17phantom 20121216 2023678343 Titel:
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VÖ:

Titel:

"Phantom Songs"
17 Hippies
EV
23. September 2011

1. Ton étrangère
2. Lazy friends & promises
3. Biese Bouwe
4. Jolies Filles
5. Across waters
6. Gimme dat harp boy
7. Dorn
8. Singapore
9. Blumen im Glas
10. Mädchen im Glück
11. Moi
12. The Train
13. Herz auf der Zunge

Es soll ja tatsächlich Leute geben, die die 17 Hippies noch nicht kennen. Leute, die von früh bis spät vor den Lautsprechern sitzen, unter Kopfhörern hocken, mehr oder weniger regelmäßig Musikmagazine lesen und Live-Veranstaltungen besuchen. Und gleichwohl immer noch nichts mit diesem eigentümlichen Bandnamen (der laut dieser übrigens keinerlei Bedeutung haben soll) anfangen können. Wie ist diesen Menschen zu helfen? Soll man sie zunächst in eines der spektakulären Konzerte der vielköpfigen Kapelle schicken? Oder stattdessen vielleicht doch besser erst einmal mit Musik aus der Konserve berieseln? Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist - wie so oft - alles andere als einfach. Ich unternehme dennoch mal den Versuch.

Live konnte ich die Hippies vor etwa zwei Jahren im Kesselhaus (Bericht HIER) und unlängst im heimischen Potsdamer Lindenpark (Bericht HIER) erleben. Bei letztgenanntem Konzert präsentierte die Band insbesondere ihr neues Album "Phantom Songs", was uns nun freundlicherweise auch zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt wurde. Es ist das insgesamt zehnte Album der 17 Hippies, allerdings erst das vierte reine Studioalbum. Allein hierin wird bereits überdeutlich, wo die Kapelle ihren Schwerpunkt setzt. Zudem wurde mit dem New Yorker John David Foster ein Co-Produzent engagiert - ein Novum gegenüber den bisherigen Produktionen, welches wohl für den berühmten frischen Wind sorgen sollte.
Die Band selbst jedenfalls gibt sich im dazugehörigen Pressematerial auffallend offenherzig und einiges an Informationen zu Beweg- und Hintergründen, zur Arbeit an der Platte und zu ihrer Musik im Allgemeinen preis: "Erneut schlägt die Neugier der Band durch, sich mit bisher ungewohnten musikalischen Formen auseinanderzusetzen." Und weiter heißt es: "Die Musik der 17 Hippies ist nicht zu definieren. Sie ist wandelbar und zieht gerade dadurch immer wieder aufs Neue in ihren Bann." Was erwartet uns nun auf "Phantom Songs"? Keine klare Linie jedenfalls. Aber das hatte auch niemand ernsthaft erwartet. Es ist eine ganz eigentümliche und für die Hippies geradezu typische Mischung aus verschiedenen Musikstilen sowohl angloamerikanischen als auch osteuropäischen Ursprungs, garniert mit den vielen vielen Farbtupfern aus aller Herren Länder. Das Französisch wird in den Texten ebenso groß geschrieben wie Deutsch oder Englisch.
Bemühen wir nun also als Ansatz praktischerweise erneut das vorstehend bereits zitierte Pressematerial, denn hier wird jeder einzelne Song profund erklärt, nachstehend ergänzt um den jeweils eigenen Eindruck:

1. "Ton étrangère" - Hypnotisches Groovegeflecht aus Hackbrettern, selbst gebauten Monochords, Autoharps und Streichern. Eine Frau möchte die Fremde ihres Geliebten werden, sich seinen Höflichkeiten entziehen, sich von seinem Alphabet entfremden...
Der Song startet sofort und ohne Vorwarnung. Sehr mystische Grundstimmung, der Fokus liegt auf der überbetont kunstvoll dargebotenen französischen Sprache.

2. "Lazy friends & promises" - Fröhlicher Juju-Gitarren-Shantie.
Dem ist nichts hinzuzufügen.

3. "Biese Bouwe" - Das einzige Stück auf dem Album, das auf einem traditionellen Stück basiert. Ein albanischer Sa-Tanz, hier im Reggae-Offbeat mit hessischem Text über die Bösen Buben (die "Biese Bouwe") aus dem Nachbardorf.
Köstlich! Man fragt sich permanent, in welcher Sprache denn da eigentlich gesungen wird. Vorsicht, Ohrwurmgefahr!

4. "Jolies Filles" - Beschwingtes französisches Chanson mit perlendem Gitarren-Groove, Pop-Geigen und Old-School-Bläsern. "Les femmes sont belles. Les magasins fermés !" "Die Frauen sind schön und die Geschäfte sind geschlossen!"
Mein Favorit. Einmal mehr dem gekonnten Einsatz der französischen Sprache zu verdanken. Dazu Lüül's Banjo... Hätte das Zeug zur Filmmusik!

5. "Across waters" - Ein kompletter Soundtrack in einem Stück - die persönliche Geschichte von jemandem, der versucht, einem Jüngeren erlebte Kriegswirren zu schildern.
Musikalisch eher schwach. Kaum Kontraste, anhaltend gleichbleibende Tonhöhe.

6. "Gimme dat harp boy" - Captain Beefheart goes John Cage! Oder: Blues goes Minimalmusik, mit Cello und Horn!
Ganz anders als alles bislang gehörte. Die komplexe Instrumentierung erschlägt einen regelrecht. Und Fluxus lässt grüßen. Großartig!

7. "Dorn" - Bo Diddley trifft auf Border-Mariachi mit einer Prise orientalischer Geige. Großstadt-Phantasialand!
Die Bläser geben hier die Linie vor. Der Refrain hält leider nicht das Niveau der Strophen.

8. "Singapore" - Filmmusik zu einer imaginären Reise durch die Basars einer fernöstlichen Metropole.
Reines Instrumentalstück. Banjo und Streicher haben die Oberhand, von der Babelsberger Klarinette umspielt.

9. "Blumen im Glas" - Entspannte Fortsetzung der Geschichte von der "Frau von ungefähr" ... eine chinesische Erhu verschmilzt mit Akkordeon, der Frau, dem Mann, dem Meer und allem, was da glänzt und zeitlos ist.
Gemeint ist der Opener des 2004er Erfolgs-Albums "Ifni". Kiki Sauer einmal - sehr poetisch - auf Deutsch: "Er sagt nichts und schaut nur / vom Fenster ins Licht / und wie sich der Abend / so zart ... in ihr bricht."

10. "Mädchen im Glück" - Der Sound von Berlin: Swing-Gitarre, türkische Baglama, jazziges Bläserarrangement und Mandoline.
Trotz lediglich spartanischen Einsatzes dominiert die singende Säge das Stück.

11. "Moi" - Sixties-Soulbass wie die Titelmusik zu einer düsteren Fernsehserie.
Schwer zu definieren. Aber mit Sicherheit nicht düster.

12. "The train" - Zeigt wie nah sich Musik ist ... afrikanisch inspirierte Gitarren, Banjo und Cajun-Akkordeon buhlen um die Gunst. Alles wird mit einem mal so leicht: "He's got pounds of nothing in a box, it's so heavy, I'd throw it away - lalala."
Eine gute-Laune-Nummer. Folklastig und betont beschwingt.

13. "Herz auf der Zunge" - Atmosphärische Ballade. Lesliegitarre und Trompete wetteifern darum, ob sie zusammen leiser spielen können als die Kalimba!
Das richtige Lied an der richtigen Stelle. Die 17 Hippies verabschieden sich mit Melancholie.

Wer sich jetzt erschlagen fühlt ob der Vielfalt an Stilistik und Themata, kann beruhigt werden. Das Ganze umspannt natürlich ein imaginärer Rahmen, oder wie die Band es nennt, ein "sehr eigener Geist, der dies alles umweht"... Dennoch reicht die Bezeichnung "Weltmusik" wohl nicht mehr aus, um all das irgendwie in ein gängiges Genre einordnen zu können. In Zeiten (oder etwa in einem Alter?), in denen es immer schwieriger zu werden scheint, richtig gute neue Musik für sich zu entdecken, kommt das gerade recht. Hier wird zwar nichts neu erfunden, eine gewisse Innovation haftet dem Werk aber gleichwohl an.
Ein - durchaus schwerwiegendes - Manko gilt es dennoch zu beklagen: die Platte klingt in meinen Ohren bisweilen steril, um nicht zu sagen kalt, technisch. Auch der vielzitierte "Groove" erschließt sich erst nach häufigem Hören. Den Grund dafür habe ich aber auch schon ausmachen können: die 17 Hippies sind und bleiben nun mal primär eine Live-Band. Wer das je erlebt hat, den alles antreibenden Kontrabass (der auf der CD leider kaum wahrzunehmen ist) inmitten des restlos begeisterten und tanzenden Publikums, setzt seine Maßstäbe dort. Und das scheint offenbar auf eine Studio-CD nur schwer transformierbar.
Damit ist auch meine eingangs gestellte Frage beantwortet. Ich habe insoweit übrigens alles richtig gemacht.
(Rüdiger Lübeck)

 


   
   
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