muellerichbindie 20161120 1769393391 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Inhalt:
"Ich bin die"
Ina Müller
Columbia/SONY
28. Oktober 2016

1. Ich bin die
2. Das war's
3. Tag eins nach Tag aus
4. Immer eine mehr wie Du
5. Klammerblues
6. Wenn Du jetzt aufstehst
7. Wie Du wohl wärst
8. Zahlen, bitte
9. Bei jeder Liebe
10. Zimmer 410
11. Kommando Heulen
12. Dorf bleibt Dorf
13. Sowas wie Glück


Anmerkung: Auch auf Schallplatte und als limitierte Sonder-
auflage mit Bonus CD und 10 weiteren Songs anderer Künstler, die
in Inas Late-Night-Show "Inas Nacht" aufgetreten sind, erhältlich.





Seit fast 10 Jahren moderiert Ina Müller sehr erfolgreich eine TV-Sendung, die in jeder Hinsicht einzigartig ist. Natürlich laden auch andere Leute zu Gesprächsrunden ins Fernsehen ein, aber niemand tut dies in eine (wirklich) kleine Kneipe, vor der er aus Gründen des limitierten Platzangebots einen kompletten Shantychor geparkt hat, der bei Bedarf quasi als "Tusch" durch das geöffnete Fenster einen raushaut. Davor muss der Männerchor auch stehen, denn drinnen im "Schellfischposten" haben nur knapp 16 Gäste an zwei Tischen Platz. Ansonsten gibt es noch eine Bar und einen weiteren (Steh-)Tisch mit Bank, an dem sie ihre Gäste befragt. Über 100 Sendungen hat sie schon gemacht, hat bei ihren musikalischen Gästen immer auch selbst zum Mikro gegriffen, um leidenschaftlich mitzusingen und damit den Sprung vom dritten ins erste Programm geschafft. Diese Sendung ist sicher ein Grund dafür, dass man sie auch über Deutschlands Norden hinaus als Sängerin wahrnimmt und ihre Platten kauft. Speziell damit fiel sie immer wieder positiv auf, wenn sie mit spitzer und lockerer Zunge über Kleinigkeiten des Lebens - fast ausschließlich Damen ihres Alters betreffend - sang und diese pointiert und lustig in Worte kleidete. Auch damit hat sie stets was Einzigartiges abgeliefert, denn so kann das keine zweite Frau in diesem Land wie sie. So sang sie uns unter anderem darüber, dass sie "immer noch in Mark" umrechne, auch wenn sie und dieser Mark sich schon längst getrennt hätten. Oder sie präsentierte ein Lied, das "seins" hätte sein können, bei dessen gescheiterten Entstehung sie zwar motiviert, aber doch so schrecklich uninspiriert gewesen ist. Es sind diese teils wunderbaren Wortspielereien, die ihre Lieder ausmachen und die das Publikum an ihr auch so liebt. Nun steht mit "Ich bin die" das achte Album der inzwischen 51-jährigen Sängerin und Moderatorin am Start, von dem sich der Fan natürlich erhofft, dass er darauf all das eben Beschriebene auch wiederfinden kann.

Ganze drei Jahre liegen zwischen diesem neuen Album und dem Vorgänger "48", mit dem sie die fünfte Lebensdekade ausläutete. Im Herbst 2016 analysiert sie sich wieder einmal selbst, dieses Mal als sich plötzlich und unerwartet in den 50ern - also altersmäßig - wiederfindend. So denkt sie u.a. in dem Titel "Wie Du wohl wärst" darüber nach, wie es wohl wäre, wenn sie doch ein Kind bekommen hätte. Die Musik von ihrem Lebensgefährten Johannes Oerding geschrieben, wurde zum Glück nicht mit einem wehmütigen Text versehen. Hier wird lediglich der Phantasie freien Lauf gelassen und sich Fragen stellend überlegt, ob es wohl ein Sohn oder eine Tochter geworden und wie das Leben mit Kind wohl so verlaufen wäre. In "Dorf bleibt Dorf" wird ein Blick auf das Landleben geworfen. Wer könnte das besser als sie, die in Köhlen, Landkreis Cuxhaven, geboren wurde und als vierte von fünf Töchtern einer Bauernfamilie aufwuchs ("So bin ich aufgewachsen, drei Hektar Niedersachsen"). Darin erfahren wir, dass man das Dorf aus dem Mädchen, das früher mit acht Leuten im Golf zur Disko gefahren ist und Straßenlaternen mit den Füßen ausgelöscht hat, auch nach jahrelangem Leben in der Großstadt nicht heraus bekommt. Auch in "Kommando heulen" wirft man einen sehnsuchtsvollen Blick zurück in die früheren Jahre, als man noch "beißen, kratzen, heulen" konnte, statt zu argumentieren, verbunden mit dem Wunsch, doch zu dieser den Emotionen freien Lauf lassenden Grundeinstellung zum Lebens zurückkehren zu können. Die Feststellung, dass man beim Treffen mit gleichaltrigen Freunden heute eher über die eigenen durch das Alter aufkommenden Wehwehchen jammert, statt wie früher über den Beziehungsstatus und One-Night-Stands anderer Leute zu quatschen, wird in "Immer eine mehr wie Du" gemacht. Textlich verpackt in eine Art Leistungsschau nach dem Motto, "Ich hab das körperliche Gebrechen, und ich habe das wesentlich schlimmer als Du". In anderen Songs geht es um Selbstzweifel, ausgelöst durch das Älterwerden ("Wenn Du jetzt aufstehst"), und um das Vorstellen der eigenen Person mit allen Auffälligkeiten ("Ich bin die"). Aber alles in allem suhlt man sich in der eigenen Midlife-Crisis. Zwar werden die Themen immer noch in reichlich Ironie verpackt, aber längst nicht mehr so selbstbewusst und bissig wie auf den vorher veröffentlichten Alben. So muss man dann auch aufpassen, dass die Textzeile, "Ich bin die, die schnell mal auf die Nerven geht" im Titelsong nicht irgendwann zum Programm wird.

Musikalisch hangelt man sich auf dem Album zwischen Charts-freundlichen Pop-Nümmerchen und 08/15-Balladen hin und her, in die sich mal eine E-Gitarre, mal eine Prise Folk oder Country, aber auf jeden Fall immer auch eine gehörige Portion Radiotauglichkeit mischen. Innovativ ist anders und überraschend auch. Fast schon hypnotisierend (oder wie nennt man das, wenn man beim Hören eines Liedes fast einschläft) plätschert der Opener des Albums "Ich bin die" dahin. Sacht gezupfte Gitarre, dezent angeschlagenes Klavier, ein Frauenchor und oben drauf Frau Müller mit leicht angekratzter Stimme. Bei der nächsten Nummer lässt dann Truck Stop grüßen und Ulli der Lasterfahrer freut sich über eine neue Country-Nummer für seine langen Fahrten vom Norden in den Süden. Dann wird mit "Tag eins nach Tag aus" wieder mächtig entschleunigt. "Immer eine mehr wie Du" ist dann wieder flotter arrangiert ... und so geht das auch weiter mit dem Aufscheuchen und Einschläfern. Von der handwerklichen Qualität ist der Musik überhaupt kein Vorwurf zu machen. Das ist exzellent arrangiert und produziert, nur hat das Album leider keinen einzigen dieser besonderen Momente, wo man zungeschnalzend vor der Anlage sitzt und sich über den überraschenden Moment und eine innovative Idee freut. Vieles klingt, wie woanders schon einmal gehört und eben die vorhin schon angesprochene Bissigkeit in den Texten fehlt. Dabei muss man mit 51 Jahren doch noch längst nicht zahnlos sein ... Hier schimmert jedoch viel zu viel Selbstmitleid durch, das der Frau Müller so gar nicht gut stehen will. Kennt man sie doch als die kühle Blonde aus dem Norden, die mal mit rauchiger mal mit zerbrechlich wirkender Stimme einen gekonnten Treffer nach dem anderen erzielt, fühlt man sich beim Hören von "Ich bin die" eher in eine Selbsthilfegruppe mit seltsam anmutender und so überhaupt nicht erwünschter Offenheit versetzt. So schlimm kann das Leben einer Frau mit 50 doch wirklich nicht sein.

Jedem Künstler soll verziehen sein, wenn er mal ein schwaches Album abliefert. So ändert auch "Ich bin die" nichts an meiner Bewunderung für Ina Müller, die ja immerhin noch in ihrer Late-Night-Show wieder Boden gutmachen und mit dem nächsten Album wieder zu alter Stärke zurückfinden kann. Wird schon werden ... auch das mit dem Alter!
(Christian Reder)




   
   
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