waggerssoist 20130102 2015864084 Titel:
Label:
VÖ:

Titel:

"So ist das Spiel"
Ariola
5. März 2010

1. Sonne im Westen
2. Der alte Wolf wird langsam grau
3. Dein Lächeln beim Abschied
4. Was soll ich dir sagen
5. Für dich
6. Ich will zurück zum Bodensee
7. Endloser Sommer
8. 1000 Küsse leicht
9. So ist das Spiel
10. Die Zeit wartet niemals
11. Und sie sahen sich nur an
12. Babylon Avenue


Rezension 1:
Fragt man bei Musikfreunden nach dem Namen Stefan Waggershausen, so dürfte der größte Teil der Befragten etwas mit dem Namen anzufangen wissen. Das ist auch kein Wunder, denn er war 20 Jahre mit regelmäßigen Plattenveröffentlichungen, Konzerten und Medienpräsenz fast durchgängig ein Teil der deutschen Musikszene. Nun war er aber 14 Jahre weg und kommt heuer mit einem Album voller brandneuer Songs zurück... Aber war er wirklich so lange weg vom Fenster? Nein! Nur weil kein Album erscheint, ist man nicht untätig. Abgesehen davon sind zwischen 1997 und heute sehr wohl Alben erschienen, nämlich zwei Kopplungen, auf denen immer neue Titel enthalten waren. Dazu einige Singles wie z.B. "Fliegen mit dem Zeppelin" (2003) oder "Solang du jung in deinem Herzen bist" (2000). Nicht zu vergessen sein Musical bzw. Musikmärchen "Wolke 7", das er mit tatkräftiger Unterstützung namhafter deutscher Musiker auf die Bühne gebracht und damit gleichzeitig ein sehr junges und ein älteres Publikum begeistert hat. Dazu war Stefan mit seiner Tätigkeit für die GEMA und als Filmmusikkomponist sehr wohl fleißig und viel beschäftigt. Jetzt wird es aber Zeit für eine neue Langrille (die neue Platte erscheint tatsächlich auch als Vinyl) auf der durchweg brandneue Songs "Made by Waggershausen" zu finden sein werden.

Auch wenn nach wie vor "die Sonne im Westen" aufgeht und bei Waggershausen "alles im Fluss ist und sich ändert...". Stillstand hat es also auch in den vergangenen 14 Jahren nicht gegeben. Die neue Platte beinhaltet 12 Songs, die unterschiedlicher und doch wiedererkennbarer nicht sein können. Typisch Waggershausen eben. Hier besticht nicht nur die Musik, geprägt von Stefans 1936er Gibson ES-150, sondern auch die Texte, die durch die Bank etwas zu erzählen haben und den Hörer mit auf eine Reise in das echte "Abenteuerland" nimmt, nämlich in das von Stefan Waggershausen. Zu lange hat seine besagte 1936er Gibson-Gitarre in der Ecke gestanden und "sich gelangweilt". Sie forderte ihn förmlich heraus, sie endlich wieder zu benutzen und neue Songs zu schreiben. Und dabei stellte Stefan fest, dass manchmal nichts passiert, wenn man detailliert ein neues Album plant. Eher unverhofft sei "So ist das Spiel" und die darauf enthaltenen Songs entstanden. Unverhofft aber nicht unausgegoren und plötzlich gibt's im Westen dann doch was Neues! Knackig frisch kommt uns die Scheibe daher. Typischer Waggershausen-Sound im neuen Jahrtausend, neuer, anders, reifer aber doch vertraut und sofort ins Ohr und Herz gehend. Als ich die Platte gestern bekam, habe ich sie gleich zweimal gehört, am Folgetag gleich nochmal. Begeistert ist man nicht nur von der Musik, sondern auch von den Gästen. Wer Waggershausen kennt weiß, dass er sich gerne Verstärkung mit ins Studio nimmt. Waren es einst Alice, Viktor Lazlo, Ofra Haza und Maria Conchita Alonso, so sind es heute Jan Josef Liefers, Sasha, Henning Wehland (Söhne Mannheims), Annett Louisan und (man höre und staune) 27 Jahre nach ihrem gemeinsamen Hit "Zu nah am Feuer" auch wieder Alice. Gleich drei Gäste auf einen Schlag bekommt man bei dem über 6-minütigen Sommerhit-Anwärter "Endloser Sommer" zu hören. Mit südstaatenangehauchter Musik reißt uns der vierköpfige Männerchor aus dem Winter. Der Beat läßt den Fuß automatisch wippen und schon nach zweimaligem Hören des Refrains geht einem der Song nicht mehr aus dem Ohr. Sowas nennt man wohl Ohrwurm! Ebenso wie "Endloser Sommer" im "Lousiana"-Stil ist der Song "Der alte Wolf wird langsam grau" gehalten. Die Gitarren und die Geschichte stehen hier eindeutig im Vordergrund. Eine vertonte Metapher der Extraklasse, ein typischer Waggershausen-Song mit hohem Anspruch und ebenso hohem Wiedererkennungswert.

So richtig vom Hocker gehau'n hat mich der Song "Die Zeit wartet nicht". Eine ruhig dahinplätschernde Ballade mit Gänsehaut erzeugendem Gitarrenspiel und Text. Sphärisch, mystisch, hypnotisch... saustark!!! Keine Sekunde der 7-minütigen Song-Granate möchte man missen. Dieser Song verlangt förmlich danach, ihn sofort nochmal zu hören, wenn er zu Ende ist. Die Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" im Refrain bekommt man am Ende des Titels auch beantwortet. Hinhören, genießen, wegfliegen und in diesen Song verlieben. Ganz großes Kino für die Ohren!
Auch bei "1000 Küsse leicht" gibt's eine Gänsehaut-Garantie. Ein Song über's Älterwerden, über die Biographie einer Frau und eine Geschichte, in der sich sicher viele wiederfinden werden. Eine wunderschöne, ruhige Ballade mit Unterstützung von klassischen Instrumenten (u.a. Streicher), die ihren Hörer durch detailverliebte Perfektion bis ins Detail und ihrem Inhalt direkt zu überzeugen weiß.
Etwas jazzig angehaucht und mit dem typischen Gitarrensound dieser CD empfängt uns "Was soll ich dir sagen". Der Pressetext sagt zu dem Song: "...ein Dokument für eine zufällige Begegnung der besonderen Art am Mailänder Flughafen". Eine weitere Geschichte des Weltreisenden Waggershausen, von ihm in Worte und Sound gekleidet. Unterstützt wird Stefan von Alice als Duettpartnerin. Lasziv haucht uns die Italienerin in ihrer Landessprache ihren Part ins Ohr. Eine unglaublich knisternde Stimmung, die dieser Titel erzeugt...

Man könnte endlos weiter über die Songs auf "So ist das Spiel" schreiben, aber man will dem neugierigen Hörer auch nicht jede Frage beantworten. Fakt ist, dass es Waggershausen auch mit seinem 12. Studioalbum gelungen ist, ein zeitloses Werk zu erschaffen. Waggershausen läßt sich keinen Zeitgeist aufzwingen, er hat es nicht nötig, neuzeitliche und schnelllebige Soundtüfteleien in seiner Musik zu verbraten. "So ist das Spiel" ist handgemachte, echte und ehrliche Musik, gemacht von Menschen für Menschen. "So ist das Spiel" ist ein Album, dem man anhört, dass der in diesem Monat altersmäßig rundende Songwriter auch nach so vielen Jahren Musikerdasein noch immer heiß ist auf Musik, Lust hat Songs zu schreiben und gewillt ist, seinen Fans das zu geben, was sie haben möchten: Eine Platte, bei der es die "Liebe auf den ersten Ton" geben wird. Das Album zählt zu den stärksten, die er je gemacht hat. "So ist das Spiel" hat eindeutig das Zeug dazu, einer der Überraschungserfolge des Jahres zu werden. Vertrautes aber Neues von einem Mann, der in den letzten Jahren so schmerzlich vermisst worden ist. Stefan mag älter werden, aber seine Musik und seine Stimme sind zeitlos, jung und gewohnt hochklassig. Alles fließt, alles verändert sich... umso schöner ist es, dass manche Dinge doch so konstant auf einem hohen Level bleiben und sind, wie sie schon immer waren!
(Christian Reder)


Rezension 2:
In den 80er Jahren galt der gebürtige Friedrichshafener STEFAN WAGGERSHAUSEN als einer der erfolgreichsten Gratwandler zwischen Deutschpop, Schlager und Chanson. Der scheue Hochbegabte präsentierte seinerzeit Bitterböses ("Es geht mir gut", "Und der Teufel schaut mir über die Schulter"), Verträumtes ("Hallo Engel", "Mitten ins Herz"), beißend Ironisches ("Café Royal", "Bitte Herr Doktor"), Nächtlich-Urbanes ("Zu nah am Feuer", "Wenn es so sein soll") oder einfach nur Liebevolles ("Ich hab in mir 'ne Überdosis von Dir", "Anna mit Alarm im Herzen").
In der Folgedekade entdeckte der studierte Psychologe US-amerikanischen Folk, Blues und Swamp Rock im Sinne etwa eines Willy de Ville, John Fogerty oder Tony Joe White für sich. Die Alben "Louisiana" (1995) oder "Unter'm Cajun-Mond" (2004) waren wahre Meisterwerke, kommerziell, wie gleichsam qualitativ höchst erfolgreich.
In den letzten Jahren hatte sich der "Sanfte Rebell" (so nannte sich eine ausgezeichnete LP aus 1982) allerdings rar gemacht. Stefan konzentrierte sich auf seinen Musikverlag, die Produktion von Filmmusiken, das Schreiben von Drehbüchern und seine Tätigkeit als Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA - neue CDs mit neuen Songs blieben aus. Und nun das: Der 61-jährige Familienvater geht bei Ariola/SONY nach langer Zeit mit einem brandneuen Album an den Start: "So ist das Spiel" beinhaltet zwölf oft episch ausufernde - bis zu acht, neun Minuten lange - Klangdramen, stilistisch angesiedelt eher bei Stefans "Louisiana"-Phase, als beim Schlager-Chanson der 80er.
Blues, Slide-Gitarre, knochentrockener Südstaaten-Rock beherrschen das Geschehen; Ex-Teenager-Idol Sasha, die sachsen-anhaltinische Deutschpopperin Annett Louisan, NDW-Legende Nena und sogar die italienische Chanteuse Alice, mit der der Künstler 1984 den Tophit "Zu nah am Feuer" aufgenommen hatte, sind als Duettpartner und/oder ChorsängerInnen mit von der Partie, die besten Studiomusiker Deutschlands, von Prof. Peter Weihe (git, bg) über Udo Arndt (perc.) bis Kristian Schultze (pi, key) geben sich ein Stelldichein.

Der Eröffner von "So ist das Spiel", "Sonne im Westen", erinnert hinsichtlich Gitarrenspiel an die "Dire Straits" bzw. Mark Knopfler. Latenten Bluesrock - sacht, aber zugleich deftig - legt die erste Radiosingle aus vorliegender Silberscheibe, "Der alte Wolf wird langsam grau", an den Tag, wobei darauf hingewiesen werden muß, daß dieser Titel nichts mit dem gleichnamigen Chanson von Hildegard Knef (2008 kongenial gecovert von Blues-Brummbär Klaus Lage) gemein hat, das damals von Hans Blum alias "Henry Valentino" verfasst worden war. Zwischen knisterndem Blues und sanfter, nächtlicher, morbider Ballade verbleibt, knapp acht Minuten lang, das so abgeklärte, wie zerbrechliche Epos "Dein Lächeln zum Abschied". Ein Lied, das tief in das Seelenleben des Interpreten blicken lässt, extremst intim wirkt, aber dennoch auch für alle interessierten Zuhörer nachvollziehbar ist. Ebenso melancholisch und nachdenklich ertönt, unterstützt von Gaststar Alice, die gesungene Depression "Was soll ich Dir sagen". Weitaus positiver erklingt dagegen der Gitarren-Slow-Blues "Für Dich", den Stefan zusammen mit Nena intoniert.

Einen gewissen Lokalpatriotismus - wenn auch augenzwinkernd dargeboten - beschreibt der witzige Talking Blues "Ich will zurück zum Bodensee" - darin geht es um einen Mann, der sich Jahrelang auf Odyssee durch ferne Länder begeben hatte und auf einmal wiederum Sehnsucht nach seiner Heimat bekommt und genau dorthin zurück möchte. Da Stefan bekanntlich aus Friedrichshafen stammt, einer Stadt eben am Bodensee gelegen, dürfte es sich bei hier vorgestelltem Titel um ein mehr als nur autobiographisch geprägtes Lied handeln.
Eine spannende Mixtur aus Rockabilly und Chanson, stellt der "Endlose Sommer" dar, eine sechsminütige Reminiszenz an den "Summer of Love" 1968 - ein Akkordeon (gespielt von Ludwig Seuss, seines Zeichens seit 1987 aktives Mitglied der Bayernrocker "Spider Murphy Gang") verfeinert die rasante, eingängige, locker-legere Melodie - Sasha, der Dresdener Schauspieler Jan Josef Liefers und der Münsteraner Rockmusiker Henning Wehland von den "H-Blockx" begleiten hierbei den unberechenbaren Friedsrichshafener Pop-Chansonnier gesanglich.

Um den emotionalen Werdegang einer offenkundigen Traumfrau namens ‚Ramona' dreht es sich in der wiederum über sechsminütigen Klangelegie "1000 Küsse leicht" - eine Frau, vermutlich sehr unglücklich, eine verkannte Schönheit - mit 17 glücklich, wegen all ihrer Verehrer, mit 34 mittendrin im Leben, besitzt sie alles, was man/frau nur haben kann, mit 43 ängstlich vor dem Altern - und vielleicht 20 Jahre später niederschmetternd "Der Spiegel lügt sie nur noch schön..." (Textzitat) - eines Tages steht ‚Ramona' zum letzten Mal vor dem Spiegel. Offenkundig begeht sie danach Suizid - und ihr Herz war in diesen, alles entscheidenden Sekunden "1000 Küsse leicht"... Eine genialische psychologische Analyse einer Frau, die Du lieber Stefan, womöglich persönlich getroffen hast?
Auf den sehr philosophischen Titelsong "So ist das Spiel" folgt ebensolches: "Die Zeit wartet niemals" ist depressives Grübeln pur - aber äußerst gekonnt, trefflich und zum Nachdenken anregend umgesetzt.
"Und sie sahen sich nur an" erzählt authentisch von der Trennung eines Paares. Stefan thematisiert die letzten Stunden, bevor ein Mann seine Frau und Kinder verlässt - in einer Offenheit und Formulierungskunst, die ihresgleichen lange suchen kann.
Kryptisch, verklausuliert, trifft man sich schlußendlich auf der "Babylon Avenue" - acht Minuten lang eine Reise in das Land der "Nebukadnezar", der vier babylonischen Könige aus der Zeit vor Christi Geburt.

"So ist das Spiel" ist ein - im positivsten Sinne der Worte - schwerfälliges, wie schwermütiges Album geworden. Stefan Waggershausen verarbeitet hierauf Persönliches, Erlebtes, Erdachtes - und dies in prägnantester Form. Die von ihm durchwegs selbst verfassten Texte sind phänomenal; die Kompositionen jedoch untereinander allzu ähnlich. Es ist zuwenig Melodie vorhanden, es sind letztlich Gedichte - phantastische, keine Frage -, die mit einwenig Musik unterlegt wurden.
Es ist ein Album, das bestimmt sehr polarisieren wird, das nicht alltäglich ist - ein reifes Alterswerk mit hoch intelligenten, teils von Selbstzweifeln geprägten, teils immens gefühlvollen Texten bester Güteklasse - wenn auch schwerverdaulich und zum Nachdenken anregend.
Der Rezensent ist sehr gespannt, wie "So ist das Spiel" beim ‚breiten Publikum' ankommt. Garantiert eines der vielseitigsten, meist diskutierten deutschen Popalben des Jahres 2010!
(Holger Stürenburg)

 


   
   
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