Stern-Combo Meißen: "Weißes Gold" (Doppel-Album)

lp24 20180921 1741941646VÖ: 21.09.2018; Label: SONY/AMIGA; Katalognummer: 19075833932; Musiker: Thomas Kurzhals (Tasteninstrumente, Arrangeur), Manuel Schmid (Tasteninstrumente, Gesang, Arrangeur), Lothar Kramer (Tasteninstrumente), Sebastian Düwelt (Tasteninstrumente), Eghard Schumann (Tasteninstrumente), Ernst Kahler (Sprecher), Joachim Kaps (Sprecher), Gunther Emmerlich (Sprecher), Reinhard Fißler (Gesang), Martin Schreier (Schlagzeug, Ld), Bernd Fiedler (Bass), Alexander Procop (Bass), Axel "Lexa" Schäfer (Bass), Marek Arnold (Saxophon), Ekkehard Dreßler (Percussion), Norbert Jäger (Percussion), Werther Lohse (Schlagzeug, Gesang), Frank Schirmer (Schlagzeug), Michael Behm (Schlagzeug); Bemerkung: Doppel-CD in Plastikhülle (Jewel-Case). inkl. Booklet mit ausführlichem Begleittext vom ehemaligen Produzenten Walter Cikan und dem heutigen Produzenten Manuel Schmid. Nur auf CD, Stream und Download erschienen.

Titel:
CD 1: Weißes Gold (Die Unveröffentlichte / Rundfunkproduktion 1978) • Weißes Gold (Das Original / AMIGA-Produktion 1979)
CD 2: Weißes Gold (Das Vermächtnis / Studio-Produktion 2001) • Weißes Gold (Die Neuproduktion / Studio-Produktion 2018)


Rezension:
Als die Anfrage kam, ob ich für die Jubiläumsausgabe von "Weißes Gold" der Stern-Combo Meißen eine Rezension schreiben würde, habe ich erst einmal tief in mich hinein gelauscht. Diese Kapelle kenne ich wirklich seit ihren frühesten Auftritten, der Vater von Martin Schreier war einer meiner Dozenten (für Geschichte) in Siebeneichen und ich liebe das Gesamtwerk der Combo, trotz ihrer Wandlungen, Tiefen und Höhen. Genau deshalb spüre ich auch Respekt vor dieser schönen Aufgabe, meine Gedanken und Eindrücke zur Jubiläums-Edition "Weißes Gold" aufzuschreiben.

Die insgesamt vier Veröffentlichungen schlagen einen gewaltigen Bogen, der durchaus über ein halbes Menschenleben reicht. Allein sich das vorzustellen, flößt Respekt ein. Dass 40 Jahre, vom analogen zum digitalen Zeitalter, zudem unter Berücksichtigung der zwischenzeitlich abgelaufenen historischen Umwälzungen in Deutschland, eine gigantische Grätsche bedeuten, merkt man dem Werk beim Hören heute überhaupt nicht an. Die Musik der Meißener repräsentiert zeitlose Kunst im gleichen Maße, wie man heute international auch über die "Valentyne Suite" (1969) von Colosseum reflektieren würde, auch wenn deren Kontext, historisch bedingt, ein größerer ist. Der künstlerische Anspruch und dessen Umsetzung indes sind durchaus vergleichbar und mir würden noch mehr solche Vergleiche einfallen.

Was man beim Hören sofort spürt, sind die ungeheure Dynamik und Energie, die in der Aufnahme von 1978 stecken und nach vier Dekaden immer noch wirken. Die "Ouvertüre" und der "Traum" sprudeln förmlich in die Ohren, nisten sich lyrisch und thematisch ein, verzaubern durch wundervoll gesungene Vokalisen und führen bis zum "Gold". Das Grundthema erklingt, das man natürlich sofort erkennt und die Worte von Kurt Demmler wirken. Das "Largo" skizziert uns das historische Umfeld, in dem sich der Wunsch nach einem Wunder, dem Gold, manifestiert. Hier hören wir auch rezitierend noch einmal die Sprechstimme von Reinhard Fißler. Wir machen die Bekanntschaft mit Böttger und erleben dessen "Flucht". Wieder hören wir Vokalisen über treibenden Rhythmusgeflechten, einem am Jazz-Rock jener Zeit orientierten Part: "Und schließlich für immer gefangen." - "Zweifel und Hoffnung" reflektiert die Gedanken, Hoffnungen und Ängste des Böttger mit einem Text, der ausschließlich den Zwiespalt des Mannes umschreibt: "Hält die Erde nicht noch mehr parat, als Gold?" Das alles zu einem aufwühlend trotzigen Sound der Tasten, bis hin zum düsteren Crescendo, wo aus Zweifel die Hoffnung erwächst und in "Böttgers Lied" mündet: "Ist jeder Mensch ein Glühen, bis er Asche wird?" Dem nunmehr wild entfesselten Spiel der Tasten erwächst die Zuversicht, die ins "Finale" und in den abschließenden Chor einmündet: "Und noch heute wird so zu Gold unser Meißner Porzellan." Aus einer Idee wurde so im Jahre 1978 eine rock-musikalische Hommage an den Erfinder des Meißner Porzellans, Johann Friedrich Böttger. Es macht Freude, diese Version endlich in die Ohren zu bekommen.

Diese erste Fassung gleicht einem Rohdiamant, noch ungeschliffen, rau, kantig und seinen wirklichen Glanz verbergend. Den wollte die Combo so nicht öffentlich machen. Erst nachdem die Einarbeitung weiterer musikalische Feinheiten und die Überarbeitung der Textvorgabe von Demmler abgeschlossen waren, erscheint das Original im Jahre 1979 als Langspielplatte bei AMIGA. Hier konzentriert sich die lyrische Komponente nicht mehr ausschließlich auf die Person des Böttger, sondern stellt - ähnlich wie im "Kampf um den Südpol" - die philosophische Fragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn in den Mittelpunkt der Komposition. Jetzt klingt das rock-sinfonische Werk, erweitert um ein Orchester und einen Chor, rund, ist in sich geschlossen und sehr homogen. Heute den Vergleich zwischen der "Unveröffentlichten" und dem "Original" zu hören, ist ein wahrer Genuss, lässt man sich Zeit, die erste CD in einem einzigen Rutsch durchzuhören.

Zwanzig Jahre später hat eine technologische Umwälzung, vom analogen Mehrspuren-Studio hin zur digitalen Wunderwelt, völlig neue Voraussetzungen für Musiker geschaffen. Dass die Combo im Zuge dieser Entwicklung auf die Idee kommt, bereits Geschaffenes an diesen Möglichkeiten zu messen, sich neu auszuprobieren, kann niemanden wirklich verwundern (viele von uns haben sich damals von den Vinyl-Platten zugunsten der CD getrennt). Dass das "Weiße Gold" in den Wirren jener Tage nur eine "Unveröffentlichte" und zunächst auch unvollendet blieb, war aus heutiger Sicht durchaus eine kluge Entscheidung (oder hat sich nicht anders ergeben). Sie dokumentiert einen Zeitabschnitt, aber nicht wirklich einen weiteren Schritt zu neuer Qualität oder qualitativer Steigerung. Das alles wird erst mit einem personellen Neuanfang nach dem zu frühen tragischen Tod des überragenden Keyboarders und Komponisten Thomas Kurzhals sowie dem "Glücksfall" Manuel Schmid, möglich.

Die jetzige Neuproduktion des Werkes ist letztlich ein folgerichtiger Schritt, mit dem nun endgültig die Transformation zu den heutigen Klangmöglichkeiten vollendet wurde. Eigentlich gab es bisher nur die Vinyl-Fassung (1979) zum Anhören, klammert man den Live-Mitschnitt vom Potsdamer Platz auf DVD und CD (2013) einmal aus. Basierend auf der schon vorgefertigten Produktion und mit Manuel Schmid, dem treibenden kreativen Künstler - sowohl als Sänger, aber auch Keyboarder - erweckte die Combo für die Neuproduktion verborgene Nuancen und kleine Feinheiten zu neuem Glanz. Außerdem wurden zwei Neufassungen aus früheren Tagen, sowie die bereits produzierten Soli von Thomas Kurzhals, in mehreren Segmenten einbezogen. Mit diesen eingespielten Passagen wird diese "Neuproduktion" nun endlich zu einem besonderen Klangerlebnis und den aktuellen Höransprüchen gerecht. Hervorzuheben sind die besonderen Mühen von Manuel Schmid sowie die Idee, Gunther Emmerlich als Sprecher hinzu zu bitten, der damit quasi das kleine aber feine Sahnehäubchen dem Konzeptwerk aufsetzt. Gunther Emmerlich modelliert und gestaltet überaus einfühlsam und perfekt, setzt seine geschulte Stimme und deren warmes Timbre gekonnt ein. So bereichert er das Meisterwerk auf unvergleichlich harmonische Weise. Besser kann das "Weiße Gold" jetzt nicht mehr werden. Es hat seine ganze filigrane Schönheit und schillernden Glanz entfaltet, hat Bewährtes bewahren und mit digitalen Werkzeugen verfeinern können. Hinsetzen, Regler auf laut stellen und die klingende Zeitreise inhalieren!

Es ist ein intensiver Genuss, in Zeiten (vor)formatierter Hör- und Verbrauchergewohnheiten, ein Stück Musik zu erwerben, das sich genau diesen kommerziellen Zwängen immer noch entzieht. Das "Weiße Gold" hat sogar über die vier Dekaden an Reife gewonnen und der Hörer (und Liebhaber), der all das zeitnah miterleben durfte, ist im Idealfall mit seinen Hörgewohnheiten und dem Werk mit gewachsen. Etwas, was man "normalerweise" eher nicht möchte, weil man meint, das Original in der bestehenden Form unberührt lassen zu müssen. Schön, dass es anders gekommen ist.

Die Jubiläums-Edition "Weißes Gold" transportiert ein gutes Stück Zeit- und Musikgeschichte, ohne die innewohnenden Reflektionen und historischen bzw. gesellschaftskritischen Gedanken zu modifizieren. Die charakteristischen Parallelen der verschiedenen Veröffentlichungen sind kaum zu überhören und wer sie sucht, kann aktuelle Bezüge schnell herstellen. Das macht zu einem wesentlichen Teil auch die Wirkung des Werkes, von der einzigartigen musikalischen Substanz ganz zu schweigen, in heutigen Tagen aus. Die beiden CDs sind äußerst geschmackvoll verpackt und mittels eines Booklets mit allen wichtigen Informationen zur Entstehung und Geschichte ausgestattet. Die Covergestaltung lehnt sich der von AMIGA, bzw. auch der West- und Japan- Vinylausgabe, an. Es ist ein kleines Juwel geworden, nicht nur für "alte Herren" wie mich, sondern auch unserer Kinder- und Enkelgeneration wärmstens zu empfehlen. Glückwunsch, meine Herren!
(Hartmut Helms)





Ausschnitt:







 
 

   
   
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