Thomas Rühmann & Band: "Richtige Lieder" (Album)

ruehmann2018VÖ: 01.12.2018; Label: Tari Taro Music; Katalognummer: 4260062930417; Musiker: Thomas Rühmann (Gesang, Gitarre), Michael Ritter (Gitarre, Gesang), Peter Schenderlein (Piano, Keyboard, Gesang), Lexa Thomas (Bass, Gesang), Gören Eggert (Schlagzeug, Gesang); Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte;

Titel:
Und so weit • Im Grund • Spätes Lied • Wenn Du fehlst • Geh doch nicht schlafen • Ach, wie war das Leben • Halb so wild • Eine Frage des Preises • Zu Dir heut' Nacht • Ich liebe Dich • Kojoten der Liebe • Fast ein Volkslied • Bestimmung


Rezension:
Der in Leipzig lebende Thomas Rühmann ist bekanntermaßen ja nicht nur Schauspieler, sondern seit einiger Zeit auch als Musiker unterwegs. Am 1. Dezember ist sein erstes Album erschienen, das er "Richtige Lieder" getauft hat. Es ist schon verwunderlich, dass da bisher noch nichts von ihm auf Tonträger erhältlich war, denn eigentlich hat er schon immer "richtige" Lieder gemacht. Nur waren diese Lieder nicht für eine Veröffentlichung auf CD oder Platte geeignet. In einem Programm, das er gemeinsam mit dem leider schon verstorbenen Rainer Rohloff gespielt hat, hat er Texte von Gerhard Gundermann auf Kompositionen von Neil Young gesetzt. In seinem Programm über den Musiker Sixto Diaz Rodriguez nahm er dessen Musik her und verpflanzte darauf Texte von Wolf Biermann, Christoph Hein oder Gerulf Pannach. Gleiches gilt für sein Programm "Falsche Lieder", in dem Rühmann Texte von Hans-Eckardt Wenzel auswählte, um sie mit Musik von z.B. Lambchop, The National, Mark Knopfler, Tracy Chapman, Neil Young oder Mumford & Sons zu verbinden. Das Ergebnis waren immer starke Songs und ebenso starke Umsetzungen, bei denen man überrascht sein durfte, wie deutsche Texte auf Liedern funktionieren, für die sie gar nicht gedacht waren. So waren die richtigen am Ende doch "falsche" Lieder und weil das ein riesengroßes Durcheinander mit den Rechten ist, wenn man Texte von Wenzel auf Kompositionen von zig anderen Solisten und Bands verschraubt, kann man sowas zwar live spielen und den Leuten präsentieren, aber eher nur schwerlich auf eine CD oder DVD bringen. Auf dem neuen Album trifft man jetzt bekannte Zutaten wieder, darf sich aber auch auf das Entdecken von Neuem freuen.

Noch immer bedient sich Thomas Rühmann fremder Texte, denn er glaubt nicht an das Talent in sich, Texte zu Musik schreiben zu können. Er sieht sich selbst als "Materialumgeher", wie er in einem Interview mit Deutsche Mugge mal verriet, und schaute sich für "Richtige Lieder" deshalb erneut bei Textdichtern um, deren Schöpfungen er vortragen könnte. Natürlich ist der von Rühmann verehrte Wenzel auch wieder mit dabei und auf dem Album vertreten. Insgesamt acht der dreizehn Stücke tragen Inhalte aus Wenzels Feder in sich. Die anderen fünf Texte stammen von J.R. Becher, André Schinkel, Volker Braun und Jörn Brumme. Diese Texte haben Thomas Rühmann und seine Band, die neben ihm aus Gitarrist Michael Ritter, Keyboarder und Pianist Peter Schenderlein, Bassist Lexa Thomas und Schlagzeuger Gören Eggert besteht, dieses mal selbst vertont. Keine Fusion von Einzelteilen, die zwar super zueinander passen aber eigentlich nicht zueinander gehören, sondern eigene musikalische Ideen zu ausgewählten Dichtungen.

Besonders heraus sticht hier das Lied "Ich liebe Dich", das Thomas Rühmann seiner langjährigen Kollegin Hendrikje Fitz gewidmet hat. Mit ihr hat er fast 20 Jahre Seite an Seite gearbeitet, und die Schauspielerin starb vor knapp 2 1/2 Jahren. Dass das Verhältnis der beiden Schauspieler ein ganz besonders gewesen sein muss, kann man diesem Song deutlich ablesen. Nicht nur der Text, der davon erzählt, dass jemand einem anderen viel Kraft mit auf den Weg und Wind unter die Flügel gegeben hat, sondern auch die Art, wie Rühmann diese Nummer singt, lassen keinen Zweifel daran, dass in ihm wohl bis an sein eigenes Ende eine große Dankbarkeit und tiefe Verbundenheit zu diesem Menschen glüht. Der Inhalt und Rühmanns unter die Haut gehende Interpretation sind in einen mitreißenden Rocksong verpackt, in dem eine Knopfler'sche Gitarre und eine zerbrechlich wirkende Piano-Figur neben treibendem Beat gesetzt wurden. All das jagt einem beim Hören einen wohligen Schauer nach der anderen über den Körper.
Neben diesem persönlichen Highlight des Rezensenten auf "Richtige Lieder" überrascht das Album aber mit weiteren gelungenen und höchst appetitlich angerichteten Lied-Kreationen. Über die innere Unruhe inklusive körperlicher Reaktionen vor dem Auftritt und das Gefühlschaos, das hinter der Bühne erlebt wird, und die Wenzel hervorragend in Worte kleidete, singt Thomas Rühmann in dem von ihm selbst komponierten "Im Grund". Dieser mit Händen fast greifbaren Abbildung einer Stimmung wird ein entspanntes balladeskes Arrangement entgegen gesetzt, das das Gleichgewicht wieder herstellt und aus dem Song eine hautnahe Reise in die Gedankenwelt eines Künstlers vor seinem Auftritt werden lässt - inklusive verschärftem Gitarrensolo gegen Ende des Stücks.
"Und wenn Du fehlst" (ebenfalls von Wenzel getextet) ist die reinste Poesie, die von Peter Schenderlein und Thomas Rühmann in maßgeschneiderte Töne gekleidet wurde. Eine zarte Klaviermelodie leitet die Nummer ein und begleitet den Hörer ein Weilchen. Zu ihr gesellt sich - wie aus einer anderen Welt hierher dringend - die E-Gitarre und vermischt sich mit dem Klavier. Nach hinten raus türmt sich der Sound zu einer Riesenwelle aus E- und Akustik-Gitarre, Schlagzeug und Klavier, die das Finale bildet und am Ende bricht, um in den letzten Sekunden leise zu zerfließen. Eine sechsminütige und rasante Fahrt, die umgehend Lust auf eine Wiederholung macht.
Das komplette Gegenteil ist "Geh doch nicht schlafen". Hier fassen Rühmann und Lexa Thomas als Komponisten und Arrangeure ihren Zuhörern ordentlich ans Bein. Ruhig sitzen bleiben kann man bei dieser amtlichen Rock-Nummer nämlich nicht. Hier geht's von Anfang an zur Sache und zeigt das Ensemble einmal mehr als wahre Verwandlungskünstler in Sachen Musik. Was die Band da spielt, bildet die ideale Vorlage für das, zu dem man im Text verführt werden soll. Es geht darum, auch mal "unvernünftig" sein zu dürfen. Statt ins Bett zu gehen und sich für die kommenden Aufgaben am andern Tag auszuruhen, soll man lieber die Nacht nutzen, um das Leben zu leben. Party machen, lachen, singen und den nächsten Tag einfach mal ausblenden. Überzeugender kann eine Aufforderung zum Genuss des Augenblicks nicht an Mann und Frau gebracht werden! Das Lied beweist so ganz nebenbei auch, dass Lebensfreude und die Lust auf Genuss auch ganz anders als mit Ballermann'esken Auswüchsen und Schunkelschlagern dargestellt werden können.
Die Musik zu "Halb so wild", ebenfalls mit einem Text von Wenzel versehen, stammt von PANKOW-Gitarrist Jürgen Ehle. Aus den indischen Klängen am Anfang des Stücks entsteigt eine von Reggae-Elementen stark beeinflusste Pop-Nummer mit hohem Spaßfaktor. Eine zum Lied gefaltete Anleitung, wie man das Leben locker nehmen und entspannt sehen kann, mit äußerst charmantem Augenaufschlag beim kaum zu "überhörbaren" Zwinkern.

Auf "Richtige Lieder" sind die richtigen Lieder für den erwachsenen Hörer. Es sind Lieder für die, die noch den Wunsch haben, vom Künstler gefordert zu werden. Und das tut Thomas Rühmann mit seiner Kapelle vom ersten bis zum letzten Ton. Aber er überfordert nicht, sondern er bittet um Gehör und Aufmerksamkeit. Er lädt ein zum Zuhören und zum Nachdenken und bringt dazu noch eine bunte Mischung aus dem großen Musik-Angebot mit. Rühmann gehört damit - wie auch Axel Prahl - zu den ganz wenigen musizierenden Schauspielern, die ihren Hörern über ihre Lieder noch etwas zu erzählen haben. Während viele seiner Berufskollegen einem nur die Zeit klauen, wichtige Sendeplätze im Rundfunk verstopfen und Belanglosigkeiten verbreiten, darf man bei Herrn Rühmann auf eine Reise gehen und die Leidenschaft des Künstlers entdecken, die hier unüberhörbar ist. Die Musik und die von ihm gesungenen Texte haben Klasse, und seine Art des Vortrags machen die Lieder und sein Anliegen glaubhaft. Man kauft ihm ab, was er singt, auch wenn er es selbst nicht geschrieben hat. Aber es sind ganz offenbar seine Gedanken, die jemand anderer in Worte geformt hat, und Rühmann lässt sie mit dem, was er zu geben hat, lebendig werden. Dazu hat er eine Band, die richtig viel Spaß macht und auf die live zu hören ich mich jetzt schon freue. Im Studio wurde jedenfalls tolle und überzeugende Arbeit abgeliefert. Nicht nur die Musiker, sondern auch die Herrschaften hinter dem Mischpult haben für einen sehr guten Sound gesorgt. Die Stücke auf der CD haben ordentlich Druck, die Feinheiten in den ruhigeren Momenten sind klar wahrnehmbar und jedes Lied trägt eine deutliche Handschrift. Nichts wirkt überfrachtet, auch wenn es Songs gibt, die dicht gewoben und komplex arrangiert sind. Dazu kommt, dass sie im Ohr und damit im Gedächtnis bleiben, und sie variabel einsetzbar sind. Man kann sie ruhig für sich allein genießen, man kann sie bei einer Autofahrt als Reisebegleiter nutzen oder sie laufen lassen, wenn Besuch auf der heimischen Couch sitzt. Das kann man nicht von vielen Produktionen behaupten ...
(Christian Reder)





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