wesemann14 20140110 1019623995 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Nur so ein Gefühl"
Frank Wesemann
7US music
28. Februar 2014

1. Nur so ein Gefühl
2. Zuhause
3. 1.000 Meilen
4. Stopp die Zeit
5. Dunkle Wolken
6. Wut
7. Keine Ahnung
8. Die Sonne geht auf
9. Jetzt nicht mehr
10. Weil Du nicht wiederkommst
11. Mehr geht leider nicht
12. Von allen Seiten
13. Es tut mir leid
14. Worte
15. Besser





Ich liebe meinen Job bei Deutsche Mugge. Wir bekommen so viele CDs zugeschickt, dass es 365 Tage im Jahr, wie Weihnachten ist. Könnte ich mich nur über die Top 100-Albumcharts über Musik informieren, hätte ich schon längst mein Hobby aufgegeben und würde inzwischen wohl Briefmarken sammeln. Hier landen sehr viele Produktionen, von denen man nie erfahren würde, kämen sie nicht direkt zu uns. Ganz ganz viele dieser CDs stecken voller Hingabe und ehrlicher, handgemachter Arbeit ihrer Schöpfer. Dummerweise scheitert der kommerzielle Erfolg an der fehlenden Chancengleichheit auf dem deutschen Musikmarkt. Man ist immer wieder auf's Neue überrascht, wie viele Spielarten in der deutschen Musikszene zu finden sind und wie viele tolle Ideen eigentlich kaum Hörer finden, weil den kleinen Plattenfirmen - und somit den Musikern - das große Werbebudget eines Majorlabels fehlen. Immer wieder freuen sich meine Mitstreiter und ich, wenn wir Euch diese Perlen präsentieren können, die eigentlich unter meterdickem Morast schlummern und von denen die hiesigen und überbezahlten Medienvertreter keine Notiz nehmen, weil sie lieber Lady Gaga, Miley Cyrus und anderen fragwürdigen Gestalten hinterher hecheln. Eine dieser Perlen kam vor zwei Tagen mit der Post und lässt das neue Jahr richtig gut starten. Frank Wesemann, den wir Euch vor ein paar Tagen in der Rubrik "Insider Tipps" vorgestellt haben, veröffentlicht im Februar sein drittes Soloalbum "Nur so ein Gefühl" und wir durften uns die Scheibe vorab schon anhören. Ich bin sehr stolz, dass ich Euch diese Perle hier und jetzt vorstellen darf.

Der Niedersachse Frank Wesemann ist seit ein paar Jahren als Solist unterwegs. Seine Alben "Freiblick" (2009) und "Neues beginnt" (2012) sind zwei Stationen seiner Karriere, die absolut hörenswert sind und die wieder einmal die Frage in den Raum stellen, wieso bisher kaum jemand Notiz davon genommen hat. Sein neuestes Werk "Nur so ein Gefühl" erscheint im Februar bei seiner neuen Plattenfirma 7US music und es ist ihm zu wünschen, dass diese Scheibe ein breites Publikum findet. Die CD startet mit dem Titelsong des Albums "Nur so ein Gefühl". Ein knackiger Rocksong über das Verliebtsein. Da ist ein Typ, dessen Leben komplett aus den Angeln gehoben wurde, weil er sich in eine Dame verguckt hat. Sie jedoch weiß gar nichts davon, dass er wegen ihr kaum noch schlafen kann und auch sonst eher wie ein Zombie durch die Gegend rennt. Diesen Ausnahmezustand beschreibt Wesemann in seinem Stück als "nur so ein Gefühl". Klavier, rockige Gitarren und ein straffer Schlagzeug-Beat formen aus Wesemanns Gefühl des Verliebtseins eine erstklassige Deutschrocknummer, die die Latte für den Rest der Songs schon mal ziemlich hoch legt. Aber die Latte bleibt oben! Soviel sei an dieser Stelle schon verraten ...
Etwas Geschwindigkeit nimmt Wesemann beim zweiten Stück des Albums raus. "Zuhause" beschreibt die Situation einer Rückkehr in die alte Heimat. In den Ort oder das Dorf, in dem man groß geworden ist, seine Jugend verbracht hat, seine erste Liebe gefunden und diesen letztlich verlassen hat, weil es einem irgenwann dort "zu still" war. Dieses "zu still" kann für vieles stehen. Für die fehlende berufliche Perspektive in der Heimat, wie es ja viele Jugendliche und junge Erwachsene im Osten des Landes erleben müssen und wegen der es sie raus ins Land treibt. Oder aber für die Abenteuerlust eines jungen Menschen, der das Erreichen der eigenen Ziele in seiner Heimat nicht für möglich hält. Für was auch immer es steht, es geht um das nach Hause kommen. Um die Rückkehr in die Vertrautheit, wo man jede Straße, jedes Haus und jeden Baum kennt. "Zuhause" ist eine Ballade, deren Refrain eine Garantie auf Gänsehaut mitbringt. An diesem Song begeistern mich der Text und dessen musikalische Umsetzung. Ganz fantastisch - schon jetzt mein Lieblingsstück dieser CD.
"1.000 Meilen" reißt einen dann wieder musikalisch um. Die Schlagzahl wird wieder erhöht und ein Rockarrangement mit eingebauter Synthie-Figur weiß schon nach wenigen Takten seinen Hörer zu begeistern. Im Song geht es um eine gescheiterte Beziehung. Man hat sich auseinander gelebt und Wesemann beschreibt es mit den Worten "Du bist 1.000 Meilen weit weg, dabei bist Du nur im Raum nebenan". Die Hoffnung stirbt zuletzt und es wird die Bereitschaft signalisiert, die 1.000 Meilen wieder überwinden zu wollen, verbunden mit den Worten "... doch wenn Du mir nicht entgegen kommst, find' ich Dich nicht". Der treibende Beat der Rhythmus-Truppe Erik Regul (Drums) und Christian Koller (Bass) wirkt in dem Stück und zu dem Thema schon wie eine Gewitterwand, die nur vom Gesang und der Gitarre durchbrochen wird.
Ein krasser Kontrast zu "1.000 Meilen" ist das Stück "Dunkle Wolken". Nur von der Akustikgitarre begleitet zeigt sich Frank Wesemann hier von seiner sanften Seite. Es ist ein tröstendes Lied, das durch seine Schlichtheit beim Arrangement alle Stärken des Textes offenlegt. "Lass die Tränen einfach laufen | Wie kleine Perlen im Gesicht | Dunkle Wolken müssen regnen | Sonst verschwinden sie nicht", heißt die Botschaft im Refrain und diese wunderbare Metapher lasse ich an dieser Stelle einfach mal so stehen ...
"Wut" beschreibt das, was wohl viele Männer nur zu gut kennen: Wenn Frauen böse werden, sucht man sich besser einen Bunker. In einer Mischung aus Rock und Folk, gewürzt mit Südstaaten-Steelguitar- und Hammondorgel-Sound, wird die Situation beschrieben, wenn ein Gewitter aufzieht und wie die Wut der Partnerin wie Feuer brennt. Man fühlt sich als "leichtes Ziel" und in die Ecke gedrängt, wenn die Dame des Herzens loslegt. Bei diesem Song bleibt genügend Platz, sich auch ein bisschen über die Geschichte zu amüsieren.
Ein weiteres musikalisches Highlight auf dieser CD ist das Stück "Die Sonne geht auf". Eine treibende Deutschrocknummer, die von der Gangart her ein wenig an den 1989 als Single ausgekoppelten Song "Breakthru" der Gruppe QUEEN erinnert. Anders, als im eben beschriebenen Stück "Wut", dreht es sich um die positiven Eigenschaften einer Frau. Es geht um Emmely. Die Person, die für das Lied-Ich die Sonne scheinen lässt. Sie ist Fels in der Brandung, steht immer an seiner Seite und versteht ihn auch dann noch, wenn andere es nicht mehr tun. Für sie holt er sogar verlorene Träume zurück und hat sich geschworen, ihr die gewünschte Sicherheit zu geben. Ein Liebeslied verpackt in einer krachenden Rocknummer, die vom ersten bis zum letzten Ton eine Menge Spaß macht.
Mit "Jetzt nicht mehr" stellt Wesemann einen Kontrapunkt zur eben noch zelebrierten Liebeshymne. Jetzt geht es um eine kaputte Beziehung, die hier besungen wird. Um eine Trennung von der Frau, deren Blicke ihn noch umzustimmen versuchen, gegen die er aber inzwischen immun ist: "Was möglich war, hab ich getan | Traurig sehen mich Deine Augen an | Augen so verführerisch | Tränen wirken trügerisch".
Nicht weniger tragisch ist die Geschichte in dem Lied "Weil Du nicht wiederkommst". Die Partnerin ist nicht mehr da. Das Lied schildert die Gedanken eines Mannes, der seine Liebe durch einen Unfall oder Krankheit verloren hat. Der Schmerz sitzt tief und beherrscht sein Leben, in dem ihm nichts mehr wichtig ist. Wer jetzt denkt, Frank Wesemann hätte das Thema in eine ruhig dahinplätschernde Ballade gesteckt, so wie man den Umgang mit solchen Themen an anderer Stelle schon mehrfach gehört hat, der irrt sich. Die Taktzahl ist hoch und nur während der einzelnen Strophen herrscht so was, wie Ruhe. Im Refrain bricht die ganze Trauer heraus und es ist der pure Rock, der einem da um die Ohren weht. Der Text beinhaltet viele Momente, in denen es einem kalt und heiß den Rücken runter läuft. Ein sehr berührendes Stück, das gleichzeitig so mitreißend ist. Klasse!
So vielfältig, wie die Themen auf Frank Wesemanns Album "Nur so ein Gefühl" sind, so vielfältig sind auch die dafür ausgewählten Musikarten. Neben den schon erwähnten Deutschrocknummern kann man viele andere Richtungen entdecken, die entweder mit dem Deutschrock vermischt werden ("Wut") oder pur und unverfälscht gespielt werden. Es ist nicht leicht, die passende Musik für seine Geschichte zu finden, aber Wesemann scheint hier eine ganze Menge Talent und Ideen zu haben. Einen Hauch französische Lebensart verströmt z. B. "Mehr geht leider nicht". Ist das noch Popmusik? Ist es nicht schon ein Chanson? Was auch immer der Hörer hier heraushören mag, die Vielfalt der Musik ist eine ganz große Stärke des Albums. Mutig wird bei "Mehr geht leider nicht" ein Akkordeon eingesetzt - ein Instrument, das so gar nicht zur Rockmusik passen will. Aber von Rockmusik ist das Stück ja auch weit entfernt ... Die von mir gerade beschriebenen Stücke sind nur ein Teil eines Albums, das mich an mehreren Stellen positiv überrascht hat. Es gibt diese Retro-Momente, in denen man Lieder hört, die wie Songs aus den 80ern klingen. Andere Lieder sind zeitlos arrangiert und lassen sich weniger zuordnen. Wieder andere bedienen sich dem Zeitgeist entsprechenden Mitteln, um ihre Wirkung zu entfalten. Immer wieder werden diese Elemente aber auch miteinander verwoben, so dass die Abwechslung in der Musik vorprogrammiert ist. Der interessierte Hörer wird beim Kauf dieser CD davon ganz sicher überrascht sein.

Wir haben im letzten Jahr wieder erleben dürfen, dass ganz viele beschissene Produktionen in Umlauf gekommen sind, die dummerweise und absolut nicht nachvollziehbar hoch in die Charts eingestiegen sind. Mehr, als in den Jahren davor. Ein gutes Beispiel ist das letzte Werk der für meinen Geschmack komplett talentfreien Gruppe SPORTFREUNDE STILLER, die - aus welchen Gründen auch immer - so oft im Radio gedudelt wurden, dass es schon an Körperverletzung grenzte. Sie haben das Genre "Deutschrock" mit ihrem gruseligen Sing-Sang auf Regionalliga-Niveau (zu hören auf dem Album "New York, Rio, Rosenheim") nachhaltig beschädigt. Ich wünschte, die Eltern von Sänger Peter Brugger hätten ihrem Sprössling früher statt einer Gitarre, eine Halts-Maul-Trommel geschenkt. Uns wäre dann vieles erspart geblieben. Stellt man z. B. mal deren Hit "Applaus Applaus" gegen den oben beschriebenen Song "Die Sonne geht auf" von Frank Wesemann, wird auch der Laie erkennen, dass zwischen beiden Stücken Welten liegen. Frank Wesemann und sein Album "Nur so ein Gefühl" bedienen hier eine andere Klientel. Seine Lieder sprechen Musikfreunde an, die handgemachte und gut produzierte Deutschrocksongs mit tollen und inhaltsreichen Texten bevorzugen. Frank Wesemann erzählt Geschichten, die jeder erleben kann oder schon erlebt hat. Er beschäftigt sich mit Themen, die eine breite Masse ansprechen, ohne dabei in Belanglosigkeiten abzudriften. Sie haben Tiefgang und die Art, wie er seine Texte schreibt, macht unheimlich viel Spaß. Aber Wesemann erzählt nicht nur Geschichten, sondern ruft in uns auch Dinge wach, die wir uns immer wieder vor Augen führen und nicht vergessen sollten, z. B. den Umgang des Menschen mit dem Planeten und seinen Bewohnern ("Keine Ahnung"). Das Angebot Wesemanns ist breit aufgestellt. Hier wird jeder bedient und auch wenn ein Thema vielleicht nicht zutrifft, so kann man sich zumindest sehr gut in die Geschichte hineindenken. Ein Nummer 1-Album wird Frank Wesemann ganz sicher nicht produziert haben. Dafür sorgt schon das Ungleichgewicht und die Ungerechtigkeit in der auf Kommerz ausgelegten Musikszene. Man kann sie auch mit einem Klärwerk vergleichen, denn auch dort schwimmt die Kacke immer oben. Es ist auch gar nicht nötig, heute in den Charts vorzukommen. Viel wichtiger ist es, Menschen mit seiner Musik und seinem Anliegen zu erreichen. Wie ich eingangs schon geschrieben habe, bin ich froh, einen Teil zum Bekanntmachen dieses Albums beisteuern zu können. Dieses Album sollte in vielen CD-Playern unserer Leser zum Einsatz kommen. Das hat es verdient und Ihr werdet es lieben. Jede Wette ...!
(Christian Reder)



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