camouflagegrey 20150118 2093780441 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Greyscale"
Camouflage
Bureau B
6. März 2014

1. Shine
2. Laughing
3. In The Cloud
4. Count On Me (mit Peter Heppner)
5. Greyscale
6. Still
7. Misery
8. Leave Your Room Behind
9. Light Grey
10. End Of Works
11. Dark Grey
12. I'll Find





Alles was Ende der 80er auch nur im Entferntesten nach Depeche Mode klang, wurde von Kritikern und Medien pauschal als "Look-alike" bzw. "Sounds-alike" der Britischen Synthie-Kapelle in ein und dieselbe Schublade verfrachtet. So ist der Deutsche nun einmal: er hat halt gern alles schön ordentlich sortiert und abgeheftet. Nun kann man eine Verwandtschaft zu Depeche Mode bei der Musik von CAMOUFLAGE nicht unbedingt überhören, aber das bleibt auch gar nicht aus. So ist das eben, wenn zwei Bands in einem Genre unterwegs sind. Camouflage aus Bietigheim-Bissingen haben aber schon immer ihren eigenen Stiefel durchgezogen. Wie die Herren Gahan & Co von der Insel, sorgten Heiko Maile, Marcus Meyn und Oliver Kreyssig aus Baden-Württemberg ab 1987 für frische Töne aus der Elektroabteilung. "The Great Commandment" hieß ihre erste Single in diesem Jahr, und der innovative und magische Sound aus dem Schwabenländle schaffte sogar den Sprung in die USA, wo die Nummer ebenfalls sehr erfolgreich lief. Schon damals hatte die Band ein eigenes Profil und einen eigenen Sound, der sich deutlich von anderen Synthie-Pop-Kapellen unseres Landes abhob. Heute - ganze 28 Jahre später - sind die "Elektromonteure" Maile, Meyn und Kreyssig noch immer da und machen Musik. Andere Gruppen sind längst Geschichte, weil ihnen selten mehr als nur drei oder vier gute Nummern eingefallen sind. Da waren die drei Jungs von CAMOUFLAGE schon immer anders unterwegs, was auch die Entwicklung der einzelnen Musiker abseits der Bandarbeit deutlich macht. Knapp neun Jahre nach dem letzten Studioalbum "Relocated" erscheint in diesem Frühjahr mit "Greyscale" das insgesamt siebte Album der Band.

"Shine" heißt die erste Nummer, die das Album eröffnet. Der eingefleischte Fan kennt den Song natürlich schon etwas länger, denn CAMOUFLAGE haben ihn schon einige Zeit in ihrem Live-Programm. Schon nach wenigen Tönen ist man wieder drin, in der CAMOUFLAGE-Musikwelt. Die markante Stimme von Marcus Meyn singt die ersten Textzeilen, und es klingt vertraut, bekannt und doch so neu. Das Lied hat Hit-Charakter, setzt sich im Ohr fest und wird da auch für längere Zeit nicht wieder raus kommen. Es macht Spaß diesem Lied vom leisen Anfang bis zum fast bombastisch anmutenden Ende zu lauschen und die Mischung aus Retro-Sounds und zeitgemäßen Klängen in sich aufzusaugen. Der Song klingt frisch und auf der Höhe der Zeit - vielleicht sogar noch ein Stück weiter. "Shine" reiht sich ein in die Riege der großen Hits dieser Band, und ein dickeres Ausrufezeichen hinter den Satz, "Wir sind wieder da", hätten die drei Schwaben gar nicht setzen können. Dieser absolut positive Eindruck wird durch das zweite Stück "Laughing" bestätigt. Etwas über sechs Minuten wabert hier ein Synthie-Sound vom Feinsten aus der heimischen Stereo-Anlage. Er kriecht tief unter die Haut, nimmt einen gefangen und macht fast süchtig. Die Gitarren von Volker Hinkel und die düsteren Synthie-Töne liefern eine ganz besondere Stimmung, auf die Meyn mit seinem Gesang das i-Tüpfelchen setzt. Diese Nummer sendet eine unbeschreibliche Aura aus und gehört eindeutig zu den stärksten Songs auf diesem Album. Für das Stück "Count On Me" haben sich die drei CAMOUFLAGE-Musiker gesangliche Verstärkung ins Studio geholt. Peter Heppner und Marcus Meyn liefern hier ein Duett ab, das so richtig Laune macht! "Count On Me" ist eine wahre Hymne aus dem Elektronik-Bereich mit einer gehörigen Portion Hoffnung im Inhalt. Trotz des doch eher melancholischen Untertons ist eine positive Stimmung in der Musik herauszuhören. Beide Stimmen fließen ineinander und erschließen beim Hörer eine große Aufmerksamkeit. Dieses dynamische Ganze aus zwei so unterschiedlichen Stimmfarben trägt den Song und macht ihn nicht nur spannend, sondern weckt die Lust auf mehrmaliges Hören. Wenn man nicht aufpasst, könnte die Skip-Back-Taste am CD-Player hier schnell verschleißen ... Mit dem instrumentalen "Greyscale" verschafft uns die Band erstmal eine Verschnaufpause. Nach so vielen tollen Momenten in den bisher nur vier gehörten Songs des Albums bildet dieses Instrumental eine Art Puffer. Sehr düster und kühl stellt es einen Übergang zum nicht weniger finster arrangierten "Still" her. Dieses Stück zeigt ganz wunderbar die Wandelbarkeit der CAMOUFLAGE-Musik, die sich noch nie auf ein und derselben Ebene abgespielt hat. Die Band erzeugt mit ihrer Musik Stimmungen und regt nicht selten auch die Phantasie der Hörer an, sich ein eigenes Bild im Kopf zu zeichnen. Dies gelingt bei "Still" besonders gut, wenn man sich ausschließlich auf das Lied konzentriert und alle Einflüsse von Außen um sich herum abschaltet. Wesentlich flotter geht es mit der tanzbaren Nummer "Misery" weiter. Der Beat reißt einen mit, die Synthie-Figuren lassen einen gedanklich in andere, höhere Dimensionen abdriften. Es ist nicht nur ein Musikstück zum Tanzen, sondern ein Moment des Abhebens und des Fallenlassens gleichzeitig. High werden ohne stimulierende Substanzen - hier kann dies durchaus gelingen! Das passt zum Inhalt, denn "Misery" hat die reinigende Wirkung des Elends ("Misery") und die Schmerzen, die einem die Liebe zufügen kann, zum Thema. Sehr intensiv, sehr tief gehend, sehr geil! Bei "Leave Your Room Behind" meint man für einen Augenblick, die Gruppe OMD zu hören. Erst Marcus Meyn holt einen zurück und man merkt, dass man weiterhin CAMOUFLAGE hört. CAMOUFLAGE nehmen uns mit auf eine weitere Reise zurück in die 80er. "Leave Your Room Behind" könnte ohne weiteres aus dieser Dekade stammen. Es verbindet die 80er Jahre mit der Neuzeit, und wenn man von einem typischen CAMOUFLAGE-Song spricht, könnte man dieses Lied sehr gut als Beispiel anführen. Diesem Lied zu Lauschen ist wie eine Rückkehr in alte Zeiten. In eine Dekade, in der solche Songs Hits wurden und man in der Disko dazu getanzt hat. Zum Sackenlassen hat uns die Band das folgende, nur 1:15 Minuten lange "Light Grey" angehängt. Gleichzeitig bildet es auch wieder ein Brücke zum nächsten Song, "End Of Words", der wieder komplett anders als alle anderen bisher gehörten Stücke dieses Albums ist. Ein melancholischer und dichter Synthie-Teppich breitet sich aus. Wieder arbeitet die Band mit einer Steigerung innerhalb des Songs, die in einem großen Finale mit Kinderchor und einer beeindruckend kraftvollen Gesangsweise Meyns mündet. Das ist echt große Kunst, und es ist kein Wunder, dass sich beim "Verzehr" dieser Nummer das ein oder andere Härchen aufstellt ... Nach einem weiteren Intermezzo in Form eines Instrumentals ("Dark Grey") verabschiedet sich die Band mit dem Song "I'll Find" von seinen Hörern. Ein weiteres, in tief-dunkle Farben getränktes Lied voller Melancholie, das in schwarz-weiß ablaufende Sequenzen im Kopf erzeugt, ist den drei Herren da gelungen. Wenn der letzte Ton verklungen ist, lässt uns CAMOUFLAGE beeindruckt und auch überrascht zurück.

Wieder mal überrascht muss man sagen, denn CAMOUFLAGE haben es nicht verlernt, ihre Fans und Hörer mit unerwarteten Sounds und neuen Ideen wirklich zu überraschen. Das ist ihnen in der Vergangenheit auch schon passiert, aber diese Lieder auf diesem Album stellen eine neue Dimension dar. Beeindruckt ist man deshalb, weil man in Hinblick auf die eingangs schon erwähnte Tatsache, dass alle drei Musiker inzwischen anderen Hauptberufen nachgehen, eigentlich nicht mit so einem Album rechnen konnte. Auch die immer noch so deutlich spürbare Energie, die in dieser Kapelle steckt, ist sehr angenehm und lässt das Fanherz höher schlagen. Da stellt sich einem unweigerlich die Frage, warum sich CAMOUFLAGE zum Freilassen dieser Energie und dieser tollen Songideen ganze neun Jahre Zeit gelassen haben. Es gibt immer noch Zeitgenossen da draußen, die glauben, dass elektronische Musik nichts wert ist, weil sie angeblich nicht "echt" ist. CAMOUFLAGE treten seit Jahren - und mit diesem Album ganz besonders - den Beweis an, dass sich diese Leute irren. "Greyscale" beinhaltet Musik zum Zuhören gleichermaßen wie zum Tanzen. Es bietet Platz zum Träumen und ebenso viel Platz zum aus sich herausgehen, sich treiben lassen. Die Band lebt musikalisch im Heute und kann sich deshalb auch erlauben, 80er Retro-Sounds in ihre neuen Lieder zu verbauen. Das Produzenten-Team, bestehend aus Heiko Maile, Jochen Schmalbach und Volker Hinkel, verbinden die traditionellen Elemente der Synthie-Musik mit denen der Neuzeit. Dabei entstanden sind zeitlose Songs wie "Shine" und "Misery", die auf für die Band teils ungewohnte Töne ("I'll Find", "Still") treffen. Diese Mischung macht "Greyscale" zu einem besonderen und abwechslungsreichen Album, das seine Faszination ganz sicher nicht nach ein paar Mal hören verlieren wird. Ganz im Gegenteil!
(Christian Reder)




Beitrag kommentieren: Dieses Album oder die Rezension kommentieren? Das kannst Du HIER





   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2019)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen