KARAT: "Labyrinth" (Album)

lp33 20180922 1969988035VÖ: 19.10.2018; Label: Elektrola/Universal; Katalognummer: 00602577012891; Musiker: Claudius Dreilich (Gesang), Devi-Ananda Dahm (Chor), Christian Liebig (Bass), Bernd Römer (Gitarre), Jörg Weisselberg (Gitarre, Keyboards), Lukas Schaaf (Gitarre, Keyboards), Christian Bömkes (Keyboards), Constantin Krieg (Keyboards), Marcus Gorstein (Keyboards), Simon Allert (Keyboards), Martin Becker (Keyboards), Ingo Politz (Schlagzeug), Michael Schwandt (Schlagzeug), Ronny Dehn (Schlagzeug); Produzent: Ingo Politz; Bemerkung: Ausschließlich digital als Download/Stream und auf CD erschienen. CD im Digipak inkl. Booklet mit allen Texten;

Titel:
Alles oder mehr • 1000 Karat • 1 mit Dir • Abschied und Ankunft • Ewig weht der Wind • Hoffnung • Alles fließt • Wieder Zuhaus • Labyrinth • Erzähl ihnen vom Frieden • Heimatlos • Mir nah zu sein • Blumen aus Eis • Gewitterregen • Magisches Licht


Rezension:
Wenn ich an Karat denke, fallen mir zuerst Titel wie "Auf den Meeren", "Tiefsee", "Die sieben Wunder der Welt" und natürlich auch die ganz großen Hits ein: melodische Rockmusik mit ausgefeilten Texten, die auch höheren Ansprüchen genügt. In der langen Bandgeschichte hat sich die Musik immer wieder gewandelt, die größten Hits liegen natürlich in der Vergangenheit. Dennoch habe ich auf jedem Album - auch auf den letzten - immer wieder einige hörenswerte und schöne Titel finden können. Schon länger war angekündigt, dass in diesem Herbst ein neues Karat-Album erscheinen sollte und die Spannung bei mir stieg - bis vor ein paar Wochen die beiden Vorab-Singles "Hoffnung" und "1 mit Dir" veröffentlicht wurden. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich die beiden Songs enttäuscht haben: austauschbarer Mainstream-Pop, der eher von den beliebig untereinander auswechselbaren Mark Fosters, Max Giesingers, Joris' oder Wincent Weisses dieser Welt stammen könnte, aber nicht zu einer so gestandenen Band mit Profil passt. Insofern hatte sich meine Erwartungshaltung schlagartig geändert und ich muss gestehen, ich tue mich auch jetzt - nach bestimmt einem Dutzend aufmerksamer Hördurchläufe - immer noch schwer damit, das neue Werk für mich einzuordnen.

Der erste Blick fällt auf das Artwork. Das Digipak zeigt die schwarzen Silhouetten der Karat-Musiker (diese stammen übrigens vom Coverfoto von "Seelenschiffe") vor einem großen (CGI-)Labyrinth. Die gesamte Aufmachung wirkt modern, durch den durchgängig grauen Grundton aber auch irgendwie trist. Im Booklet finden sich ein paar schöne, aktuelle Fotos der Band sowie alle Texte und die Credits. Mir ist aufgefallen, dass (ich glaube zum ersten Mal) nicht die Namen der Bandmitglieder abgedruckt wurden.

Vom optischen Eindruck geht es nun zur Musik. Das Album startet druckvoll mit dem losgehenden Rocker "Alles oder mehr". Der Titel wird auch schon seit geraumer Zeit bei den Liveauftritten der Band als Opener genutzt und funktioniert ganz gut. Die Melodie und der Text sind eingängig. Bei so einem Titel hätte man Bernd Römers Gitarren aber durchaus noch etwas lauter aufdrehen können, das Klangbild wirkt für meinen Geschmack hier einfach zu sauber. Leider war es das dann auch schon mit wirklich rockigen Sachen, ab jetzt wird es ruhiger.

"1000 Karat" ist eine melodiöse und recht griffige Rockballade, die auch schon live vorgetragen wurde und zu den besseren Titeln des Albums gehört. Auch "Abschied und Ankunft" ist ganz eingängig (die Melodie der Strophen erinnert mich entfernt etwas an "Will You Be There" von Michael Jackson). Der Song hätte von seiner Art und Stimmung auch gut auf das Vorgängeralbum "Seelenschiffe" gepasst. In Zusammenarbeit mit Gregor Meyle haben Claudius Dreilich und - man höre und staune - Bernd Römer den Titel "Ewig weht der Wind" geschrieben. Dieser ruhige Song gehört für mich ebenfalls zu den besseren auf dem Album, insbesondere der Refrain klingt überzeugend und lädt zum Mitsummen ein.

Zu den Titeln "1 mit Dir" und "Hoffnung" habe ich mich schon geäußert. Beide Titel wollen für mich so gar nicht zu Karat passen. Sicher, es macht Spaß und Sinn mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, aber Jeanette Biedermann vertritt eine so gänzlich andere Musikrichtung, dass mir das Ganze hier einfach nicht stimmig erscheinen will. Bei "Hoffnung" wirkt der Backgroundgesang total überzogen und ist von der eigentlich typischen Karat-Musik meilenweit entfernt. Auch textlich finde ich hier nicht allzu viel Substanz. Für Lyrik wie "Wenn man weiter geht, kommt etwas Neues du wirst sehen […] Und du wirst sehen, kannst es sehen, wirst verstehen, du musst nur weiter gehen" müsste man eigentlich einen Euro ins Phrasenschwein werfen.

"Alles fließt" ist eine instrumentale Solo-Komposition von Bernd Römer. Es ist ja bei diesem Album überhaupt das erste Mal in der langen Karat-Geschichte der Fall, dass Bernd etwas für die Band schreibt. Der Song gehört für mich zu den hörenswertesten Titeln auf "Labyrinth". Eine einfache Melodie von schlichter Schönheit auf der Gitarre, eingepackt in ein opulentes Synthi-Arrangement und kräftige Drums - das erinnert mich dann doch an alte Karat-Zeiten.

Der Titel "Wieder zuhaus" ist textlich wie musikalisch übertrieben pathetisch geworden. Schon die Streicher zu Beginn sind übermäßig rührselig und schwülstig. Im weiteren Verlauf übertrifft die Spannungskurve leider auch nicht die eines Schlaflieds. Das ist einer dieser Titel, bei dem ich schnell die Skip-Taste betätigen muss, um wach zu bleiben.

Der Titelsong "Labyrinth" erreicht mich nach wie vor nicht so ganz. Die Melodie in den Strophen will einfach nicht so zünden. Der Refrain ist dann wiederum ziemlich eingängig. Der Text von Elias Hadjeus (der auch die Musik geschrieben hat) erscheint mir ambitioniert und zeigt die Zerrissenheit in einer immer komplexer werdenden Welt. Vielleicht werden hier auch deshalb verschiedene Sujets vermengt - handelt der Titel nun von einem Gefängnis oder von einem Labyrinth ("Als wär ich eingesperrt, wenn ich Gefangener wär, hing der Schlüssel für den Kerker da am Gürtel von meinem Wärter […]" und "Denn wir sind in einem Labyrinth und wir haben uns verirrt […]")? Bei "Erzähl ihnen vom Frieden" ist mir der Text von Claudia Politz dann aber doch zu unkonkret. Die zahllosen zusammengeklebten Metaphern sind für meine Begriffe das, was man geschraubte Lyrik nennt. Das ist so ein Text, der alles aussagen kann oder gar nichts. Gleichzeitig ist dieser Titel neben dem Opener der einzige, der ein etwas schnelleres Tempo fährt. Möglicherweise sollen Musik und Gesang hier wütend, zornig, mahnend oder anklagend klingen. Auf mich wirkt das Ganze aber eher gehetzt. Schade, denn ein wirklich guter Up-tempo-Titel hätte dem Album noch gut getan.

Die letzten Titel des Albums stimmen mich dann wieder versöhnlicher. "Heimatlos" ist eine melodische, ins Ohr gehende Ballade, komponiert von Marcus Gorstein mit einem Text von Claudius, der sowohl autobiografisch (Claudius verließ Ende der 80er Jahre die DDR), als auch zeitaktuell (Flüchtlingsschicksale) verstanden werden kann. Noch persönlicher wird es bei "Mir nah zu sein". Schon die ersten Takte ließen mich vermuten, dass es sich um eine Komposition von Claudius handelt: ein Blick in die Credits bestätigte meinen Eindruck. Insgesamt eine schöne, einfache Melodie, innig vorgetragen nur zur akustischen Gitarre (gespielt von Simon Kempner).

Das Album schließt mit drei "Bonustracks" (auch wenn diese nicht als solche ausgewiesen sind). "Blumen aus Eis", "Gewitterregen" und "Magisches Licht" sind natürlich alte Bekannte. Hier werden sie als Akustik-Arrangements dargeboten, so wie viele sie vielleicht schon aus den Akustik-Shows der Band kennen. Ich finde es okay, dass auch diese Neuinterpretationen einmal ihren Weg auf eine CD finden, die Originale bleiben aber unerreicht. Insgesamt zünden diese Arrangements live auch etwas besser (das kann man z.B. gut bei "Blumen aus Eis" hören, indem man sich zuerst die Aufnahme auf "Labyrinth" und dann die Aufnahme auf "40 Jahre Karat - Live von der Waldbühne Berlin" anhört - beide im gleichen Akustik-Arrangement).

Die letzten drei Titel sind übrigens auch die einzigen, bei denen man Martin Becker an den Keyboards hören kann. Und da wären wir auch schon bei einem weiteren Punkt, der unbedingt erwähnt werden sollte: nämlich dass bei der Produktion nicht immer alle Bandmitglieder beteiligt waren. Michael Schwandt fehlt auf dem Album leider gänzlich, was seiner langen Erkrankung geschuldet ist. Dafür kann man natürlich niemanden schelten. Ronny Dehn hatte Micha schon bei einigen Konzerten im letzten Jahr würdig vertreten und übernimmt die Drums auch auf vielen Titeln dieser CD. Ein Blick in die Credits zeigt, dass große Teile des Albums von "Gästen" wie Jörg Weißelberg, Marcus Gorstein, Constantin Krieg oder Lucas Schaaf eingespielt wurden, die ja auch als Autoren auftreten (und vielleicht auch deshalb so viele Instrumente übernehmen). Auch Produzent Ingo Politz mischt kräftig mit. Auf "Abschied und Ankunft", das ich ja eigentlich recht gelungen finde, hört man außer Claudius offenbar gar kein weiteres Karat-Mitglied. Ich finde das wirklich schade, denn als Karat-Fan bin ich natürlich daran interessiert, "meine Musiker" zu hören. So schön und fruchtbar es sein kann, auch mal mit anderen und jüngeren Künstlern zusammenzuarbeiten, sollten "Gastmusiker" doch eher die Ausnahme denn die Regel sein.

Insgesamt fällt das Album bei mir nicht komplett durch, so richtig zufrieden stellt es mich aber auch nicht. Ich glaube, dass bei der Produktion einfach zu viele Köche zugange waren. Karat ist und bleibt natürlich eine großartige Live-Band (Jungs, ich hoffe, ihr lasst mich nach dieser Rezension noch rein) und auch für die Zukunft würde ich mir neue Alben wünschen, jedoch sollte sich die Band wieder mehr auf ihre Wurzeln besinnen. Das heißt: melodischer Rock (der auch mal wieder losgehender sein kann) mit Arrangements, die jedem(!) Bandmitglied ausreichend Platz bieten, und mit poetischen Texten, die Assoziationen anregen, aber gleichzeitig fokussiert sind. Viele altgediente Künstler und Gruppen haben in den letzten Jahren Alben unter dem Motto "Back to the roots!" veröffentlicht und sind damit gut gefahren (ich denke z.B. an Roger Waters "Is this the life we really want?", Black Sabbaths "13", Iggy Pops "Post Pop Depression", Santanas "IV" oder an "Blue & Lonesome" von den Stones). Warum sollte das bei Karat nicht auch funktionieren?
(Patrick Baumbach)





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