Robert Brenner: "Nocalize" (Album)

brenner20 20200118 1910808854VÖ: 10.01.2020; Label: Eigenvertrieb; Katalognummer: ohne; Musiker: Robert Brenner (Bass, Gitarren, Keyboards, Percussion), Marek Arnold (Saxophon, Keyboard), Frank Sattler (Piano) und Robert Köhn (Schlagzeug); Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak

Titel:
Nocalize (31:50 Min.)


Rezension:
Meine erste Platte von Mike Oldfield war die LP "Crises" aus dem Jahre 1982. Eigentlich hatte ich sie mir damals wegen dem Song "Shadow On The Wall" gekauft, blieb dann aber auf der A-Seite des Albums hängen. Dort befindet sich einzig und allein das Titelstück, und das hat eine stattliche Länge von über 20 Minuten. Man, was ist das für eine Reise … was für ein Hochgenuss. Hier kann man eintauchen und minutenlang der Verspieltheit des Musikers lauschen. Fast 40 Jahre später habe ich wieder so einen Moment des Genusses, und wieder ist es ein Lied mit reichlich Überlänge, das mich in diese Stimmung versetzt. Es ist "Nocalize" von Robert Brenner. Nicht nur das Lied heißt so, es ist auch das einzige Stück auf dem gleichnamigen Album.

"Wichtige Teile von Nocalize reihten sich vor etwa einem Jahr in meinem Kopf aneinander", erzählt der Musiker über die Entstehung seines Albums. Er spricht über "einzelne, bereits skizzierte Fragmente", mit denen er jonglierte und sie dabei in eine für ihn harmonische Folge brachte. Schon fertige Passagen wurden mit weiteren, anschließend noch entstandenen Teilen ergänzt. Dabei entstand ein halbstündiges Stück Musik, das die musikalische Gedankenwelt des Musikers abbildet, in der die Grenzen fließend sind und verschiedene Stilistiken wie selbstverständlich miteinander verbunden werden. Robert Brenner vergleicht es mit einem "Flusslauf durch verschiedene Gefilde", und diese Beschreibung trifft auf das hier zu Hörende exakt zu. Ähnlich wie bei Smetanas "Moldau" erlaubt einem der Komponist diese Reise zu unternehmen und sich die Bilder dazu selbst im Kopf entstehen zu lassen.

Es geht mit Vogelgezwitscher und Kinderlachen los. Geräusche, die wie von einem Spielplatz im Park zu Dir herüber schweben. Dann setzt ein Klavier mit leichten Anschlägen ein, weitere Instrumente kommen dazu und plötzlich ist man mittendrin. Als nach etwas über einer Minute das Schlagzeug einsetzt und eine positive Pop-Melodie die erste Beobachtung ist, die man in Brenners zu Musik gewordener Welt macht, hat die Reise gerade erst begonnen. Diese Melodie ist das erste Motiv auf der Postkarte, und während dieser erste Eindruck wirkt, tragen Dich das Klavier und der Synthie-Sound rüber zur nächsten Landschaft, die sich mit schweren Cello-Strichen ankündigt. Plötzlich steht ein anderes Instrument im Vordergrund, ein anderer Synthie-Sound schafft eine veränderte Stimmung. Ein Fretless-Bass setzt ein, eine E-Gitarre gesellt sich dazu. Was sich musikalisch bis hierhin Stück für Stück aufbaute, fällt plötzlich in sich zusammen und eine dezent gezupfte Gitarre ist nun der Hauptdarsteller. Wieder eine andere Landschaft, wieder eine andere Musikrichtung. Der Pop macht Platz für die Klassik - Streicher kommen dazu. Ein neues Klangbild baut sich auf, und lässt im Kopf entsprechend andere Bilder entstehen. Nur kurz, denn schon wenige Augenblicke weiter wandelt es sich wieder in ein Neues. Es wird progressiv, verspielter und auch ein Stück weit jazziger, denn das Klavier sorgt für exakt diesen Farbtupfer. Einen Wimpernschlag weiter ist dieses Klavier schon wieder verklungen und eine Akustikgitarre führt hinüber zur nächsten Station der Reise. Ein Solo auf dem E-Bass wird zelebriert. Die Spielfreude bricht sich ihre Bahn - leider nur kurz, denn dieser Hochgenuss für jeden Fan dieses Instruments ist nur ein Teil des Ganzen und darf natürlich nicht Überhand nehmen. Wieder folgt eine ruhige Phase in der nun ein Saxophon eine härtere Phase einleitet. Eine brettharte E-Gitarre, eine Orgel und spacige Key-Sounds bestimmen nun die Szenerie. Es wirkt bedrohlich, wie ein Unwetter, was an dieser Stelle des Stücks geboten wird. Die eingestreuten Orgel-Passagen erinnern stark an die 70er und die damals angesagten Prog-Rock-Meisterwerke. Und auch dieses Unwetter ist nur ein Moment. Wieder kommt ein Saxophon zum Einsatz und wieder gleitet die Nummer in eine ruhige Phase. Vorbei die Hektik der gerade gehörten Passage, die holprige Wegstrecke scheint überstanden. Als würde der Himmel aufreißen, klingt die Nummer plötzlich wieder heller. Statt E- kommt nun ein Kontrabass zum Einsatz und Akustikgitarren bringen einen Hauch von Weltmusik zur insgesamt jazzigen Grundstimmung, die nun vorherrscht. Und zum Jazz mit verspielten Gitarren und entspannten Klängen biegt das Stück auf die Zielgeraden ein. Auf den letzten Metern wird es nochmal lauter, der Bass blubbert, der Beat zieht an, Gitarrentöne hüpfen munter auf und neben den hohen Keyboard-Klängen. Ein positiver Grundton zum Abschluss, als feiere man hier gerade das Leben und den Tag. Noch einmal zieht das Orchester hier alle Register, der Sound türmt sich auf und zum Schluss schließt sich der Kreis mit der bereits eingangs schon gehörten Melodie. Was für eine kurzweilige halbe Stunde, was für eine tolle Reise!

Die Gitarrenspuren, sämtliche Bässe (und hier wurde der komplette Fuhrpark eingesetzt), Percussion und große Teile der synthetischen Klänge nahm Robert Brenner zuerst allein auf. Weitere Elemente fügte er skizzenhaft hinzu. Am Ende bat Brenner ihm liebe und seiner Meinung nach am besten geeignete Musiker, die eigenen Ideen mit Leben zu füllen. Mit Robert Köhn (Schlagzeug), Marek Arnold (Saxophon, Keyboard) und Frank Sattler (Piano) fand er genau die Kollegen, die sich auch gut in seine Gedanken und Vorlagen hinein denken konnten. Das Ergebnis spricht für sich!

"Nocalize" steht für "No Vocalize", also Kein Text und kein Gesang. Und selten hat man ein Stück Musik ohne Text gehört, das einem am Ende dann doch so viel erzählt hat, wie "Nocalize". Aber letztendlich lässt "Nocalize" den Hörer selbst die Geschichte zur Musik erzählen bzw. die Landschaft zum Sound malen. Jeder kann dies für sich tun - ohne Vorgaben und ohne Drehbuch. Und die Geschichten oder Landschaften können bei jedem Hördurchgang immer wieder andere sein, denn man wird nicht festgelegt. So können die dunkler klingenden Momente im Kopf auch mit hellen Farben in eine andere Richtung gelenkt werden, die positiven Momente dagegen mit einem Schuss Melancholie versehen werden. So, wie man es für sich haben möchte, denn zu all dem lädt diese Musik den Hörer ein. Wenn das das Anliegen des Künstlers war, ist ihm das vollumfänglich gelungen!
(Christian Reder)

Videoclips:







   
   
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