rocklegenden 20141121 1100309957 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Rock Legenden"
Puhdys | City | Karat
Universal/Electrola
26. September 2014

• Sternstunden (alle)
• Magisches Licht (Puhdys)
• Glastraum (Karat)
• Kleiner Planet (City)
• Vom gleichen Schlag (Karat)
• An den Ufern der Nacht (Karat)
• Jede Stunde (City)
• Immer mehr (Puhdys)
• Helden (City)
• Amerika (Puhdys)
• Eiszeit (Karat)
• Wir sind wir (alle)
• Medley (alle)





Rock Legenden. Das sind sie wirklich, denn CITY, PUHDYS und KARAT sind zusammen 126 Jahre deutsche Rockmusik. Entstanden sind die Bands in einem Land, das vor 25 Jahren gestorben ist. Mit ihm starb auch eine ganze Musikszene, die nach der Wende eigentlich nie eine echte Chance bekam. An der Qualität hat das ganz sicher nicht gelegen. Das hatte andere und für den Musikfan nicht nachvollziehbare Gründe - dummerweise bestehen sie bis heute. Trotzdem leben Totgesagte länger als man denkt, und so sind viele der Musiker und Bands auch heute noch aktiv und erfolgreich. Natürlich auch die drei "Rock Legenden", die das gleichnamige Album aufgenommen und veröffentlicht haben. Kein Best Of im Sinne von "suchen wir im Fundus nach Liedern, die jeder kennt, und bannen wir sie auf eine CD", sondern hier ist eine andere Idee gereift und umgesetzt worden. Jede der drei Bands sollte Songs der anderen covern und dazu je einen Song eines anderen Interpreten der deutschen und internationalen Musikgeschichte auswählen und ihn auf eigene Art bearbeiten und neu einspielen. Als Krönung sollten zwei neue Titel entstehen, die alle drei Bands gemeinsam einspielen würden. Gesagt, getan ... Insgesamt 15 Musiker gingen ins Studio und begannen zu arbeiten. Nicht getrennt nach Gruppen, sondern wild durcheinander ... einer mal hier, der andere mal dort. Sowas hat es in der Art noch nicht gegeben - zumindest in Deutschland nicht. Das Ergebnis der vielen Arbeitsstunden im Studio ist seit dem 26. September im Handel erhältlich.

Ich gebe zu, dass ich mich lange davor gedrückt habe, diese CD zu hören und letztlich auch zu rezensieren. Warum? Bei so einem Unternehmen wie diesem kann eine ganze Menge schief gehen. Bands und Musiker, die man immer sehr geschätzt hat, können mit nur einem Song viel kaputt machen. Wenn ich von mir ausgehe, sind es hier gar mehrere Songs, bei denen ich mir wünsche, man möge sie einfach so lassen wie sie sind. "Immer mehr" von Mitteregger, "Magisches Licht" und "Jede Stunde" von KARAT, und auch "Glastraum" von CITY rangieren in meiner persönlichen Top 50 der Jahrhunderthits weit oben und ich glaube nicht, dass jemand sie besser machen kann. Das war andererseits aber auch nicht das Ziel der Bands, irgendwas besser zu machen. Die Gruppen PUHDYS, CITY und KARAT wollten die Klassiker ihrer Kollegen auf ihre Art spielen, mit ihrem speziellen Sound und dem gewissen Etwas versehen. Das macht die Sache natürlich sehr spannend, aber - wie gesagt - auch gefährlich.
Das Album startet mit einem ganz neuen Song, nämlich "Sternstunden". Die Handschrift von Schöpfer Dieter Birr ist unüberseh- bzw. unüberhörbar. Es ist einer dieser typischen PUHDYS-Songs, bei denen man nicht erklären kann, warum sie so typisch PUHDYS sind. Sie sind es einfach. Inhaltlich geht es in dem Lied um die Wendezeit und um den Fall der Mauer. Es geht um den November 1989, den Maschine hier mit einem Song nochmals in die Köpfe der Hörer zurückholt. Genau 25 Jahre später geht das Triumvirat auf eine Tournee und hat dieses Lied im Gepäck. Passender geht's eigentlich nicht. Wunderbar geschrieben und toll von allen drei Kapellen umgesetzt.
Mit den PUHDYS geht es dann auch gleich weiter, denn von ihnen kommt die erste Coverversion: "Magisches Licht", im Original von KARAT. Das Original ist - und da werden mir sicher viele zustimmen - einfach das Original. Unerreichbar und auch nicht besser zu machen, allein schon wegen des Gesangs von Herbert Dreilich. Aber die PUHDYS liefern eine angenehme Alternative ab, die man sich gern auch mehrmals anhören kann. Im weiteren Verlauf bekommen wir dann noch den Song "Amerika", im Original von der Gruppe CITY, zu hören. Eine wunderbare Beschreibung eines Landes, das in Sachen Dekadenz und Übermut in allen Hitlisten ganz vorn rangiert, und mit diesem Song von der Gruppe CITY 1990 exakt auf den Punkt gebracht wurde. Die PUHDYS-Version bleibt für meinen Geschmack etwas farblos und nach hinten raus auch etwas zu "laut". Dann doch lieber das Original von Puppel, Krahl & Co. Als dritten Beitrag zu diesem Album steuern die PUHDYS ihre Version eines Hits von Herwig Mitteregger bei. Mitteregger ist mit KARAT und CITY für mich das Non-Plus-Ultra in Sachen deutscher Rockmusik. "Immer mehr" ist in den 80ern zurecht ein Hit geworden, mit dem man Mitteregger noch immer in Verbindung bringt. Wie eingangs erwähnt, kann man bei solchen Stücken viel kaputt machen und eigentlich nur verlieren. Aber nicht die PUHDYS. Sie haben den 80er-Song entstaubt und ihm neues Leben eingehaucht. Wieder muss ich von "typisch PUHDYS" sprechen, wenn es um die Umsetzung des Songs geht. Die Nummer rockt, die Band hat dieses Lied mit sehr viel Fingerspitzengefühl bearbeitet und Birr ist der ideale Mann, um den Gesang von Mitteregger zu "ersetzen". Meine Befürchtungen waren unbegründet, denn diese Version macht durchaus Spaß!
Die Gruppe KARAT hat sich das Stück "Glastraum" von CITY ausgesucht, um es für das "Rock Legenden"-Album neu einzuspielen. Das Original besticht durch diesen dunklen Keyboard-Teppich, die markante Gitarrenfigur und natürlich durch Toni Krahls unnachahmlichen Gesang. Die Konstellation bei CITY war in den 80ern eine besondere, denn die Band trat nach Joro Gogows Weggang ohne Bassisten auf. Den Part übernahm Manne Hennig als Keyboarder. Das ist dann auch schon der erste Unterschied zur Version von KARAT auf dieser CD. Die Nummer fängt gut an, das Arrangement von KARAT ist zeitgemäß und - wie schon erwähnt - mit einem tollen Fretless-Bass, gespielt von Christian Liebig, versehen. Dieser erste, sehr gute Eindruck wird dann aber leider durch den einsetzenden Gesang erheblich getrübt. Ich habe (übrigens wie bei allen anderen Songs) parallel dazu den Original-Song angehört, und Claudius Dreilich von KARAT ist leider zu attestieren, dass er sich bei diesem Song gesanglich mächtig verhoben hat. Dafür ist - wie gesagt - das Arrangement ausgesprochen gut gelungen. Die Band hat es geschafft, die Stimmung aus dem Original in ihre Version zu übertragen. Als weiteren Fremdtitel haben sich die KARAT-Jungs das Stück "An den Ufern der Nacht", im Original von den PUHDYS, ausgesucht. Auch hier kann man der Band nur bescheinigen, dass sie den Song in ein neues und extrem ansprechendes Soundgewand gekleidet haben. Der über 30 Jahre alte Titel klingt zeitgemäß und hat vom Berliner Quartett einen gehörigen Extra-Schlag Rock mit auf den Weg bekommen. Insbesondere die sehr geile "Römer-Gitarre", die in den Song eingeschraubt wurde, macht mächtig viel Spaß! Auch Claudius hinterlässt den Eindruck, als sei der Song gerade für ihn geschrieben worden. Hier passt einfach alles. Als einzige Band hat KARAT das Privileg, einen komplett neuen und bis hierher noch unbekannten Titel beizusteuern. "Vom gleichen Schlag" heißt das Stück und stammt - kompositorisch und texterisch - von der Schweizer Pop-Sängerin und Schauspielerin Mia Aegerter. Die musikalische Umsetzung dieser Fremdkomposition gestaltet sich für meine Ohren mehr professionell und solide, als lustvoll. So plätschert die Nummer gepflegt vor sich hin, die Füße des vom Mainstream verdorbenen Publikum wippen wohlwollend im Takt und niemand muss Gefahr laufen, von unerwartet auftretenden Geistesblitzen in Sachen Arrangement "erschreckt" zu werden. Ein Song der Marke "Melancholie" - einmal Hören ... Danke, reicht! Wo wir bei wenig überraschend sind: Auch die Wahl des Fremdtitels abseits von PUHDYS und CITY war so vorhersehbar wie die Tatsache, dass in sechs Wochen Weihnachten ist. Man bedient sich (Überraschung, Überraschung) bei Peter Maffay und kramt den Song "Eiszeit" aus der Mottenkiste. Das Thema ist heute immer noch so aktuell, wie damals vor 30 Jahren. Darum ist es auch eine gute Wahl. Solide umgesetzt und in feinster Rockmusik gekleidet. Das kann die Band noch immer sehr gut: rocken!
Als dritte im Bunde gehören die Rocker von CITY zum Club der "Rock Legenden". Wer CITY "einkauft" weiß ganz genau, was ihn erwartet. Feinster Deutschrock, gute Ideen, geile Musiker und natürlich Toni Krahl, der als Sänger in der deutschen Musiklandschaft wohl ein Alleinstellungsmerkmal ist. Er setzt sich ganz deutlich von der Masse deutscher Sänger ab, genauso wie ein Mike Kilian oder eben schon erwähnter Peter Maffay. Krahl wurde die Gabe in die Wiege gelegt, einen Song - völlig egal welcher - zu seinem Song zu machen. Man vertone die Gebrauchsanleitung eines Rowenta Bügeleisens und lasse ihn den Text singen - selbst das würde Krahl zu einem Hinhörer machen. Und das wird auch auf dieser CD sehr deutlich. CITY beginnen ihren Teil mit der PUHDYS-Nummer "Kleiner Planet" von der Wende-LP "Neue Helden". Fritze Puppel spielt das Hauptthema des Songs auf seinen sechs Saiten, und dann kommt auch schon Toni Krahls Einsatz. Zum ersten Mal stellen sich einem die Härchen an den Armen auf ... Joro Gogow spielt seine Geige wie eine Gitarre und auch Krahls "Nana Nei, Nana Nei"-Gesang würzt die Nummer. Der Song groovt und lebt, und im Background singt Maschine mit. Das ist dermaßen gut gelungen, dass man die CITY-Version eigentlich als Single auskoppeln sollte. Das sollten auch Leute hören, die nicht auf die Konzerte gegangen sind und/oder die CD bisher gekauft haben. Dann kommt "Jede Stunde", im Original von KARAT. Der Song ist nach den ersten Takten gar nicht wiederzuerkennen. Erst wenn Krahl die ersten Worte singt hört man, um welchen Song es sich handelt. CITY haben es ihrem Frontmann gleich getan und aus dem '82er Klassiker einen eigenen Song entstehen lassen. Klaus Selmke setzt mit seinem Schlagzeug ein und ab diesem Moment rollt der Rock'n Roll-Zug CITY unaufhaltsam durch die gute Stube. Die Nummer reißt einen förmlich mit und bei richtiger Lautstärke verlassen die Stehrümmchen der Ehefrau im Wohnzimmerschrank freiwillig die angestammten Plätze. Was man hier hört, ist gelebter Rock und ein absolut respektvoller Umgang mit einem Song, den eigentlich nur Herbert Dreilich richtig gut rüberbringen konnte. Und wieder kommt die Erkenntnis, dass die Besorgnis im Vorfeld völlig umsonst war. Hier steht eine (fast) ebenbürtige Version neben dem Original von 1982. Diese Version macht Laune und wird definitiv öfter zum Einsatz kommen, als ich vorher dachte. Toll! Die für mich größte Überraschung ist aber der Song "Helden", dem Bowie-Klassiker aus den 70ern, den sich CITY angenommen hat. Der deutsche Text stammt von einer Dame namens Antonia Maaß, die in den 70ern selbst als Musikerin aktiv war und die mit Bowie in seiner Berliner Zeit ziemlich engen Kontakt hatte. Und ich wiederhole mich gerne: Die Band - insbesondere Krahl - macht aus dieser großen Vorlage einen weiteren eigenen Song, der der Band erstklassig gelungen ist. Die CITY-Version vermag es, wie das Original selbst, Gänsehaut zu verursachen. Nicht einmal, sondern fast durchgehend. Alles passt, und Toni ist gesanglich in Bestform.
Entlassen wird der Hörer mit zwei Songs. Als erstes wäre das ein Stück aus dem Hause CITY, das man auf dem Album "Danke Engel" aus dem Jahre 2013 finden kann. Interpretiert wird es von den drei Sängern der hier vertretenen Bands. Auch hier wird wieder amtlich gerockt und das Fanherz schlägt höher. Auch der Inhalt passt sehr gut zum Album, denn es geht um eine Freundschaft, wo "nichts dazwischen passt" und diesen Eindruck vermitteln die Musiker nicht nur auf dieser CD, sondern insbesondere auch auf der derzeit laufenden Tour. Der definitiv letzte Song ist ein Medley aus drei Songs der drei Bands, die bei keinem Konzert fehlen dürfen. So singen Dieter Birr zum Abschluss KARATs "Sieben Brücken", Toni Krahl "Wenn ein Mensch lebt" von den PUHDYS und Claudius Dreilich "Am Fenster" von CITY.

Die "Rock Legenden"-Platte ist ein ausgesprochen gelungenes Werk und die Idee, drei Bands gegenseitig die Lieder der anderen spielen zu lassen, ist im Hinblick auf das Ergebnis eine absolut gute gewesen. Vermutlich stammt sie aus dem gleichen Hause, wie auch schon "Ostrock in Klassik" und "Ost Rock - das Konzert". Aber diese Idee toppt einfach die vorher gegangenen Projekte, weil sie die Leute von den Stühlen und aus den Wohnzimmern holt. Die Musik ist lebendig, die beteiligten Kapellen in Höchstform und die Neuinterpretationen haben alle ihren Reiz. Besonders erfreulich ist, dass endlich, nach 25 Jahren gesamtdeutscher Musikszene, auf einem Produkt dieser Art das Wörtchen "Ost" fehlt. Erfreulich deshalb, weil sich die drei Bands inzwischen als gesamtdeutsch sehen und die Herkunft nicht mehr groß auf ihrem Produkt und ihren Plakaten pappen müssen. Gut so, denn das von den Medien erfundene Genre "Ostrock" oder "Ostmusik" hängt ihnen nicht mehr wie ein schwerer Stein um den Hals und schiebt sie in eine Schublade, die für den Erfolg bisher eher hinderlich als förderlich war. Und auch ohne den Zusatz können Musiker wie Fans stolz auf das sein, was aus einer bestimmten Region des Landes kommt. Das ist Qualität und echte, ehrliche Musik. Dass diese Legenden noch lange nicht tot sind, wird hier ebenfalls dick unterstrichen. Mit einer Ausnahme handelt es sich hier um lupenreine Rocksongs von Bands, die es immer noch drauf haben und so manche Nachwuchs- und Chartband mit nur wenigen Noten bereits an die Wand spielen können. Davon, dass sowohl KARAT, CITY und die PUHDYS ausgezeichnet gute Live-Bands sind, kann man sich auf Konzerten im ganzen Land selbst überzeugen. Diese geballte Power und Spielfreude ist jetzt gebündelt auf einem Album zu finden: der "Rock Legenden"-CD. Kaufen und weitersagen!
(Christian Reder)




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