Herwig Mitteregger: "Sol Mayor" (CD Album)

lp10 20170225 2070822235VÖ: 03.02.2017; Label: Manoscrito Music/Edel; Katalognummer: MANO170707; Musiker: Alle Instrumente eingespielt von Herwig Mitteregger; Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak mit Abdruck aller Texte;

Titel:
Kammamasehn • Kann ja gar nicht sein • All die langen Nächte • Sommerwind • Für immer • Schmetterling • Messi im Verein • Alles ist gut • Serenade • Hellster Stern • Sieben Gazellen • Winnetou • Drama • Davon • Ich erleb nix mehr


Rezension:
Oft frage ich mich, was aus meinen musikalischen Idolen vergangener Jahre geworden ist, wenn ich lange nichts mehr von ihnen gehört habe. So ging es mir vor Kurzem, als mir das neue Album von HERWIG MITTEREGGER nebst Pressetext auf den Tisch flatterte. "Der macht noch Musik?", fragte ich mich ganz erstaunt. In den 80er Jahren habe ich seine Musik und die seiner Band SPLIFF rauf und runter gehört. Seine unverkennbare Stimme und sein Schlagzeugspiel hatten den Sound von SPLIFF doch maßgeblich mitgeprägt. Von Songs wie "Deja vu" oder "Herzlichen Glückwunsch" kannte ich jede Textzeile auswendig. Die MITTEREGGER Komposition "Carbonara" wurde 1983 zum Hit und hielt sich in Deutschland und Österreich wochenlang auf vorderen Plätzen. Dann sein Duett mit ULLA MEINECKE bei "Feuer unterm Eis". Da bekomme ich noch heute eine Gänsehaut, wenn ich das Lied höre. Doch das war's dann auch schon. Was der Mann nach seiner Karriere in den 80er Jahren so getan hat, habe ich nicht mehr verfolgt. Nun liegt mir das neue Album "Sol Mayor" vor, welches am 3. Februar 2017 erschienen ist. Laut Pressetext hat der studierte Schlagzeuger MITTEREGGER, der sonst vorrangig als Produzent für andere Künstler tätig ist, sein neues Album quasi in Personalunion eingespielt. Schlagzeug, Bass, Keyboards, Programmierung und Gitarre, ja selbst die Texte - alles kommt aus dem Hause MITTEREGGER. Diese Arbeitsweise verursacht keinen Streit mit Kollegen und der Perfektionist MITTEREGGER konnte solange an den Songs arbeiten, bis sie seinen eigenen Ansprüchen genügten.

Das Ergebnis kann sich hören lassen. Die Betonung liegt auf HÖREN. Als Konsument sollte man sich Zeit nehmen, genau hinzuhören. Nur so entfalten die 15 Songs ihre volle Wirkung. Der Crossover-Chansonier MITTEREGGER hat hier eine Reihe Songperlen hinterlassen, die es Stück für Stück zu entdecken gilt. In den Texten reflektiert er - oft in ironischer Weise - seine Sicht auf sich selbst und die Welt um sich herum. Die Texte sind heute eher lyrischer, als noch zu SPLIFF-Zeiten. Schon der erste Song "Kammamasehn", eine Mid-Tempo Nummer, die auf einem einfachen Gitarren-Riff basiert, hat das Zeug zum Ohrwurm. Vor allem der Refrain bleibt sofort haften. Inhaltlich setzt sich MITTEREGGER hier mit den "Möchtegern-Typen" auseinander, die wohl jeder von uns kennt.
Das Lied "Kann ja gar nicht sein" kommt dann weitaus melancholischer und relaxter daher. Aber auch hier besticht der eingehende Refrain der Titelzeile. MITTEREGGER besingt in dem Stück in sehr lyrischer Form auf die Auf und Ab's im Leben: "Mein Leben ist ein Kino in Farbe und Schwarz/Weiß. / Da ist der Sonnenuntergang, ich reite langsam rein. / Dann heulen die Coyoten, aus der Stille raus. / Es summt mein Smartphone SMS und der Traum ist aus. / Kann ja gar nicht sein..."
Würde man das Augenmerk auf Radiotauglichkeit legen, wäre das nächste Stück "All die langen Nächte" prädestiniert dafür. Mit fetten Keyboardsounds erinnern die ersten Takte im stampfenden 4/4-Takt fast an Musik von Wolfgang Petry. Doch zum Glück holt uns MITTEREGGERs Stimme sofort wieder zurück in seinem musikalischen Kosmos. Mit viel Dynamik lassen die Strophen Raum für den sehr schönen Text über eine verlorene Liebe.
Im Song "Sommerwind" dominiert wieder die Gitarrenbegleitung. Der Text erzählt von der Sehnsucht nach der Geliebten Jamie, die kilometerweit entfernt wartet. Ein schnelles Zusammenkommen wird durch einen langen Stau irgendwo zwischen Graz und Wien verhindert. Da bleiben vorerst nur die Gedanken an eine gemeinsame Sommernacht am Strand.
Das nächste Stück "Für immer" hätte auch gut auf eine SPLIFF-Scheibe gepasst. Ein düsterer Text über das ständige Rackern, bei dem jedoch nichts rüberkommt, wird mit einem straighten Rock-Rhythmus unterlegt. Die besungene Ausweglosigkeit wird dabei fast spürbar.
Die minimalistisch instrumentierte Ballade "Schmetterling" wartet mit einem Text auf, der es in sich hat. Über die Metapher des Schmetterlings, der konsequent nach Süden will, handelt das Lied vom Nicht-Erreichen von Lebenszielen, die man sich gesetzt hat. Bei "Messi im Verein" bleibt es düster, wieder spartanisch instrumentiert mit Akustik-Gitarre und Schlagzeug. "Alles ist gut" führt uns mit seinem romantischen Text und seiner wunderschönen von Pianoklängen untermalten Melodie wieder zurück an den Strand und zum Schwelgen in Erinnerungen.
Es folgt das Instrumentalstück "Serenade", das mir Rätsel aufgibt. Dieses sehr schöne Stück erinnert ein wenig an Musik von EINAUDI und will für mich nicht in den Kontext des Albums passen. Mit Titel 13 überrascht MITTEREGGER nochmals mit dem sehr kurzen Instrumentalstück "Drama". Auch hier frage ich mich, weshalb? Lückenfüller benötigt dieses Album nicht. Als solche sind die Melodien der beiden Stücke auch einfach zu schön. Vielleicht sollte HERWIG MITTEREGGER irgendwann ein Instrumentalalbum mit mehr solcher Musik veröffentlichen. Das Potenzial dafür ist offensichtlich vorhanden.
Doch zurück zu den betexteten Songs. Titel 10 - "Hellster Stern" - ist ein melancholisches Lied zur Gitarre über das "Durchhalten", das nachdenklich und zugleich optimistisch das eigene ICH reflektiert. Eines der für mich schönsten Lieder auf dem Album ist die bluesig angehauchte Ballade "Sieben Gazellen" mit einer stilsicheren Bar-Piano Begleitung. "Winnetou" lässt noch mal rockig laut die SPLIFF-Wurzeln deutlich werden.
Als vorletztes Stück gibt es die traurige Verlierer-Ballade "Davon", die wieder vom Akustik-Gitarrensound dominiert wird. Ordentlich rockig verabschiedet sich MITTEREGGER mit dem Stück "Ich erleb nix mehr". Man könnte vermuten, dass er in diesem Song mit seiner Vergangenheit als Rockstar abrechnet. Die Aussage "Ich erleb nix mehr" kann ich angesichts der vielen auf dem Album beschriebenen Themen sonst nicht glauben.

"Sol Mayor" soll laut Pressetext für die ältere, größere oder höhere Sonne stehen. Es kann sich aber auch auf die Tonart G-Dur (G Major) beziehen, die MITTEREGGER zu seiner Lieblingstonart auf der Gitarre erklärt hat. Mit "Sol Mayor" liegt ein vielschichtiges Album vor, das sich musikalisch irgendwo zwischen Singer/Songwriter und Rock bewegt und mit einer ganz eigenen Lyrik aufwartet. Es ist das ambitionierte neue Album eines gereiften Künstlers, der in der deutschen Rock-Szene immer noch etwas zu sagen hat.
(Bodo Kubatzki)




   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2017)