keimzeitkolumbus 20121023 1859638911
Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:
Titel:
"Kolumbus"
Keimzeit
Comic Helden / Edel
27. April 2012
1. Kolumbus
2. Nachtzug nach Sofia
3. Du verstehst mich nicht
4. Das gute Beispiel
5. Schlangenherz 1
6. Streik
7. Kein Zurück
8. Kettenhund
9. Einmalig
10. Mitten im Fluss
11. Schlangenherz 2
12. Aquarium
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
2012 ist für Keimzeit ein Jubiläumsjahr. Man feiert das 30-jährige Bühnenjubiläum. Passend dazu wird die neue CD "Kolumbus" auf den Markt kommen. Und wie es oft so ist, hat man für dieses Jubiläum weder Kosten noch Mühen gescheut, um sich und den Fans ein besonderes Album zum Geschenk zu machen. Besonders ist das Album insofern, als dass es vor großartigen Momenten nur so sprüht, und man trotzdem musikalisch und textlich deutlich die Keimzeithandschrift wiedererkennt. Das bedeutet, dass man beim Album "Kolumbus" aktuellen Charttrends und kurzlebigen musikalischen Moden widerstanden und stattdessen auf exquisite, handgemachte Musik mit außergewöhnlichen sinntiefen Texten, zurückgegriffen hat.
 
Ein wenig ist diese CD wohl ein "Zurück an die Wurzeln", ohne dabei alt, bekannt oder langweilig zu wirken. Ganz im Gegenteil. Die einzelnen Titel wirken überaus frisch, modern und abwechslungsreich. Wer zuhört, kann in den einzelnen Titeln eine erstaunliche musikalische Vielfalt entdecken. Das Jubiläumsalbum sprüht vor musikalischer Finesse und handwerklicher Klasse, die gepaart ist mit tiefgreifenden geistreichen, prosaischen Texten. Das alles kommt im typischen Keimzeitstil daher, der ganz maßgeblich durch Norbert Leisegangs Stimme geprägt wird. Der Eindruck wird über die gesamte CD hinweg dadurch verstärkt, dass die Instrumente nie diese markante Stimme übertönen, sondern sie eher virtuos und dadurch umso wirkungsvoller unterstreichen. Der so entstehende Keimzeitsound ist eine Meisterleistung der Crew, die diese CD aufgenommen, gemixt und gemastert hat. Stimme und Instrumente sind perfekt aufeinander abgestimmt und bieten ein ganz besonderes Musikerlebnis. Zum einen werden durch den dezenten Instrumenteneinsatz im Hintergrund der Titel die jeweiligen Aussagen der Stücke deutlich betont und wirken so sehr eindringlich. Zum anderen ist es dadurch, dass man hinhören muss, unglaublich spannend, den raffinierten musikalischen Umsetzungen der Texte und den vielen kleinen Variationen, die die Melodien der einzelnen Stücke immer wieder erfahren, zu lauschen.
 
"Kolumbus" eignet sich durchaus zur musikalischen Hintergrundbeschallung, da es Leisegang vermocht hat, sehr harmonische, eingängige Melodien unter seine Texte zu legen. Wer nicht genau hinhört, dürfte die Musik einfach als gefällig, schön und harmonisch empfinden. Doch damit täte man der Band zutiefst Unrecht, denn das Album ist voll von großartig erzählten Geschichten und hat ganz zweifelsohne mit jedem Stück auch eine Botschaft zu vermitteln. Eine inhaltliche Klammer konnte ich nicht entdecken. "Kolumbus" ist sicher mehr eine Bandretrospektive über 30 Jahre Keimzeitmusik denn ein Konzeptalbum. Doch wirken die inhaltlich tiefgreifenden Themen der einzelnen Songs wie ein großer Bogen über dem gesamten Album. Wie immer bei Keimzeit wird auf platte Herz-Schmerz-Trallala-Lyrik verzichtet. Stattdessen haben einzelne Textpassagen eine gewisse dadaistische Anmutung. Leisegang fordert auch dadurch die Zuhörer vom ersten Titel an zum Mitdenken und zum Mitfühlen auf. Erst wenn man sich darauf einlässt, erschließen sich die einzelnen Titel, wie auch die Schönheit des gesamten Albums. Das emotionale Spektrum reicht dabei von melancholischen Titeln über freche, aufmüpfige Songs mit recht aktuellen Bezügen, bis zu großen optimistischen, fast visionären Stücken.
 
"Kolumbus" als erster Titel beginnt mit einem Intro, dass seinesgleichen sucht. Nach wenigen Tönen ahnt man: hier passiert gleich etwas Bedeutendes, Großes. Zu ein paar ausgehaltenen Klaviertönen gesellen sich in wenigen Takten nach und nach grandiose, kleine Gitarrentöne und ein ganz dezent gespieltes Schlagzeug, bevor Norbert Leisegang mit den Worten "Ein ganzes Leben findet Platz in einem Takt, in einem Satz..." in gewisser Weise das Credo Keimzeits zusammenfasst. Wenn Roland Leisegangs Schlagzeug dann immer noch leise aber merklich den Takt vorantreibt, ist man bereits mitten in einem echten Keimzeittitel angekommen. Von nun an kann man nur noch fasziniert und gespannt die großartigen lyrischen Wortgebilde und Metaphern Leisegangs und die großartige Musik der Band im Hintergrund auf sich wirken lassen, und sich auf eine Gedankenreise mit Keimzeit durch Gefühle und Probleme, zu Freude und Leid, rund um die Welt mitnehmen lassen.
 
Die Weltreise beginnt im "Nachtzug nach Sofia", einem der emotional bewegensten Titel auf der CD. Leisegang erzählt eine kleine Geschichte, die rührend harmonisch beginnt. Doch wer nicht nur auf die Worte achtet, hört die gefahrverkündenden Sirenen im Hintergrund. Wenn denn der Zug in Serbien, also schon fast am Ziel, richtig Fahrt aufnimmt, fühlt man schon das Happy End, das es aber nicht gibt. Man möchte laut schreien - Nein! Doch ist man so ohnmächtig, wie der Reisende im Nachtzug. Diese kleine, so bewegende, melancholische Geschichte, ist unglaublich toll und nuancenreich musikalisch umgesetzt. Diese musikalischen Finessen und kleinen Details ziehen sich im Übrigen durch die gesamte CD, gleich wie die einzelnen Stücke stilistisch umgesetzt sind. Für mich war es überraschend, wie breit das Spektrum der Band ist und wie exzellent die Musiker jeden dieser Stile, teilweise sogar innerhalb einzelner Titel, umsetzen können.
War der zweite Titel ein getragenes Lied, ist der dritte ("Du verstehst mich nicht") ein echter Rocksong, der mit kreischenden Gitarren beginnt, die einen sehr eingängigen, schnellen Lauf hinlegen. Überzeugten die Keimzeitler gerade noch mit trockenem Rock, wechseln sie in die Swing/Soul-Richtung. "Das gute Beispiel" ist ein gutes Beispiel für gut gemachte Big Band Musik, die dann stellenweise deutlich in den Jazz übergeht. Dazu passen Leisegangs Art zu singen, wo Sätze in einer ganz speziellen Art unterbrochen werden, so dass Satzteile mitunter einen anderen Sinn bekommen als der ganze Satz und die Texte, die immer mal wieder begonnene Gedankengänge nicht ausdrücklich abschließen, geradezu perfekt. Auch wenn ich Jazz nicht unbedingt für Keimzeit-spezifisch hielt - "Das Gute Beispiel" ist ein echter Keimzeittitel, an den sich ein fantastisches, kleines, höchst melodiöses Klavierstück anschließt. Warum das auf der CD ist, verstehe ich nicht wirklich. "Schlangenherz 1" ist allerdings ähnlich wie später nochmal "Schlangenherz 2" ein echter Break und irgendwie ein Ruhepunkt auf der ansonsten sehr quirligen CD. Musikalisch ganz wunderschön, fast klassisch gespielt, macht es einfach Spaß, zuzuhören. Mit "Streik", einem ruhigen, fast langsamen, von einem sehr eingängigen Refrain getragenem Stück, folgt der Titel, mit dem vielleicht politischsten aller Themen auf der CD. Er erinnert mich an ein anderes Stück, was aber möglicherweise nur an der Eingängigkeit der immer wieder eingesetzten 4 Töne liegt. "Streik" ist irgendwie ein Ohrwurm. Herrlich dabei auch die gezupfte Gitarre zum Beginn des Stücks, die fast wie eine Harfe klingt und dem Titel so vom ersten Ton an etwas Satirisches gibt. Sehr viel dynamischer, mit einem kräftigen Rock Intro, startet dagegen "Kein Zurück mehr", bei dem die Gitarre wie eine Sirene kreischt.
Mein textlicher Favorit auf der CD ist die Geschichte vom "Kettenhund". Was Leisegang da aus literarischen Vorlagen Aitmatows macht, ist schlichtweg grandios. Ein großer, sehr poetischer Text, den Keimzeit musikalisch perfekt umsetzt. Wenn die große Prosa des Textes einen nicht zu sehr gefangen nimmt, kann man - wenn man mit Phantasie zuhört - das Hecheln des Hundes, das Ticken der Uhr, das Laufen des Hundes und einige andere tolle Details heraushören. Ein grandioses Plädoyer für die Freiheit des Individuums.
Ob es daran liegt, dass mir "Kettenhund" so sehr gefiel... jedenfalls fand ich, dass das folgende Lied "Einmalig" etwas gegen die anderen Titel der CD abfiel. Möglicherweise ist es auch das gewollt Unprätentiöse dieser kleinen Hommage an ein geliebtes Wesen, die das Stück weniger spektakulär erscheinen lässt, als die anderen.
Möglicherweise liegt es auch am folgenden Titel "Mitten im Fluss", in dem sich noch einmal alles vereint, was Keimzeit ausmacht. Ein irre guter, unmissverständlicher, sehr optimistischer Text, die unverwechselbare Art Norbert Leisegangs zu singen und eine mitreißende Melodie, die von großartigen Instrumentalisten überaus präzise gespielt wird und fantastisch arrangiert wurde. Wer hinhört findet schöne, klare Textbilder, einen auffälligen Orgel- und Gitarreneinsatz und viel mehr. Soul-Elemente machen aus dem Titel etwas ganz Großes, wie ich finde. Nach der letzten Frage in diesem Lied "Wer sagt, dass sich der Himmel nicht doch bewegen lässt?", kann man daher nicht einfach weitermachen. Die Band hat das über das schöne Gitarrenmotiv bei "Schlangenherz 2" gelöst. Nach einer gefühlten kurzen Pause setzt das Stück ein und stellt zugleich einen Break dar. Für sich genommen ist "Schlangenherz 2" eine ganz wunderbare musikalische Miniatur, die hätte vielleicht sogar ein Abschluss des Albums sein können. Doch schwebte der Band da wohl etwas Deutlicheres vor. So wurde "Aquarium" ans Ende der CD gesetzt. Und dieser Titel hat was von einem echten Finale. Das Intro macht geradezu sprachlos. Ein Gitarrenakkord mit ausgehaltenen Keyboardtönen unterlegt erzeugt eine Spannung, die man so nicht allzu häufig findet. Das ist perfekter Rock der Extraklasse. Die Strophe, getragen wieder von Norbert Leisegangs Stimme, schließt sich harmonisch an, auch wenn sich scheinbar der Stil deutlich ändert. Dem ist aber nicht so. Denn spätestens im Refrain wird das Gitarrenmotiv wieder aufgenommen und weitergeführt. Das treibende Gitarrenmotiv in Verbindung mit einem pfiffigen Text - ein echter, wenn auch vielleicht etwas untypischer Keimzeitsong und sehr schöner Endpunkt einer außergewöhnlichen CD, die ich jedem ans Herz lege, dem musikalische Alltagskost nicht mehr gefällt und der bereit ist, zuzuhören und über Musik und Text nachzudenken.
 
"Kolumbus" ist ein Album, das bestens geeignet ist, sich ruhig in eine Ecke zu verkrümeln, das Kopfkino anzuschalten und auf eine entspannende Geistreise zu gehen. Doch Vorsicht, es besteht Suchtgefahr.
(Fred Heiduk)
 

 
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