Duo handinhand: "Lust auf Genuss" (CD Album)

lp05 20170512 1455129046VÖ: 19.05.2017; Label: Hey!Blau Records; Katalognummer: 4260314037383; Musiker: Beate Wein (Gesang, Tasteninstrumente, Schlagzeug, Percussion), Annett Lipske (Gesang, Tasteninstrumente, Schlagzeug, Percussion); Gastmusiker: Christian "Zippel" Cieplik (Gitarre), Lili Rode (Gesang), Dresdner Gnadenchor (Gesang), Andreas Klottig (Querflöte), Stefan Other (Violincello, Pfeife, Gesang), Olaf Mücke (Gitarre), Torsten Schroth; Produzent: Torsten Schroth; Bemerkung: CD Album im Digipak - alle Texte im beiliegenden Booklet;

Titel:
Was geht ab • Lust auf Genuss • Von der Muse geküsst • Aufräumen • Autopilot • Sommernachtsgewitter • Zimtschnecken • Kann mich nicht erinnern • Flut • Mehr dran • Genug • Bleiben


Rezension:
Frau Wein und Frau Lipske musizieren seit knapp 14 Jahren gemeinsam unter dem Namen handinhand. Das waren 14 tolle Jahre. Besonders für uns, ihre Hörer. So eine Musik kann man nur machen, wenn man seine Energien bündeln und all die eigenen Ideen in das gemeinsame Projekt fließen lassen kann. Diese Einstellung ist der Vielzahl von Selbstdarstellern, die gern als Einzelperson in der Sonne stehen möchten, natürlich unbekannt. Die beiden Frauen hingegen sind Seelenverwandte, wie sie selbst von sich sagen, und das scheint tatsächlich so zu sein. Zumindest sind sie sowas wie gentechnisch unterschiedliche Zwillinge oder Synchron-Lebende, die sich ein Herz teilen ... Beide kennen sich seit vielen Jahren, sind sich einig, ticken musikalisch gleich und pflanzen sich sogar zeitgleich fort. Beide bekamen 2010 einen Sohn. Natürlich jede für sich einen eigenen. Nun ist das nächste Baby da. Es ist rund, auf der unteren Seite silberfarben, bringt 12 neue Lieder mit und heißt "Lust auf Genuss".

Vieles auf dem neuen Album wirkt vertraut, wenn man die anderen Alben des Duos kennt, und doch so anders. Was geblieben ist, ist definitiv das immer wieder sehr gelungene Design des handinhand-CD-Covers. Es wurde einmal mehr von der Potsdamer Malerin Julia Brömsel auf ganz wunderbare Art und Weise gestaltet. Wie schon bei den drei vorher veröffentlichten CDs ist sie mit ihrer Kunst auch jetzt wieder mit von der Partie, und hat mit dem Cover ein weiteres Kunstwerk erschaffen. Musikalisch und inhaltlich haben Beate Wein und Annett Lipske mehrere Schritte nach vorn gemacht. "Back to Dreck" ist bereits ein geistreiches, substanzhaltiges und voll guter Ideen steckendes Album, und bei "Lust auf Genuss" setzt das Duo handinhand noch eins (oder auch zwei) oben drauf.
So könnte "Zimtschnecken", ein von den beiden Mädels, verstärkt durch Stefan Other, nur a cappella vorgetragenes Lied, auch stellvertretend für dieses voll guter Einfälle und exzellenten Variationen steckende Album stehen. Der Text besteht nur aus den Zutaten für - wie der Name des Songs ja durchaus schon verrät - Zimtschnecken. Hört sich auf den erste Blick unspektakulär und langweilig an? Ist es aber in keiner Sekunde. In dieser Nummer steckt so viel Spritzigkeit, wie ich sie bei den Wise Guys zuletzt so schmerzlich vermisst habe. Das Lied besticht außerdem auch dadurch, dass hier auf jegliches Instrumentarium verzichtet wurde und es dennoch so lebendig ist.
Auch die von Gerhard "Gundi" Gundermann getextete und von Ritchie Barton, Uwe Hassbecker (beide SILLY) und Gundi komponierte Ballade "Ich kann mich nicht erinnern" ist in einer handinhand-Version auf dem neuen Album zu finden, und sticht für meinen Geschmack etwas heraus. Eine von Olaf Mücke gespielte Gitarre unterstützt die vom Klavier begleitete, ganz wunderbare Interpretation von Beate Wein, und das wohlige Gefühl tief in einem wird in jedem Augenblick stärker. Das ist unbeschreiblich schön, was den Damen hier gelungen ist, und in der Form machen für mich auch Coverversionen Sinn.
Besonders viel Spaß macht auch der Opener "Was geht ab". Das Stück mit seinen treibenden Beats und dem feinen Sound des Fender Rhodes Piano ist gewürzt mit einer von Christian "Zippel" Cieplik gespielten Gitarre, reißt mit, löst bei seinem Hörer umgehend einen gesteigerten Bewegungsdrang aus und am Ende der 3:20 Minuten ist man regelrecht muffelig, dass es schon zu Ende ist. Das hätte gern noch zwei bis zwanzig Minuten so weitergehen können. Nur gut, dass der CD-Player eine Skip-Taste hat, mit der man nochmal von vorn beginnen kann.
"Aufräumen", mit seinem schon in Richtung Jazz gehenden Arrangement, behandelt das "Klar-Schiff-Machen" im Kopf und in der Wohnung, und bringt einen Refrain mit, der sich als Ohrwurm ins Gedächtnis brennt. Von da will er für den Rest des Tages auch nicht mehr weg und begleitet Dich bis zum Abend. Aber nicht als lästiges Anhängsel, sondern als Gute-Laune-Spender.
Die Ansagen eines Navigationssystems werden in "Autopilot" zum Songinhalt. Bei dieser vom Beat her zügigen und vom Klavier in einer rastlosen Stimmung gespielten Nummer darf jeder für sich entscheiden, ob es hier um eine Wegbeschreibung oder um das Navigieren durchs eigene Leben geht (siehe auch Videoclip unten).
Wer es etwas ruhiger mag, findet in "Sommernachtsgewitter" das, wonach er sucht. Getragen und entschleunigt arrangiert kann man sich für fast fünf Minuten einfach mal fallen lassen. Auch "Mehr dran" sorgt für ein paar ruhige Töne in diesem an Abwechslung nicht gerade armen Programm.
Ein krasser Gegensatz dazu ist "Flut", das von der Musik und der Vortragsweise aufgewühlt ... ja fast schon zornig daher kommt. Ein unruhiges Klavier, ein hektisch gespieltes Schlagzeug und die von Christian Cieplik gespielte Gitarre sorgen dafür, dass man bei geschlossenen Augen tatsächlich eine stürmische See ins Kopfkino projiziert bekommt.
Hat "Lust auf Genuss" denn auch Schwachstellen? Ja! Der dem Album seinen Titel gebende Song nervte mich beim ersten Hören schon nach wenigen Sekunden. Das liegt daran, dass ich Bossa Nova absolut nicht mag. Ich finde diese Musik einfach grauenhaft, und darum empfinde ich dieses Lied auf der CD eher als Makel ... als schwächsten Punkt ... als überflüssig. Sorry!

"Lust auf Genuss" ist für meinen Geschmack das Beste der bisher vom Duo handinhand veröffentlichten Alben. Es wirkt insbesondere durch die ruhigeren Songs und die schöne Interpretation des Gundermann-Songs ein bisschen erwachsener, und hat dennoch so viel Verspieltheit und Jugendlichkeit in sich. Die Texte sind nach wie vor frisch, teilweise frech und in der Musik steckt unheimlich viel Liebe zum Detail und reichlich Überraschungen. Das, obwohl die Band hier ausschließlich mit dem Fender Rhodes Piano und Schlagzeug/Percussions arbeitet. Viel Farbe bringen natürlich die musikalischen Gäste mit ein. Gitarre, Flöte und Chöre verleihen der Musik natürlich noch mehr Tiefe. Aber das Haupt sind die beiden Stimmen, die so wunderbar miteinander harmonieren und perfekt zusammen passen. Hier hat sich besonders die Stimme von Beate Wein, die auf mich einen ganz besonders großen Reiz ausübt, als mein Favorit heraus kristallisiert. Ihr könnte ich stundenlang zuhören. Das muss ich bei Gelegenheit auch unbedingt mal live erleben.

Fazit: Das Duo handinhand ist weit weg von Oberflächlichkeiten und mitten drin im Tiefgang, auch wenn es - wie beim Vertonen eines Backrezeptes - nicht unbedingt auf den ersten Blick so zu sein scheint. Für das Radio sind die Lieder von "Lust auf Genuss" allerdings nicht gemacht. Da haben sie nichts zu suchen, und könnte Teile der Hörerschaft auch nur verwirren. Sie sind zu komplex für das auf Schlichtheit und Einförmigkeit gebürstete Programm und für Leute, die sich von Liedern nur noch berieseln lassen möchten statt genauer hinzuhören. Wer aber immer noch diese unstillbare "Lust auf Genuss" in sich spürt, sollte mal davon kosten, was Frau Wein und Frau Lipske da mit viel Herz zubereitet haben. Es schmeckt und ist bekömmlich. Aber Vorsicht: Es macht auch süchtig!
(Christian Reder)

 
 
 

Videoclip:





 
 

   
   
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