Sportfreunde Stiller: "Sturm & Stille" (CD Album)

sfs2016 20170617 1390160254VÖ: 07.10.2016; Label: Vertigo; Katalognummer: 5708734; Musiker: Peter S. Brugger (Gesang, Gitarre), Rüdiger Linhof (Bass), Florian Weber (Schlagzeug); Bemerkung: auch als Fanbox mit 3 CDs und als Schallplatte (Vinyl) erschienen;

Titel:
Raus in den Rausch • Viel zu schön • Sturm & Stille • Zwischen den Welten • Das Geschenk • Disko4000 • Brett vorm Herz • Keith & Lemmy • Rotweinflaschengrün • Ich nehm's wie's kommt • Lumpi (L.U.M.P.I.) • Auf Jubel gebaut


Rezension:
Warum stelle ich hier und jetzt eine CD vor, die schon fast ein 3/4-Jahr auf dem Markt ist und die wir im Kollegenkreis bei ihrem Erscheinen kollektiv ignoriert haben? Freunde und Bekannte wissen, dass ich die Gruppe SPORTFREUNDE STILLER - vorsichtig ausgedrückt - für nicht sonderlich gut halte. In der Zeit nach 2013 habe ich festgestellt, dass ich morgens am besten mit Applaus aus dem Bett komme. Der Sender WDR2, der in meinem Radiowecker eingestellt ist, sorgt dafür, dass dies gelegentlich gelingt. In unregelmäßigen Abständen, aber mit einer zielgenauen Penetranz, wird einem morgens zur Aufstehenszeit der "Megahit" der "Sporties" (selten eine so dumme Verniedlichung gehört), "Applaus Applaus", serviert. Ich erkenne dieses zu Tönen gewordene Nervengift schon an den ersten Takten und man würde es kaum glauben, wie schnell ich von der einen Seite des Bettes zur anderen rollen und den dort platzierten Wecker mit einem gekonnten Schlag auf die dafür vorgesehene Taste zum Schweigen bringen kann. Inzwischen bin ich darin geübt zu verhindern, dass der Song nicht länger als Sekunden läuft und mir gleich schon in den ersten Minuten des Tages den Rest versaut. Dies weiß der eine oder andere in meinem Umfeld und letztens wurde mir deshalb von jemandem, der es sonst eigentlich immer gut mit mir meint, angeraten, mich dringendst nochmal mit der Band und ihrem Output zu befassen. Die "Sporties" (meine Fresse ...) seien schließlich nicht nur "Applaus Applaus". Meine Meinung sollte sich ändern, wenn ich das aktuelle Werk der drei aus dem oberbayrischen Germering stammenden, sich selbst Indie-Rockband bezeichnenden Herren gehört hätte. "Sturm & Stille" heißt das Ding und wenn man dem Titel Glauben schenken darf, erwartet einen beim Hören der eine oder andere Gegensatz. Für sowas bin ich ja durchaus offen. Also schau'n wir mal ...

Natürlich kommt es vor, dass ich mich irre. Oder besser, dass mein Geschmack sich irrt. Es gibt inzwischen so einige Bands, mit denen ich anfangs wenig anzufangen wusste. Später änderte sich das und deren Songs laufen heute oft bei mir. Manches muss man sich erarbeiten. So ist das eben. Dass dies bei den Sportfreunden auch einmal so sein wird, wird von deren Sänger Peter Brugger gleich schon mit den ersten Tönen des Openers "Raus in den Rausch" nach Kräften sabotiert. Man wundert sich wieder einmal kopfschüttelnd, wieso man bei den Sportfreunden niemanden ans Mikro gestellt hat, der das dafür erforderliche Talent mitbringt. Ich gebe zu, dass es mir an dieser Stelle des Albums, also schon nach wenigen Sekunden, äußerst schwer gemacht wurde, am Ball zu bleiben. Und es ist wirklich nicht nur der Gesang alleine, der diesen nur hart zu nehmenden Fluchtreflex bei mir auslöste ... Texterische Stilblüten wie z.B. "Raus, raus in den Rausch | und schönen Gruß vom Leben | Raus, raus in den Rausch | viel Spaß beim Schweben" werfen in mir die Frage auf, welcher Hörer sich das mehr als nur einmal freiwillig antun soll. Mehr noch: Was an dem Tag beim Texter wohl schiefgelaufen ist, dass er sowas - sicher unter schmerzenden Presswehen beim sich Lösen - zu Tage gefördert hat.
Es ist auch üblich, dass so manche musikalische Graupe in das Fach "Indie-Rock" sortiert wird. Alles was auf den ersten (und auch auf den zehnten) Blick so gar nicht gut klingt, ist da erst mal gut aufgehoben. Da kann man sich zwischen echt guten Sachen auch herrlich verstecken. Und im gleichen Strickmuster wie schon der Opener wird uns bei den Sportfreunden als zweites ein tonaler Zwilling angeboten, der unter dieser Überschrift kampiert. Vielleicht bin ich auch nur von Bruggers Gesang abgelenkt, aber irgendwie klingt "Viel zu schön" viel zu gleich. Auch hier kommt übrigens wieder der für die Band so typische Reimbaukasten zum Einsatz. Tiefgang? Botschaft? Anspruch? Fehlanzeige!
Der dem Album seinen Namen gebende Titel "Sturm und Stille" stellt für mich dann auch einen Grenzpunkt dar. Und zwar den Grenzpunkt des Erträglichen. Ich finde gar keine passenden Worte dafür, was sich der Frontmann da gesangstechnisch aus dem Klangkörper zerrt. Über den Inhalt bzw. dessen Anspruch hüllen wir auch mal schnell den Mantel des Schweigens. Die Sportfreunde zeigen sich einmal mehr als Großhändler für textliches Leergut. Und nicht nur bei der Nummer hier.
An dieser Stelle des Albums begann ich etwas, was ich sonst nicht mache. Eigentlich halte ich tapfer durch und höre alles bis zum Schluss. Selbst wenn etwas schlecht ist, entwickelt man zumindest sowas wie eine Art Konträrfaszination. Aber wenn Lieder wie "Zwischen den Welten", "Das Geschenk" oder "Keith & Lemmy" einfach so an einem vorbei rauschen, dabei aber doch mit einem kollidieren und blaue Flecken hinterlassen, dann entwickelt der Finger auf der Skip-Taste ganz von selbst einen pawlowschen Reflex. Spätestens aber beim stadiontauglichen "Hey Hey Hey"-Chorus. Ein weiteres bemerkenswertes Highlight steckt übrigens im eben erwähnten "Keith & Lemmy", in dem Brugger darüber ... ähm ... singt? Ne ... was auch immer ... dass "wir alle wie Keith Richards ausseh'n - irgendwann". Da mag er ja recht haben, aber dessen Musikalität, Kultstatus und auch Gesangstalent wird zumindest er nicht erreichen. So alt kann er gar nicht werden.
Das Programm endgültig verlassen habe ich beim Titel "Rotweinflaschengrün", bei dem mir der Singsang endgültig auf den Sack ging. Immerhin habe ich tapfer neun Lieder und damit dieses spurlose Fehlen von Talent bei Peter Brugger in Sachen Gesang ertragen. Dann war Feierabend. Ich konnte nicht mehr. Sorry!

Der gute Rat meines ehemaligen Freundes, mich nochmals mit den Sportfreunden Stiller zu beschäftigen, kann ich inzwischen nur als gemeinen Streich werten. Aber trotzdem bedanke ich mich herzlich für den Tipp und die Gelegenheit "Sturm & Stille" gehört zu haben. So konnte ich einerseits feststellen, dass die Sportfreunde Stiller keinesfalls in die Rubrik "Indie-Rock" gehören. Nur weil etwas kacke klingt, ist es noch lange kein "Indie-Rock". Und Rock schon mal gar nicht! Zum anderen habe ich mit diesen Zeilen nun Gelegenheit, unsere Leser ein klein wenig davor zu warnen, was für schlimme Sachen man sich bewusst oder unbewusst im Plattenladen einfangen kann, wenn man nicht aufpasst. Von den Texten her sind die Sportfreunde auf Kreisklassen-Niveau. Daran würde sich sicher auch so manch ein Ballermann-Star nicht herantrauen und die sind wahrlich nicht wählerisch. Musikalisch klingt das alles gleichförmig, einfallslos und platt. Unteres Mittelfeld, dritte Liga. Von den wegen des Titels vermuteten Gegensätzen findet man hier keine Spur. Ich hatte mich mit meinen Vorurteilen diese Band betreffend nicht geirrt. Dieses eben beschriebene Gesamtpaket "Sturm & Stille" würde man in der Medizin wohl als multiples Organversagen bezeichnen. Ist der Patient deshalb tot? Nein, leider nicht. Es ist zu befürchten, dass man sich wieder aufrappeln und bei Gelegenheit einen Nachfolger zu "Sturm & Stille" gebären wird. Hoffentlich tut's dabei dann schön weh!
(Christian Reder)




   
   
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