minstrel2014 20150109 1851808028 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Travelling Violin"
Minstrel
Iltis
Dezember 2014

1. Straight Between the Ears
2. Cross Exceeded
3. Impact to the Back of the Head
4. Black Funnel
5. Wonders of Creation
6. The Talismann / I Door at the Beach
7. Horrible Pumkin-Head-Lantern
8. Forbidden Fountain
9. Hungry Yellow Slit Eye
10. Guardian of Light
11. Dark Masquerade
12. Awaken in the Moonlit Night
13. Dancing Creeper in the Sky / Return Journey
14. Travelling Violin





Sie sind selten geworden, die Konzeptalben aus dem Bereich Rock. Zumindest nimmt man neuere Produktionen nur noch selten wahr. Entweder weil sie von Musikern/Bands gemacht werden, mit deren Namen man nichts anfangen kann, oder weil man nicht gründlich genug nach ihnen sucht. Sie sind in Nieschen gedrängt worden, die für das öffentlichen Interesse schwer zu finden und deshalb oft verborgen bleiben. Die Zeiten, in denen sich Bands wie Genesis, Pink Floyd oder The Who in ein Studio zurückzogen und mit allerlei Instrumentarium (gespielt von echten Menschen) große Werke einspielten, sind vorbei. Von dieser romantischen Vorstellung dieser Studio- und Produktionsarbeit darf man sich im Zeitalter des Computer nämlich verabschieden. Ebenso von der Tatsache, dass Budgets für gute und breit streuende Werbung nur noch für die Musik vorhanden ist, die sich dann auch wie geschnitten Brot verkaufen lässt. Keine Experimente mehr! So sieht die Lage für Künstler heute aus. Vorbei die Zeiten, wo man für aufwändige Produktionen von den Labeln vorab die Unkosten erstattet bekam. Unterm Strich bleibt zu verzeichnen, dass so großartige Werke wie z.B. "Freak Out!" von THE MOTHERS OF INVENTION (übrigens das erste Konzeptalbum überhaupt), "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" von den BEATLES oder gar "Tommy" von THE WHO, heute kaum bis gar nicht mehr das Licht der Welt erblicken. Man erreicht mit diesen Alben lediglich noch einen kleinen Kreis von Musikfreunden - so wird in den Chefetagen gedacht. Der größere Teil der "Kunden" ist auf austauschbare Wegwerfware umerzogen worden. Man lädt MP3 runter, hört Musik nur nebenbei und nicht bewusst und wirft die Datei nach übermäßigem "Verzehr" in den digitalen Mülleimer. Andere wiederum stehen Woche für Woche vor den Bühnen irgendwelcher Coverbands und halten das für große Kunst. Wer nimmt sich heute schon noch die Zeit, sich über eine Stunde konzentriert auf ein Musikwerk zu einzulassen? Wer geht denn heute noch auf die Suche und wirft einen Blick über den Tellerrand hinaus? Auch etwas, was im Laufe der Jahre verloren gegangen ist, weil alles nur noch schnell, schnell und nebenbei konsumiert wird. Darum sind die McCharts auch nur noch als Fastfood-Speisekarte der Musikindustrie zu sehen. Trotzdem gibt es Musiker auf der großen weiten Welt, die sich an die künstlich herbeigeführten Hörgewohnheiten des Mainstream nicht orientieren, sondern ihrem Verständnis von Kunst Luft verschaffen und sie in ihre Form der Musik kanalisieren. Einer dieser Musiker ist André Freudenberger, studierter Musiker, Komponist, Arrangeur und Mitglied der Deutschen Staatsoper Berlin. Ein "echter" Musiker, dessen Verständnis für Musik viel weiter geht, als bei den Pseudo-Musikern mit "DJ" als Vornamen oder denen, die uns davon singen, mit wie wenig Luftsauerstoff man durch den dunklen Teil des Tages kommen kann.

"Travelling Violin" heißt das neue Album, das unter dem Projektnamen MINSTREL bereits im Dezember erscheinen ist, und das er quasi in einer "One Man Show" allein geschrieben, eingespielt, produziert und veröffentlicht hat. Es ist ein rockmusikalisches Konzeptalbum geworden, allerdings erschließt es sich erstmal nur literarisch bewanderten Geistern, welches Konzept denn hier zu Musik geworden ist. Der CD liegt keinerlei erklärendes Booklet bei, so dass das Ratespiel, was uns der Künstler hier sagen will, munter losgehen kann. Freudenberger schickt hier offenbar eine Geige auf Reisen. Aber darum allein geht es nicht! Es geht hier um die Fantasiewelt des Stephen King. Sämtliche Titel sind Textzeilen aus dem Epos "Der dunkle Turm" des US-amerikanischen Schriftstellers. Bei der Vorlage handelt es sich um eine achtbändige, düstere Fantasy-Saga, die King selbst als sein wichtigstes Werk bezeichnet, und die für André Freudenberger als Grundlage und/oder Inspirationsquelle diente, um erstmals in ein neues musikalisches Genre einzutauchen. Weg von der reinen Elektronik und hin zum Rock. Und der darf ob der Vorlage dann auch etwas düster werden. Das ist mutig und erfordert neben einer ganzen Menge Fantasie ebenso auch vieler guter Ideen. Was Freudenberger aber bei den Aufnahmen nicht hatte, waren - wie eingangs schon erwähnt - Studiomusiker. Wie soll so ein Album klingen, bei dem der Künstler alles komplett selbst gemacht hat? Kann es den qualitativen Ansprüchen, die solche Werke in dem Genre haben, gerecht werden?

"Traveling Violin" ist ein Album mit 14 Instrumentalstücken, bei dem der Hörer in Sachen Aufmerksamkeit und Vorstellungsvermögen gefordert wird. Die CD kann man nicht nebenbei hören oder sich parallel dazu noch mit etwas anderem beschäftigen. Die Lieder fordern die volle Aufmerksamkeit. Die "Reise der Violine" startet mit dem Stück "Straight Between The Ears". Ein Flugzeug ist zu hören, das über uns hinweg fliegt. Alsdann setzt die Violine ein und singt uns eine fast schon traurige Melodie. Diese wird von einem Keyboard aufgenommen und weiter gespielt, bis dann mittels Percussion und Synthie-Teppich die erste Steigerung und Wandlung in diesem Song eingeleitet wird. Diese Wandlung wird mit einer gezupften akustischen Gitarre und der eingangs schon gehörten Violine dargestellt. Sie bildet aber nur die Einleitung zum bombastisch anmutenden Mittelteil, in dem erstmals E-Gitarre und Schlagzeug mit einem lauten Knall zum Einsatz kommen. Der eingangs noch als traurig empfundenen Figur wird ordentlich Leben und Temperament eingehaucht, das Grundthema bleibt aber im dunklen Bereich. Was hier zu hören ist, geht wirklich mitten zwischen die Ohren, nämlich in den Kopf, wo das dortige Kino starten und Bilder entstehen lassen kann. Schon mit diesem ersten Song zeigt sich der große Unterschied zu den Pop-Nümmerchen der Beliebigkeits-Charts: Soviele Wendungen, Wandlungen und Ideen in einem so kurzen Stück würden die meisten Radiohörer einfach überfordern. Und das ist immerhin nur der Anfang. So ziehen sich eine Vielzahl an unerwarteten Wendungen und erstaunlich guten Ideen wie ein roter Faden durch dieses Album und die folgenden 13 Stücke. Es ist unüberhörbar, mit wieviel Hingabe und Überzeugung der Künstler hier zu Werke gegangen ist. Inspiration scheint sich André Freudenberger von Jan Hammer und Karel Svoboda ebenso geholt zu haben, wie von Thomas Kurzhals. Gerade letzterer könnte bei einigen der Stücke, insbesondere bei den mit improvisiert erscheinenden Parts versehenen und von den markanten Keyboard-Tönen getragenen Nummern, selbst an Moog und Keyboard gestanden und seine Handschrift hinterlassen haben. Aber er war an der Entstehung dieses Albums - wie Freudenberger selbst sagt - gänzlich unbeteiligt.
Nicht in jedem Stück ist die sich auf der Reise befindliche Violine zu hören - zumindest nicht vordergründig. Aber wenn sie zum Einsatz kommt, ist man immer wieder überrascht über den Facettenreichtum dieses Instruments. Im zweiten Teil des Stücks "Wonders Of Creation" meint man, sie duelliere sich förmlich mit Gitarre und Hammond-Orgel. Eine tolle Passage auf dem Album, von denen es gleich mehrere gibt, wie auch im Stück "Forbidden Fountain", in dem sie eher wieder in eine melancholisch wirkende Stimmung verfällt und diese auch in das folgende Stück überträgt. In vielen Liedern herrscht eine unterschwellig vorhandene Unruhe in der Musik. Bedrohlich klingende Passagen wechseln sich mit entspannteren Momenten ab, bei denen man aber weiß, dass es nur die Ruhe vor der nächsten "Unruhe" ist. Man nimmt an einer Achterbahnfahrt der Gefühle, Stimmungen und Eindrücken teil, zu der man sich in Gedanken wunderbar die passenden Bilder vor das innere Auge holen kann. Und glaubt man sich am Ende der Reise und dass man nun alles gehört und erlebt habe, bekommt man mit dem abschließenden "Travelling Violin" noch eins oben drauf. Musikalisch komplett anders als das, was man vorher gehört hat, jazzt, folkloriert und "zigeunert" die Nummer bis zum tatsächlichen Ende des Programms munter vor sich hin. Ein fröhliches "Gypsy-Lied" mit Jazz- und Folk-Anleihen verabschiedet den Hörer, der nun wirklich alles gehört hat, was die reisende Violine ihm zu erzählen hat. André Freudenberger ist es wahrlich gelungen, seine Hörer an die erzählte Geschichte zu binden, sie neugierig zu machen und vor allem sie nicht wieder loszulassen.

Was inhaltlich sehr gelungen ist, hat in der musikalischen Umsetzung leider einige Schwachpunkte. Dabei ist nicht der Musiker und sein Können an den Instrumenten schuld, sondern die Tatsache, dass hier sehr oft der Einsatz "lebender" Musiker fehlt. Die hier zum Einsatz kommenden Bässe (Fretless- und auch Kontra-Bass) sind unüberhörbar aus dem Computer. Der künstliche Sound klebt förmlich am restlichen Arrangement. Einige der gewählten Keyboard- bzw. Synthie-Sounds wirken außerdem ziemlich ungelenk und fehl am Platze. Die ebenfalls am Computer eingespielten E-Gitarren kommen komplett unecht rüber und schmälern beim Hören immer wieder den Gesamteindruck. Die hier in so manchem Song wohl vorgesehene "Neue Deutsche Härte" kommt überhaupt nicht an - ganz im Gegenteil! Ich bitte dies nicht falsch zu verstehen. "Travelling Violin" ist ein tolles Werk. Es strotzt vor guten Ideen und ebenso guten Ansätzen was die Umsetzung betrifft. Die eingespielten Streicher, insbesondere die Violine, sind voller Leben, Wärme und Authentizität. Die Geschichte und die Musik machen Spaß. Nur leider fehlte es dem Künstler an guten Kollegen, die ihm bei der Produktion im Studio zur Seite gestanden haben. Viele der Ideen lassen sich durch die fehlenden echten Instrumente nur erahnen. Hier hätte ein versierter Gitarrist gerade den mit rockmusikalischen Elementen versehenen Liedern wesentlich mehr Tiefe und Druck verliehen. Gleiches gilt für die Bass-Parts. Gäbe es ein klein wenig Gerechtigkeit und so paradiesische Verhältnisse wie z.B. in den 70ern, könnte dieses Album für viele Fans der Rockmusik ein neues Lieblingsalbum, vielleicht sogar ein Meilenstein der Rockgeschichte werden. Das könnte es auch heute, wären hier nicht so viele "Roboter" und so wenig Menschen am Werk. Ich würde mir wünschen, dass André Freudenberger ein paar gute Kollegen kennenlernt, die mit ihm auf die Bühne gehen und dieses Werk live zum Leben erwecken würden. Das haben die Lieder und die Idee dahinter einfach verdient. Auf CD ist es ein ungeschliffener Diamant, der auf seine Erweckung zur strahlenden Schönheit nach dem noch nötigen Eingriff wartet. Ebenso wäre Freudenberger ein Deal mit einem Platten-Label zu wünschen, das noch bereit ist gute Musik zu verlegen und seiner eigentlichen Bestimmung nachkommt, nämlich für gute Kunst auch Mal in Vorleistung zu gehen. Bis dahin muss diese Version reichen um sich an der Geschichte der reisenden Violine zu erfreuen, denn im Vergleich zu dem Schrott in den Charts ist dieses Produktion mit seinen genannten Schwächen trotzdem um Klassen besser!
(Christian Reder)




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