fischerzeit 20121216 1169674956 Titel:
Interpret:
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VÖ:

Titel:

"Zeitreise"
Veronika Fischer
Koch / Universal
25. November 2011

- Was ist dabei
- Nachts
- Sommernachtsball
- Ein Blick, ein Kuss
- Mein seltsames Leben
- Guten Tag
- Lied vom Schnee
- Sommerbild
- Auf der Wiese
- Weit über's Meer
- In jener Nacht
- In uralter Zeit
- ...dass ich eine Schneeflocke wär

Wenn man einen runden Geburtstag oder ein Jubiläum hat, dann darf man auch gerne mal eine "Zeitreise" unternehmen. Im Fall von VERONIKA FISCHER dürfte diese Zeitreise eine sehr lange, spannende und umfangreiche werden, denn mit nunmehr (diese CD mitgerechnet) 21 eigenen Studio- und Live-Alben, dazu noch den Platten mit der Gruppe PANTA RHEI, sowie den unzähligen Best Of-Kopplungen hat die blonde Sängerin eine große Auswahl an tollen Liedern und Tonträgern im Gepäck. Einige ihrer Platten haben leider nicht immer die Beachtung gefunden, die sie verdient gehabt hätten. Das lag aber nie an der Künstlerin oder ihrer Musik, sondern an der seit Jahren schon kränkelnden Medienlandschaft mit fehlenden Auftrittsmöglichkeiten für einheimische Künstler abseits des volkstümlichen Gerümpels und den gleichgeschalteten Radiostationen, die sich immer nur dann an die einheimischen Musiker scheinheilig erinnern, wenn wieder einer davon gestorben ist. Andere ihrer Platten und CDs zählen inzwischen zu den Klassikern der Deutschrock- und Deutschpop-Geschichte. Doch wo fängt man an und wo hört man auf, um auch nur ein ansatzweise rundes Bild über das Schaffen der VERONIKA FISCHER zu zeichnen?

VERONIKA FISCHER ist für meinen Geschmack eine der großartigsten Sängerinnen unseres Landes, die ihre Vielfalt in Stimme und Vortragskunst in all den Jahren ein ums andere Mal auf ganz hohem Niveau unter Beweis gestellt hat. Irgendwem etwas beweisen muss sie ganz bestimmt nicht mehr! Zu groß (in jeglicher Hinsicht) ist das bis heute veröffentlichte Repertoire, denke ich da z.B. an die Songs, die sie mit PANTA RHEI eingesungen hat, die ersten Titel, die sie zusammen mit dem großartigen FRANZ BARTZSCH geschrieben hat, ihre Lieder aus den 80ern nach dem Umzug in die BRD oder die, die nach der Wende bis heute entstanden sind. Ich bin mit VERONIKA FISCHER und ihrer Musik groß geworden, genau wie mit der von KARAT und Herwig Mitteregger. Umso erfreuter bin ich immer, wenn es etwas Neues von der Fischer gibt. Und obwohl "Zeitreise" viele bereits bekannte Songperlen enthält, so ist es doch NEU und ANDERS! Bekannte Töne mischen sich hier mit neuen und bisher unbekannten Klängen. Neu arrangierte Klassiker wie z.B. "Sommernachtsball", "Auf der Wiese" und "...dass ich eine Schneeflocke wär" harmonieren neben Songs jüngeren Datums, wie z.B. "Lied vom Schnee" und "Sommerbild" und zwei ganz neuen Songs ("Ein Blick, ein Kuss" und "Mein seltsames Leben"). Besonders spannend bei der Sache ist, dass alle neu eingespielten Lieder nicht nur klanglich einen neuen Anstrich bekommen, sondern dabei auch ihre Zeitlosigkeit behalten haben. "Nachts" ist ein von Herbert Dreilich (KARAT, + 2004) geschriebener Klassiker der Gruppe PANTA RHEI von 1973. Es ist erstaunlich, wie gut es gelungen ist, den musikalischen Geist der damaligen Zeit in das Heute zu übertragen und dieses Lied so wunderbar neu aufzunehmen. Hier ist ganz besonders deutlich zu hören, dass Veronika Fischer auch heute noch die kraftvolle und unverkennbare Stimme hat wie einst. Wenn in 40 Jahren irgendwas anders geworden ist und sich möglicherweise zu seinem Nachteil entwickelt hat, so ist es die Stimme der Fischer ganz sicher nicht. Wunderschön und mit Gänsehautgarantie! Wenig Änderungen sind im Lied "Sommernachtsball" zu bemerken. Im Großen und Ganzen ist das Lied so belassen worden, wie es sich Franz Bartzsch 1977 ausgedacht hat. Es sind die Feinheiten und besonderen Merkmale, die die Studiomusiker von Veronika mitbringen, und die bei der neuen Aufnahme herausstechen. Wo wir beim Thema sind: die Musiker! Dass dieses Album so ist, wie es ist, liegt ganz sicher auch an der Auswahl von Vronis Begleitmusikern. Da hört man z.B. an den Gitarren keinen Geringeren als Michael Lehrmann, dem man nur 'ne olle Klampfe in die Hand drücken muss und dann zuschauen und -hören kann, wie er daraus die schönsten Töne hervorzaubert. Am Schlagzeug sein Sohn Felix, der erst kürzlich mit seinem eigenen Projekt und Album auf ganzer Linie überzeugt hat. Außerdem am Bass Peter Inagawa, dessen markantes Bassspiel man erst kürlich noch auf der Geburtstags-Tournee von Klaus Lenz hören und bestaunen konnte.
Die neue Version von "Auf der Wiese" bringt dagegen ein paar Veränderungen mehr mit. Die Nummer ist vom Beat und den Gitarren her etwas folkiger geworden wie das Original, und weiß mit der Frische und der zeitlos schönen Melodie sofort wieder zu überzeugen. Ein unkaputtbares Stück, dass auch heute gut und gerne noch mal ein Hit werden könnte und sich wohl niemals verbrauchen wird. Ein weiteres Mal Gänsehaut garantiert das Duett von Vroni mit Dirk Zöllner beim Song "In jener Nacht". An dem Stück haben sich bis heute gefühlt 30 Interpreten versucht, doch keiner bekam es so hin wie die Fischer und Franz Bartzsch in den 70ern. Diese neue Version kommt dem Original so nah, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen. Gleichzeitig fördert diese Version eine weitere Erkenntnis zu Tage: Dirk Zöllner ist der ideale Duett-Partner für VERONIKA FISCHER. Seine soulige und wandelbare Stimme harmoniert so perfekt zu der von Vroni, dass man sich ein komplettes Album der beiden wünscht.
"Ein Blick, ein Kuss" ist eines von zwei neuen Songs auf der Scheibe. Schon beim ersten Hören geht die Nummer unter die Haut. Die Melodie und das Arrangement überzeugen genauso wie der Text von Thomas Woitewitsch. Die Melodie bleibt sofort im Ohr und man ertappt sich nach dem Hören dieser CD immer wieder dabei, wie man den Refrain-Teil vor sich her summt. Ein untrügliches Zeichen für einen Radio-Hit! Musikalisch komplett gegensätzlich ist die zweite neue Nummer "Mein seltsames Leben". Die Musik versprüht einen Hauch von Kleinkunstbühne, von einem Nachmittag in einem der Straßencafés von Paris und von großen Chansons des letzten Jahrtausends. Der wohl autobiographische Text ist der Fischer von Gisela Steineckert wie auf den Leib geschrieben worden ("Mein seltsames Leben / Weit fort von der Wiege / Gab Trauer und Siege / Das kennt jedermann / Ich nahm und gab / Ich nahm und gab / Und halt was ich hab"). Die schlichte Instrumentalisierung mit dem dezenten Schlagzeug, dem im Vordergrund stehenden Klavier und dem von Gastmusiker Tobias Morgenstern gespielten Akkordeon machen aus der Komposition von Andreas Bicking eine runde Sache. Man schließt die Augen und sieht förmlich vor dem geistigen Auge die vielen Stationen von VERONIKA FISCHER aus 40 Jahren Karriere ablaufen. Ein schöneres Geschenk als dieses Lied in seiner Gesamtheit konnte sich die Sängerin selbst gar nicht machen. Wunderbar!
Und so gibt es noch weitere, insgesamt 13 Lieder, die alle ein eigenes und großartiges Kunstwerk sind. Mir persönlich fehlt hier die eine oder andere Nummer aus den 80ern, aber die Sängerin wird sich schon etwas dabei gedacht haben, diese Dekade auszusparen.

Es ist wunderbar zu hören, wie sich VERONIKA FISCHER spielerisch und gewohnt gekonnt auf diesem Album in all ihrer künstlerischen Pracht zeigt. Es ist oft ein Zeichen von Einfallslosigkeit, wenn Künstler oder Bands zu einem Jubiläum mit einem Album um die Ecke kommen, auf dem entweder die alten Lieder lieblos 1:1 übernommen oder mit dem Zeitgeist hinterherhechelndem und unsäglichem Bumm-Bumm-Gekloppe aus dem Computer verhunzt wurden. Es gibt einige, die sich daran kräftig verhoben und ihre Fans mit diesen Neueinspielungen mehr vergrault als beschenkt haben. Nicht so VERONIKA FISCHER! Sie verzichtet darauf, in anderen Teichen nach neuen Fischen zu angeln. Sie konzentriert sich auf ihre Stärken, und ihr erlaubt man es gerne, ihre alten Songs neu einzuspielen! Denn sie hat auf den Alben der letzten Jahre immer wieder einen Klassiker in ein neues Soundkleid gesteckt, damit immer für eine Überraschung gesorgt und auch stets eine gute Figur gemacht. Es ist gar nicht so einfach, bekannte und einstmals erfolgreiche Lieder so liebevoll neu zu arrangieren, dabei immer den Nerv des Hörers zu treffen und den Geist des Originals immer zu bewahren. Mit "Zeitreise" ist der Künstlerin ein wunderbares Album gelungen, an dem man richtig viel Spaß haben kann. Mal spritzig und flott, dann auch mal verspielt oder nachdenklich... Die Scheibe ist zeitlos wie all ihre Lieder, und hat für jeden Moment den passenden Ton. Die Mischung aus Pop, Chanson und Rockmusik, die hier zu hören ist, stellt ein eigenes Genre dar. Eine Schublade wäre der Fischer sowieso zu eng. Mehr davon!
(Christian Reder)

 


   
   
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