keimzeitesel 20150228 1006481759 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Auf einem Esel ins All"
Keimzeit
Comic Helden
6. März 2014

1. Auf einem Esel ins All
2. Bekloppt
3. Zoten
4. Junges Blut
5. Warum nicht
6. Staub
7. Rohfassung
8. Guten Morgen Deutschland
9. Mutter zahlt
10. Mehr als nur der Regen
11. Das Krokodil
12. Ins Land

Anmerkung: Auch als Vinyl-Ausgabe erhältlich





Es passiert hin und wieder mal, dass eine Band Veränderungen durchmachen muss. Was gestern noch gut funktionierte, passt von heute auf morgen nicht mehr. Manchmal ist ein Musiker auch müde und es fehlt ihm an Antrieb, nach vielen Jahren weiter in ein und derselben Band zu spielen. Manche Kapelle und ihre Musik bzw. ihr Sound leidet erheblich unter dem Verlust eines Mitglieds, denn ein Stück geht verloren, das ein wichtiger Teil des Ganzen war. Die Gruppe KEIMZEIT hat zuletzt gleich zwei wichtige Teile verloren, denn mit Gründungsmitglied Roland ging vor etwas über einem Jahr ein weiterer Leisegang von Bord. Mehr noch. Der Taktgeber von KEIMZEIT und Partner von Hartmut Leisegang (Bass) in der Rhythmus-Fraktion verließ die Band nach über 33 Jahren. Einer, der der Gruppe und ihrer Musik eine deutlich erkennbare Handschrift verlieh. Zwei Jahre zuvor stieg auch schon Gitarrist Rudi Feuerbach aus, der der Band immerhin fast acht Jahre seine Künste an den sechs Saiten zur Verfügung stellte und großen Anteil am besonderen Klang der letzten Jahre bei KEIMZEIT hatte. Seit dem letzten Studioalbum "Kolumbus" hat sich also was getan bei KEIMZEIT. Die verbliebenen Musiker um Norbert Leisegang mussten sich also neu aufstellen und die neuen Kollegen mit dem KEIMZEIT-Geist beseelen - sie auf die besondere Musik und das Anliegen einstimmen und einarbeiten. Ein gewisses Maß an Gefühl für die Musik mussten sie aber schon von vornherein mitbringen, denn KEIMZEIT ist etwas Besonderes. Am Schlagzeug sitzt seit kurzer Zeit Lin Dittmann, der in große Fußspuren tritt. Als Nachfolger von Feuerbach hat sich KEIMZEIT mit Martin Weigel verstärkt. Seit 2009 hatte die Band auch keinen Bläser mehr. Das hat sich auch geändert, denn mit Sebastian Piskorz, der u.a. Trompete und Flügelhorn spielt, bläst nun auch wieder jemand ins Blech und lässt die Band zu einem Sextett anwachsen. In dieser neuen Besetzung ist das Album "Auf einem Esel ins All" entstanden, das Anfang März in den Handel kommen wird.

"Auf einem Esel ins All" ist das erste KEIMZEIT-Album, das komplett in Eigenregie entstanden ist. Die Kompositionen und Texte stammen fast ausschließlich von Norbert Leisegang. Bei "Ins Land" hinterlässt aber auch der neue Kollege Sebastian Piskorz als Komponist und Texter erste kreative Spuren bei KEIMZEIT. Als Produzent hinter den Reglern saß dieses Mal keine externe Lösung, sondern man vertraute einem Kollegen aus den eigenen Reihen. Die Verantwortung lag auf den Schultern von Andreas "Spatz" Sperling, der die Band ins eigene "Scheunenstudio Wiesenhagen" holte und die Aufnahmen in die richtigen Bahnen lenkte. Dort, in seinem Studio, entstand das neue Album mit zwölf Liedern. Es startet mit dem Song, der dem Album seinen "auffälligen" Namen gibt, "Auf einem Esel ins All". Schon dieser Titel lässt erahnen, wieviel Fantasie hier wieder eingesetzt wurde, um neue Lieder und Geschichten zu erschaffen. Und schon beim ersten Song erkennt man auch ganz deutlich KEIMZEIT. Norbert Leisegang lebt sämtliche Freiheiten als Texter aus und hat dabei eine ganz eigene, feine Wiedererkennbarkeit entwickelt. Kleine Dinge und Nebensächlichkeiten beschreibt er wie große Ereignisse und fügt sie ins Ganze ein, das am Ende ein Bild ergibt. Dazwischen immer wieder Peter Pan-artige Momente ("Halt Dich fest | wir reiten auf einem Esel ins All | Auf einem Rappen aus Holz | Auf dem Rücken von einem Wal") und abstrakt gezeichnete Bilder ("Mit einem Kaktus in den Händen | Springt die Welt mir ins Gesicht"). Poesie und mit Händen fast greifbare Beschreibungen verbaut er spielend leicht und verwebt sie zu einer Botschaft, die sich einem manchmal nicht gleich erschließt und erst erkundet werden will. Lieder wie "Junges Blut" oder "Guten Morgen Deutschland" sind dafür ebenso gemacht, wie "Das Krokodil" oder "Zoten". Ganz wunderbar beschrieben ist z.B. das Erwachsenwerden bzw. die ungewollte Abnabelung vom Elternhaus ("Mutter zahlt"). Mutter zahlt plötzlich die Rechnungen nicht mehr, der Spross muss sein Leben in Zukunft selbst finanzieren. War man gestern noch im sorgenfreien "Paradies", wo man mit Freunden "abhängen" und aus dem Kühlschrank, der immer gut gefüllt war, leben konnte, trägt man plötzlich eine eigene Verantwortung und muss sehen, wie man für sich selbst sorgt. Das sind zeitlose Geschichten, wie sie in jeder Generation zu beobachten sind. Ebenso wie in der Liebe, die natürlich auch ein Thema ist. Diese Stilistik beim Texten birgt - wie auf jedem anderen KEIMZEIT-Album auch - eine große Überraschung und Herausforderung für den Hörer, wenn er sich beim Hören selbst auf die Suche begibt und seine Antworten in Norbert Leisegangs Texten finden will.

Musikalisch überrascht die Band durch Abwechslungsreichtum. Eingangs erwähnte Probleme beim Verlust wichtiger Musiker scheint die Kapelle aus Brandenburg überhaupt nicht zu haben. Die taktgebende Abteilung aus Schlagwerk und Bass klingt so vertraut, als würde sie schon ewig so zusammen arbeiten. Der neue Drummer verleiht den neuen KEIMZEIT-Songs einen speziellen Beat, der manchmal sogar den Wunsch erweckt, danach zu tanzen. Dabei ist KEIMZEIT nun alles andere als eine Band, die Tanzmusik macht. Die Musik ist insgesamt sehr kraftvoll, teils erdig, teils sanft, aber doch so typisch KEIMZEIT. Etwas lauter als sonst, möchte man meinen, denn man traut sich auch zu rotzigen Gitarren-Soli und deftigeren Beats, als man es von anderen Platten der Band in Erinnerung zu haben scheint. Der erste Song "Auf einem Esel ins All" klingt dann auch ein bisschen nach Tom Petty, nach klassischem Rock mit Folk-Anleihen, aber mit eben schon erwähntem, ganz typischen KEIMZEIT-Anstrich. "Bekloppt" könnte aus der Feder von Günther Fischer stammen und für Manfred Krug geschrieben worden sein. Ein bisschen jazzig angehaucht, ein bisschen 60er-Jahre Soul und mit eingebauter Gute Laune-Garantie versehen. "Zoten" ist musikalisch purer Easy Listening mit Jazz-Elementen, in der sich Bläser ebenso wiederfinden wie eine trotzige Gitarre. Fast schon ein Chanson, der einem angenehm um die Ohren weht. "Junges Blut" ist dagegen eine Ballade mit Gitarrenbegleitung. Unaufgeregt und nüchtern arrangiert bildet es eine ruhige Insel auf dieser Platte. "Warum nicht" ist das komplette Gegenteil. Ein waschechter Deutschrocker mit flottem Beat und klassischen Elementen. Tiefe Piano Töne und eine 60ies-Gitarre mit progressivem Einschlag prägen das Lied "Staub", das ebenfalls mit Bläser-Sequenzen angereichert und wunderbar balladesk für den Hörer angerichtet wurde. Ebenfalls in ruhigem Fahrwasser gleitet "Rohfassung" daher. Eine Blues-Gitarre prägt das Lied. Lars Kutschke wurde dafür als Gastmusiker ins Studio geholt, und dieser verleiht dem Stück mit seinem Spiel eine ganz besondere Note. Die Schlagzahl erhört die Kapelle dann wieder beim Song "Guten Morgen Deutschland". Wieder zeigt die Gruppe KEIMZEIT, dass sie mit ihrer Musik im Genre Deutschrock zurecht einsortiert werden darf. Wieder dominieren die Gitarren, und eine davon haut uns dann zum Ende hin auch noch ein leckeres Solo um die Ohren. Rotzig, trotzig, geil! Bei "Mutter zahlt" erleben wir ein Revival der Funk-Musik und lassen den Lautstärkeregler mal gepflegt nach oben gleiten. Der Funk lebt hier über die Gitarre wieder auf, die das besondere Merkmal dieses Stücks ist. Die treibende Nummer mit Britpop-Anleihen macht eine Menge Spaß und ist ein geeigneter Anwärter für eine Single-Auskopplung. Tiefere und schwerere Töne erwartet einen bei "Mehr als nur der Regen". Fast schon psychodelisch arrangiert, zeigt die Band eine weitere Facette ihres Könnens und erinnert damit an die große Zeit des Experimentierens in den 70ern. Country und Folk-Rock erwartet den Hörer im Stück "Das Krokodil" und mit einer weiteren und letzten ruhigen Nummer ("Ins Land") endet das neue Programm der Gruppe KEIMZEIT. Ein Programm, das nicht nur einen Musikgeschmack bedient, sondern Hörer verschiedener Stile anspricht.

Die Stärken, die KEIMZEIT schon immer in sich trug, sind geblieben. So ist Norbert Leisegang eher ein klassischer deutscher Dichter als ein "normaler" Songtexter, was ihn auch deutlich von anderen Kollegen seiner Zunft heraushebt. Manchmal ist er dabei weniger der Geschichtenerzähler sondern eher jemand, der einen Zustand beschreibt. Die Einheit, die seine Texte und die Musik am Ende bilden, ist hierzulande ebenfalls einzigartig. Das lässt sich nicht nur vom typischen Musikstil der Gruppe ablesen, zumal die Band gerade auf dieser CD eine große Wandelbarkeit zeigt. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie Leisegang erzählt und seine Ideen in Worte kleidet. Für mich persönlich ist "Auf einem Esel ins All" eines der stärksten Alben der Formation geworden, und das betrifft sowohl die eben beschriebenen Texte als auch die Musik. Ich wünsche der Band mit ihrem neusten Werk maximale Erfolge - auch in den Medien. Mögen sich die Lieder weit verbreiten, denn davon sollten viele Menschen erfahren und sich an ihrer Schönheit erfreuen!
(Christian Reder)




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