KARUSSELL: "Erdenwind" (Album)

karussell2018 20180513 1363290026VÖ: 11.05.2018; Label: DA Music/Monopol Records; Katalognummer: 941373; Musiker: Joe Raschke (voc, key, harp), Reinhard Huth (voc, g), Hans Graaf (g), Jan Kirsten (bg), Wolf-Rüdiger Raschke (key), Benno Jähnert (dr); Produzent: Alex Wendel; Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak mit Abdruck aller Texte im Booklet;

Titel:
Meine Stadt • Geben oder Nehmen • Frag nicht • Sag Deinen Namen • Nachtkind • Erdenwind • Karussell • Wenn es hart wird • Frei sei der Mensch • Mein letztes Lied? • Nachtkind (Instrumental)


Rezension:
KARUSSELL hat nach sieben Jahren ein neues Studioalbum aufgenommen. Es heißt "Erdenwind" und ist der Nachfolger des 2011 veröffentlichten Albums "Loslassen". Damals, vor sieben Jahren, überraschte die Band mit Songs, die an die "guten alten Zeiten" anknüpften. Eine Handschrift war deutlich erkennbar und die Verpackungen um ihre Botschaften waren so gut gewählt, dass ich mir die CD heute noch gerne anhöre. Sie haben eine zeitlose Schönheit, die ein Haltbarkeitsdatum unnötig macht. Ich wollte, ich könnte sagen, dass das bei der neuen Platte auch so ist.

Mit der Hymne auf die Stadt Leipzig, "Meine Stadt", startet die Formation um Vater und Sohn Raschke in ihr neues Programm. Der Song ist gleichzeitig auch die Single, die vorab an Mann und Frau gebracht wurde. Lassen wir den volkstümeligen Charakter, der solchen Liedern pauschal inne wohnt, mal außen vor, ist es ein sehr gelungener Auftakt. Der Gefahr, die Nummer in diese Schunkel- und Bierzeltsackgasse zu steuern, begegnet die Band mit einer ausgesprochen schönen Melodie, einem feinen Beat und der angenehm warmen Stimme des Raschke Spross.
Es folgt mit "Geben oder Nehmen" die erste Oschek-Nummer, von ihm geschrieben und auch gesungen. Klingt auf den ersten Ton wie ein Olsen-Brothers-Song, ist aber am Ende einer der Titel, der am nächsten an die alten KARUSSELL-Nummern heran kommt. Eine von Oschek unbeabsichtigt angestoßene Neiddebatte in einem sozialen Netzwerk hätte es zur Bewerbung der Nummer übrigens nicht gebraucht.
Eine wirklich funkelnde Perle in Komposition, Text und Gesang ist aber "Wenn es hart wird", geschrieben von Jan Kirsten, der das Ding auch singt, und mit einem Text von Michael Sellin versehen. Hier passt alles und ich höre deutlich, dass hier KARUSSELL spielt. Das macht Spaß und man ertappt sich, das Lied gleich noch einmal von vorne starten zu wollen.
Die anderen sieben Lieder sind perfekt gemischt, von Ecken und Kanten befreit und - so leid es mir tut, das schreiben zu müssen - austauschbar und beliebig. Keins davon bleibt wirklich im Ohr - sie verschwinden so schnell aus dem Gedächtnis, wie sie hinein gekommen sind. Ein Song wie "Mein letztes Lied?" wird zur Hymne des sich im Ruhestand befindlichen Revolutionärs. Es klingt nicht nach Rock'n'Roll und wütendem Protest, sondern das Anliegen wird in eine langsam dahin plätschernde Ballade verpackt, die eher nach "Resignation" als nach "Wir stehen nochmal auf" klingt. Die Entscheidung, das als letzte Nummer vor dem Instrumentalstück am Ende des Albums zu platzieren, wirkt so, als hätte die Band sich gerade damit von ihrem Publikum verabschiedet. Für immer!
"Sag Deinen Namen" kommt in einem Philly-Sound aus den 70ern daher, den man von KREIS kannte, aber bei KARUSSELL bisher noch nie entdeckt hat. Und übrigens auch nicht erwartet hätte. Warum jetzt? Mit Disko hatte die Band noch nie was zu tun und das steht ihr auch nicht. In dem Moment, wo ich darüber schreibe, kann ich mich an Details schon gar nicht mehr erinnern, so farb- und kraftlos ist das Stück. Wie gesagt: In das eine Ohr rein - ins andere wieder raus.
Im Text zum Song "Erdenwind" stellt Texter Joe Raschke dann einen neuen Rekord darin auf, die meisten Reime auf die Worte "Tagen", "geteilt" und "brennt" zu finden und überrascht mit der Vielzahl der aufgestöberten Kandidaten, die feinsäuberlich aneinander gereiht den Text bilden. Das ist dann auch schon das Bemerkenswerteste an der Nummer.
Mit "Karussell" liefert die Gruppe KARUSSELL dann auch gleich mal ihre Bewerbung für die nächste "Willkommen bei Carmen Nebel"-Show ab. Das passt ganz wunderbar zwischen Santiano und D'Artagnan, aber dahin haben sich ein Teil der Alt-Fans ja in den letzten Jahren eh schon verzogen und halten das inzwischen für die große Kunst. Im Alter verliert man schon mal das Gespür für guten Rock'n'Roll ... vielleicht kann KARUSSELL sie mit diesem Titel ja wieder "einfangen".
Das Tüpfelchen aufs i bildet dann "Frei sei der Mensch", das KARUSSELL bei ihrem Ausflug in die Liedermacher-Ecke zeigt. Trotz dem Versuch, den Reinhard Mey in Band-Form zu geben, funktioniert die Nummer irgendwie nicht und die am Ende noch eingeschraubte Mundharmonika inklusive Country-Sound lassen vor dem inneren Auge die Vision entstehen, wie bei den Konzerten in den ersten Reihen das Publikums die Hände gen Himmel gereckt hin und her winken lässt.

Ich möchte betonen, dass dies meine persönliche Wahrnehmung ist. Ich habe das Album einige Male gehört und bei vielen der Lieder zündet es auch jetzt noch nicht. Mir fehlt so ein bisschen der Schmutz im Sound und die Töne, an denen man sich ordentlich stoßen kann. Das Album ist definitiv auf den Massengeschmack ausgerichtet und genauso produziert. Wenn man es auf Charterfolge absieht und darauf ausgerichtet ein Album aufnimmt, hat man hier alles richtig gemacht. Es ist so in Form gegossen worden, dass temporär erfolgreiche Sounds vorherrschen und diese die Musik ganz nah "am Puls der Zeit" erklingen lässt. Das birgt aber auch die Gefahr, dass man sich das in 10 oder 20 Jahren nicht mehr so einfach anhören kann - oder mag. Dazu kommt, dass es leider wenig innovativ ist, wenn man klingt wie gefühlt die halbe Besetzung der aktuellen Top 100. Ich schrieb eingangs von der KARUSSELL-Handschrift, die Lieder wie "Ehrlich will ich bleiben" oder "Nämlich bin ich glücklich" deutlich tragen. Einzig Joe und Oschek - letzter mit seiner Stimme - lassen nur noch nebenbei ein Wiedererkennen von KARUSSELL zu.
(Christian Reder)





Videoclip:







 
 

   
   
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