Titel:
Interpret:
VÖ:
Label:
Songs:
"Heymkehr"
Schwarzbrenner
Januar 2012
WOBE music
CD 1:
1. Die Menschen
2. Der Bettler
3. Gesang der Türme
4. Die Dämonen der Städte
5. Tod der Liebenden im Meer
6. Gen Norden
7. Blau des Himmels
8. Wüstenstadt
9. Die blinden Frauen
10. Fieberspital
11. Eifersucht
12. Der Himmel wird so schwarz
13. Sturm
14. Der Gott der Stadt
CD 2:
1. Weisse Wolken
2. Allerseelen
3. Juninacht
4. Fliegender Holländer
5. Alte Helden
6. Alle Landschaften
7. Wilde Pferde
8. Letzte Wache
9. Abschied
10. Bremen
11. Westwärts
12. Niederrhein
13. Rhein-Ruhr
14. Züge am Abend
 
schwarzheym 20121014 1870658552
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
DIE HOMMAGE AN GEORG HEYM IST AUCH EINE AN DIE SCHWARZBRENNER SELBST...
...nicht bewusst, nicht absichtsvoll, denn alles andere wirken sie als eitel, und doch finde ich keine andere Wertung dafür. Ich sitze nach dem Hören dieser Scheiben, einer Zusammenstellung aus 16 Jahren Georg-Heym-Textvertonungen durch diese Rock- & Blues-Band inklusive einiger neuer Titel, und empfinde es so. Kann ich das so schreiben, überlegte ich, oder verletze ich einen der beeindruckendsten nichtmusikalischen Eigenschaften, die ich bei dieser Band empfinde: ihre Bescheidenheit. Nicht, dass die einen Bückling vor Georg Heym macht, das wohl nicht, aber sie stellen sich hinter seine Worte, was auch bedeutet, dass sie sich da, wo es aus ihrer Sicht Not tut, vor ihn stellen. Musikalisch, auch textlich in der Bearbeitung seiner Gedichte zu Liedtexten, interpretatorisch. Das weiß ich schon einige Zeit, wenn auch angesichts der angegebenen 16 Jahre erst seit kurzem.
 
Über Georg Heym ist viel geschrieben und wird für jene, die sich für ihn interessieren, noch mehr geschrieben werden. Wir begehen 2012 seinen 100. Todestag. Der expressionistische Dichter verunglückte im Alter von 24 Jahren gemeinsam mit einem Freund beim Schlittschuhlaufen, nach zeitgenössischen Berichten beim Versuch diesen Freund, Ernst Balcke, der ins Eis brach, vor dem Ertrinken zu retten. Mit diesen beiden Leben endet in so jungen Jahren das Schaffen eines der größten deutschen Dichter. Viele weitere Expressionisten raffte der 1. Weltkrieg hinweg. Eine Zeit des großen Schaffens Vieler endete mit diesem 1. Weltkrieg, eine Epoche. 1913 erschien Heyms erstes prosaisches posthum, Novellen unter dem Titel "Der Dieb". 1914 erschien sein letztes Gedichtband "Marathon" mit 12 Sonetten.
Vertont haben seine Texte einige. So in dessen jüngeren Jahren der heutige Gitarrist von UNBEKANNT VERZOGEN Hannes Funke und - so behauptete er jedenfalls, auch wenn kein Material bekannt ist - Kurt Demmler u.a.
Doch so intensiv - 16 Jahre eben - wie SCHWARZBRENNER hat sich vermutlich niemand mit dem Schaffen dieses Dichters auseinandergesetzt. Etliche CDs sind erschienen und es ist zum Einen erstaunlich, wie viel Sichtweisen nicht nur wegen des Expressionismus-Stils das Werk dieses jungverstorbenen Dichters hergab, sondern wie intensiv über so viele Jahre eine Band sich mit diesem Material auseinanderzusetzen vermag und dann noch mit diesen wundervollen Ergebnissen, die Heym nicht nur verheutigen, was nicht Not tut, denn die Texte scheinen aktueller denn je, sondern auch und vor allem weitervermitteln. Man kann den Schwarzbrennern nicht gut und ausgiebig dafür danken, dass sie, allen voran Wolfgang Becker (Gesang, Gitarren, Kompositionen) dies geleistet haben und leisten wollten.
 
Die musikalische Reise mit diesem Dichter unterliegt dem großen musikalischen Anspruch von SCHWARZBRENNER. Dies sind Wolfgang Becker, Christoph Keisers (Schlagzeug, Percussion), Rolf Menzen (Bass), Jörn Becker (Gitarren, Arrangement, Produktion). Zwei CDs finden sich auf dem "Heymkehr"-Album, unterteilt in "Blues" und "Rock". Die Grenzen sind jedoch verschwimmend und ob das so notwendig war, kann ich nicht beantworten. Die Fans haben diese Unterteilung so gewollt. Warum nicht. Doch die SCHWARZBRENNER sind keine stilistischen Haarspalter. So kann man auf der Blues-Compilation auch rockige Klänge entdecken und auf der Rock-Compilation bluesige. Ich habe zuerst die Blues-Scheibe angehört, weil sie so verpackt wie die CD 1 gewöhnlicherweise auf Doppelalben.
 
Den Reigen eröffnen auf dieser die "Menschen" mit einem treibenden Blues, aber - wie schon erwähnt, nahe beim Rock. Wolfgang Becker begrüßt gesanglich und weiht in die faszinierende Charismatik seiner Stimme ein und wir werden mit einer ganz besonderen Art, die Bluesgitarren zu spielen, vertraut gemacht. Manchmal - auch darin weiht uns dieser erste Titel ein, vielleicht um uns daran zu gewöhnen - scheint die Symbiose von Musik und Text metrisch auseinanderzufallen. Das wirkt nicht zerstörerisch, sondern sehr interessant wie ein Punkt auf einem Gemälde, welches dort hinzugehören scheint, aber beim genaueren Betrachten das Hauptaugenmerk auf dem Gemälde haben will, eine Art besonderer Betonung. Da, wo der Text wie oft bei expressionistischer Lyrik berichtenden Charakter trägt, gestalten die SCHWARZBRENNER ihn heutig und lebendig, was die Heym-Texte ja auch eben sind.
Ein Beispiel dafür gleich als 2. Titel: "Der Bettler". Dieser Titel scheint auch gleich eine Einführung darin zu sein, zu fühlen und zu hören, wie sich die Band gerne einer leichten Verspieltheit ergibt, die sich durch das Doppel-Album zieht wie ein roter Faden und es musikalisch ungeheuerlich interessant, zum Immerwiederhören verführt.
Die Fragen "Was ist Rock? Was ist Blues?" mochten sich mir nicht aufdrängen, aber ich bin kein Musiker, ich will sie weder stellen noch beantworten. SCHWARZBRENNER mischt es, trotz der Genre-Einteilung beider Scheiben im klassischen Blues-Rock-Sinn - auf beiden Scheiben. Es hat etwas Schelmisches und ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie es nicht auch selbst so schelmisch tatsächlich meinten. Mein Gefühl nach persönlichen mündlichen und schriftlichen Begegnungen mit Wolfgang Becker sagt mir Ja. Ob es mich trügt, weiß ich nicht.
Auf jeden Fall findet sich - dies wohl als letzte Einführung - im Gitarrenspiel bei "Gesang der Türme" eine Form der musikalischen Seelenbeschreibung zur textlichen Seelenbeschreibung, dass man meint, hier setzt die Musik den Text fort, ergänzt ihn, bringt ihn uns mit Klängen noch einmal sehr sehr nahe. Ich meine damit nicht, dass die Musik den Text überbordend illustriert. Sie transportiert diesen und kommentiert ihn gelegentlich. Manchmal wirkt die Musik wie ein Zitat und man weiß nicht, woraus. Genau das gehört bei dieser Art von Musik dringlichst dazu, sonst würde sie ja nur halb so viel Spaß machen. Daß sich musikalische Phrasen dabei wiederholen, ist mit Sicherheit gewollt. Es ist ja auch so, dass Georg Heym sehr gerne bestimmte sprachliche Bilder des Öfteren wiederholte, ähnlich wie Kafka in seiner Prosa mitunter bis an die Grenze der Penetranz. So erscheinen die Titel - wenn man der Reihenfolge nicht traut, in welcher sie auf dem "Heymkehr"-Album zu finden sind - wie eine in Kapiteln unterteilte beobachtete Geschichte eines viel zu kurz beobachtet Habenden. Und doch vermochte er uns so viel zu erzählen, dass SCHWARZBRENNER uns davon so viel zu musizieren weiß. Auf den Scheiben befinden sich jeweils 14 Titel!
Da fällt es fast nicht auf, bei ihrer Art der Bearbeitung, dass sie eigene Werke (auch textliche) dazwischen geschmuggelt haben, so sehr haben sie sich dem Projekt Heym anheymgegeben. Überraschend jedoch wohl gerade deshalb der Titel "Blau des Himmels". Da wird man anders ergriffen, ja fast in einen farbenrauschenden Traum mit hineingezogen. Selbst dann sogar, wenn vom Grau gesungen wird. Fortgetrieben wird das Grau von der sehr gut tanzbaren Nummer "Wüstenstadt". Zu Texten von Georg Heym tanzen? Ja, das geht und soll auch gehen.
Liedhaft "Die blinden Frauen", eine Blues-Erzählung. Eindringlich. Und noch tiefer geht es in die Seele hinein beim Gang durch das "Fieberspital". Beängstigend fast. Und so haben sie es sich wohl gedacht, die schwarzen Brenner, in all dieser Vielfalt der Empfindungen aus den Texten Georg Heyms, eigenen lyrischen Werken und ihrer Musik. Mit einem zünftigen und sehr beeindruckenden Blues endet die erste der beiden Scheiben. Es grüßt der "Gott der Stadt", wenn ich mich eines Gespräches mit Wolfgang Becker recht entsinne, wohl einer der "ältesten" Titel dieser Band, wenn nicht gar der erste überhaupt.
 
Lauter, zumindest gefühlt, und härter beginnt die "Rock"-Scheibe mit "Weisse Wolken". Auch ist hier naturgemäß der Baß wesentlich stärker zu fühlen. Überhaupt wird auch gerne mal sehr sinnreich mit dem Sound experimentiert. Balladesk-mystisch die "Allerseelen", um sich im Refrain in einer kraftvollen Melodik aufzulösen. Sehr schön untermalt von der Gitarre. Die SCHWARZBRENNER lieben es also auch, sehr rockig zu erzählen. Nicht nur von den hocherotischen "Juninacht"-Erfahrungen. Sie wollen Georg Heym zeitlos machen. Und das gelingt ihnen auch. Und damit, doch das ist ihnen mit Sicherheit eben gar nicht bewusst, haben sie sich selbst zeitlos gemacht. Ein mehr als angenehmer Nebeneffekt.
Da marschieren die "Alten Helden" auf zum Glockenläuten. Und dafür wird ihnen eine Hymne schwarzgebrannt: "die sonne sinkt im westen ein fanal". Da blüht die Revolution in den gescheiterten Herzen und mutig glänzen die geschundenen Leiber an einem späten Frühlingstag. Naiv, fast schlagerartig, wie ein romantischer Augenaufschlag werden hernach "Alle Landschaften" besungen. Die sich mit Blau erfüllt haben. Das verlockt sehr zu Sonnenuntergang mit Whiskey. Obwohl von beidem im Text nicht die Rede ist. Schwer fällt die "Letzte Wache", auch fast ein Blues. So auch der "Abschied", der unweigerlich der letzten Wache folgen muss. Obschon das Weitergehen hier inbegriffen ist und so das Schwere auch leicht zu machen vermag. Aber gegangen werden muß wohl, bei aller Liebe. Oder wegen der Liebe. Oder trotz aller Liebe. Bevor auch diese geht. Ein leichtfüßiges musikalisches Spiel, wie ein Hoffnungskuss, bei aller Schwere.
Wie um dies zu unterstreichen folgen mit "Bremen", "Niederrhein" und "Rhein-Ruhr" die Reminiszensen an die Heimaten der Musiker, unterbrochen von "Westwärts". Werke, die sich die Musiker mit Georg Heyms Hilfe auch textlich selbst gegönnt haben. Und unauffällig geben sie sich die Ehre, den Reigen zu vervollständigen, denn sie haben ihn selbst mit geschaffen und gehören nicht nur in diesen, sondern zu diesem. Munter, dem Titel gemäß beinahe counrtryartig, wird "westwärts" gezogen. Und so landen wir eben rockend am "Niederrhein" und erhalten ein sehr ausführliches Bild von dieser Gegend und davon, wie sie sich anfühlt. Ich selbst war ja nie da und konnte mir eben dieses Bild machen. "Rhein-Ruhr" kommt da musikalisch etwas cooler daher. Da ändern sich die Zeiten, die eigene Welt ändert sich auch, doch irgendwie war das dort wohl schon immer so. Und so versiegt dort nie das Lachen, weil das Licht da immer brennt und die Zuversicht den Menschen in die Wiege gelegt zu sein scheint. Besinnlich verabschieden wir uns - vorerst - mit dem Blick auf die "Züge am Abend". Mit SCHWARZBRENNER im Ohr. Und wenn wir mal mit ihnen, den Zügen, von dannen fahren, vielleicht auch mit SCHWARZBRENNERS Scheiben im Gepäck.
 
Und was die Texte betrifft? Georg Heyms Werke sind ja veröffentlicht. Und es gibt noch richtig viel schwarzgebranntes Material nach dessen Texten. Gut zu finden unter www.schwarzbrenner.de - Viel Vergnügen!
(Andreas Hähle)

   
   
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