sj-aim 20131104 1015816319 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"alles immer möglich"
Stefan Jürgens
Heart Of Berlin
8. November 2013

1. Unsre Zeit
2. Ich fühl' alles
3. Nur ein Mensch
4. Regenmacher
5. Verzeih
6. Noch einmal
7. Nicht sehr nett
8. Harte Zeiten
9. Vertrautes Glück
10. Sie
11. Ohne dein Lachen
12. Alles immer möglich





Ich weiß nicht, ob es eine Bildungslücke ist, das musikalische Wirken von Stefan Jürgens nicht zu kennen. Jedenfalls hat der Mann, der einst mit der Comedyserie "RTL Samstag Nacht" deutschlandweit bekannt wurde, zwischen 2002 und 2008 bereits drei Alben veröffentlicht und bringt am 8. November mit "immer alles möglich" bereits sein viertes Album heraus. Vieles, das in Stefans Vita steht, habe ich schlicht verpasst. Ich bin kein "Tatort"-Fan, hier war er zwischen 1999 und 2000 der Kommissar Robert Hellmann. Ich bin außerdem auch kein Theatergänger, denn auch dort hat er bereits seine Spuren hinterlassen. Tja, und nach einem Auftritt von Stefan Jürgens im "Quatsch Comedy Club" (Pro7) fand ich ihn als Comedian (Neudeutsch für "Komiker") so rasend unlustig, dass ich das nicht weiter verfolgt habe. Jetzt habe ich aber nach einigen Jahren wieder einen Berührungspunkt mit dem Künstler, denn auf meinem Schreibtisch liegt eben erwähntes Album "alles immer möglich", das mir seine PR-Agentur hat zukommen lassen.

Es ist ein Album, das das Zwischenmenschliche zum Hauptthema hat. "selbst wenn die letzten blätter fallen / sind wir beide das was bleibt / wind und wetterfest - und für jedes glück bereit / es ist unsre zeit", so lautet der Refrain zum ersten Song "unsre zeit". Es ist ein Lied über die ganz große Liebe. Aber nur über Liebe? Nicht vielleicht auch um Angst? Das Lied-Ich beschreibt, wie Stimmen von außen ignoriert werden, die einem die schöne Welt aus der Sicht eines Verliebten trüben möchten. Man möchte sie nicht hören, ist in Gedanken schon wieder bei der Liebsten, die man gleich wieder in die Arme schließen kann. Und dann erlebt der Song aus meiner Sicht eine Wendung. In der letzten Strophe scheint die optimistische Botschaft des Refrains irgendwie in Angst umzuschwenken: Die Textzeile "sag mir dass nichts uns trennen kann / und wenn es sein muss lüg mich an / damit ich dicht an dich gepresst gut schlafen kann" zeugt dann doch nicht wirklich von einer gefühlten Sicherheit, sondern birgt eher eine gehörige Portion Angst in sich, verlassen zu werden. Diesen wirklich beeindruckenden Text aus der Feder von Stefan Jürgens selbst hat der Künstler in eine unaufgeregte Ballade verpackt. Es ist einer dieser zeitgenössischen Arrangements, an der sich der Radioredakteur nicht stoßen und ihn ruhigen Gewissens spielen kann. Das ist keineswegs despektierlich gemeint, denn sowohl die Geschichte als auch die Musik werden hier absolut ansprechend serviert. Ich will damit nur zum Ausdruck bringen, dass das Lied gute Chancen hat, im Radio oder TV gespielt zu werden.
Beim zweiten Stück wird die Taktzahl erhöht. Das Arrangement ist flotter - der eben gehörten Ballade wird eine temperamentvollere Nummer entgegen gesetzt. Ein Hauch von Folk weht durch den Raum und ein positiv wirkendes Lied geht ins Ohr. "Ich fühl alles" heißt die Nummer, in der es ein weiteres Mal um das Verliebtsein geht. Aber auf eine andere und - wie ich finde - positivere Art und Weise. Jürgens beschreibt den Moment des Aufwachens nach einer gemeinsamen (kurzen) Nacht. Draußen wird's schon hell und in seinem Kopf sind viele Gedanken. Der Text zeichnet dazu die Bilder so greifbar, dass sich der Hörer sehr gut in die Situation hinein versetzen kann. Es muss eine turbulente Beziehung sein, denn die entspannten und aufreibenden Momente scheinen sich öfter mal die Klinke in die Hand zu geben ("du schenkst mir ruhe und regst mich auf / grad wie es deine lust erlaubt / und flut und ebbe wechseln stündlich"). Trotzdem ist man glücklich und erkennt, dass man genau diesen Moment genießt und sich auf den nächsten Tag freut ("denn jeder tag beginnt und geht mit dir / für jetzt, für immer, für unendlich"). Toller Song!
Sich selbst am Klavier begleitend, singt Jürgens mit "Nur ein Mensch der geht" ein Lied voller Melancholie. Schwermütig schleicht das Stück dahin und lässt uns einen Menschen hören, der gerade vom Partner verlassen wurde. Diese Situation beschreibt Jürgens ganz wunderbar mit "im park kommt der frühling / im herzen tiefer schnee". Im Refrain gesellen sich Streicher dazu, die die Schwere dieser Geschichte noch extra unterstreichen. Wehmütigen Geistern würde ich von der Nummer aber abraten ... Oder vielleicht auch nicht, denn man fühlt sich möglicherweise besser, wenn man hört, dass auch andere Menschen da draußen tiefe Täler durchschreiten müssen.
Eine ganz andere Motivation liegt dem Lied "Regenmacher" zu Grunde. Dieses Mal ist es nicht die Liebe, die den Texter und Komponisten hat zum Griffel greifen lassen. Es ist die vertonte Kritik an einen Pessimisten, einen Spielverderber ... einen, der zu jeder Tages- und Nachtzeit offenbar einen Grund zum Meckern findet. Es ist ferner der dezente Hinweis an eben jenen Zeitgenossen, dass für jeden irgendwann die Rechnung kommt ("denn jeder stein, den du nach vorne wirfst / liegt irgendwann auf deiner bahn / und jedes messer, das du wütend schärfst / fällt dich noch mal von hinten an").
Nicht weniger mahnend kommt "Verzeih" daher. Besser als in diesem Lied, kann man die Gründe dafür, was eine Beziehung töten kann, nicht beschreiben. Schlagzeug, Bass, Gitarre und Mundharmonika (leider aus dem Computer) erzeugen die Plattform, auf der diese Gründe aufgeführt sind und im Refrain mit einem "Verzeih" zu entschuldigen versucht werden.
Bis dahin hat man fünf Songs gehört und ist auf fünf Volltreffer gestoßen. Es fällt hier schon die Vielfalt der Spielarten auf, mit dem Thema "Du und ich" und "Wir beide" umzugehen. Und so geht es weiter auf "immer alles möglich". Ob über das Ende einer Beziehung ("noch einmal"), die Wahrheit, die wir über Menschen nicht kennen, die wir sehen oder ihnen vielleicht wegen ihres Äußeren hinterher schauen ("Sie"), das Fehlen von "echten Helden" in unserer Zeit ("harte zeiten") oder eine Liebe am Scheideweg ("vertrautes stück"), Stefan Jürgens hat alles in herrliche Bilder aus Worten gemalt, zu denen er sich den Soundtrack schließlich auch noch selbst geschrieben hat.

Melancholischen Momenten, Humor, Verliebtheit, aber auch offenen Gefühlen und Nachdenklichkeit kann man auf dieser CD begegnen. Stefan Jürgens mag in Sachen Texte vielleicht kein Werner Karma sein. Auch kein Heinz Rudolf Kunze. Aber er ist Stefan Jürgens und hat eine ganz eigene Handschrift. Bei den Inhalten als auch bei der Musik. Es scheinen alles Geschichten aus Jürgens' eigenem Leben zu sein, die er hier zu Liedern gemacht hat. Am Ende der CD steht mit "alles immer möglich", das dem Album auch seinen Namen gab, sogar ein Lied für seinen Sohn Moritz. Die Geschichten gefallen durchweg, auch wenn sie an manchen Stellen schwermütig und melancholisch sind. Aber wer war bitte noch nie unglücklich verliebt oder am Ende einer Beziehung, die zumindest von einer Seite aus noch gerne länger gelebt worden wäre. Man kann sich in sie hinein versetzen, das ist das Geheimnis hinter den Stücken und warum sie so gut funktionieren. Ich möchte an dieser Stelle noch mal unterstreichen, dass nur, weil das Zwischenmenschliche auf der CD das Hauptthema ist, dass das nicht gleichbedeutend für Langeweile oder Kitsch steht. Hier ist weder das eine noch das andere zu finden. "alles immer möglich" ist vielmehr eine der Entdeckungen, die man wahrscheinlich nicht machen würde, würde man nicht mit der Nase drauf gestoßen. Vielleicht sogar, weil eben genannten Attribute auf das Album nicht zutreffen und das Publikum scheinbar überwiegend nur noch auf klibbriges Gesülze aus dem Textbaukasten abfährt (man beachte nur die aktuellen Album-Charts). Ich persönlich kann mich bei Stefans PR-Agentur bedanken, denn ansonsten hätte ich wohl nie zu diesem Album gegriffen - geschweige denn, dass ich davon wohl etwas erfahren hätte. Vielleicht ist meine Rezension für jemand anderen auch der Stoß mit der Nase auf etwas, das er sonst nicht entdeckt hätte. Es wäre Stefan zu wünschen! P.S.: Lass die Comedy-Schiene, Stefan. In Sachen Musik spielst Du einige Klassen höher!
(Christian Reder)



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Videoclip:

"Ich fühl' alles" (TV-Auftritt)





   
   
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