018 "Lieder auf Banz") erhielt er 2007 den Förderpreis der bayerischen Hanns-Seidel-Stiftung. Saarmann musizierte u.a. schon mit Manfred Maurenbrecher, Gerhard Schöne, Pigor & Eichhorn, Sebastian Krämer, Danny Dziuk (der auch auf diesem Album mitwirkt) und vielen anderen namhaften Musikerkollegen.

Nach "Hüt dich, schöns Blümelein" (2001), "Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen" (mit Vivien Zeller, 2007) und "So küsste mich meine Friseuse" (2009) legt er nun sein viertes Opus vor. Er hat nichts mit oft inflationären Veröffentlichungen mancher Musiker am Hut, bleibt seiner idealistischen Einstellung treu, lässt sich Zeit und "kontert" mit liebevoll gereimten, ausführlichen Beschreibungen. Fiktion nahe der Realität ist sein textlicher Anker, zu dem er greift. Im beigefügten Farbbooklet kann man alle Texte nachlesen. Die Lieder sind zwischen 2011 und 2017 entstanden und weisen ein dichterisches Niveau auf, das sich deutlich von anderen Poeten abhebt. Eigenständig eben, wobei eine gewisse stimmliche Ähnlichkeit mit Reinhard Mey manchmal nicht zu überhören ist. Begleitende Musiker sind Merle Weißbach (Cello), Andreas Albrecht (Schlagwerk), Gary Barone (Trompete), Nicola Saarmann (Trompete), Bernard P. Bielmann (Akkordeon), Maike Hilbig (Kontrabass) und Danny Dziuk (Keyboards).

Mit geschlossenen Augen liegt also Holger S. in der Wiese und träumt von einer langen Fluss-Floß-Wanderung auf einem Gewässer namens "Holgach" (!). Der Flussname ist ein Indiz für "seinen" Traumfluss, dem er über viele Windungen, sprich 12 Strophen, folgt. Mit philosophischen Gedanken angereichert, zumal sich der Rückweg mit jedem weiteren Abtreiben verlängern wird. Doch er befährt ihn bis zum Ende. Vielleicht bis zum Meer, wer weiß.
Nach dieser Ballade träumt er sich zu "Poet und Zimmermann". Die einleitende Mundharmonika verrät, dass er dabei natürlich an Bob Dylan alias Robert Zimmermann dachte. Bald merkt Saarmann, dass ein Künstler bei der Gestaltung von gut geformten Kneipentischen zwar mitreden kann. Bei der handwerklichen Ausführung kommt er aber zur Erkenntnis, dass der eine besser Schreiner ist und der andere "nur" Dichter bleiben sollte. Klar, was ein Tisch über die verschiedensten Tischgespräche alles so erzählen könnte ... Eine lustige, skurrile Parabel ist ihm damit gelungen, eingebettet in flotte Rhythmen.
"Vergessen" heißt dann doch "erinnern". Eine herrlich entspannte Reminiszenz an die Zeit, als er noch an der Volkshochschule Bamberg Gitarre lehrte und seine Schüler irgendwie vergaß, bis er sich ihrer erinnerte. Eine lockere Komposition im Stil von Bar-Hintergrundmusik, mit Klavier, Bass und Bläserarrangement.
Bei "Kartelle" setzt er sich sehr kritisch mit diesem oft polarisierenden Begriff auseinander. Sei es, dass Glühbirnen nur eine vorprogrammierte Lebensdauer haben, Software ebenso, wie auch andere Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens. Quintessenz: Menschen verschleißen heute auch so schnell.
In "Geisterstunde" kommt Holger Saarmann mit fast schon vertrackter Wortakrobatik à la Heinz Erhardt schließlich zum Zeit-Geist, "denn, wer wie du, den Zeitgeist hasst, ist längst von ihm besessen". Die Geister, die man rief, könnte man sagen. Auf jeden Fall sind es geistreiche Verse mit heulenden Wölfen im Moor, einem Besuch in Schottland und fahlen Geistern bis hin, genau, zum Zeitgeist. Auf eine solche "Moritat" muss man erst mal kommen.
Über "Kleine Straßen" mit einprägsamer Melodie führt die musikalische Exkursion zu "Auch noch ein Tag". Hier erfährt man, wie es zum doch recht kuriosen Albumtitel kam. Seine Mutter führte akribisch einen ziemlich vollen Terminkalender. Was der alles verrät, wird nicht verraten.
Bei "Mein" (sind die Jahre nicht) geht es um die Frage, was man wirklich besitzt und was danach kommt. Er verweist auf den sprachgewaltigen Dichter Andreas Gryphius (1616 - 1664) mit der Erkenntnis, dass "der einzige Besitz, der mir noch bleibt, als kleiner Trost ... meine Eigenheiten ... sind."
Langsam schließt sich der Kreis auf dem Strom des Lebens, der sich wie ein roter Faden durch die CD schlängelt. Doch zuvor besingt Saarmann noch eine zauberhafte Ballade, die Danny Dziuk am Keyboard begleitet: "Nur für dich". Der Liebesbeweis sei aber nur für die Empfängerin gedacht und dürfe nicht in Facebook oder anderswo veröffentlicht werden.
Über "Stadt Land Fluss" (erinnern Sie sich an den Beginn?) endet die Scheibe mit "Schon mal". Mein absoluter Favorit. Ein zauberhafter Ausklang des 60-minüten Albums. Die sensible Komposition mit oft verspielten längeren Klavierpassagen, die Jan Gaensslen den Tasten entlockt, hat Gänsehautcharakter.

Natürlich kann man ein so komplexes Werk nur unvollkommen beschreiben, dafür sind auch die Texte da. Saarmann setzt hohe Maßstäbe an sich, aber auch an die Käufer des Albums. Er hasst Oberflächlichkeit. Aber wollen wir nicht auch einem - seinem - Anspruch genügen? Wollen wir uns mit nichtssagenden Plattitüden zufrieden geben, die uns täglich überfluten? Eine Platte zum Zuhören und Nachdenken, die mit ihrer speziellen Erzählpoesie hoffentlich viele Herzen erreichen wird, ja erreichen muss. Wenn nicht heute, dann gestern, denn das ist doch auch noch ein Tag, oder?





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